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Zeitschrift-Artikel: "Heilfroh"

Zeitschrift: 124 (zur Zeitschrift)
Titel: "Heilfroh"
Typ: Artikel
Autor: William Kaal
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 2591

Titel

"Heilfroh"

Vortext

Text

Werke großer Komponisten faszinieren nicht nur beim aufmerksamen Hören, sondern auch beim genaueren Untersuchen der Partitur. Dann erst werden immer wiederkehrende Harmonien deutlich, musikalische Themen entdeckt und versteckte Motive entschlüsselt. So ähnlich ergeht es einem auch beim Studium der literarischen Werke biblischer Autoren. Lukas ist der Schreiber, der am meisten zum Neuen Testament beigetragen hat, aber auch derjenige, der vielleicht wie kein anderer die künstlerische Seite des Menschen beschreibt. Sein Evangelium ist sicherlich das „menschlichste“ der vier Evangelien. Er beschreibt den Herrn Jesus als den vollkommenen Menschen und bei ihm steht der Mensch im Fokus. Oft sind es Einzelpersonen, die uns Lukas vorstellt, besonders solche, die am Rand der Gesellschaft stehen: die Verachteten, die Armen und Kranken – die einfachen Leute der damaligen Zeit.
Das „Grundmotiv“
Ein Thema, das sich durch das ganze Lukas- Evangelium zieht, ist das der Freude. Am bekanntesten ist wohl seine Schilderung der Weihnachtsgeschichte, in der ein Engel den Hirten „große Freude“ verkündigt, die „für das ganze Volk sein wird“ (2,10). Den einfachen Hirten wird hier eine große, sich ausbreitende Freude angekündigt. Und an dieser Stelle wird schon deutlich, dass die Freude, um die es Lukas geht, keine Freude im luftleeren Raum ist, sondern einen konkreten Grund hat: „… denn euch ist heute ein Erretter (Heiland) geboren, der ist Christus, der Herr“ (2,11). Die Freude liegt in der Errettung, dem Heil begründet, oder noch konkreter, im Erretter, im Heiland, in Christus. Musikalisch
ausgedrückt klingt bei Lukas das „F“ der Freude nicht alleine, sondern wird durch das „C“ der Errettung in Christus ergänzt. Vervollständigt wird der Dreiklang durch das „A“ der Anbetung und des Lobes: „Und plötzlich war bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen, welche Gott lobten und sprachen: Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden.“ Und nicht nur die Engel, auch die Hirten lobten Gott: „Und die Hirten kehrten um, indem sie Gott verherrlichten und lobten über alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war.“ Immer wieder ist dieser Dreiklang aus Freude, Heil und Anbetung im Lukas-Evangelium zu finden. Wie in großen Kompositionen lässt er sich in verschiedenen Umkehrungen oder Anordnungen finden, manchmal ist er ein wenig versteckt oder verkürzt, aber sein Klang durchzieht das ganze Werk wie ein musikalisches Grundmotiv.
Die „Ouvertüre“
Bereits im ersten Kapitel wird in einer Art „Ouvertüre“ das große Thema der Freude in Miniaturform komprimiert vorgestellt. Auch hier kündigt ein Engel eine Geburt und die damit verbundene Freude an: „Deine Frau wird dir einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Johannes nennen. Und er wird dir zur Freude und zum Jubel sein, und viele werden sich über seine Geburt freuen“ (1,13-14). Und man muss nur wenige „Takte“ abwarten, bis diese Freude in
Erfüllung geht, denn bereits am Ende des ersten Kapitels schildert uns Lukas: „Und ihre Nachbarn und Verwandten hörten, dass der Herr seine Barmherzigkeit an ihr groß gemacht habe, und sie freuten sich mit ihr“ (1,58). Zacharias freut sich natürlich auch sehr über die Geburt seines Sohnes, nach neunmonatigem Stummsein löst sich seine Zunge, und er äußert seine Freude in einem kunstvollen Lied, in dem er Gottes Heil lobt: „Sogleich aber wurde sein Mund geöffnet und seine Zunge gelöst, und er redete und lobte Gott … ‚Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, dass er sein Volk angesehen und ihm Erlösung geschaffen hat. Er hat uns ein Horn des Heils aufgerichtet …‘“(1,64-68) Diese konzentrierte Vorstellung des Themas lässt erahnen, dass die im zweiten Kapitel angekündigte Geburt ebenfalls, wenn auch in einem viel größerem Maß zur verheißenen Freude und zum Lob Gottes führt. Schaut man sich den „Schluss-Takt“ des Buches an, sieht man tatsächlich die Erfüllung dieser Freude: „Und sie warfen sich vor ihm nieder und kehrten nach Jerusalem zurück mit großer Freude; und sie waren allezeit im Tempel, Gott lobend und preisend.