Zeitschrift-Artikel: Elihu — Vorbild eines Dieners

Zeitschrift: 33 (zur Zeitschrift)
Titel: Elihu — Vorbild eines Dieners
Typ: Artikel
Autor: J. Ph. Fijnvandraat
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 306

Titel

Elihu — Vorbild eines Dieners

Vortext

Text

Fünf Menschen spielen im Buch Hiob eine Rolle. Unter ihnen nimmt Elihu einen ganz besonderen Platz ein. In einigen Fortsetzungsartikeln möch­ten wir ihn näher beleuchten. Durch die Beschrei­bung seines Auftretens gibt uns der Heilige Geist eine Lektion von großer praktischer Bedeutung.

I. Gott möchte junge Menschen gebrauchen!

Mindestens drei der fünf Freunde waren bejahr­te Männer. Wahrscheinlich gilt das auch für Hiob. Aber aus Hiob 32,6 geht hervor, daß Elihu noch jung war. Durch die ganze Bibel hindurch fin­den wir Beweise, daß Gott sich gerne junger Men­schen bedienen möchte, um besondere Dienste zu verrichten. Aber zugleich sehen wir auch, daß Gott dies mit Umsicht tut.

David, die zwölf Apostel usw. waren junge Men­schen - aber sie kamen nicht unvorbereitet zu ihrer Aufgabe. Es waren Menschen, die ungeach­tet ihrer kurzen Lebenszeit in einer Schule gewe­sen waren - aber nicht in einer Schule von Men­schen, sondern in der Schule Gottes!

1. Andere hatten versagt.

Drei Freunde hatten versucht, den "Fall Hiob" zu analysieren und zu erklären. Jeder der drei tat das auf seine eigene Weise.

a.   Eliphas - Repräsentant der mystischen Erfahrung

Dieser Mann glaubte, genug Autorität zu ha­ben, den Fall Hiob beurteilen zu können. Er berief sich dabei auf seine mystischen Erfahrun­gen (in Kap. 4, 12-16) und auf seine Erfahrun­gen im allgemeinen (Vergleiche Kap. 4,8; 5,3 usw.). Mystische Lehrer sind bei all ihren be­wegten Erzählungen ebenso häufig selbstbe­wußt wie herzlos. Triumphierend endet Eli­phas: "Siehe, dieses, wir haben es erforscht, so ist es; höre es, und du, merke es dir!" (5,27)

Aber Hiob rechnete mit ihm ab: "Ich habe die Worte des Heiligen nicht verleugnet."

"Dem Verzagten gebührt Milde von seinem
Freunde, sonst wird er die Furcht des Allmäch?
tigen verlassen." (Vergleiche 6,10 und 14).

b.   Bildad - Repräsentant frommer Tradition

Er beruft sich auf seine Kenntnis der Weis?
heit der Vorfahren. (Vergleiche Kap. 8,8).

Die Tradition wird weitergegeben in allerlei Aus­sprüchen und Reden, die von Bildad in seiner Beweisführung eifrig zitiert werden. (Verglei­che z. B. Kap. 8,11 und Kap. 8,14 und 20).

Aber Hiob kennt diese Tradition ebenso gut wie Bildad und setzt auf machtvolle Weise ei­ne Erwiderung dagegen. (Siehe Kap. 9,2 und 13,2). In seiner Antwort an Bildad rechnet Hiob auch vollständig ab mit der mystischen Erfahrung von Eliphas (Kap. 9,11). Auch Hiob kann solche Aussprüche zitieren wie in Kap. 9,12: "Wer will ihm wehren? Wer zu ihm sa­gen: Was tust du?"

c.Zophar Repräsentant der Weisheit

Zophar beruft sich darauf, die Weisheit Got­tes zu kennen (Kap. 11,6) und setzt voraus, daß Hiob ein Schwätzer ist (Kap. 11,2), der Worte hervorbringt ohne Verstand und darum von Gott gezüchtigt wird. Aber Hiob beant­wortet seine zynischen Schlußfolgerungen mit humorvollem Sarkarsmus: "Fürwahr, ihr seid die Leute, und mit euch wird die Weisheit aus­sterben!" (Kap. 12,2)

