Zeitschrift-Artikel: Christliche Popmusik?

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Titel: Christliche Popmusik?
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
Autor (Anmerkung):

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Titel

Christliche Popmusik?

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Text

Christliche Popmusik? Ein heißes Eisen, zweifellos. Seitdem eine Flut von neuen LPs, Cassetten und Konzerten den christlichen Markt überfluten, ist das Thema „christliche Popmusik" für viele junge Christen aktuell geworden. Seit einigen Jahren gibt es eine Zeitschrift für christliche Popmusik (COGO). Die Festivals der Rock-Gruppen sind jetzt auch in „christlicher" Ausführung zu haben.

In ihrem Stil eng an die „weltlichen" Kol­legen angelehnt, produzieren die Solisten und Gruppen christliche Texte zu typischer Popmusik. Die enge Verknüpfung zwischen dem Stil „weltlicher" Gruppen und dem der „christlichen" Musiker wird in folgendem Auszug aus dem Bericht über ein „Gos­pelfestival" deutlich:

„Festival ‚Made in Germany' am 11.2.78 im Kulturzentrum Herne mit ausschließlich deutscher christlicher Popmusik. Etwa zwei Drittel dessen, was in dieser Szene Rang und Namen hat, trat auf:

Theophiles, Hartmut Nitsch, Salvation, Joy, Wir Leute, Trinitas, Semaja, Arno und An­dreas . . . Joy eröffnete mit solidem Rock, Mischung aus Wishbone Ash und Byrds. - Salvation ebenfalls satt rockig, textlich manchmal etwas ungelenk, aber nette Ausstrahlung. -  Theophiles mit Folk, guten Texten und einem mehrstimmigen Jungengesang, der schwer an Crosby, Stills, Nash and Young oder Beach Boys erinnert…  Wir Leute voll professionell poppig rockig. Semaja, bekannt für härtesten Hardrock und bei Christen schier unerträgliche Lautstärke, wird erstaunlicherweise hier stürmisch gefei­ert. Irre Perfektion bei freier Improvisation und ausgeflipptem Feeling. „Heavy, aber sauber", grinst ein Freak…

Wir Leute beschließt den Abend mit heißer Stimmungsmusik ohne weitere Aussage. Leute high. - Bis auf Schluß ein vorbildliches Festival, auf dem sich begabte, geistliche Leute vorstellten und einander dienten …" (1)

Viele werden hinter diesem Zitat ein großes Fragezeichen machen, vor allem hinter der Einschätzung, daß sich auf diesem Festival geistliche Leute vorgestellt haben. Um es vorweg zu nehmen, in diesem Aufsatz soll gezeigt werden, daß dieses Fragezeichen nur zu berechtigt ist. Wir wollen der Frage nach­gehen, ob die Aussagen der christlichen Bot­schaft überhaupt mit den Aussagen der Pop-Musik zusammenpassen.

Wieso? Hat denn die Popmusik an sich schon eine Aussage? Ist die Musik an sich nicht ausageneutral? Kommt es vielleicht mehr da­rauf an, welchen Text man verwendet?

Nach meinem Dafürhalten ist Musik nicht neutral. Sie hat eine Aussage. Musik ist ein Kommunikationsmittel, d.h. sie übermittelt Mitteilungen, ähnlich wie andere Kunstwer­ke (Bilder, Skulpturen etc.) Mitteilungen der Künstler an ihre Mitmenschen sind.

„Musik ist, wie alle anderen Kunstformen, zugleich das Ergebnis und die Grundlage der Philosophie ihrer Zeit." (2)

Hinter der Musik als künstlerisches Aus­drucksmittel steckt also eine bestimmte Weltanschauung.
Die Komponisten und Lie­
dermacher benutzen die Musik als ihr spe­zielles Medium der Kommunikation.

„Die Ergebnisse ihres Denkens fließen durch ihre Finger oder über ihre Zunge in die äuße­re Welt." (3)

Die Musik Johann Sebastian Bachs zum Bei­spiel war von dem Denken der Reformation geprägt. In der Reformation war die Tatsa­che der Erlösung durch den Herrn Jesus und die Möglichkeit des Friedens, der Harmonie in der Verbindung mit Gott wieder neu deut­lich geworden. Diese Merkmale geistlicher Erkenntnis finden ihren Niederschlag in Bachs Musik.

