Zeitschrift-Artikel: Was wurde eigentlich aus...?

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Titel: Was wurde eigentlich aus...?
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Titel

Was wurde eigentlich aus...?

Vortext

Wie bereits im letzten Heft begonnen, bringen wir erneut ein Interview - diesmal mit Benedikt Peters.
Sein ungewöhnliches Lebenszeugnis findet sich im Buch „Sehnsucht der Betrogenen" (CLV). Und Gottes Geschichte mit Benedikt ging ungewöhnlich weiter. Benedikt wohnt heute nicht mehr „am Fuß des Himalaja", sondern am Fuß der helvetischen Alpen. Mit seiner Frau Helene und ihren vier Kindern lebt er in Arbon - auf der Schweizer Seite des Bodensees. Er steht dort aktiv in einer Ge­meindearbeit, studiert intensiv die Bibel, schreibt Auslegungen und Sachbücher. Überdies ist er häu­fig als Bibellehrer unterwegs.

Wir freuen uns, dass er sich Zeit genommen hat, zehn Fragen für „fest und treu" zu beantworten.

Text

Ich bin davon
überzeugt, dass
wir alle noch
weit mehr lei?

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täten wir täg?

lich beharrlich
unsere Arbeit
und vertrödel?
ten nicht so
viel Zeit mit
verhältnismäßig
Unwichtigem.

1. Von welchen geistlichen Vorbildern hast du am meisten profitiert?

Am meisten vielleicht von meinen ersten Leh­rern, das waren die Christen in Pakistan und Indien. Von ihnen lernte ich, für alles zu beten und viel zu beten. Dort lernte ich, die Bibel täg­lich und fortlaufend zu lesen, und von ihnen lern­te ich, ein Leben für das Evangelium zu leben.

Mein nächstes großes Vorbild während der ersten Jahre meines Christenlebens war Watchman Nee. Danach wurde mir John Nelson Darby zu einem wahren Lehrer der Heiligen Schrift. Mein größ­tes Vorbild als Knecht des Herrn und der Heili­gen ist ein Mann, der in manchem anders dach­te als ich, wenigstens was Gemeinde, Taufe, Mahl des Herrn und Prophetie betrifft - nämlich Georg Whitefield. Mein größtes Vorbild in der leiden­schaftlichen Liebe zum Herrn ist John Bunyan. Ich weiß keinen zweiten, der mit solch heiliger Begeisterung und innerer Glut vom Herrn und seinem Werk schreiben kann wie er. Folgender Satz aus der Pilgerreise ist nicht zu überbieten:

„Als sich die Pilger der ewigen Stadt näherten, wurde ihnen eine noch vollkommenere Sicht von ihr gewährt. Sie war aus Perlen und aus kost­baren Steinen gebaut und ihre Straßen waren aus Gold, so dass von der ihr eigenen Herrlich­keit und vom Wiederschein der Sonne in ihr Christ vor Verlangen krank wurde. Auch Hoff­nungsvoll bekam einen Anfall der gleichen Krankheit. Sie mussten eine Weile rasten, wäh­rend sie vor Schmerz und unter Tränen riefen: ,Wenn ihr meinen Geliebten findet, dann sagt ihm, dass ich krank bin vor Liebe."

Und das ist nur eines von zahllosen Beispielen. Bunyan hat ja sehr viel mehr geschrieben als die Pilgerreise, und alle, die „Den Heiligen Krieg" oder „Überströmende Gnade für den vornehm­sten der Sünder" und seine zahlreichen lehrhaf­ten Traktate in seinem hinreißenden Englisch nicht lesen können, tun mir wirklich leid. Bun­yan war nämlich auch ein literarisches Genie.

