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Zeitschrift-Artikel: Von einem, der nicht lesen konnte - Die Biogra e des Evangelisten Florencio Dubon aus Honduras

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Titel: Von einem, der nicht lesen konnte - Die Biogra e des Evangelisten Florencio Dubon aus Honduras
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 64

Titel

Von einem, der nicht lesen konnte - Die Biogra e des Evangelisten Florencio Dubon aus Honduras

Vortext

Text

Den Evangelisten Florencio Dubon aus Honduras kannten wir schon viele Jahre Meist trafen wir diesen hochgewachsenen, freundlichen Bruder auf einer der Konferenzen in Tela, aber erst während unserer diesjährigen Honduras-Reise lernten wir ihn etwas besser kennen und baten ihn, uns aus seinem Leben zu erzählen Diesen Wunsch hat Florencio uns gerne erfüllt und so saßen wir an einem Nachmittag zusammen Michael übersetzte und ich versuchte, so gut und schnell wie möglich diese ungewöhnliche Lebensgeschichte aufzuschreiben, um sie in "Fest&treu" veröffentlichen und unsere Leser damit hoffentlich ermutigen zu können › Zeiten großer Armut Im Jahr 1938 bin ich in einem kleinen Bergdorf – in der Nähe der „Maya-Ruinen“ in Copan und nicht weit von der Grenze zu Guatemala entfernt – zur Welt gekommen. Es war eine Zeit großer Armut. In dieser abgelegenen Gegend versuchten die wenigen Familien, die hier lebten, durch Anbau von Mais, Bohnen und Reis den Lebensunterhalt zu verdienen. Meist hatte man auch ein paar Schweine oder Hühner. Mein Vater ging jeden Tag hoch ins Gebirge, brannte Bäume nieder, um dann Mais zu pflanzen. Es war üblich, dass wir Jungen bereits im Alter von acht Jahren in der bescheidenen Landwirtschaft mithalfen, um unseren Beitrag zum Überleben zu leisten. An meine Mutter habe ich keine Erinnerungen. Sie starb, als ich 18 Monate alt war und so wurde ich von meinem Vater erzogen, der ein strenger und überzeugter Katholik war. Meine Schwester und ich lernten schon als kleine Kinder jeden Abend ein „Vaterunser“ und „Ave Maria“ vor dem Bild „Herz Jesu“ zu beten. Auch zum „heiligen Antonius“ betete ich und irgendwie hatte ich schon als Kind den Wunsch, Jesus besser kennenzulernen. Allerdings wohnte der einzige katholische Priester in der Region Copan etwa 30 km von unserem kleinen Dorf entfernt. Da es damals keine Fahrzeuge gab, musste man diesen Weg zu Fuß laufen, wenn man zur Beichte wollte. Das bedeutete: Je einen Tag stramme Wanderung für den Hin- und für den Rückweg. Die Nacht haben wir dann bei irgendwelchen Bekannten verbracht. Als wir zum ersten Mal mit unserem Vater zur Beichte gingen, war ich etwa acht Jahre alt. Zwei Jahre später hatte mein Vater für sich und seine Familie das Gelübde „Apostolado del sagado corazón de Jesús“ („Apostolat des Heiligsten Herzens Jesu“) abgelegt. Das bedeutete, dass wir jeden ersten Freitag im Monat zur Beichte gingen. Der Priester hatte versichert, wer neun Monate lang jeden Monat einmal zu Beichte gehe, dem seien alle Sünden, die er in diesem Zeitraum begangen habe, vergeben. Danach konnte man das Gelübde erneuern, um für die folgenden Monate Vergebung zu bekommen. Von klein auf wurde uns beigebracht: Nur der Priester kann Sünden vergeben! Während mein Vater immerhin in seiner Kindheit ein Jahr lang die Schule besuchen konnte, um die Grundlagen von Lesen und Schreiben zu lernen, blieb mir dieses Vorrecht verwehrt. Unsere ärmlichen Umstände ließen das nicht zu und so wuchs