“ (1,52-53) Aber zurück zum Anfang der Komposition. In „Staccato“-Abfolge berichtet Lukas von Menschen, die sich über das kommende Heil freuen und dafür Gott anbeten: Da ist Maria, die sich über die Botschaft des Engels freut und ihrer Freude in einem ergreifenden Loblied Ausdruck verleiht, in dessen Auftakt schon der Dreiklang aus Lob, Freude und Heil unüberhörbar ist. „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heilande …“ (1,46-47) Dann ist von einer ganz interessanten Begebenheit die Rede: Johannes der Täufer freut sich als ungeborenes Kind im Bauch seiner Mutter über die angekündigte Geburt: „Denn siehe, als die Stimme deines Grußes in meine Ohren drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (1,44) Als wollte Lukas das ganze Spektrum menschlichen Daseins abdecken, schwenkt er von der „pränatalen“ Freude des Johannes zu zwei Personen im hohen Alter, die sich ebenfalls über die Geburt des Retters freuen – Simeon und Hanna: „Und siehe, es war in Jerusalem ein Mensch, mit Namen Simeon; und dieser Mensch war gerecht und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; und der Heilige Geist war auf ihm. Und es war ihm von dem Heiligen Geist eine göttliche Zusage zuteil geworden, dass er den Tod nicht sehen solle, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. Und er kam durch den Geist in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm nach der Gewohnheit des Gesetzes zu tun, da nahm auch er es in seine Arme und lobte Gott und sprach: „Nun, Herr, entlässt du deinen Knecht, nach deinem Wort, in Frieden; denn meine Augen haben dein Heil gesehen, das du bereitet hast im Angesicht aller Völker: ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel.“ (2,25-31) Der greise Simeon lobt Gott, als er den Heiland der Welt in seine Arme nimmt. Ganz ähnlich verhält sich die 84-jährige Hanna: „Hanna … war eine Witwe von vierundachtzig Jahren, die wich nicht vom Tempel und diente Gott Nacht und Tag mit Fasten und Flehen. Und sie trat zur selben Stunde herzu, lobte Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.“ (2,37) Zwar steht bei beiden nicht direkt, dass sie sich gefreut haben, aber es ist so offensichtlich, dass Lukas es nicht erwähnen braucht, zumal es im Alten Testament prophezeit ist: Simeon wartete auf den Trost Israels, und Hanna wartete auf die Erlösung Jerusalems. Woher hatten sie diese Erwartungen? Mit Sicherheit aus den Schriften des Propheten Jesaja, der angekündigt hatte: „Brechet in Jubel aus, jubelt allesamt, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr hat sein Volk getröstet, hat Jerusalem erlöst. Der Herr hat seinen heiligen Arm entblößt vor den Augen aller Nationen, und alle Enden der Erde sehen die Rettung unseres Gottes.“ (Jes 52,9-10) Gott entblößte seinen heiligen Arm, als er Jesus Christus auf die Welt kommen ließ. Das ist der Trost für sein Volk, die Erlösung Jerusalems, auf die Simeon und Hanna gewartet haben. Jesaja macht deutlich, dass das ein Grund zur Freude und zum Jubel sein wird, und vervollständigt damit den „Akkord“ um den fehlenden Grundton. Und wie Jesaja verheißen hatte, ist das der Anfang einer Rettung, die bis an die Enden der Erde sichtbar werden soll. Die Ausbreitung dieser Freude ist für Lukas durchgängiges Leitmotiv.
Die „Durchführung“
Nach der grandiosen Einführung in das Thema in den beiden ersten Kapiteln, in denen Lukas von sieben Personen oder Personengruppen berichtet, die sich freuen und Gott loben, führt er das Thema der Freude im Verlauf seines Evangeliums weiter aus. Im 10. Kapitel schildert er, wie Jesus seinen Jüngern den wichtigsten Grund ihrer Freude in Erinnerung ruft: „Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind; freut euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind“ (10,20). Sie sollten sich über ihre Errettung, ihr Heil freuen. Das war, so zeigt uns Lukas danach, für den Herrn Jesus selbst Grund zur Freude – und zum Lob Gottes: „In dieser Stunde jubelte Jesus im Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen
verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.“
(10,21)
Jesus freut sich darüber, dass Gott in seiner Souveränität gerade die einfachen Menschen errettet, die in dieser Welt nicht als Weise und Verständige gelten, und dafür lobt er ihn. Lukas ist der einzige Evangelist, der ausdrücklich sagt,
dass Jesus sich gefreut hat, und interessanterweise klingen auch in dieser Szene Lob Gottes und Errettung mit an. In Kapitel 15 greift Jesus das Thema der Freude selbst auf. In den drei bekannten Verloren-Gefunden-Gleichnissen macht er deutlich, dass Freude im Himmel ist, wenn Menschen gerettet werden, aber auch, dass Menschen sich darüber freuen sollen, wenn andere zu Gott kommen, anstatt wie die Pharisäer darüber mürrisch zu sein. Lukas 10 zeigt also, dass wir allen Grund haben, uns über unser Heil zu freuen, und Lukas 15 vervollständigt, dass wir auch über das Heil anderer jubeln sollen.
