Zeitschrift-Artikel: Ein Aufbruch zieht Kreise - Ein Missions-Reisebericht aus Mittelamerika

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Titel: Ein Aufbruch zieht Kreise - Ein Missions-Reisebericht aus Mittelamerika
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ein Aufbruch zieht Kreise - Ein Missions-Reisebericht aus Mittelamerika

Vortext

Text

Im Frühjahr 2003 konnten wir zum zweiten Mal Nicaragua besuchen. In den letzten Ausgaben von „fest+treu" haben wir gelegentlich von der Situation in diesem armen Land und von der Arbeit Oskar Cubas und seiner Frau berichtet.

Sie zogen vor einigen Jahren als junges Ehepaar von Honduras nach Nicaragua. Gott segnete ihren Dienst und inzwischen sind einige neue Gemeinden im Norden des Landes entstanden.

Die wirtschaftliche und soziale Situation

In den letzten Monaten hat sich die wirtschaftliche Situation drastisch verschlechtert. Die Weltbank („IWF") zahlt nicht mehr, weil die korrupte Regierung unter Aleman die finanziellen Hilfen nicht für den Aufbau des Landes, sondern zum großen Teil für die eigenen privaten Bedürfnisse
eingesetzt hat. So wird z.B. erzählt, dass der inzwischen abgesetzte Präsident Aleman allein für seine Hochzeitsfeier mit einem Fotomodell einen
zweistelligen Millionenbetrag an Dollar ausgege
ben hat, während das Land mit Haiti und Kuba darüber im Wettstreit liegt, welches von ihnen
das ärmste Land in Mittelamerika ist. In den vier Gemeinden, die wir dort besucht haben, gab es nur einen Bruder, der eine geregelte, bezahlte
Arbeit hat. Fast alle sind arbeitslos und wer eine Arbeitsstelle hat, bekommt oft keinen Lohn, oder wird in Naturalien ausbezahlt. Ein Bruder, der
LKW fährt, wartet schon seit sechs Monaten auf seinen Lohn. Viele sind auf Gelegenheitsarbeit auf den Kaffee- oder Tabakplantagen angewiesen - die meist Kubanern gehören ? um pro Tag 2 oder 3 Dollar für harte Arbeit zu bekommen.

„Dieses Rind gehört dem Herrn…!“

Trotzdem ist die Opferbereitschaft der Ge­schwister groß: Ein Bruder in Tauquil, der sechs Rinder besitzt, zeigt immer wieder auf eins der sechs Rinder und pflegt dann zu sagen: „Dieses Rind gehört dem Herrn!" Es wird am Ende des Jahres verkauft und das Geld fließt in die Kasse der Gemeinde am Ort, um die dringendste Not zu stillen. Angesichts dieser großen Not haben wir mit Oskar Cubas überlegt, wie wir eine kleine Hilfe zur Selbsthilfe leisten können und entwickelten folgenden Plan, den wir bereits mit den Gaben zahlreicher „fest+treu"-Leser fi­nanzieren konnten:

- Der Bruder mit den 6 Rindern bekommt eine Häckselmaschine (1.000.- Dollar), damit er seine Rinder besser füttern kann und nicht verkaufen muss. Das Rind - das „dem Herrn gehört" - soll nicht verkauft werden, sondern Kälber zu Welt bringen, die dann auch wieder dem Herrn bzw. der Gemeinde gehören usw.

(Dieser Plan kam von Oskar, der hier die Strategie Jakobs kopiert, seine eigene Herde zu vergrößern. (Vgl. 1Mo 30, 25-43)

In den vier Gemeinden, die wir dort besucht ha­ben, gab es nur einen Bruder, der eine geregel­te, bezahlte Arbeit hat. Wir sind beschämt, welche Opfer unsere Brüder aus Honduras auf sich nehmen, um Kontakte zu pflegen.

Ein anderer Bruder erhält ein Darlehen von 1.000 Dollar, um damit als Elektriker zu arbeit­en und auch andere Brüder beschäftigen zu können. 10% des Ertrages soll natürlich dem Herrn gehören. Ein weiterer Bruder erhält ebenfalls ein Dar­lehen von 1.000 Dollar, um einen Hochdruck­strahler zu kaufen und damit eine „Auto­waschanlage" zu betreiben. (Da nur wenige Leu­te in Nicaragua sich ein Auto leisten können, legt diese Minderheit großen Wert darauf, dass ihr Auto glänzt und funkelt, um reprä­sentieren zu können.) Wenn dieser Laden läuft - was durchaus realistisch ist - könnten davon 10 Personen ernährt werden.

