Zeitschrift-Artikel: Deserteur des Lebens - Die Bekehrungsgeschichte eines Legionärs

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Titel: Deserteur des Lebens - Die Bekehrungsgeschichte eines Legionärs
Typ: Artikel
Autor: Kurt Becker
Autor (Anmerkung):

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Titel

Deserteur des Lebens - Die Bekehrungsgeschichte eines Legionärs

Vortext

Text

(Fortsetzung)

Später lernte ich Bob kennen. Das heißt, zunächst wollten wir uns gar nicht kennen, denn wir stritten uns um den Platz in einem abgestellten Zug, der in einem kleinen Bahnhof in Nordeng­land stand und sich wunderbar eignete, die schon kalten Nächte darin zu verbringen.

Wir hätten ja nicht nur Platz für uns beide gehabt, sondern konnten noch eine ganze Kricket­mannschaft einladen. Aber er war der erste, und als ich durch eines der Fenster in den Waggon einstieg, wollte er mich unbedingt hinausjagen. Er sagte, „ist ein zweiter hier, so kommt ein dritter, wo drei sind, ist die Polizei nicht mehr weit." Außerdem wollte er alleine sein. Dafür hat­te ich allerdings überhaupt kein Verständnis. Nun, wir konnten uns auf menschliche Art nicht einig werden, und so begannen wir, nach tierischen Regeln Herr der Lage zu werden. Ich hatte Glück und er einen gebrochenen Kiefer. Diese Nacht verbrachten wir beide in dem Waggon, aber keiner konnte auch nur ein Auge zutun, er nicht der Schmerzen und ich nicht seines Jammers wegen. Am nächsten Tag mußte er ins Spital, und das bedeutete für Leute, in einer Lage wie wir es waren Schwierigkeiten, Geldprobleme und manchmal sogar Knast.

Das Gefängnis aber scheute Bob mehr als ein geregeltes Leben. Und so gingen wir, nachdem man ihm den Kiefer wieder einigermaßen hergestellt hatte, als Candyman arbeiten, um die Spital-kosten zu bezahlen. Er verkaufte Eiscreme und Dauerlutscher. Als wir die Summe beisammen hatten, und ich merkte, daß die Sache mit den Dauerlutschern doch nicht so süß war, zog ich weiter. Bob aber blieb in seinem Fach und heute besitzt er vier Wagen, die einen ganzen Bezirk mit Eiscreme und Süßigkeiten versorgen.

 

Patrice war italienischer Abstammung, in den vereinigten Staaten aufgewachsen und als ich sie kennenlernte, schon drei Jahre in Holland sesshaft.

Ich traf sie in irgendeiner Straße, als sie mich fragte, ob ich „Stoff" bei mir hätte. Sie gefiel mir und deshalb log ich sie an und sagte „ja". Sie lud mich ein, zu ihr in die Wohnung zu kommen, aber Freundlichkeit und Hoffnung waren schnell verschwunden, als ich ihr gestand, warum ich ihre Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet hatte. Ihr Wortschatz schien unerschöpflich, aber meine Geduld war unübertrefflich. Ich blieb still und unbewegt, bis sie merkte, dass ihre Demüti­gungen auf mich keinen Eindruck machten. Schließlich ließ sie den Regen ihrer Probleme auf mich niedergehen. Ich wollte ihr helfen und besorgte ihr das, wonach sie verlangte, denn ich wollte sie glücklich sehen. Und diese Nacht war sie glücklich - und ich mit ihr. Aber ich wußte nicht, was es heißt, glücklich zu sein!

Ja, sie alle und hundert mehr, waren mir teuer geworden. Teuer, weil sie das Einzige waren, was ich besaß. Sie waren die Flamme in mir, an der ich mich wärmte und sie waren die Flamme, die mich verzehrte.

Aber was war inzwischen aus mir geworden? Die Legion konnte mir zwar eine Bleibe geben, aber sonst nichts. In mir war noch immer diese große Finsternis, eine Ungewißheit und das Ver­langen nach dem Ende meiner Unruhe

und Unzufriedenheit.