ich auf, ohne auch nur einen Tag eine Schule besucht zu haben. Erst als ich 17 Jahre alt war, schrieb mir mein Vater die 29 Buchstaben des spanischen Alphabets auf einen alten Karton und meinte, es wäre wohl für mein weiteres Leben nützlich, wenn ich mir die Bedeutung und Aussprache dieser Zeichen einprägen würde. › Ein Ausbruch und ein kurzes „Glück“ Als ich 18 Jahre alt war, hielt ich es nicht länger zu Hause aus. Ich hatte gehört, dass man in der Provinz Yoro etwas Geld verdienen konnte und so verabschiedete ich mich ziemlich schmerzlos in der Hoffnung, bald ein besseres Leben kennen zu lernen. Tatsächlich fand ich in Yoro als Tagelöhner Arbeit auf einem der vielen Maisfelder. In meiner freien Zeit lernte ich Gitarre spielen und bekam bald all das, wovon ich bisher vergeblich geträumt hatte: Freunde, Musik, Tanz, Glücksspiele, Alkohol, Frauen. Meine Kumpels und ich stellten auch den selbst gebrannten Schnaps „Guaro“ aus Zuckerrohr her. Man brauchte davon nicht viel zu trinken, um dann sturzbetrunken zu sein... Doch die Freude an diesem neuen Lebensstil währte nicht lange. Beim Maispflanzen rutschte ich unglücklich aus und rammte mir eine Machete in den Arm, die mich so sehr verletzte, dass ich fortan keine Gitarre mehr spielen konnte. Die Nerven waren irreparabel durchtrennt. Damit brach meine kleine neue Welt zusammen und ich fühlte mich wie der ärmste Schuft auf Erden. Mein sündiges Leben hatte mir den Himmel verschlossen – das war mir klar, und nun konnte ich auch nicht mehr die vermeintlichen Freuden dieser Welt genießen. › „Protestanten sind vom Teufel!“ In dieser lebensmüden Stimmung – ich war inzwischen 24 Jahre alt – habe ich angefangen zu beten: „Gott, zeige mir den Weg zu Dir!“ Auch wenn ich schon lange keine Beziehung mehr zur Kirche und starke Zweifel an der Notwendigkeit der Beichte hatte, so war mir doch bewusst, dass es einen Gott im Himmel und ein Leben nach dem Tod gibt. Ich erinnerte mich, dass ich vor Jahren Verwandte getroffen hatte, von denen man verächtlich sagte, dass sie „Protestanten“ seien. Sie hatten versucht, mir das Evangelium von Jesus zu bezeugen: „Nur Jesus rettet. Nur Er ist der Weg zu Gott!“ Damals hatte mich diese Aufdringlichkeit wütend gemacht, denn von meinem Vater hatte ich gelernt: „Protestanten sind vom Teufel!“ Natürlich wussten weder mein Vater noch ich, was Protestanten glauben. Aber sie waren in unserer Gegend sehr verrufen und das reichte. Als meine Verwandten damals meine Wut zu spüren bekamen, fragten sie mich: „Warum bist Du so sauer?“ Obwohl ich schon lange nichts mehr von Kirche und Beichte hielt, antwortete ich mit gespielter Überzeugung: „Für meinen katholischen Glauben würde ich mein Leben lassen! Was ist Euch Euer Glaube wert?“ Ich bekam zur Antwort: „Jesus hat gesagt: ?Wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch dein Oberkleid...“ (Mt 5,39.40). Damals hatte ich diese Worte als Dummheit bezeichnet und abgewunken – aber das war schon einige Jahre her... › Erste Leseversuche... Jetzt, in meiner deprimierenden Situation, bekam ich unerwartet ein katholisches Neues Testament geschenkt. Gerne hätte ich darin gelesen – wenn ich es nur gekonnt hätte. Ich überwand meine Verlegenheit und fragte meine Arbeitskollegen, wie die Buchstaben zusammen passen und welchen Sinn sie ergeben. Auf diese Weise lernte ich im Alter von 24 Jahren mühsam zunächst zu buchstabieren und schließlich zu lesen. Ich begann vorne im Matthäusevangelium, überschlug die ersten Verse mit den vielen schwierigen Namen und begann mit der Jungfrau Maria und der Geburt Jesu. Es dauerte lange, bis ich den Bericht über die Taufe Jesu lesen konnte und kam schließlich zur Bergpredigt. Als ich in Kapitel 5 zu Vers 39 kam, erschrak ich, denn dort las ich genau das, was mir damals mein Vetter zitiert und ich als „protestantischen Unsinn“ bezeichnet hatte. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich die Worte Jesu waren und ich schämte mich. Mir wurde bewusst, dass mir damals meine Verwandten die Wahrheit gesagt hatten. Bisher kannte ich als Katholik die Taufe, die Kommunion, das Fegefeuer, die Beichte, die Gebete zu Maria und den Heiligen und das Vaterunser. Ich war gespannt, was ich darüber im Neuen Testament lesen würde. › „fast“ gläubig Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich in der Nähe von El Progresso. Einer meiner Arbeitskollegen war überzeugter Christ und hatte mir bereits ab und zu etwas von Jesus und seinem Glauben erzählt und auch zu christlichen Versammlungen eingeladen. Nun lud er mich wieder zu einem Evangelisations-Vortrag ein. Bisher hatte ich immer abgelehnt, aber inzwischen war ich neugierig geworden und so ging ich mit. Auf dem Rückweg fragte mich mein Begleiter: „Glaubst Du, dass Du außer der Bibel noch ein weiteres Buch brauchst, um Gott kennenzulernen?“ „Nein“, war meine Antwort. „Gibt es eine andere Person, die Deine Seele retten kann?“ „Nein, ich glaube was die Bibel sagt, dass Jesus Christus der einzige Retter und Erlöser ist.“ „Dann bist Du fast gläubig. Aber ?fast ? ist zu wenig. Du hast Jesus noch nicht als Deinen persönlichen Retter angenommen. Wenn Du in dieser Nacht stirbst, dann bist Du ewig verloren.“ Der Freund schwieg nach diesem Wortwechsel, während ich über seine Argumente nachdachte. Schließlich sagte ich: „Am nächsten Samstag werde ich mich bekehren!“ Der Samstag kam und ich ging wieder mit ihm in die Gemeinde. Während der Predigt schwanden meine letzten Zweifel und nachdem der Prediger seine Ansprache beendet hatte, bekannte ich Jesus meine Sünden und bat Gott, mir um Jesu willen alle Schuld zu vergeben und mich verlorenen Sünder in seine Familie aufzunehmen. Das war am 3.Juni 1963 und nachdem ich mein Gebet beendet hatte, wusste ich: Alle Schuld ist mir vergeben. Ich bin gerettet, ich bin nun ein Christ! › Überströmende freude Meine Freude war unbeschreiblich. Alle Leute, die Zeugen meiner Bekehrung waren, umarmten mich und ich bekam einen ersten Eindruck davon, wie herrlich es ist, dem Volk Gottes anzugehören. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, um der Frau, mit der ich damals zusammenlebte ohne verheiratet zu sein, meine Erfahrung mitzuteilen. Es war so, dass ich in der Woche mit meinen Arbeitskollegen in der Nähe meines Arbeitsplatzes übernachtete und meist am Wochenende einen vierstündigen Marsch in die Berge machte, wo ich damals bei dieser Frau lebte. Als ich Mittags dort ankam, hatte man ihr schon erzählt, was mit mir passiert war und dass ich nun an eine „schmutzige Religion“ glauben würde. Sie hatte gerade das Mittagessen fertig und rief mich, an den Tisch zu kommen. Die Atmosphäre war ziemlich gespannt. Sie wusste, dass Protestanten vor dem Essen beten und beobachtete mich daher sehr aufmerksam. Ich hatte ihr noch nichts von meiner Bekehrung berichtet, war aber entschlossen, vor dem Essen laut zu beten. Als ich die ersten Sätze betete, sprang sie plötzlich auf und zerrte mich so an den Haaren, dass ich auf den Boden fiel. Ohne ein Wort zu sagen rappelte ich mich auf und setzte mich wieder an den Tisch. Ich fühlte mich sehr elend und suchte nach der Mahlzeit einen ruhigen Ort auf, um mein Herz im Gebet vor Gott auszuschütten. Als ich wieder ins Haus trat, forderte sie sehr energisch: „Du gehst jetzt zum Priester und beichtest Deine Sünden und dann heiraten wir und leben gemeinsam als Katholiken!