 

2. Wie wird man von einem Weltenbummler zum disziplinierten Bibelleser?

Ich lernte, wie gesagt, früh von Vorbildern, die Bibel diszipliniert zu lesen. Hat man sich das in den ersten Monaten und Jahren des Glaubens­lebens angewöhnt, will man nicht mehr davon lassen. Eine ganz entscheidende Hilfe zum be­harrlichen Bibellesen ist die fortlaufende Lektü­re des Alten und des Neuen Testaments.

3. Wie gelingt es Dir, Gemeinde, Familie, Schriftstellerei und Reisedienste unter einen Hut zu bringen?

Es gelingt nicht immer gleich gut. Dass wir als Familie - Helene und ich haben vier Kinder, die alle dem Herrn nachfolgen - all die zurücklie­genden Jahre ein schönes Miteinander und Für­einander hatten, verdanke ich nächst der Güte Gottes meiner Frau. Sie hat überhaupt einen sehr großen Anteil an meinem ganzen Dienst. Sie hat mich immer wieder zum Dienst ermuntert und sie betet treu für mich - und sie ist mir ein gro­ßes Vorbild im treuen Ausharren im Dienst und im Fleiß. Meine verschiedenen Aufgaben bringe ich zeitlich besser unter als manche denken. Ich bin davon überzeugt, dass wir alle noch weit mehr leisten könnten, täten wir täglich beharr­lich unsere Arbeit und vertrödelten wir nicht so viel Zeit mit verhältnismäßig Unwichtigem. Das sage ich zu allererst mir selbst.

Wie dankbar bin ich,
dass der Herr
mir
all das nicht
gab,
was ich woll­
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und mir statt
dessen
lauter
Dinge gab,
die ich nicht wollte.
Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.

4. Du hast in Deiner Verkündigung eine innere Entwicklung genommen. Du betonst heute viel stärker die absolute Souveränität Gottes. Wie ist es dazu gekommen?

Gott war es, der mich berief. Er hat mich ins Leben und dann ins ewige Leben gerufen. Er selbst hat mich in dieser Weise geführt, das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich kann nur sagen, dass etwa vom Frühling 1994 an dieses Bewusstsein immer stärker wurde, dass Christus alles in allem ist. Dass wir alles, was wir sind, wirklich alles, von Anfang bis zum Ende, allein aus Gottes Gnade sind. Jede wichtige Entschei­dung in meinem ganzen Leben ist anders gefal­len als ich es zunächst gewollt hatte.

Das beginnt damit, dass ich nie Christ werden wollte. Bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr hielt ich das Christentum für vielleicht das größ­te Unglück, das die Menschheit befallen hatte. Dass Gott es vermochte, mich trotzdem willig zu machen - dass in meinem Leben ein Tag kam, an dem ich nichts so heftig begehrte, wie Jesus Christus zu gehören und ihm nachzufolgen, ge­hört noch immer zu den unerklärlichsten Wun­dern, von denen ich weiß.

Ich wollte als Christ nicht heiraten. In den ersten Jahren meines Glaubenslebens betete ich sogar inbrünstig darum, ledig bleiben zu dürfen. 2003 feiern Helene und ich silberne Hochzeit...

Ich wollte nie auf eine Bibelschule, hatte mir sogar vorgenommen, nie so etwas zu machen. Von 1974 bis 1977 besuchte ich eine Bibelschule, für die ich noch heute dankbar bin.

Ich wollte während der ersten fünf oder sechs Jahre meines Glaubenslebens auf keinen Fall so etwas wie einen Lehrdienst tun. Es war vielmehr so, dass ich einen nicht geringen Argwohn gegen zu viel Lehre hatte. Ich wollte nur Bibel lesen, be­ten und evangelisieren, und habe das auch tag­aus tagein getan. Nun bin ich seit über 20 Jah­ren in einem ausgesprochenen Lehrdienst tätig.

Als mir all das einmal auffiel, was ich eben auf­gezählt habe, musste ich bekennen, dass es nicht ein bloßes Bonmot ist, sondern uneingeschränkte Wahrheit, was Salomo in Sprüche 16,9 sagt:

„Das Herz des Menschen denkt sich seinen Weg aus, aber der HERR lenkt seine Schritte."

