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Zeitschrift-Artikel: Eindrücke vom "Marsch für das Leben"

Zeitschrift: 152 (zur Zeitschrift)
Titel: Eindrücke vom "Marsch für das Leben"
Typ: Artikel
Autor: Heiner Kemmann
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 14

Titel

Eindrücke vom "Marsch für das Leben"

Vortext

Text

Ist es richtig, wenn ich als Christ, der sich ganz klar zu einem „Bürgertum im Himmel“ bekennt, an einer öffentlichen Demonstration teilnehme? Wäre die Zeit nicht besser eingesetzt, wenn ich statt eines schweigenden Spaziergangs unter Tausenden evangelistische Flyer verteilen würde? Besteht nicht die Gefahr, dass ich mich vereinnahmen lasse von Demonstranten, die zwar ganz klar zum Schutz des ungeborenen Lebens stehen, jedoch ansonsten Standpunkte vertreten, die ich gar nicht teilen kann? Gar nicht so einfach! Nun, Reinhold, ein Glaubensbruder aus Lüdenscheid, und ich haben uns am 19. September mit dem Auto auf den Weg nach Berlin gemacht, wo zum elften Mal der „Marsch für das Leben“ stattfand: die größte deutsche Kundgebung gegen Abtreibung. Dieses Mal auch mit einem Akzent gegen Sterbehilfe am Lebensende. Veranstalter ist der Bundesverband Lebensrecht e.V. Dieser Verein ist zwar nicht konfessionell, jedoch ganz sicher vorwiegend von Katholiken getragen, wie bei Begrüßung und Ansprachen deutlich wurde. › Im Herzen der Hauptstadt Wir fuhren zum kostenlosen P&R-Parkplatz am Priesterweg und von dort aus mit der S-Bahn zum Brandenburger Tor. Die Veranstaltung mit ca. 7000 Teilnehmern begann um 13 Uhr vor dem Bundeskanzleramt mit einer Reihe von Ansprachen und Erlebnisberichten. Betroffene Mütter, aber auch ein Vater, berichteten offen und ehrlich, wie es ihnen nach einer Abtreibung ergangen ist und wie sie mit dieser Schuld umgegangen sind. Eine Frau beendete ihre kurze Ansprache mit dem Satz „Alle Ehre Jesus!“, der laut in den Hof des Bundeskanzleramtes hineinschallte. Das hat mich riesig gefreut. Herzlich begrüßt wurde vom Veranstalter u.a. Ulrich Parzany, der in einigen Worten auf die Feindesliebe Jesu am Kreuz hinwies. Parzany gab aber auch seiner Enttäuschung und seinem Zorn über die Leitung der EKD Ausdruck, die keine klare Haltung zum Schutz des Lebens einnehme. Sie hatte kein Grußwort an die Teilnehmer gesendet. Gegen 14:30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Zwischen Reichtagsgebäude und Brandenburger Tor führte er auf die bekannte Allee „Unter den Linden“, wo er dann beim „Lustgarten“, dem Platz vor dem Berliner Dom, mit einer ökumenischen Feier abgeschlossen werden sollte. Eine Gruppe linker, feministischer Gegendemonstranten verlängerte mit einer Sitzblockade die Demonstration an diesem publikumswirksamen Ort um mehr als eine Stunde. Jene aus der Antifa- und Homosexuellen-Szene mögen das als Erfolg verbuchen, ich erlebte es ganz anders, als ein vielhundertstimmiger Chor mit „Großer Gott wir loben Dich“ das Gerassel und Gekreische der Abtreibungsbefürworter untergehen ließ. Nachdem die Polizei die illegale Sitzblockade aufgelöst hatte, erreichte der Zug mit erheblicher Verspätung sein Ziel, als es anfing zu regnen. Der benachbarte protestantische Berliner Dom blieb den Lebensschützern, wie schon seit 2013, bewusst verschlossen. Ohne die Abschlussveranstaltung abzuwarten, begaben wir uns auf die lange Heimfahrt. › Eindrücke, Chancen