Messerscharf ruft Hiob seinen Freunden zu:
"Aber frage doch das Vieh, und es wird's lehren: und das Gevögel des Himmels, und es wird's dir kundtun . . . "
"Bei Greisen ist Weis­
heit und Einsicht bei hohem Alter? Bei ihm ist Weisheit und Macht, sein ist Rat und Ein­sicht." (Kap. 12,7 und 12,13)

d. Die Ursache des Versagens der drei Freunde

Es würde verkehrt sein zu behaupten, daß die drei Freunde keine weisen Worte gesprochen haben. Im Gegenteil - Männer, die es fertig bringen, eine Woche lang zu schweigen, bevor sie anfangen zu reden, sind bestimmt keine Narren! (Vergleiche Kap. 2,13).

Die Frage ist auch nicht, ob die drei Freunde keine wahren Worte gesprochen haben. Ihre Worte verdienen alle Aufmerksamkeit und ha­ben sogar oft prophetische Bedeutung! Aber es ist doch die Frage ob sie die Wahrheit und Weisheit, die sie besaßen, verkehrt angewen­det haben. Sie haben keinen Unterschied ge­macht zwischen der offenbaren Regierung Got­tes und der verborgenen Vorsehung Gottes. Sie haben Grundsätze, die für eine Zeit der offenbaren Regierung Gottes gelten, auf ei­nen Mann angewendet, der in einer Zeit der verborgenen Vorsehung lebte. Für die Zeit der offenbaren Regierung Gottes gilt z. B. das Wort: "Ich habe niemals einen Gerechten gese­hen, der nach Brot sucht." Aber in Zeiten der verborgenen Vorsehung Gottes gibt es viele Gerechte, die Hunger leiden müssen. In einer Zeit der offenbaren Regierung Gottes gab es Gläubige, "die durch Glauben Königrei­che bezwangen", und in einer Zeit der ver­borgenen Vorsehung Gottes gab es Gläubige, die aufgrund desselben Glaubens sich haben foltern lassen und keine Befreiung annah­men. (Vergleiche Hebr. 11,33 und 35, und achte dabei auf das Wort "andere"). Wir le­ben jetzt in einer Zeit der verborgenen Vor­sehung Gottes. Das ist der Grund, warum z.B. bestimmte Stellen aus dem Buch der Sprüche in unserer Zeit nicht direkt anwendbar sind. Die Sprüche behandeln nämlich einen Zustand unter der offenbaren Regierung Gottes. Wie aus Psalm 73 hervorgeht, machte auch der Psalmdichter Asaph anfänglich diesen Unter­schied nicht und kam dadurch in eine Glau­benskrise.

Weil sie diese Sache nicht unterschieden, konnten die drei Freunde auch in ihren zwei­ten und dritten Reden Hiobs Angelegenheit nicht auf geeignete Weise beantworten. Mei­sterhaft zeigt Hiob ihnen ihre Machtlosigkeit.

2. Erst danach wird Elihu von Gott gerufen.

Nach dieser Machtentfaltung des menschlichen Geistes, wobei nacheinander die Mystik und Erfahrung, die Tradition und die Frömmig­keit, die Weisheit und die Einsicht zu versagen scheinen - auch wenn es sich um bejahrte Män­ner handelte - kommt jetzt der geeignete Au­genblick für Elihus Auftreten.

Aus Kap. 42,7 geht deutlich hervor, daß Gott die Worte der drei Älteren tadelt, die von Eli­hu jedoch nicht. Wir wollen daher Elihus Auf­treten besonders behandeln.

a.   Zu einer schweren Aufgabe gerufen!