Francis Schaeffer schreibt über den Zusam­menhang zwischen Weltanschauung und Komposition :

„Bach versuchte bewußt, sowohl die Form als auch die Worte seiner Musik zu biblischer Wahrheit in Beziehung zu setzen. Aus dem biblischen Zusammenhang erwuchs eine rei­ne Kombination von Musik und Worten, eine Vielfalt in einer umfassenden Einheit. Das beruhte auf der Tatsache, daß die Bibel das

Allgemeine und das Besondere vereint, wo­durch das Besondere seinen Sinn erhält. Mu­sikalisch ausgedrückt, kann es endlose Viel­falt ohne Chaos geben. Es gibt Vielfalt mit Auflösung, Vielfalt in Harmonie." (4)

Auch die Popmusik ist vor dem Hintergrund einer ganz bestimmten Philosophie entstan­den. Wir wollen uns diesen weltanschauli­chen Hintergrund einmal näher ansehen.

Pop-Musik ist die Abkürzung für „populä­re Musik". Im Laufe ihrer Entwicklung hat sie viele Anleihen gemacht bei anderen Mu­sikrichtungen. So ist sie z.B. sehr beeinflußt worden von der Blues-Musik, einer weltli­chen Richtung (im Gegensatz zu den christ­lichen Gospelsongs) der amerikanischen Ne­germusik, die ihrerseits wieder zurückgeht auf heidnische Musik-Kulte der Negerkultu­ren in Afrika. In den heidnischen Religionen in Afrika spielen monotone Rhythmen eine wichtige Rolle; sie bringen die Kultteilneh­mer in Ekstase und schaffen so die Basis für die Kontaktaufnahme mit der dämonischen Welt. Diese okkulte Wurzel der Rock-Musik kommt im Laufe der modernen Entwicklung ganz offensichtlich zum Tragen. Davon wird noch die Rede sein. Wenn wir den weltanschaulichen Hinter­grund der Popmusik untersuchen wollen, werden wir uns näher mit der sogenannten Gegenkultur beschäftigen müssen, denn die Rock-Musik ist ein Produkt der Gegenkul­tur.
Der Begriff „Gegenkultur" bezeichnet ver­schiedene Strömungen in der westlichen Welt, die hauptsächlich von Jugendlichen ge­tragen wurden und werden, und die als ge­meinsames Merkmal die Protesthaltung, die vorherrschenden Werte und Normen der westlichen Gesellschaft haben.
Die ersten Ideologien der Gegenkultur ent­standen nach dem 2. Weltkrieg. Die soge­nannten „Beatniks" waren zunächst zum größten Teil Studenten mit Kriegserfahrun­gen. Unter dem Eindruck der Grausamkeit des Krieges, der in den Atombombenabwür­fen auf Hiroshima und Nagasaki seinen Hö­hepunkt fand, machte sich in ihnen eine tie­fe Skepsis gegen die tragenden gesellschaftli­chen Werte breit.
Ihre Skepsis äußerte sich in der „grossen Weigerung" (5). Sie weigerten sich, nach den gesellschaftlichen Normen zu leben, verwei­gerten die geforderten Leistungen, stiegen zum Teil aus dem beruflichen Leben aus, verachteten die für die herrschenden gesell­schaftlichen Gruppen (Establishment) so wichtigen Werte wie Wohlstand, Leistung und soziales Prestige.

Diese Lebenshaltung der Beatniks wurde zur tragenden Idee der späteren Hippie-Bewe­gung. „Das Wort ,beat¸ bedeutet ursprüng­lich arm, heruntergekommen, herumlungern, übernachten in den Straßenunterführungen." (6)

Die Weigerung der Gegenkultur bezog sich natürlich nicht nur auf die zivilisierten Le­bensformen der westlichen Welt. Die Bewe­gung war und ist verbunden mit einer ethi­schen Revolution. Alle bisher anerkannten ethischen Werte, im wesentlichen geprägt durch das Christentum, wurden über Bord geworfen.

Die neue Lebensphilosophie der Gegenkul­tur läßt sich in dem Grundsatz zusammen­fassen, den der Okkultist Alester Crowley bereits 1904 formulierte: „Do what thou wilt shall be the whole law." (Tue was du willst, das ist das einzige Gesetz) (7). 

