Zeitschrift-Artikel: Brauchen wir die Autorit

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Titel: Brauchen wir die Autorit
Typ: Artikel
Autor: A.W. Tozer
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Titel

Brauchen wir die Autorit

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Text

Dieses Thema liegt mir wie eine große Last auf dem Herzen, und obwohl ich für mich keine besondere Inspiration in Anspruch nehme, fühle ich dennoch, daß es auch dem Heiligen Geist am Herzen liegt.
Wenn ich mich selbst recht kenne, so ist es allein die Liebe, die mich dazu treibt, das Folgende niederzuschreiben. Was ich hier schreibe, ist nicht der bittersüße Erguß eines von zänkischen Wortplänkeleien mit anderen Christen aufgerührten Geistes. Solche Wortstreitereien gibt es bei mir einfach nicht. Ich bin weder mißbraucht, noch mißhandelt oder von irgend jemand angegriffen worden. Diese Überlegungen sind auch nicht aus einem unerfreulichen Erlebnis erwachsen, das ich mit anderen gehabt hätte. Mein Verhältnis zu meiner eigenen Gemeinde und zu Christen aus anderen Denominationen ist immer freundschaftlich, höflich und durchaus erfreulich gewesen. Mein Kummer ist vielmehr der allgemein vorherrschende Zustand innerhalb der verschiedenen Kirchen und Gemeinschaften.
Ich meine, ich sollte auch zugeben, daß ich selbst in derselben Situation stehe, die ich hier beklage. Wie Esra sich in seiner machtvollen Fürbitte unter die Sünder rechnete, so tue ich das auch. "Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsre Missetat ist über unser Haupt gewachsen, und unsre Schuld ist groß bis in den Himmel." Jedes Wort, das ich hier an andere richte, wird auf mich zurückfallen. Auch ich habe mich schuldig gemacht. So schreibe ich diese Worte in der Hoffnung, daß wir uns alle zum Herrn, unserem Gott, wenden und nicht mehr gegen ihn sündigen.

Die Herrschaft Jesu wird ignoriert

Der Grund meines Kummers ist in einem Satz gesagt: Jesus Christus hat heute fast keine Autorität mehr bei den Gruppen, die sich nach seinem Namen nennen. Dabei denke ich nicht an die Römisch-Katholischen oder die Liberalen, auch nicht an die verschiedenen scheinchristlichen Kulte. Ich meine protestantische Gemeinschaften im allgemeinen und schließe jene mit ein, die am lautesten protestieren, weil sie die geistlichen Nachfahren unseres Herrn und seiner Apostel sind, nämlich die Evangelikalen.
Es ist eine grundlegende Wahrheit des Neuen Testamentes, daß der Mensch Jesus nach seiner Auferstehung von Gott zum Herrn und Christus erklärt wurde, und daß ihm vom Vater absolute Herrschaft über die Gemeinde verliehen wurde, die sein Leib ist. Alle Autorität im Himmel und auf Erden ist sein.
Zu seiner Zeit wird er sie voll ausüben, doch in der gegenwärtigen Geschichtsepoche gestattet er, daß diese Autorität in Frage gestellt oder ignoriert wird. Gerade im Augenblick wird sie von der Welt besonders in Frage gestellt und von seiner Gemeinde ignoriert.

