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Zeitschrift-Artikel: Zaudern

Zeitschrift: 83 (zur Zeitschrift)
Titel: Zaudern
Typ: Artikel
Autor: Charles Swindoll
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 22

Titel

Zaudern

Vortext

Text

Erlauben Sie mir, einen professionellen Dieb vorzustellen. Viele Gelegenheiten, bei denen Sie diesen kleinen, aalglatten Kerl nie aus der Menge herausgepickt hätten, haben über Jahre dazu geführt, ihn zu einem furchtbaren Riesen wachsen zu lassen.

Schnell wie ein Laser und leise wie ein Strahl des Mondes, kann er jedes Schloß Ihres Heimes oder Ihres Büros öffnen. Einmal drinnen, werden seine gewinnsüchtigen Wege Ihre ganze Aufmerksamkeit beschlagnahmen. Sie werden ihn behandeln wie Ihren nächsten Freund. Aber passen Sie auf. Er wird Sie berauben, ohne einen Schimmer von Gewissensbissen.

Meister cleverer Logik, der er ist, wird der Bandit die Fakten genau so neu ordnen, wie er gerade Ihre Sympathien gewinnt. Zu spät werden Sie seine Schliche durchschauen und ihm ungern den Ruf geben, er sei der schlauste von allen Dieben. Einige kommen überhaupt nicht zu dieser Erkenntnis. Sie schlendern bis zu ihrem Grab Arm in Arm mit dem eigentlichen Räuber, der ihnen ihr Leben gestohlen hat.

Sein Name? Zaudern! Seine Spezialität: Zeit stehlen, und auch Anreiz. Wie die sprichwörtliche Ratte - sie macht sich fort mit unbezahlbaren Werten, stattdessen billigen Ersatz hinterlassend: Entschuldigungen, Vereinfachungen, Ausreden, leere Versprechen, Verlegenheit und Schuld. Wie die meisten Kinnhaken trifft er Sie, wenn Sie schwach sind - in dem Augenblick, wenn Sie von Ihrer Verteidigung entspannen.

"Tue niemals das heute, was du bis morgen aufschieben kannst!"

Sie treten auf die Badezimmerwaage und blinzeln ungläubig. Die Skala sagt Ihnen die Wahrheit - aber der Dieb bietet eine andere Interpretation an: Ihre Motivation stehlend, flüstert er das magische Wort - morgen -, und Sie greifen nach mehr als nur einem Brötchen, um Ihre Philosophie zu bekräftigen: "Tue niemals das heute, was du bis morgen aufschieben kannst."

Sie sehen sich an diesem Nachmittag einer kritischen Entscheidung gegenübergestellt. Sie ist seit zwei Wochen fällig. Sie haben sie ignoriert, haben sie verschoben -aber so geht es nicht weiter. Heute ist "der" Tag. Sie haben sich das selbst gesagt. Dreißig Minuten vor dem Termin bietet der Dieb ein perfektes Alibi an, und Ihre Ent-scheidung kommt zurück ins Fach, um noch einen Tag größer zu werden.

Kein Pfeifenspieler wurde besser bezahlt. Kein Lügner wurde mehr respektiert. Kein Bandit besser belohnt.

Man sagt von ihm, er komme jedesmal als Gewinner davon, obwohl er ein hartgesottener Geächteter ist. Er kann jedem Schüler seine Hausaufgaben ausreden, wenn es soweit ist. Er kann jedem Vorstandsmitglied die Korrespondenz "aus dem Kopf denken", wenn es dazu kommt. Er treibt die ganze Energie auf das eine Ziel hin: Vereitelung. Durch die gekonnte Art der Suggestion erreicht er das, was er zerstört: den Erfolg.

Ein betrogener Gouverneur

Es lebte einmal ein Politiker mit Namen Felix. Er war ein Gouverneur im ersten Jahrhundert. Vor ihm stand ein Gefangener mit Namen Paulus. Bei zwei verschiedenen Gelegenheiten hörte Felix der Geschichte des Paulus zu, wie dieser ihm mit einfachen, klaren Formulierungen den Glauben an Jesus Christus vor Augen malte. Felix hörte jedes Wort, doch ließ er die Botschaft vorüberziehen mit ähnlichen Bemerkungen:

"...Wenn Lysias, der Oberste, herabkommt, so will ich eure Sache entscheiden." (Apg 24,25)

...Für jetzt gehe hin! Wenn ich aber gelegene Zeit habe, werde ich dich rufen lassen." (Apg 24,15)

Der Gouverneur hörte den Paulus, aber lauschte zugleich dem Dieb. Er tat den entscheidenden Augenblick seines Lebens absichtlich ab - eine Entscheidung, die er nie vergessen wird. Niemals! Warum? Weil er auf einen falschen Ratschlag hörte. Es war nur ein kleiner Hinweis. Es war keine dreiste Lüge, wie: "Es gibt keinen Himmel", oder: "Es gibt keine Hölle." Es war ganz einfach: "Es gibt keine Eile." Damit gewann der schreckliche Dieb einen neuen Sieg der Vereitelung.

Das schwierigste Wort

"Wie kann ich gewinnen?", fragen Sie. Was ist das Geheimnis, die Formel, diesen Einschüchterungs-Gespinsten des Diebes zu entkommen? Wie kann ich den Riesen aufhalten, am Eintreten hindern?

Es ist wirklich sehr einfach. Alles, was es erfordert, ist ein Wort, vielleicht das einfachste Wort, das man in unserer Sprache von sich geben kann. Richtig gebraucht, trägt die einzelne Silbe mehr Gewicht als eine Tonne guter Absichten. Der Dieb kann den Klang des Wortes nicht ertragen. Es bringt ihn dazu, frustriert zu fliehen. Wenn Sie es oft genug gebrauchen, wird er müde werden vom Zuhören - und damit beginnen, Sie allein zu lassen.

Neugierig? Ich will mit Ihnen handeln. Ich werde Ihnen das Wort nur sagen, wenn Sie versprechen, es das nächste Mal zu gebrauchen, wenn Sie versucht sind, dem schnellsprechenden Zeitveruntreuer zuzuhören.

Allerdings, ich warne Sie! Es mag einfach zu sagen sein - aber es wird Ihre ganze Disziplin erfordern, die Sie aufbringen können, es auch so zu meinen. Zur Verwirklichung wird es in der Tat die Kraft Gottes selbst erfordern.

Das Wort ist "nein"!

 

Nachtext

Quellenangaben

Aus: CHARLES SWINDOLL: "RIESEN UND DORNEN

- VOM KAMPF UND SIEG ÜBER SICH SELBST", CLV