Norman Mailer, einer der prägenden Au­toren der Gegenkultur, hat diesen Grundsatz so ausgedrückt: „ Wenn es das Schicksal des Menschen des 20. Jahrhunderts ist, von der Jugend bis zum frühzeitigen Greisentum mit dem Tod zu leben, dann heißt leben, die Be­dingungen des Todes zu akzeptieren, mit dem Tod als unmittelbare Gewalt zu leben, sich selbst von der Gesellschaft zu trennen, ohne Wurzel zu existieren und sich auf eine ungeplante Reise in den rebellischen Impera­tiv seines Selbst zu begeben." (8)

Dieser Grundsatz — nach dem Imperativ (Befehl) seines Selbst zu leben, das will mei­nen, nach dem, was man selbst für gut und richtig hält — ist die erklärte Lebenshaltung vieler Pop-Stars, die als Teil der Gegenkultur zu begreifen sind.

„Janis Joplin (1943-1970) hielt sich stets an die Devise eines ihrer Songs: „Get It While You Can" (Nimm, solange du was kriegen kannst), oder mit ihren eigenen Worten: „Berausche dich, sei fröhlich und fühl dich wohl". Ihr Leben war eine überspannte Jagd zwischen Bühne, Bett und Bourbon- Whisky, den sie zeitweise bis zu einem Liter täglich konsumierte. Sie war die Verkörperung der Beatnik-Philosophie „Live fast, love hard, die young" (Lebe intensiv, liebe heftig, stirb jung)." (9)

Janis Joplin ist hier nur als Beispiel genannt. Wer sich mit den Texten und Äußerungen von prägenden Pop-Musikern wie die Beatles, Rolling-Stones, Jimmy Hendrix etc. beschäf­tigt hat weiß, daß ihre Wertorientierung ge­nau in der gleichen Richtung liegt.

Es wäre einfach naiv zu behaupten, daß ihre Musik nichts mit ihrer Lebenshaltung zu tun hätte. Im Gegenteil: Die ganze Bewe­gung fußt auf dem Lustprinzip ; und die Mu­sik dient dazu, die Triebe zu stimulieren, Hemmungen abzubauen und die Basis für die Verwirklichung ihrer Philosophie zu schaf­fen. Die Musik ist der künstlerische Aus­druck ihrer Weltanschauung.

Am Anfang der Bewegung stand die Ver­zweiflung an der Gesellschaft. Die Welt stellt sich für die Ideologen der Rock-Kultur als chaotisch dar; dementsprechend wird ihre Musik geprägt von Dissonanzen und Dishar­monien. Nach rationalen Kriterien ist das Leben für sie sinnlos, deswegen suchen sie Erlebnisse im Irrationalen, in „Tribs"; und die Stimulanz für diese „Tribs" liefert die Rock-Musik. Vor dem Hintergrund dieser Realitätsflucht ist auch gut zu verstehen, weshalb in der weiteren Entwicklung der Gegenkultur die Drogen und mehr und mehr auch der Okkultismus eine wichtige Rolle spielen.

Es würde hier zu weit gehen, auf die Ver­knüpfung zwischen Drogenerfahrungen, Ok­kultismus und Rockmusik ausführlich einzu­gehen. Als einen Beleg für den enormen Ein­fluß des Okkultismus auf die Rockmusik zi­tiere ich Jimmy Page, den Leadgitarristen von der Gruppe „Led Zeppelin":

„Ein Rock-Konzert ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Ritual, bei dem psychische Kraft freigesetzt und umgesetzt wird. Kon­zerte von ,Led Zeppelin' beruhen im wesent­lichen auf Lautstärke, Wiederholung und Rhythmus. Sie haben viel Ähnlichkeit mit der Trance-Musik Marokkos, die in ihrem Ur­sprung und Zweck magischen Charakters ist. Die Pan flöten-Spieler von Joujouka sind zu­gleich Zauberer, die üble Dämonen austrei­ben. Aber schließlich ist jede Kunst -­Musik, Malerei oder Literatur — ursprünglich Beschwörung und Magie, und jegliche Magie wird dazu benutzt, bestimmte Ziele zu errei­chen. Im Led Zeppelin-Konzert ist das Ziel Energie bei den Spielern und beim Publi­kum. Um das zu erlangen, muß man die Quellen magischer Kraft anzapfen, so gefähr­lich das auch sein mag." (10)

In dieser kurzen Beschreibung der Funda­mente der Rock-Bewegung ist sicherlich deutlich geworden, daß die Weltanschauung dieser Bewegung absolut unvereinbar ist mit der Einstellung eines Christen. Die charakte­ristischen Merkmale der Bewegung erinnern stark an die Beschreibung, die die Bibel von den Menschen in den letzten Tagen gibt:

„Dieses aber wisse, daß in den letzten Tagen schwere Zeiten da sein werden; denn die Menschen werden eigenliebig sein, geldlie­bend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, heillos, ohne natürliche Liebe, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht lie­bend, Verräter, verwegen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott. .."

