Zeitschrift-Artikel: Marius Baar: "Das Abendland am Scheideweg"

Zeitschrift: 30 (zur Zeitschrift)
Titel: Marius Baar: "Das Abendland am Scheideweg"
Typ: Buchbesprechung
Autor: M .F Bladt
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 389

Titel

Marius Baar: "Das Abendland am Scheideweg"

Vortext

Text

 

In diesem Buch legt der Verfasser, langjäh­riger Missionar im Taschad,
den Versuch ei­ner Deutung der endgeschichtlichen Prophe­tie" (Untertitel) vor. Da diese Deutung er­heblich von der bisherigen abweicht, scheint eine kurze Stellungnahme angebracht, zumal das Buch Baars auf erhebliche Resonanz stößt (innerhalb von zwei Monaten waren die ersten drei Auflagen vergriffen!)

Baars Sicht der Prophetie unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von der übli­chen Darstellungsweise:


1.         Nicht das wiedererstandene Römische Reich, sondern der Islam ist das „Tier" aus der Offenbarung. „Wir finden in der Bibel keinen Hinweis darauf, daß das frü­here Römische Reich eine prophetische Aufgäbe hätte. Es war und ist ein Fehler, Babylon nach Rom zu verlegen, denn (man beachte die „Begründung"! MFB.) dadurch wird die Erkenntnis getrübt, und wir können den Aufstieg und die wahre Aufgabe des Tieres nicht erken­nen. Die Mittelmeerländer, und auch das vereinigte Europa, werden von den star­ken Kräften des Islam aufgesogen wer­den, aber ohne prophetische Bedeutung bleiben" (S. 203f).

2.     Der Antichrist stammt nicht aus Rom oder Israel, sondern ist der letzte „falsche Prophet" des Islam (S. 186ff).


Lese Interpretationen können m.E. vor den Aussagen der Bibel nicht bestehen.

1. Baar ignoriert völlig die eindeutige Identifikation des Tieres in Offb. 17,9: „Die sieben Köpfe (des Tieres) sind sieben Berge, auf welchen das Weib sitzt." Damit konnten zur Abfassungszeit der Offenbarung nur die sieben Hügel Roms gemeint sein (vgl. Vers 18). Nun, dieses Tier war, ist nicht und wird aus dem Abgrund heraufstei­gen. Der Gedanke einer Renaissance des Rö­mischen Reiches in der Endzeit ist also un­ausweichlich. Wer hier den Islam ins Spiel bringt, nimmt der biblischen Prophetie den geschichtlichen Rückhalt und degradiert sie damit zu einem bloßen Hirngespinst. Zu welch abenteuerlichen Ergebnissen der An­satz Baars führt, sei an seiner Interpretation der vier Tiere von Daniel 7 verdeutlicht, die er mit Hitler, Stalin, Nasser und Khomeini bzw. dessen antichristlichen Nachfolger in Verbindung bringt (S. 197ff).

2
. Gleichwohl könnte der Islam in der Endzeit eine bedeutende Rolle spielen, näm­lich in der Gestalt des „Königs des Nordens" oder des „Assyrers". Dessen besondere Rolle verkennt Baar jedoch völlig. So redet er (S. 195) von dem „Tier aus dem Norden".
Die Verwirrung ist vollständig.

3.
Der „König" in Daniel 11,36-39 wird von Baar zu Recht mit dem „Antichri­sten" identifiziert. Gerade dieser Abschnitt beweist aber eindeutig, daß der „König" ein Jude sein muß (Vers 37: „… und auf den Gott seiner Väter wird er nicht achten"). In die gleiche Richtung weisende Stellen wie Sacharja 11,15-17 oder Johannes 5s43 schei­nen der Aufmerksamkeit Baars entgangen zu sein.
Fassen wir Baars methodischen Ausgangs­punkt genauer ins Auge, kann uns seine phantasievolle Deutung der Prophetie nicht länger verwundern. „Ich habe . . . durch meine jahrelangen Erfahrungen mit dem Islam und dem Evangelium ein intuitives Verständnis für die Entwicklung des aufwachenden Riesen im Nahen Osten und auch für die gegenwärtige allgemeine Entwicklung bekommen" (S. 13). „Diesen Ausführungen liegen etwa 25 Jahre Erfah­rung mit Moslems zugrunde" (ebd.).

Baar projeziert seine durch die Auseinander­setzung mit dem Islam geprägten persönli­chen Erfahrungen in die biblische Prophetie hinein und interpretiert diese im Licht der Zeitereignisse, anstatt letztere anhand der Prophetie zu beurteilen. Die einleitenden Worte des Herausgebers sprechen für sich selbst: „Bisher hat man vieles anders gesehen und die biblischen Aussagen anders interpre­tiert. Doch unter der Beweislast der Zeiter­eignisse kann man sich durchaus den Aus­führungen des Autors anschließen (S. 10).

Der Verlag Hermann Schulte hat seinen zahlreichen wunderlichen Publikationen zur Prophetie mit Baars „Das Abendland am Scheideweg" die Krone aufgesetzt.

 

Daß dieses Buch gleichwohl solch reißen­den Absatz findet, offenbart einmal mehr die geistliche Anspruchslosigkeit der evan­gelikalen Christenheit. Eine ausdrückliche Warnung erübrigt sich im Blick auf das oben Ausgeführte.

Nachtext

Quellenangaben

HSW

Wetzlar 1979