Zeitschrift-Artikel: Leben mit

Zeitschrift: 120 (zur Zeitschrift)
Titel: Leben mit
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Leben mit

Vortext

Text

Leben mit »leichtem Gepäck«


»Und ihr, seid Menschen gleich, die auf ihren Herrn warten ...«
»Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr zögert sein
Kommen hinaus, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen
und zu essen und zu trinken und sich zu berauschen ...«
Lukas 12,36.45


Die freudige Erwartung der Wiederkunft des Herrn sollte die Sehnsucht und Lebenshaltung
eines jeden Jüngers Jesu sein – zu jeder Zeit und in jeder Situation. Das
macht der Herr in Lukas 12 und auch an anderen Stellen unmissverständlich
deutlich.
So lebten die ersten Christen. So grüßte Paulus die Korinther: „Maranatha“ („der Herr
kommt“, oder „der Herr komme“, 1Kor 15,22). Und mit den Worten „Ja, ich komme
bald. – Amen; komm, Herr Jesus!“ endet das Neue Testament.
Diese lebendige Nah-Erwartung hatte und hat sehr praktische Konsequenzen für
die Christen in allen Jahrhunderten. Der Lebensstil der Gläubigen macht deutlich,
dass sich diese Erwartung nicht in erster Linie in gefühlvollen Liedern und mehr
oder weniger dicken frommen Büchern im Bücherschrank ausdrückt. Nein, der
Blick auf den wiederkommenden Herrn relativiert den Wert aller vergänglichen,
irdischen Besitztümer. Man lebt mit „leichtem Gepäck“ und man verzichtet wie ein
Wettkämpfer auf jeden unnötigen Ballast, um das Ziel unbeschadet und so schnell
wie möglich zu erreichen. Wenn aber die Christen in ihren Herzen und irgendwann auch in ihrem Leben und in der Literatur diese Nah-Erwartung aufgeben, ändert sich meist auch ihre Lebenshaltung: Materialismus, Herrschsucht, Machtmissbrauch gewinnen mehr und mehr Raum. Oder, mit den Worten unseres Herrn: man fängt an, seine „Mitknechte“ zu schlagen, zu essen, zu trinken und sich zu berauschen. Auch das kann man bei sich selbst und in der Kirchgeschichte beobachten. Man denke an die Konstantinische Wende, an das finstere Mittelalter, an die tote protestantische Orthodoxie nach der Reformation und an den gegenwärtigen Zustand von uns Evangelikalen – zumindest in der westlichen Welt. In den 50er und 60er Jahren der Nachkriegszeit, als halb Europa noch in Trümmern lag, da schrieb und sang man neue Lieder von der baldigen Wiederkunft Jesu. Die Janz-Brüder, Anton Schulte, Werner Heukelbach, Wim Malgo und zeitweise Billy Graham predigten über dieses Thema. Solisten und Chöre besangen die Wiederkunft Jesu und die Zuhörer waren zu Tränen gerührt. Bestseller wie z.B. „Alter Planet Erde – wohin?“, „Die Wiederkunft Christi“ und ähnliche machten die Runde. Heute, nach Jahren wachsenden Wohlstandes, kann man sie schon antiquarisch für ein paar Cent erwerben. Damals garantierten Vortagsreihen über die Wiederkunft Jesu volle Säle. Ein neuer Evangelisations-Eifer flammte auf, um „Seelen vom Grabesrand“ zu retten.

»Ja, damals ...«

Unter diesem Titel oder mit „Die schönsten Lieder von damals“ werden mit neuen CDs nostalgische Gefühle bei der älteren Generation geweckt, was von den meisten Jugendlichen nur mit Unverständnis wahrgenommen wird. Denn der Lebensalltag vieler Gemeinden ist nicht von der freudigen Erwartung der Wiederkunft Jesu geprägt, sondern von Machtkämpfen, verletzten Eitelkeiten, Streit um Nebensächlichkeiten und leider allzu oft auch wegen nur materieller Dinge. Fast scheint es eine Faustregel zu werden, dass nach der Einweihung eines neuen, prächtigen Gemeindehauses oder Gemeindezentrums geistliche Kraftlosigkeit, Streit und oft die anschließende Trennung vorprogrammiert sind. Ab und zu dringt durch, dass sich Brüder in „Brüderrats-Sitzungen“ buchstäblich an die Kehle gehen, woraufhin aufgebrachte ungläubige Nachbarn bitten, man möge doch bitte bei diesen Streitigkeiten die Fenster der Gemeinderäume schließen, damit die unbeteiligten Nachbarn ihren Feierabend ungestört verbringen können. Aber auch das Gegenteil kann man beobachten: Man lebt „friedlich“ in der Gemeinde nebeneinander, man isst und trinkt, man feiert und lässt es sich gut gehen anstatt für Wahrheiten zu streiten, weil man keine biblischen Überzeugungen mehr hat, die es zu verteidigen gilt. Gott schenke uns allen im neuen Jahr eine neue Justierung auf das Wiederkommen Jesu, damit wir „Menschen gleichen, die auf ihren Herrn warten“ und die auch im Alltagsleben an dieser Herzenshaltung zu erkennen sind.

 

Nachtext

Quellenangaben