(2. Tim. 2,1-4).

Deshalb ist für mich der Versuch vollkom­men unverständlich, diese Musik, die Aus­druck einer antichristlichen Weltanschauung ist, mit der christlichen Botschaft verknüp­fen zu wollen.

Zusammenfassend möchte ich einige The­sen zum Verhältnis von Christentum und Rock-Musik formulieren:

In der Bibel heißt es: „Seid nüchtern, wachet; euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge" (1 .Petr .5 ,8) . Die Rock-Musik ist alles andere als nüchtern. Sie zielt darauf ab, in eine ,High-Stimmung¸ zu ver­setzen.

Der Herr sagt: "Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanft­mütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen" (Mt. 11,29). In

der Rock-Bewegung ist von Demut nichts zu spüren. Nach der „christlichen" Pop-Zeit­schrift COGO zu urteilen, steht auch in der „christlichen" Pop-Szene nicht der Herr Jesus, sondern die Musiker im Mittelpunkt. (Sh. dazu auch das einleitende Zitat über das Festival.)

In der Bibel steht: „Habet nun getötet eure Glieder, die auf der Erde sind: Hurerei, Un­reinigkeit, Leidenschaft, böse Lust und Hab­sucht, welche Götzendienst ist, um welcher Dinge willen der Zorn Gottes kommt über die Söhne des Ungehorsams" (Ko1.3,5.6).

Die Rock-Philosophie lehrt genau das Gegen­teil, und die Rock-Musik ist darauf konzipiert worden, alle Gewissensbarrieren abzubauen und diese Leidenschaften zu stimulieren.

Paulus schreibt: „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort" (Röm. 10,17). Rock-Musik lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf den Text, sondern auf den Rhythmus und die Instrumentalmusik.
In der Bibel heißt es: „Fliehet den Göt­zendienst" (1. Kor. 10,14). Die Rock-Musik, und damit auch die „christliche", ist beein­flußt vom Okkultismus, also vom Götzen­dienst.
Die christliche Botschaft und die Botschaft der Rock-Musik widersprechen einander. Darum kann es auch keine christliche Rock-Musik geben, zu der der Herr sich bekennen könnte.

Sicherlich sind trotz dieser Ausführungen viele Fragen zu dem Thema offengeblieben, wahrscheinlich auch neue entstanden. Manch einer hat vielleicht in einigen Punkten eine andere Meinung. Deswegen wäre es interes­sant, wenn weitere Stellungnahmen zu die­sem Thema in den nächsten „Fest und Treu"-Ausgaben veröffentlicht werden kön­nen.

Nachtext

Quellenangaben

ANMERKUNGEN:

1)    Andreas Malessa: Gospelfestival Made in Ger­many. In COGO Nr. 13, März-April 1978, S.17

2)    Hal Lindsay: Sind wir die letzte Generation? Wetzlar 1976, zitiert in: Ernst Trachsel-Pauli, Geistliche Musik. Frutingen 1977, S. 104

3)    Francis Schaeffer: Wie können wir denn leben? Neuhausen-Stuttgart 1977, S. 11

4)    Francis Schaeffer. op. cit., S.

5)    Os Guinness: Asche des Abendlandes. Neuhausen-Stuttgart 1976, S. 79 ff.

6)    Jack Kerouac, zitiert in Guinness, op. cit., S. 82

7)    Alester Crowley: Book o'f the Law. zitiert in: Siegfried Schmidt-Joos: Alester Crowley, Ken­neth Anger und die Folgen.

     Rock Session 1, Reinbeck b. Hbg.1977,S.1 1

8)    Norman Mailer:The White Negro.San Francisco zitiert in Os Guiness, op. cit., S. 81

9)    Rock-Lexikon, Hamburg 1978, S. 197, zit. in: Walter Kohli: Popmusik und christliche Lebens­haltung. Genf, Zürich, Basel 1979,                           S. 15

 

10)  Jimmy Page im Gespräch mit dem Schriftsteller William Burroughs („Naked Lunch") Craw­daddy 6/1975. zit. in: Siegfried Schmidt-Joos, op. cit., S. 10