- Schließlich werden für 1.000 Dollar zwei Hek­tar Land gepachtet und Saat für Mais gekauft, wovon zwei Familien ein Jahr leben können und eine sinnvolle Beschäftigung haben.

Frucht für den Herrn

Wenn auch die materielle Not in diesem Land groß ist und sicher nicht so schnell behoben werden kann, ist es umso ermutigender zu erleben, wie das gelebte und gepredigte Evangelium Früchte bringt und die Gemeinden wachsen und neue Gemeinden entstehen:

Genau vor einem Jahr hielten wir in der Universitäts-Stadt Leon eine Freiversammlung vor der großen Kathedrale ab. Einige Kontakte entstanden und die Frage kam auf, wann wir das nächste Mal kommen würden. Die Brüder aus Honduras unter der Leitung von Omar Ortiz haben sich dann jeden Monat einmal auf den Weg ge­macht, um an dem Wochenende die Kontakt­personen zu besuchen. Die Reise mit dem Pick-up dauert jeweils etwa zwölf Stunden für einen Weg. Wir waren wirklich beschämt, welche Opfer unsere Brüder aus Honduras auf sich nehmen, um diese wenigen Kontakte zu pfle­gen. Das Ergebnis: Eine Anzahl Menschen kamen zum Glauben, Räumlichkeiten konnten gemietet werden und am 22. Dezember 2002 konnten diese Geschwister zum ersten Mal als Gemeinde zusammen kommen, um von da an jeden Sonntag miteinander das Abendmahl zu feiern, das Wort Gottes zu verkündigen und mitein­ander Gemeinschaft zu haben.

Hunger nach Gottes Wort

Der an Jahren älteste Bruder in Leon ist Raul, ein ehemaliger Politiker, der zum Glauben gekommen ist. Sein Sohn ist Pastor einer Baptisten-Ge­meinde mit etwa 60 Gliedern in der nahen Stadt Corinth. Als der Sohn erfuhr, dass sein Vater ei­nen MacDonald-Kommentar zum NT auf Spa­nisch bekommen hatte, machte er sich jede Wo­che für einen Tag auf den Weg, um bei seinem Vater in diesem Kommentar zu studieren.

Als Omar Ortiz von dem Inte­resse und der Begeisterung dieses jungen Pastors erfuhr, schenkte er ihm einen Kom­mentar und da­zu die spani­sche Ausgabe von „Licht für den Weg".

Als Folge davon treffen sich jeden Morgen eine Anzahl Brüder der Baptisten-Gemeinde beim Pastor, um die Andacht für den Tag zu lesen oder zu hören und freuen sich schon auf den nächsten Morgen, um geistliche Speise für den Tag zu bekommen. Ein für uns beschämender, unvorstellbar großer Hunger nach dem Wort Gottes! Das honduranische Team, das bisher vor allem in Leon gearbeitet hat, konzentriert sich nun auf die Stadt Masaya, wo auch schon Kontakte entstanden sind, ein Raum gemietet wurde und mit Gottes Hilfe sicher auch bald eine neue Gemeinde entstehen wird.

Wie man mit Arbeitslosigkeit umgeht...

Israel Ramos ist mit seiner Frau vor etwa 18 Monaten von Honduras nach Esteli (Nicaragua) gezogen, um dort als Missionar zu arbeiten. Weil man dort aber zur Zeit keine Arbeit bekommt, mit der man Geld für den Lebensunterhalt ver­dienen kann, ging er eines Tages durch die Stra­ßen von Esteli und erblickte eine kleine Schrei­nerei. Der Eigentümer war ein Mann von knapp 40 Jahren mit dem bedeutungsvollen Namen „Boanerges'l Israel fragte ihn, ob er ihm erlau­ben würde, bei ihm ohne Entgeld zu arbeiten. Er wolle seine handwerklichen Fähigkeiten ver­bessern und eine Beschäftigung haben. Natür­lich ging es Israel vor allem darum, Kontakt zu den Leuten in Esteli zu bekommen. Der Besitzer war einverstanden und hatte nun einen Mit­arbeiter, der in den Pausen in der Bibel las und durch seine Freundlichkeit und seinen Fleiß eine Herausforderung war. Es dauerte nicht lange, bis der Schreiner sich für einen Tag mit der Bibel zurückzog, seine Sünden bekannte und sein Le­ben dem Herrn Jesus anvertraute. Er ordnete sein Leben und brach mit seinen Frauenbe­kanntschaften. Seitdem besuchte er nun regel­mäßig die Gemeinde, brachte andere mit und meldete sich bei unserem letzten Besuch zur Taufe. Auf diese Weise wächst die Gemeinde, die vor 18 Monaten mit sieben Geschwistern be­gonnen hat und sucht nun neue Räumlichkei­ten, um alle unterzubringen. So geschieht das Werk Gottes durch schlichte, einfache, aber glaubwürdige Geschwister, die durch ihre Bezie­hungen zu ihren Mitmenschen ein Segen für ihre Umgebung sind.