“ Als ich ihr dann erklärte, dass ich nicht mehr zu einem Priester zur Beichte gehen würde, sondern Jesus Christus meine Sünden bekannt und er sie mir vergeben habe, war unsere Beziehung beendet und wir haben uns getrennt. Nun blieb mir keine andere Wahl, als nach vielen Jahren zu meinem Vater zurückzukehren und ihn um Aufnahme zu bitten. Aber mein Vater hielt nichts davon. Er fürchtete das Gerede und den Druck der Nachbarn und wies mich ab mit den Worten: „Es ist nicht gut, wenn Du wieder hier in dem Haus wohnst. Du gehörst einer schlimmen Religion an. Martin Luther hat mit der katholischen Kirche gebrochen, weil er eine Nonne heiraten wollte. Und außerdem hat er die Bibel verfälscht!“ So war ich wieder allein und ohne Familie, aber bald bekam ich neue Geschwister und Freunde in der Gemeinde. › Erste Dienste Nachdem ich mich taufen ließ fragte mich mein Freund der mich damals zur Evangelisation eingeladen hatte, ob ich ihn begleiten wolle, um in den kleinen Bergdörfern in der Umgebung zu evangelisieren und Traktate zu verteilen. Damit begann für mich eine Dienst, den ich nun schon über 50 Jahre ausübe: Menschen durch Wort und Schrift auf unseren Erlöser Jesus Christus aufmerksam zu machen. Vier Jahre später hat Gott mir eine liebe, gläubige Frau geschenkt, mit der ich bis heute glücklich verheiratet bin. Gott hat uns sieben Kinder anvertraut, die alle unserem Herrn Jesus folgen. Im Jahr 1989 wurde ich von unserem Herrn berufen, Ihm vollzeitig als Evangelist zu dienen. Das ist bis heute meine Aufgabe und ich bin dankbar, dass meine Frau mich darin unterstützt. Ohne sie hätte ich wohl nie diesen Dienst tun können. Gott hat uns in all den Jahren nie allein gelassen, sondern reich beschenkt und bewahrt. Später ist auch mein Vater zu uns gezogen. Seine Vorurteile dem Evangelium gegenüber hat er im Lauf der Jahre aufgegeben. Schließlich besuchte er mit uns auch die Gemeinde und nachdem wir 26 Jahre für ihn gebetet hatten, ist auch er zum lebendigen Glauben an den Herrn Jesus gekommen. › „Meine Beine werden langsam müde...“ Mittlerweile habe ich außer der Bibel auch einige wenige andere Bücher gelesen. Doch nach wie vor fällt mir das Lesen schwer, es fehlt eine Menge an schulischer Bildung. Ich habe bis jetzt keine Ahnung von Grammatik und muss immer meine Freunde und Brüder fragen, wenn es um Rechtschreibung geht. Inzwischen bin ich ein alter Mann geworden. Meine Beine werden langsam müde, aber ich bin nicht müde geworden, meinem Herrn zu dienen. Er hat uns beschützt, uns begleitet und uns niemals allein gelassen. Heute ist es mein Gebet, dass durch mein Leben Jesus Christus niemals verunehrt wird sondern durch Gottes Gnade ein lebendiger Beweis dafür ist, was David in Ps 19 geschrieben hat: „Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und erquickt die Seele; das Zeugnis des Herrn ist zuverlässig und macht weise den Einfältigen. Die Vorschriften des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz; das Gebot des Herrn ist lauter und erleuchtet die Augen.“ (Ps 19, 8-9)

Nachtext

Quellenangaben