Worin unterschied ich mich eigentlich von den anderen? Als ich begann, das abzuwägen, welche Vorteile und welche Nachteile mein Anderssein mit sich brachte, da fühlte ich mich wertlos. Was ist ein Mensch wert? Kann er an Wert zunehmen und kann er an Wert verlieren? Wie teuer bin ich selbst? Woran oder worin liegt der Wert eines Menschen?

Mein Suchen nach Antworten auf diese Frage wurden fieberhaft. Ich mußte die Lösung finden, denn ich ahnte, daß sich etwas verborgen hielt, was mir bei allen Erlebnissen noch unbekannt war. Dieses Gefühl, das Leben völlig ausgeschöpft zu haben, nur der Gedanke, daß es nichts mehr gibt, was es nicht schon gab, verschwand plötzlich.

Von Zeit zu Zeit wurde mir gewisser, daß sich noch irgendetwas für mich bereithielt, irgendet­was, was ich bisher nicht beachtet oder völlig übersehen hatte.

Da lag es schon für mich bereit, die Antwort auf meine Fragen, die wirkliche Freiheit, die Gewißheit und ein neuer Anfang. Alles stand in einer Person schon hinter mir, und ließ mich auf wunderbare Weise den Kopf wenden! Es war im März dieses Jahres, als ich nach viermonatigem Einsatz in Ostafrika zurück in die Gar­nison auf Korsika kam. Ich hatte zehn Tage Urlaub zur Umgewöhnung des Klimas bekommen. Eines Abends fuhr ich mit zwei Kameraden in die Stadt, um - wie wir uns vornahmen – nach langer Zeit der von uns gern besuchten Bar des Calvi-Hotels einen Besuch abzustatten.

Aber wir wurden enttäuscht, denn die Bar war geschlossen, das Hotel von den Deutschen ge­pachtet und uns, so sagte der Fahrer, wäre der Zutritt nicht gestattet.Das war ein Grund, erst recht hinzugehen.

Es war früh am Nachmittag und außer Brigitte, einer Rezeptionistin, trafen wir niemand an. Sie aber bestätigte, was wir schon bei der Ankunft im Taxi hörten, bis auf eine Abweichung: Anstatt uns den Eintritt zu verbieten, lud sie uns für den Abend ein. Meine Freunde Fred und Paul kamen aus Holland und Sizilien, sprachen aber beide gut Deutsch und wir erinnerten uns an einige Abende, die wir schon mit Touristen verbracht hatten, und so nahmen wir die Einladung an. Wir wußten, daß wir die einzigen Soldaten sein würden, waren da­rüber aber froh, denn wir drei hatten es satt, nur Uniformen zu sehen.

Als wir dann am Abend zurückkamen, war der Saal bereits gefüllt. Ich erinnere mich gut: in der Mitte stand ein bärtiger Mann mit einer Gitarre. Er lachte uns mitten ins Gesicht und sang dabei: „Ich habe Freude in meinem Herzen-" und dann stimmte der ganze Saal ein: „Freude, Freude, Freude, Freude, Freude" und wir konnten nichts anderes mehr empfinden.

Man brachte uns dann Stühle und bescheiden, wie wir es gewohnt waren, wollten wir uns in die letzte Reihe setzen, Aber eine ältere Dame, die mir schon beim Eintreten auffiel, daß sie ihre Freude nicht nur sang, sondern dabei auch noch in die Hände klatschte, wie ich es zuvor nur bei den Tiroler Holzfällerbuben sah, war gar nicht damit einverstanden, daß ich mit meinem Sessel das Weite suchte. Sie packte mich kurzerhand am Arm, so daß ich gezwungen war, den Sessel abzustellen, zog mich auf den Stuhl und drückte mir ein Liederbuch in die Hand. Denn nach der Freude kamen noch die anderen Strophen des Friedens, der Liebe und der Ruhe, so daß ich mich fragen mußte, wie denn dies alles in einem Herzen Platz haben könne.

„Die kommen aber ganz schön schnell in Stimmung", sagte Fred, der Holländer, zu mir, und ich mußte ihm Recht geben. Aber da erst fiel uns auf, daß anstelle der üblichen Wein- und Bierfla­schen Bibeln auf dem Tisch lagen. Nun, wir waren etwas verstört, denn daß dies kein Gottes­dienst war, war uns klar, nur was sollten die Bibeln auf den Tischen?

