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Zeitschrift-Artikel: Kalter Kaffee in neuen Schläuchen

Zeitschrift: 150 (zur Zeitschrift)
Titel: Kalter Kaffee in neuen Schläuchen
Typ: Buchbesprechung
Autor: Michael Kotsch
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 40

Titel

Kalter Kaffee in neuen Schläuchen

Vortext

Text

Verkaufsfördernd wird Shane Claibornes und Tony Campolos Buch als „Revolution“ angekündigt, doch bis auf ein paar postmoderne Anwendungen nennen die Autoren keinen wirklich neuen Gedanken, der in den vergangenen 50 Jahren nicht schon viele Male von anderen Links-Evangelikalen veröffentlicht wurde. Lediglich einige Formulierungen wurden modernisiert. „Die Jesus Revolution“ ist eine Übersetzung des 2012 bei Thomas Nelson in Nashville/Tennessee herausgekommenen Buches mit dem Titel „Red Letter Revolution“. Formal ist es ein Gespräch zwischen Shane Claiborne und Tony Campolo über politisches und soziales Engagement von Christen in den USA. Tony Campolo (geb. 1935) ist US-amerikanischer Soziologe mit baptistischem Hintergrund. Zeitweilig war er als Berater Präsident Clintons tätig. Häufig äußert er sich in christlichen Kreisen zu sozialen und politischen Themen. Shane Claiborne (geb. 1975) ist einer der Sprecher der amerikanischen Links-Evangelikalen. Seit Jahren engagiert er sich in sozialen Projekten und äußert sich insbesondere zu politischen, ökologischen und ökonomischen Themen. › Eigener Anspruch nicht erfüllt Das Buch wird als „selbstkritisch“ beworben (6). Dabei äußern die Autoren keinerlei Selbstkritik an ihrem eigenen Konzept des sozialen Evangeliums und einer postmodernen Frömmigkeit. Kritisiert werden nur evangelikale Gegner, die stärker auf Bekehrung und Bibelwissen setzen. Wieder einmal rechnet man mit seinen „eigenen“ Eltern ab und mit dem, was vor dreißig Jahren in der evangelikalen Welt Common Sense war (38f, 131f). Mit dem amerikanischen Titel des Buches bezeichnen sich die Autoren als Red-Letter-Christians, also als Christen, die sich insbesondere auf die in vielen amerikanischen Bibeln fett oder rot gedruckten Aussagen Jesu berufen (17ff.). Das klingt gut und ambitioniert. In der Realität jedoch findet diese Orientierung an den Aussagen Jesu gerade nicht statt. Zwar sprach sich Jesus deutlich gegen den Materialismus aus, jedoch nicht als Forderung zu politischer Umverteilung, sondern als Gegensatz zur Hinwendung zu Gott und seinem jenseitigen Reich. An keiner Stelle forderte Jesus, wie Claiborne und Campolo es machen, zu einer politischen Revolution auf. Ganz im Gegenteil ließ er die ungerechten politischen Verhältnisse des Römischen Reiches unangetastet, forderte sogar noch eine Unterordnung unter dieselben: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ (Mk 12,17). Den Armen und Unterdrückten wird keine Klassengerechtigkeit auf Erden versprochen, sondern Gottes Lohn in der Ewigkeit. „Jesus beim Wort nehmen“ wollen die Autoren (7, 17f). Dabei hat man weit eher den Eindruck, dass lediglich die Bibelstellen herausgesucht werden, die zu einem links-evangelikalen Weltverbesserungs-Konzept passen. Ich halte es für eine problematische Vorgehensweise, eine Jesus gemäße Lebensweise vorstellen zu wollen und dann den Großteil des Neuen Testaments auszublenden. Denn abgesehen von sehr ausgewählten Abschnitten der Evangelien ndet der Rest des NT kaum Beachtung. Die Autoren rechtfertigen diesen Kanon im Kanon sogar. Für sie gibt es in der Bibel wichtige Stellen und eher zweitrangige (27f, 131f). Dabei werden Thesen der historischen Bibelkritik bedenkenlos übernommen und fromm formuliert als erstrebenswerte Erkenntnisse präsentiert. Zwar sei die Bibel inspiriert, aber natürlich nicht wörtlich (30f). Begriffe wie „allmächtig, allwissend, allgegenwärtig“ seien nicht urbiblisch, sondern entsprächen lediglich „griechischem Denken“ (31). So wird beispielsweise ohne lange Begründung oder eine Berufung auf Aussagen Jesu behauptet, dass auch Muslime, Buddhisten und die Anhänger anderer Religionen durch Christus errettet sind (42, 45, 47f, 51f). Auf Seite 49 heißt es: „Jesus bestätigt alle diejenigen, die sich für andere Menschen einsetzen, egal, ob sie an alle ‚richtigen‘ Dinge glauben oder nicht.