Elihu wurde als junger Mann zu einer beson­ders schweren Aufgabe gerufen. Er sah sich nicht nur einer Anzahl alter und erfahrener Männer gegenüber, die große Fähigkeiten be­saßen — sondern er mußte auch zu einem be­sonders schwer geprüften Mann sprechen. Je­der, der schon einmal ein Sterbehaus besuchen mußte, um Trauernde zu trösten, während er selbst noch niemals den Verlust eines direk­ten Familienmitliedes erfahren hat, kann sich Elihus Gefühle vielleicht etwas vorstellen. Oder jemand, der an dem Krankenlager eines schwer Geprüften saß, während er selbst noch jung und gesund war, weiß vielleicht, wie ohnmäch­tig man sich dabei fühlen kann.

Jemand, der in seinem Leben Erfolg kennt und dann zu tun bekommt mit Menschen, de­nen nach einem Leben harter Arbeit alles "unter den Händen zusammen gebrochen ist" — weiß wohl etwas von dem Gefühl: "Ich ha­be gut reden." Aber — mit diesen drei Situa­tionen gleichzeitig hatte Elihu es zu tun!

b.   Berufen, damit Gott zu seiner Ehre kommen sollte

Es ist natürlich, daß junge Menschen, die noch ein Leben vor sich haben, strebsam sind. Wenn wir jung sind, haben wir einen Drang nach Selbstverwirklichung, ein Verlangen, uns selbst und die von uns erworbenen Fähigkeiten ein­zusetzen. An sich ist dieser Drang nicht ver­kehrt. Gott gibt uns Fähigkeiten, damit wir sie entwickeln sollen. Aber mit jedem Segen ist auch immer eine Gefahr verbunden. Das gilt auch für die Fähigkeiten, die wir von Gott empfangen haben.

Der Drang zur Entfaltung unserer Fähigkeiten
ist nicht verkehrt, aber es stellt sich die Frage,

welche Motive dabei wirksam sind. Es ist rich­tig, daß die Fähigkeiten, die wir vom Schöpfer bekommen haben, mitbestimmen, wozu Gott uns berufen will. Aber Gott beruft uns nie zur Selbstverwirklichung, damit wir nach Selbstverherrlichung und nach eigener Ehre streben.

Es ist auffallend, daß Gott wohl die Reden der drei Freunde Hiobs öffentlich tadelt, aber mit keinem Wort auf die Bedeutung der Ausführungen Elihus eingeht. Öffentli­ches Lob vor den Ohren anderer sind sowie­so meistens zum Schaden für Menschen, be­sonders für jüngere aber selbst auch dann, wenn sie alt sind.

Einer meiner Bekannten stellte sich selbst ein­mal einem altem Bruder im Ausland vor und nannte dabei seinen Namen und das Land sei­ner Herkunft. Der alte Bruder nahm das offensichtlich zur Kenntnis und beantwortete die Begrüßung mit einem Händedruck, ohne sich die Mühe zu machen, auch seinen eigenen Namen zu nennen. Auf die Frage hin, wer er

eigentlich sei, reagierte der alte Bruder: "Wis­sen Sie nicht, wer ich bin? Ich bin der bekann­teste Bruder aus…" (Es folgte das Land seiner Herkunft). Dieses hochmütige Selbst­bewußtsein war entstanden durch öffentliches Lob seiner Brüder aus dem Land seiner Her­kunft. Oft pflegt man solche Lobbezeugun­gen, weil man glaubt, den Einfluß oder das Ansehen einer Person zum eigenen Vorteil nu-nutzen zu können!

Wer von Gott für eine Aufgabe berufen wird, darf nach vollbrachter Aufgabe nicht damit rechnen, daß er von Gott ein öffentliches Lob bekommt. "Er weiß, was für Geschöpfe wir sind." In Bezug auf Elihu hat Gott offensicht­lich im Buch Hiob ebenso gehandelt, und zwar nach dem Grundsatz, den wir z.B. umschrei­ben können mit: "Guter Wein braucht kein Lob."

(Dieser Artikel wird fortgesetzt)

 

Aus ¸bode von het heil in Christus' aus dem Niederländischen übersetzt.

Nachtext

Quellenangaben