Wie dankbar bin ich, dass der Herr mir all das nicht gab, was ich wollte, und mir stattdessen von Bekehrung über Familie bis zum Dienst lauter Dinge gab, die ich nicht wollte. Etwas Besseres hätte mir in keinem Fall passieren kön­nen. Mir fiel dann immer mehr auf, dass es offenkundig verschiedenen Knechten Gottes,

von denen wir in der Bibel lesen, auch so ging. Abraham war ein Götzendiener, aber der Herr der Herrlichkeit erschien ihm. Mose wollte dem Herrn gar nicht dienen; der Herr nötigte ihn dazu. Paulus wollte sich nicht bekehren, alles andere als das! Aber der Herr trat ihm in den Weg und bekehrte ihn. Jeremia sagt:

„Ich weiß HERR, dass nicht beim Menschen sein Weg steht, noch beim Mann, der da wandelt, seinen Gang zu richten." (Jer 10,23).

Aus Jeremias Schriften erfahren wir, dass der Herr ihn vor seiner Geburt zu seiner Aufgabe aussonderte und dann überwältigte und ihn so zu etwas machte, was er nicht begehrt hatte. Von den Jüngern sagte der Herr, dass nicht sie Ihn, sondern dass Er sie erwählt hatte. Mich macht dieses Wissen unendlich froh. Es macht mein Herz voll, und davon geht mir offenkundig der Mund über.

5.Was sagst du über den Slogan: Dogmen trennen – Liebe eint“?

Lehre verbindet! Christen sind in Christus eins; es ist die Lehre vom Christus Gottes, die sie er­kennen lässt, wer Christus und wer damit sie selbst sind. Das schafft die einzige Grundlage zu praktisch gelebter Einheit. Gesunde Lehre weckt und nährt Leben aus Gott und weckt und nährt Liebe zu Gott und zu den Geschwistern. Tut sie das nicht, ist sie entweder nicht gesund, oder sie wird nicht mit Glauben vermischt (Heb 4,2).

Dass Lehre trenne, Liebe hingegen eine, ist ein ganz dummes Schlagwort. Hier werden Dinge getrennt, die Gott zusammengefügt hat, und das können wir niemals ungestraft tun. Nein, wir brauchen Lehre, denn ohne Lehre gibt es keinen Glauben und keinen Glaubensgehorsam und damit keine Einheit!

6. Sicher suchst Du noch geistliche Herausforderungen. Was ist Deine derzeitig größte?

Ich weiß nicht, welches die größte ist. Aber ich nenne zwei, was mein geistliches Leben betrifft.

Bei der ersten geht es um das Zusammenleben in der örtlichen Gemeinde, in der ich zu Hause bin. Wir haben seit mehreren Jahren ein gutes Zusammenleben, aber es ist, wie ich befürchte, noch weit von dem entfernt, was der Sohn Got­tes meinte, als Er zu Seinen Jüngern von Seiner Versammlung sprach
(Mt 16,18). Mit dieser Her­
ausforderung hängt die zweite zusammen:

Gebe Gott, dass ich mehr und mehr so werden darf, wie der Herr in den acht Seligpreisungen von Matthäus 5 sagt! Wenn ich nur so wäre, wäre der wichtigste Schritt dazu getan, dass wir als örtliche Gemeinde so werden dürfen, wie der Herr sie wollte, als er seine Rede an die Jünger hielt, die wir in Matthäus 18 finden. Die größte missionarische Herausforderung ist für mich ein massiver Einbruch des Evangeliums in die Front des Islam. Das ist das missionarische Anliegen, für das ich mehr bete als für alle anderen.

 

Zur Bibel­treue gehört auch
die aus
ihr fließende Praxis
im Ge­meindeleben,
im Ausleben des Missions­auftrages und
im persön­lichen Leben.