„Ist nett von Euch, daß Ihr gekommen seid, vielleicht stellt Ihr Euch am besten gleich mal vor!" sagte der Bärtige. Er schien der Wortführer zu sein. Nach gelernter Manier stand ich auf und stellte mich vor. „Ich heiße Kurt und" - da war es passiert, daß ich mich mit meinem richtigen Namen vorstellte und nicht als Karl, wie man mich in der Legion ausgab. Die bringen einen ja ganz schön aus der Fassung!

Jetzt stellten sich auch meine beiden Freunde vor und es war das erste Mal, daß ich nun auch ihre richtigen Namen kennenlernte, obwohl wir schon zwei Jahre beisammen waren! Seltsam, dachte ich. Aber da bekam ich auch schon von der Oma einen kräftigen Stoß in die Seite, weil ich ganz vergessen hatte bei dem Lied mitzusingen, welches der Bärtige inzwischen wieder ange­stimmt hatte. Aber der Ton war einfach zu hoch für mich. So bewegte ich nur meine Lippen und begann dabei zu schwitzen. Hoffentlich merkt Oma nichts davon! Aber sie schmunzelte mich an, zwinkerte mit dem Auge und nickte dabei bedächtig mit dem Kopf — so wie es meine Mutter tat, als ich noch ein kleiner Junge war und mit jemandem über meine neuesten Lausbu­benstreiche sprach.

Jetzt war wieder der Bärtige an der Reihe: „Wir wollen uns nun zum Gebet neigen." Also doch ein Gottesdienst! Fieberhaft versuchte ich mich an die Worte des Vaterunsers zu erinnern, das ich irgendwann einmal in der Schule auswendig gelernt hatte. Jetzt bin ich blamiert, dachte ich, denn zwischen Vater, Himmel und Erde fehlte mir jeder Zusammenhang. Aber dann begannen andere zu sprechen. Was wohl in sie gefahren war? Sie bedankten sich bei irgendjemandem für die Schiffsreise, aber mit wem sprachen sie überhaupt? Ich wagte nicht, meine Augen zu öffnen, obwohl es mich wirklich brennend interessierte. Aber vielleicht, dachte ich, beobachtet mich der Bärtige und dann würde er wissen, daß ich kein Christ bin. Ja, und dann wäre alles dahin. Sie würden mich nicht mehr als einen der Ihrigen betrachten und meine Freude würde so schnell verschwunden sein wie sie kam.

„Gott, wir danken Dir, daß Du diese drei Legionäre zu uns geführt hast, und wir bitten Dich da­rum, daß sie Dich hier erkennen dürfen und zu Dir kommen und Du ihnen ein neues, ewiges Leben schenkst!" Diese Worte kamen aus irgendeiner Ecke und aus wessen Mund sie auch stammten, ich fand sie rührend. Aber das mit dem neuen Leben mußte wohl noch etwas warten, denn mein Vertrag in dieser Armee galt noch bis 1979.

Einer nach dem anderen begann für mich und meine Freunde zu beten.

Sie redeten so einfach und unkompliziert zu Gott, als unterhielten sie sich mit einem ihrer Freun­de. Man könnte meinen, der Herr sitze hier im Saal, vielleicht auf einem freien Stuhl in der Ecke hinten oder er hat den freien Platz des Bärtigen eingenommen. Oder war er in jedem einzelnen selbst zu finden?

Jeder dankte für etwas oder brachte seine Probleme, und die anderen bekräftigten ihre Anteil­nahme durch ein lautes Amen.

Sie baten den Herrn um Vergebung von Dingen, deren ich mich niemals schuldig gefühlt hätte. Und da begann ich, diese Leute zu beneiden. Wie rein und frei mußten sie innerlich sein, um für Dinge zu danken und zu beten, die ich als selbstverständlich ansah. Schon wollte ich auch aus­packen, aber was würde der liebe, gute Gott sagen, wenn ich Ihm so alles hinwerfe? Und was würden die Leute denken? Nein, das ist unmöglich! Und so schwieg ich. Aber in diesem Augen­blick wich die erste Portion Freude von mir und ich fühlte mich nicht mehr so ganz zugehörig.

 

(Fortsetzung folgt)  

Nachtext

Quellenangaben