“ Solch große Worte klingen gut in einer Welt, die der Mission zunehmend kritisch gegenübersteht. Aber diese steilen Thesen sollten dann doch durch mehr als ein paar kleine Anekdoten begründet werden. › Realitätsferne Claibornes und Campolos Kritik an einem rein traditionsgebundenen, lebensfremden Christsein ist rundheraus zuzustimmen. Problematischer ist, dass die Autoren in den konkreten Beispielen ihres Buches nicht nur das Namenschristentum ablehnen, sondern auch theologisch, seelsorgerlich und missionarisch ausgerichtete Gemeinden. Sozial lebende Menschen hingegen werden generell gelobt, ganz gleich ob sie nun Christen oder Muslime sind. Den Autoren geht es anscheinend weit mehr um eine Kritik am bürgerlichen Leben und die Bewerbung eines postmodernen, experimentierfreudigen Milieus. Die deutliche Aufforderung des Buches, zu leben wie Jesus gelebt hat, sollte selbstverständlich jeden Christen herausfordern (36). Wie das konkret aussehen soll, bleibt in der „Jesus Revolution“ aber nicht nur schnell in christlichen Allgemeinplätzen stecken, sondern dabei auch noch in postmoderner Einseitigkeit. Mit Begeisterung karikieren die Autoren die evangelikale Welt, um sie dann lächerlich zu machen und ihr neu-altes Konzept eines sozial-engagierten Christentums als Lösung der vorgeblichen Einseitigkeiten zu präsentieren (19, 31f, 131f). Gelegentlich fragt man sich, ob die Autoren in derselben Welt leben oder in klassenkämpferischen Gedanken der Vergangenheit steckengeblieben sind. Heftig wird kritisiert, wie „höllenbesessen“ die Evangelikalen seien (38f). Ich selbst habe seit Jahren keine Predigt über die Hölle mehr gehört. Mir scheint hier eher ein weiteres evangelikales Tabu vorzuliegen, zumindest in Deutschland. Tatsächlich sind die meisten von den Autoren genannten Beispiele sehr einseitig oder schon recht verstaubt. Es wird moniert, wie sehr die Frauen in evangelikalen Gemeinden unterdrückt würden (131f). Meines Wissens stehen Frauen in allen großen deutschen Freikirchen fast alle Aufgaben offen (Methodisten, Baptisten, FeG usw.). An den deutschen theologischen Fakultäten studieren zwischenzeitlich 70% Frauen. Wie auch bei anderen Themen werden hier von den Autoren missliebige Bibelstellen einfach ignoriert oder für irrelevant erklärt. Dass evangelikale Christen verbissen gegen die Evolutionstheorie kämpfen, entspricht zumindest in Deutschland kaum der Realität (26). Der evangelikale Mainstream versucht, das Thema Evolution eher weiträumig zu umschiffen. Evolutionskritische Bücher oder Vorträge haben in den meisten evangelikalen Gemeinden gegen- wärtig eher Seltenheitswert. Es ist durchaus spannend, was Jesus über die Staatsverschuldung, über Fair-Trade, gerechte Entlohnung, den Nahost- Konflikt usw. zu sagen hätte. In den Ausführungen von Claiborne und Campolo kommt allerdings weni- ger Jesus zu Wort, sondern vielmehr die politisch korrekte Sicht amerikanischer Links-Evangelikaler oder ganz allgemein des liberal-expeditiven Milieus (124f, 191ff, 202f). Wer sowieso im gegenwärtigen gesellschaftlichen Trend mitschwimmt, also links, sozial und ökologisch denkt, der wird seine Freude an der vehementen Kritik an bisher als evangelikal geltenden Werten haben. Endlich kann man mit gutem Gewissen der öffentlichen Meinung zustimmen, ärgerliches Anderssein überwinden: Homosexualität ist jetzt für Christen genauso o.k. wie die Evolutionstheorie (137, 142f, 145f). Bibel und Mission treten zurück. In den wesentlichen Kon ikt-Themen zwischen einer säkularisierten Welt und der Bibel hat man sich bequem auf die Seite der Meinungsumfragen geschlagen, zumindest was die europäische Situation betrifft (27, 131f.). Christen, die das anders sehen, werden schnell als dumm oder diskriminierend hingestellt (130). So kommt man dort an, wo die evangelischen Kirchen schon mehrfach standen: beim Kultur-Protestantismus, bei den religiösen Sozialisten, der Befreiungstheologie oder den Millenniumszielen des Ökumenischen Rates der Kirchen. › Anpassung statt echter Neuorientierung Michael Diener, der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, will die Autoren und ihre