Ein „Potpourri“
Um diese Freude greifbar und dem Leser verständlich zu machen, stellt Lukas in seinem Evangelium ein Potpourri aus vielen kurzen Begebenheiten zusammen, die durch das gemeinsame Thema der Freude am Heil und dem Lob Gottes verbunden sind. So berichtet er von Zachhäus, der den Herrn „mit Freuden“ aufnahm, und die Worte hörte: „Heute ist diesem Haus Heil wiederfahren.“ (19,1-10) Der Arzt Lukas verwendet zur Veranschaulichung oft Sequenzen, in denen Menschen geheilt werden, also körperliches Heil erfahren, und es ist auffällig, dass er (meistens im Gegensatz zu den anderen Evangelisten) ergänzt, dass die Menschen anschließend Gott gelobt haben. Es scheint, als sei für ihn als Arzt der Heilungsprozess erst dann vollständig abgeschlossen, wenn der Mensch wieder ein intaktes Verhältnis zu seinem Schöpfer hat, das sich im Lob äußert: Da ist der dankbare Aussätzige, einer der 10 Geheilten, der – als er sieht, dass er geheilt ist – Gott mit lauter Stimme lobt; da ist die verkrüppelte Frau, die ebenfalls nach ihrer Heilung Gott verherrlicht; der Gelähmte, der von seinen vier Freunden zu Jesus gebracht wird, anschließend gehen kann und Gott lobt oder der blinde Bartimäus, der nach seiner Heilung Jesus nachfolgt und Gott verherrlicht und sogar das ganze Volk zum Lob Gottes anregt. Faszinierend ist auch, dass bei Jesu Einzug in Jerusalem, den alle Evangelisten beschreiben, Lukas der einzige ist, der erwähnt, dass die Volksmengen dabei Gott freudig lobten (19,37). Auch hier zeigt er wieder die Erfüllung einer alttestamentlichen Verheißung, in der Freude angekündigt war: „Juble laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend.“ (Sach 9,9)                                                                                                                                                               „Opus II“                                                                                                                                                       Diese und etliche weitere „Takte“ zeigen, dass Lukas‘ Komposition von dem Motiv der Freude des Heils und dem Lob Gottes durchzogen ist. In seinem Fortsetzungswerk, der Apostelgeschichte, greift er dieses Motiv wieder auf: Zu Beginn gibt er uns eine Situationsbeschreibung der jungen Gemeinde in Jerusalem und lässt dabei wieder den bekannten „Dreiklang“ ertönen: „Täglich verharrten sie einmütig im Tempel und brachen zu Hause das Brot, nahmen Speise mit Jubel und Schlichtheit des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst beim ganzen Volk. Der Herr aber tat täglich hinzu, die gerettet werden sollten.“ (2,46-47) Immer wieder kommt Lukas zu dem eingängigen „Akkord“ zurück. Der Lahme an der schönen Pforte beispielsweise wird im Namen Jesu Christi geheilt, und sofort springt er vor Freude im Tempel umher und lobt Gott. In der Apostelgeschichte beschreibt Lukas auch die angekündigte Ausbreitung der Freude bis an die Enden der Erde: Der Äthiopier zieht seinen Weg nach Afrika „mit Freuden“, und der Gefängniswärter „jubelt, an Gott gläubig geworden“ im europäischen Philippi. Tatsächlich beginnt in der Apostelgeschichte das Heil bis an die Enden der Erde vorzudringen, in Antiochia erklärt Paulus: „Denn so hat uns der Herr geboten: ‚Ich habe dich zum Licht der Nationen
gesetzt, dass du zum Heil seiest bis an das Ende der Erde‘. Als aber die aus den Nationen es hörten, freuten sie sich und verherrlichten das Wort des Herrn; und es glaubten, so viele zum ewigen Leben verordnet waren.“
(13,47-48)
Der „Schluss-Akkord“
Dass die Apostelgeschichte nicht mit einem fulminanten Schluss-Akkord aus Freude, Heil und Lob endet, soll uns vielleicht zeigen, dass sie eine „Unvollendete“ bleibt, um uns zu einem Fortklang dieses „Akkordes“ zu motivieren. Tatsächlich haben durch die letzten 2000 Jahre hindurch unzählige Menschen diesen „Dreiklang“ erlebt und oft eindrücklich in Gedichten und Liedern zum Ausdruck gebracht. Aber auch David, der große Lyriker des Alten Testamentes, hat dieses Thema verarbeitet. Und er gibt sogar praktische Tipps, wie die Freude des Heils wiederkehren
kann, wenn sie durch eigenes Versagen verschüttet worden ist, damit sie sich dann wieder im Lob Gottes ausdrückt:
„Lass mir wiederkehren die Freude deines Heils, und mit einem willigen Geiste stütze mich! Lehren will ich die Übertreter deine Wege, und die Sünder werden zu dir umkehren. Errette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meiner Rettung, so wird meine Zunge jubelnd preisen deine Gerechtigkeit. Herr, tue meine Lippen auf, und mein Mund wird dein Lob verkünden.“ (Ps 51,14-17)

Nachtext

Quellenangaben