 

Gebetsanliegen für Mittelamerika

·        In den nächsten Monaten möchten wir damit beginnen, in zunächst etwa 100 Gemeinden in Honduras und Nicaragua Gemeinde-Bibliotheken einzurichten. Geschwister aus Österreich haben uns auf diese Idee gebracht und einige Gemeinden haben dafür Geld zur Verfügung gestellt. Wir möchten mit der Hilfe von Walter Altamirano, Santos Menja und Omar Ortiz zunächst in kleinen und abgelegenen Gemeinden diese Bibliotheken aufbauen, um den meist mittellosen Geschwistern Material zum Bibelstudium, für Kinder- und Ju­gendarbeit, Jüngerschafts-Schulung usw. zur Verfügung zu stellen.

·        In Honduras ist bei einer Anzahl junger Ehe­paare die Bereitschaft gewachsen, sich dem Herrn und der Missionsarbeit zur Verfügung zu stellen. Auch immer mehr Gemeinden bekommen einen Blick für die Missionsaufgaben in Lateinamerika. Die vielen schlichten, aber oft sehr treuen und opferbereiten Geschwister in Honduras könnten zum großen Segen in den Nachbarländern werden.

·        Leider sieht es bei den Teenagern in den Ge­meinden teilweise nicht gut aus. Die Versuchun­gen auf sexuellem Gebiet sind sehr groß und viele haben schon in jungen Jahren ungute Bezie­hungen. Erschreckend ist, dass besonders Kinder von Ältesten und „vollzeitigen" Arbeitern viel Kummer bereiten und damit den Dienst der Brüder sehr schwer machen.

 

Fragen an Max und Lola

Wie kommt ihr dazu, im Alter von 30 Jah­ren eure Heimat Honduras und dazu die Urlaubsinsel Rontan zu verlassen und in eine Großstadt zu ziehen, wo es vor vier Monaten noch keine Gemeinde gab?

Seit wir im Frühjahr 2002 geheiratet haben war es unser Wunsch an einen Ort zu ziehen, wo es noch keine Gemeinde gibt. Das kleine Buch von William MacDonald „Denk an deine Zukunft" hatte uns dazu herausgefordert.

Nachdem uns Omar Ortiz von Nicaragua und seinen Kontakten in Leon erzählt hatte, haben wir konkret für Nicaragua und Leon gebetet und nach einem Einsatz in Leon wurde uns klar: Wir ziehen nach Leon. Die wenigen Sachen, die wir besaßen, haben wir dann verkauft und sind nach Leon gezogen. Unsere Heimatgemeinde in Roa­tan hat sich sehr über unseren Entschluss ge­freut und betet für uns. Sie haben uns keine fi­nanzielle Unterstützung versprochen, uns aber bisher nach ihren Möglichkeiten regelmäßig un­terstützt.

Wie reagieren die „Nicas" in Leon auf das Evangelium?

Die ältere Generation ist sehr katholisch geprägt und daher ziemlich ablehnend. Leon war die Hauptstadt der Sandinisten, auch das hat Spu­ren hinterlassen, obwohl heute die Sandinisten hier kaum noch Anhänger haben. Dazu kommt, dass die Evangelikalen im Land den Ruf haben, Betrüger zu sein und den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber die jüngere Gene­ration ist sehr offen für das Evangelium.

 

Betet bitte dafür, dass unser geistliches Leben intensiver wird, dass die Gemeinde wächst und auch für Lola, die schwanger ist, aber zur Zeit Malaria hat. 

Nachtext

Quellenangaben