LOGO fest & treu
Benutzername:

Passwort:

Passwort vergessen?

Zeitschrift-Artikel: Steine zu Brot Eindrücke einer Haiti-Missionsreise

Zeitschrift: 100 (zur Zeitschrift)
Titel: Steine zu Brot Eindrücke einer Haiti-Missionsreise
Typ: Artikel
Autor: Heiner Kemmann
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 17

Titel

Steine zu Brot Eindrücke einer Haiti-Missionsreise

Vortext

Text

Gerade vorgestern bin ich von meiner ersten „alternativen Karibikreise“ mit der Zentral-Afrika-Mission zurückgekehrt. Wenn man zum erstenmal dieses ärmste Land der westlichen Hemisphäre betritt, überkommt einen eine unfassliche Wehmut. Wie kann ein Land, dessen Natur so reich ausgestattet ist, so verkommen sein, so am Boden liegen? 19 Grad nördlich des Äquators gelegen, genießt es ergiebige tropische Niederschläge und ist dennoch kein ungesundes Sumpfland. Zwischen fruchtbaren Ebenen erheben sich Berge bis zu 2.600 m Höhe mit einem auch für Europäer durchaus angenehmen Klima. Hier gedeihen alle Arten tropischer Früchte: Bananen, Kokosnüsse, Mangos, Papayas, Zitrusfrüchte, Zuckerrohr, Reis, Soja, Maniok, Kaffee, Kakao usw. Die relative Nähe zu den USA, Mexiko und anderen karibischen und südamerikanischen Staaten könnte einen lebhaften wirtschaftlichen Verkehr fördern. Unzählige Sandstrände an der mehr als 1.000 km langen Küste warten vergeblich darauf, dass Hunderttausende von Europäern und Amerikanern ihr Urlaubsbudget in karibische Sonnenbräune umsetzen. Stattdessen gleicht das abgeholzte Land einer kargen Steppenlandschaft und die Hauptstadt Portau-Prince einer Mülldeponie in unerträglichem Gestank. Laut Statistik lebt 80% der Bevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze, 70% sind arbeitslos, 60% Analphabeten und 30% HIV-infiziert. Auf dem Land ist es noch schlimmer. Es gibt Gegenden, wo auf 35.000 Einwohner nicht ein einziger Arzt kommt. Hier gewinnt man hat den Eindruck, dass eine geballte böse Macht die wirtschaftliche und soziale Erholung des Landes verhindert. Korruption, Misswirtschaft und eine pausenlose Geschichte von Blut und Tränen haben das Land seit seiner frühen Unabhängikeit (1804) verwüstet. Wie ein Mückenschwarm überfallen einen die Ideen, wie diesem Land zu helfen wäre. Aufforstungsprojekte, Agrarreformen, Krankenstationen, Energiegewinnung aus Sonne und Wind, Tourismus... Und dann kommt die geistige Vollbremsung: Die Kehrseite der Armut ist nämlich, dass Haiti seit Jahren eine geistliche Erweckung erlebt wie sonst vielleicht kein anderes Land auf der ganzen Welt. Längst hat sich die Hälfte der Bevölkerung vom Vodoo-Kult abgewendet und zählt sich zu einer der vielleicht 1.000 - 2.000 evangelikalen Gemeinden allein in Port-au-Prince. Sicher ist nicht alles echter Glaube, aber vieles hat sich in der bitteren Armut bewährt und bringt geistliche Frucht hervor. Liebe zu Gottes Wort und untereinander, lebendige Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn und überströmende Dankbarkeit gegenüber unserem Retter mit einer solchen Bewegung und Herzenswärme, dass wir in unseren reichen Ländern uns nur über unsere ‘stummen’ Lippen schämen können. Wird äußere humanitäre Hilfe, wenn sie ein gewisses Maß überschreitet, nicht diese Erweckung vielleicht ersticken? Wäre es wünschenswert, dass Menschen sich mehr über ihren satten Bauch oder „die lieben Entwicklungshelfer aus Europa“ freuen als über die Liebe Gottes, die sie aus einem viel tieferen Elend erlöst hat? Andererseits kann man doch unmöglich die hungernden Menschen in ihrem Elend darben lassen! Ist nicht gerade Barmherzigkeit eine der strahlenden Eigenschaften unseres Heiland-Gottes? Mit diesem Dilemma tritt ein Aspekt der ersten Versuchung unseres Herrn in der Wüste zutage, den ich bisher nicht bemerkt habe: „Sprich, dass diese Steine Brot werden!“ Es ging für den Sohn Gottes nicht nur darum, auf bequeme und eigenmächtige Weise seinen hungernden Bauch zu füllen. Die Versuchung war weit raffinierter: „Du bist doch Gottes Sohn, siehst du denn nicht all das Elend dieser Welt? Wenn Barmherzigkeit für dich kein Fremdwort ist, greif’ doch ein mit all deinen Möglichkeiten! Kannst du das alles so ertragen?“ Aber es ist nicht Gottes Heilsweg, Brot aus leblosen Steinen zu schaffen (Leben aus dem Materiellen zu nähren). Gottes Weg ist es, Neues zu schaffen, das aus dem Tod als Auferstehungsleben entsteht: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ So trägt aus Gottes Sicht auch jede humanitäre Hilfe nur dann Frucht, wenn sie nach geistlichen Grundsätzen, in Abhängigkeit von Gott geschieht und Seine Ehre sucht. In Matthäus 8,16-17 begegnet der Herr menschlichem Elend und heilt alle Leidenden. Doch trägt er die ganze Last dieser Not ohne die geistliche Perspektive aus dem Auge zu verlieren: Elend als Folge der Sünde erfordert seine eigene Lebensaufgabe am Kreuz und kann erst in der Auferstehung wirklich überwunden werden. Mexiko Dom.Rep. Betet bitte für alle Missionare, die immer wieder vor dieser Herausforderung stehen, damit materielle Hilfeleistungen Gottes Werk dienlich sind. Viel zu oft schon mutierte eine geistlich begonnene Missionsarbeit zu einem rein humanitären Hilfsprojekt. Viel zu oft schon hat sich der Humanismus die Resultate christlicher Nächstenliebe unter den Nagel gerissen und sich mit fremden Federn geschmückt. Soli Deo gloria.

Nachtext

Quellenangaben