und Gefahren Ich schätze, dass ca. zwei Drittel der Marschteilnehmer Katholiken waren, die restlichen größtenteils Evangelikale. Die Blockade eröffnete die Möglichkeit, mit den bis dahin schweigend nebeneinander laufenden Teilnehmern längere und interessante Gespräche zu führen. Reinhold und ich trafen wiedergeborene Christen, deren Gesichter bei dem Namen „Jesus“ aufleuchteten. Wir begegneten aber auch streng traditionellen Katholiken. Ich unterhielt mich längere Zeit mit einem sehr netten Studenten aus München, der es sooo schade fand, dass ich mich zum Heil nur durch das Blut unseres Herrn Jesus am Kreuz allein bekannte. Für ihn waren die zusätzlichen Gnadenmittel der großen Kirche absolut unverzichtbar. Ich spürte, wie gern er mich für die römische Kirche gewonnen hätte. Ein gewisses Unbehagen stieg in mir hoch. Ich wurde an eine Lektion aus dem Buch Josua im Zusammenhang mit den Gibeonitern erinnert: Wenn der Feind vor uns eine mächtige Front aufbaut (Jos 9,1.2), neigen wir leicht dazu, die Gefahr an einer zweiten Front zu verkennen – in jenem Fall die List der Gibeoniter, die ihre Freundschaft anboten (Jos 9,3ff). Jedem, der für den Schutz des Lebens einsteht, mag er Katholik, Atheist oder Moslem sein, gebührt uneingeschränkte Hochachtung für seine Haltung und sein Engagement. Ganz einfach weil es richtig ist. Richtig vor Gott, dem das Leben gehört. Deshalb kann ich bei diesem Marsch auch Seite an Seite mit ihm gehen. Andererseits muss in aller Deutlichkeit festgehalten werden, dass die Kirche Roms sich niemals von den Beschlüssen der Gegenreformation im Konzil von Trient distanziert hat. Was nützt der Schutz des natürlichen Lebens, wenn der Weg zum ewigen Leben versperrt wird? Sagt nicht der Galaterbrief deutlich, dass jeder, der zum Heilsweg allein durch die Gnade des Kreuzes Bedingungen hinzufügt, ganz aus der Gnade fällt? Da möchte ich wohl auf der Hut sein und mich nicht von einem freundlichen Rom „umarmen“ lassen! Etwas diffus blieb in den Berichten am Anfang der Kundgebung, wie genau die Betroffenen von der auf ihnen lastenden Schuld Befreiung gefunden haben. Meines Erachtens ist das der katholischen Theologie geschuldet, der zufolge nicht die Gnade des Heilands durch sein sühnendes Werk am Kreuz allein, sondern zusätzlich die Gnadenmittel der Kirche erforderlich sind, um volle Vergebung zu erlangen. Ich denke, da eröffnet sich jedem von uns, der erlebt hat, dass alle seine Schuld unter dem Kreuz abgefallen ist, eine gute Gelegenheit zum Zeugnis. Auf ewig vergeben – auch bei der drückenden Gewissenslast nach einer Abtreibung kann das wahr werden! Es ist eine hervorragende Gelegenheit, diese gute Botschaft entweder neben dem Zug unter Zuschauern und Gegendemonstranten, oder aber auch hinterher, durch passende Flyer weiterzugeben und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Die Störer der Demonstration von „Antifa“, „Femen“ oder „LSBTTIQ“ haben mit teilweise obszönen und gotteslästerlichen Plakaten gezeigt, gegen wen sie sich im Kern wenden. Vor allem „christliche Fundamentalisten“ haben sie als Drahtzieher unter den Abtreibungsgegnern ausgemacht. Mögen sie zur Ehre Gottes Recht haben. Aber dazu müssen „christliche Fundis“ auch wirklich dabei sein. Ich möchte jedenfalls nächstes Jahr gern wieder hinfahren und mitmachen.

Nachtext

Quellenangaben