Sympathisanten in seinem Vorwort gleich einmal vorsorglich gegen christliches „Mobbing“ in Schutz nehmen (13). Hoffentlich gilt das auch für die, welche in diesem Buch angegriffen werden, denen Bibel und Seele wichtiger sind als soziale Revolution und pluralistische Gesellschaft. Dieners Bedenken, Verlag und Herausgeber der „Jesus Revolution“ könnten ein größeres Risiko eingehen, ist nur schwer nachvollziehbar. Diener deutet an, dass sich Evangelikale in Deutschland neu hinterfragen und positionieren müssten. Das Wort „evangelikal“ solle neu de niert werden (7, 15). Das wäre in mancher Hinsicht durchaus begrüßenswert. Angesichts der recht eindeutigen Thesen des Buches fragt sich der Leser allerdings, in welche Richtung sich Diener diese Neupositionierung vorstellt? Soll die geforderte Neuausrichtung in erster Linie darin bestehen, alle Themen, über die man sich bisher in der säkularen Umgebung ärgerte, einfach zu neutralisieren (27, 137ff)? Heißt die Botschaft dann: „Akzeptiert endlich Homosexualität, vielfältige Partnerschaftsmodelle, Abtreibung und Evolution und setzt euch dann verstärkt für Umweltschutz, Ökumene, Schuldenerlass in der Dritten Welt und ganz allgemein für linksorientierte Politik ein?“ Eine solche „Jesus Revolution“ ist weder revolutionär, noch entspricht sie der Lehre von Jesus oder dem Leben der ersten Gemeinden. Diener emp ehlt Claibornes und Campolos Buch als Gedankenanregung für eine evangelikale Selbstreflektion (14f). Dazu kann natürlich alles irgendwie beitragen. Das Buch behauptet aber doch, Antworten von Jesus auf die brennenden Fragen der Zeit zu geben. Schaut man genauer hin, dann versucht es nur, die Antworten unserer Zeit einigermaßen mit Aussagen von Jesus zu harmoni- sieren. › Wie echte Neuorientierung aussehen muss Schon in der Bibel, aber auch im Verlauf der Kirchengeschichte haben Gläubige wiederholt versucht, Antworten auf die brennenden Fragen ihrer Generation zu nden. Ihre wirkliche Bedeutung lag oft darin, dass sie ihre eigene Zeit anhand der Aussagen Gottes in Frage gestellt und Defizite aufgezeigt haben. Das war immer unpopulär, hat verärgert und dem Menschen seine Grenzen und die Größe Gottes eindringlich vor Augen geführt. Was aber Claiborne und Campolo fordern, ist weitgehender Mainstream einer gut ausgebildeten, westlichen Elite, die sich durch punktuelle Initiativen besser fühlt. Meinem Eindruck nach täte den Evangelikalen eine gewisse Neuorientierung tatsächlich gut. Es sollten durchaus solche alten Traditionen und theologischen Modelle in Frage gestellt werden, die nicht der Bibel, sondern lediglich dem Zeitgeist vergangener Jahrzehnte entsprechen. Dabei hilft es allerdings nichts, wenn man den alten lediglich gegen einen neuen Zeitgeist austauscht, wie es Claiborne und Campolo vorschlagen. Wenn alte theologische Formen, Begriffe und Festlegungen überprüft und abgestaubt worden sind, gilt es, sich neu am Wort Gottes auszurichten und verständliche Antworten auf die Defizite unserer Tage zu formulieren, insbesondere bei den Fragen, bei denen nur Christen Orientierung geben können: Vergebung von Sünden, echte Erfüllung, tragfähiger Lebenssinn, Kraft im Leiden, Erkenntnis Gottes usw. Soziale Probleme und politische Korrekturen können andere Menschen ebenso gut angehen, beim „Kerngeschäft“ der Gemeinde hingegen fehlt allen anderen die nötige Kompetenz. › Mehr „Seelenheil“ Natürlich ist es heute in der westlichen Welt weit populärer, sich für sein soziales Mitgefühl loben zu lassen, als für Aussagen zur biblischen Ethik und Erlösungslehre Steine nachgeworfen zu bekommen. Gemessen an dem Heilsarmee-Slogan „Seife, Suppe, Seelenheil“ wünschte ich mir mehr Seelenheil bei Claiborne und Campolo. Eine Jesus-Revolution kündigt das neue Buch an. Es will einer Neu-Positionierung der Evangelikalen dienen. Tatsächlich aber wärmt es nur altbekannte Positionen auf, die aber neuerdings einen starken Eingang bei vielen Evangelikalen gefunden haben. Statt der notwendigen Ausrichtung an der Bibel wird nur ein Zeitgeist-Modell gegen das andere ausgetauscht.

Nachtext

Quellenangaben

Leicht gekürzt, mit freundlicher Genehmigung aus „Bibel und Gemeinde“ 1/2015, S. 12ff.