Christus ist nur noch nominelles Oberhaupt

Die gegenwärtige Stellung Christi in den evangelikalen Gemeinden kann mit der eines Königs in einer konstitutionellen Monarchie verglichen werden. Der König (manchmal mit dem unpersönlichen Ausdruck "die Krone" benannt) ist in solchen Ländern nicht mehr als ein traditionelles Oberhaupt, ein wohlwollendes Symbol der Einheit und Loyalität, ähnlich wie eine Landesfahne oder eine Nationalhymne. Ihm wird zugejubelt, er wird gefeiert und unterstützt, doch seine eigentliche Autorität ist nur minimal. Er ist zwar das nominelle Oberhaupt, doch in Krisenzeiten fällen andere die Entscheidungen. Bei formellen Anlässen erscheint er in seinem königlichen Staat, um eine zahme, farblose Rede zu halten, die ihm von den wahren Machthabern des Landes in den Mund gelegt wurde. Die ganze Sache ist nichts weiter als ein nettes Schauspiel - sie ist Tradition, sie macht viel Spaß, und niemand möchte sie abschaffen.
In den evangelikalen Gemeinden ist Christus heutzutage tatsächlich nur noch ein beliebtes Symbol. "Alle Macht dem Namen Jesu" ist die Nationalhymne der Gemeinde und das Kreuz ist ihre offizielle Fahne, doch in den wöchentlichen Gottesdiensten und dem täglichen Verhalten ihrer Mitglieder trifft nicht Christus, sondern jemand anderes die Entscheidungen.
Unter normalen Umständen wird Christus erlaubt, zu sagen: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig seid und beladen", oder "Euer Herz erschrecke nicht." Aber wenn die Rede gehalten ist, übernimmt ein anderer das Regiment. Die eigentlichen Machthaber entscheiden über die moralischen Maßstäbe der Gemeinde und auch über Ziele und Methoden, wie diese zu erreichen sind. Durch eine ausgeklügelte und gründliche Organisation wird es sogar dem jüngsten Pastor möglich, mehr Autorität in der Gemeinde zu besitzen als Jesus Christus selbst.
Christus hat nicht nur wenig oder gar keine Autorität, sondern sein gesamter Einfluß nimmt zudem noch ständig ab. Dies ist eine traurige Tatsache, die ich mit der Einflußnahme des Abraham Lincoln auf das amerikanische Volk vergleichen möchte. Der grundehrliche "Abe" ist immer noch das Idol vieler Amerikaner. Das Bild seines freundlichen, zerfurchten und gütigen Gesichts erscheint überall. Manchem treibt das Gedenken an ihn Tränen in die Augen, und die Kinder hören begeistert die Geschichten über seine Liebe, seine Ehrlichkeit und seine Demut.
Aber was bleibt, wenn die wehmütigen Gefühle vergehen und die Tränen getrocknet sind? Nicht mehr als ein gutes Beispiel, das unrealistischer und weniger beeinflussend wird, je weiter es in der Vergangenheit verschwindet. Im kalten Licht der politischen Gegenwart Amerikas wirkt die ständige Erwähnung Lincolns in Parlamentsreden wie blanker Zynismus.
Die Herrschaft Jesu ist von den Christen nicht vergessen, sondern lediglich auf das Gesangbuch übertragen worden.
Auch wenn sie als Theorie noch gutgeheißen wird, so wird sie doch selten auf das praktische Leben bezogen. Die Tatsache, daß der Mensch Jesus Christus über seine ganze Gemeinde und über jede Einzelheit im Leben ihrer Mitglieder die absolute und endgültige Autorität besitzt, wird heutzutage von dem Großteil der evangelikalen Christen nicht mehr akzeptiert.
Vielmehr bezeichnen wir die Glaubenspraxis unserer speziellen Denominationen als identisch mit dem Wesen Jesu und den Lehren seiner Apostel. Die Glaubensgrundsätze, die Praktiken, die Ethik und die Handlungen unserer Gruppe werden mit denen des neutestamentlichen Christentums verglichen. Was auch immer unsere Gruppe sagt, denkt oder tut, ist schriftgemäß - das steht außer Frage. Wir meinen sogar, daß Gott unseren Aktivismus belohnt und bilden uns ein, je mehr wir tun, um so besser würden wir seine Gebote halten.

Die Forderungen Jesu werden durch Interpretation abgeschwächt

Um der absoluten Notwendigkeit zu entgehen, entweder den klaren Anweisungen unseres Herrn im Neuen Testament zu gehorchen oder sie abzulehnen, flüchten wir uns in eine liberale Interpretation derselben. Spitzfindigkeit ist somit nicht nur das Privileg römisch-katholischer Theologen. Wir Evangelikale wissen auch, wie man die scharfen Ecken des Gehorsams umgeht, indem man feine und knifflige Ausreden erfindet. Diese sind natürlich genau auf unsere Bequemlichkeit zugeschnitten. Wir entschuldigen Ungehorsam, unterstützen Fleischlichkeit und machen somit die Worte Christi wirkungslos. Alles läuft schließlich darauf hinaus, daß Christus einfach nicht gemeint haben konnte, was er sagte. Seine Lehren werden sogar als Theorien erst dann angenommen, wenn sie durch Interpretation abgeschwächt worden sind.
Und doch wenden sich immer mehr Menschen mit ihren "Problemen" an Jesus und suchen ihn, weil sie sich nach Seelenfrieden sehnen. Er wird überall als eine Art geistlicher Psychiater empfohlen, der bemerkenswerte Heilkräfte besitzen soll, um Menschen zurechtzubringen. Natürlich hat dieser seltsame Christus keine Ähnlichkeit mit dem Gottessohn des Neuen Testamentes.
Der wahre Heiland ist auch Herr, doch dieser gefällige Christus ist nicht mehr als der Dienstbote der Menschheit.

Nachtext

Quellenangaben

 

(Aus dem vergriffenen Buch von A.W. Tozer: "Gott kennt keine Kompromisse", Hänssler Verlag)