7. Was beinhaltet für dich „Bibeltreue“?

Bibeltreue beginnt damit, dass wir der Bibel be­dingungslos vertrauen und bekennen, dass sie von der ersten bis zur letzten Seite irrtumslos ist, dass sie im ganzen Wortlaut von Gott in­spiriert ist. Das ist das unerlässliche Fundament der Bibeltreue, sie erschöpft sich aber nicht da­rin. Zu ihr gehört die aus dem Glauben an die Vollkommenheit, Vollständigkeit und Irrtums­losigkeit der Schrift fließende bibeltreue Praxis im Gemeindeleben, im Ausleben des Missions­auftrages und im persönlichen Leben.

8. Triebst Du aktuell Anfeindungen, Ablehnung und geistliche Auseinandersetzung?

Ich bin seit längerer Zeit von Anfeindung ver­schont geblieben. Wahrscheinlich wird mein Dienst auch teilweise abgelehnt, aber es ist ziemlich lange her, seit ich entsprechende Re­aktionen bekommen habe, nachdem ich in früheren Jahren immer wieder entsprechende Briefe und auch mündlichen Widerspruch er­fuhr. Woran das liegt, weiß ich nicht. Vielleicht bin ich zu weich geworden, oder vielleicht war ich früher zu hart?

 9. Was war für Dich eine große Niederlage im Leben als Christ?

Meine größte geistliche Niederlage hängt mit einer beschämend langen Phase der Menschenfurcht zusammen. Aus Rücksicht auf die Mei­nung anderer habe ich einmal in einer Sache skandalös lange zugeschaut und nicht gewagt, Stellung zu beziehen. Bei dieser Niederlage äu­ßerte sich das, was ich für meine größte Charak­terschwäche halte. Ich bin anfällig für Men­schengefälligkeit.

10. Im Rückblick auf Deine Zeit in der Nachfolge des Herrn Jesus: Welcher Wein ist der bessere – der junge oder der reife?

Beide sind gleich gut. Der junge Wein war gut, denn er gehörte zur geistlichen Jugend. Manch­mal denke ich ein wenig wehmütig an die Zeit zurück, da ich von einer unbekümmerten Ein­seitigkeit und Direktheit war, die ich jetzt als unausgewogen und plump taxiere. Aber das merkte man damals nicht, und man hatte man­che Sorgen nicht, die man inzwischen hat, weil man eben erfahrener ist.

Mit meinem heutigen Wissen hätte ich vor gut 20 Jahren nie angefangen mit der Gemeinde­gründung in Arbon. Damals waren meine Frau und ich - die wir eine ganze Zeit ganz allein waren - fast unverantwortlich unbekümmert. Der junge Wein war eben so. Aber Wehmütigkeit ist hier fehl am Platz. Jetzt sind es andere Dinge am Herrn und an Seinem Werk, die mein Denken und Tun in Beschlag nehmen. Früher bewegte mich mehr als alles andere: „Mein Geliebter ist mein" (Hohelied 2,16).

Jetzt bewegt mich immer mehr: „Ich bin meines Geliebten, und nach mir steht sein Verlangen" (Hohelied 7,10).

Es ist groß, dass wir den Herrn erkennen dürfen;
aber noch größer ist, dass der Herr uns erkennt!

„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen." (Johannes '17,3)

 

Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt" (1 Kor 8,3). „... da ihr Gott erkannt habt, vielmehr aber von Gott erkannt worden seid."(Galater 4,9a) 

Nachtext

Anm. d. Redaktion: Benedikt beantwortete uns die Fragen bei einer Zugreise

auf seinem Labtop. Es freut uns, dass er also tatsächlich bemüht ist, keine Zeit

zu vertrödeln

(Vergl. Frage 3).

Wir danken ihm ganz herzlich für das Interview!

Quellenangaben