Zeitschrift-Artikel: Der Schmerz der Nachfolge

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Titel: Der Schmerz der Nachfolge
Typ: Artikel
Autor: Carsten Görsch
Autor (Anmerkung):

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Titel

Der Schmerz der Nachfolge

Vortext

Text

Und die Kühe gingen geradeaus auf dem Wege nach Beth-Semes; auf einer Straße gingen sie, im Gehen brüllend, und wichen nicht zur Rechten noch zur Linken …“ (1Sam 6,12)

 

Die heiligsten Kühe aller Zeiten

Nie hat es heiligere Kühe gegeben als die der Philister. Wir lesen von ihnen in 1.Samuel 6, 10–16. Sie zogen den Wagen Gottes – denn auf diesem neuen Wagen stand die Lade des Bundes, Sinnbild der Gegenwart Gottes in seinem Volk. Sie brachten die Lade des Bundes von Philistäa zurück nach Israel – und wurden dabei von einer unsichtbaren Hand gezogen. Denn ihre Kälber hatte man in die Ställe der Philister zurückgebracht. Insofern taten sie etwas völlig Unnatürliches, ja Paradoxes. Der unsichtbare Gott hatte seinen Finger in ihre Nasenringe gelegt. Er brachte sie dazu, etwas Widernatürliches zu tun. Danach wurden ihre Leiber als Brandopfer für Gott verbrannt. Nie vorher und nachher hat es heiligere Kühe gegeben, als die der Philister. Sie zogen den Wagen Gottes. Sie trugen die Last des Allmächtigen. Hierin sind sie ein Vorbild für uns. An ihnen lernen wir etwas über den Schmerz der Nachfolge:

1.    Das Paradox der Nachfolge

2.    Der Schmerz der Nachfolge

3.    Die Geradlinigkeit der Nachfolge

Das Paradox der Nachfolge

„Und die Kühe gingen geradeaus auf dem Wege nach Beth-Semes; auf einer Straße gingen sie …“ (1Sam 6,12). Die Kühe der Philister taten damit etwas Ungewöhnliches. Sie gingen den Weg von Ekron nach Beth-Semes. Zwölf Kilometer vom Norden der Philister-Ebene in den Norden Judas. Sie folgten nicht ihrem natürlichen Trieb, sondern wurden von einer übernatürlichen Kraft getrieben. Der Gott Israels hatte seinen unsichtbaren Finger in den Nasenring der Philister-Rinder gelegt und zog sie.

Dr. Bob Cook hat den jungen Christen, die Einsätze für „Jugend für Christus“ durchführten, einen Satz eingebläut: „Wenn ihr erklären könnt, was geschieht, dann hat Gott es nicht getan.“ Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Gott am ehesten in den unerklärbaren Dingen des Lebens gesehen wird. Dort, wo ein Mensch nicht das tut, was man von ihm erwarten würde, dort ist Gott am Werk.

Das beste Beispiel hierfür ist vielleicht Abram. Er verließ die Sicherheiten seiner Heimatstadt Ur in Chaldäa (1Mo 11,31) um in die Unsicherheit eines unbekannten Landes aufzubrechen. Warum tat er das? Die Antwort finden wir in 1.Mose 12,1. Gott hatte zu ihm gesprochen und ihn zum Aufbruch aufgefordert. Abram war nicht anders als die anderen in Chaldäa. Doch an ihn erging der unwiderstehliche Ruf eines Unwiderstehlichen.

Als ich 1999 in Italien ankam, begrüßte mich ein Kollege mit der seltsamen Frage: „Also gibt es keine Arbeit mehr für Dich in Deutschland, Carsten?“ Er konnte sich nicht erklären, wie man einen hohen Lebensstandard, wie den in Deutschland, ohne Weiteres gegen den einer anderen Realität eintauschen konnte. Aber er wusste ja auch nicht, dass ich nicht aus beruflichen, sondern aus geistlichen Gründen nach Italien gekommen war.

Gott lässt seine Diener paradoxe Dinge tun. Wer hat jemals für seine Peiniger um Gnade gebeten, wie Jesus es tat? Er bat um Vergebung für diejenigen, die ihn gerade zu Tode folterten! (Lk 23,34). Oder wer hätte je seine Karriere als Theologieprofessor in Israel geopfert, um einigen dekadenten Heiden in Europa von der Herrlichkeit des Gottes Israels zu erzählen? Paulus tat es. (Phil 3,8). Welcher anständige Prophet Israels hätte jemals eine Prostituierte geheiratet? Hosea tat es auf das Geheiß Gottes (Hos 1,2–3).

 

Der Gott Israels hatte seinen  unsichtbaren Finger in den Nasenring  der Philister-Rinder gelegt und zog sie.

Charles Studd (1860 – 1924) verschenkte im Alter von 25 Jahren (1885) ein väterliches Erbe von umgerechnet 3,5 Mio. Euro u.a. an die Evangelisten Dwight L. Moody, Georg Müller, Dr. Barnardo und William Booth. Danach ging er mit seiner Frau zunächst nach Indien, dann nach China. Im Jahre 1913 ließ er seine Frau Priscilla in England zurück, um Zentralafrika zu missionieren. Er sah sie 1928 (also nach 15 Jahren), ein Jahr vor seinem Tod noch einmal in Afrika. Sein Verhalten war paradox und unlogisch, aber seine Wirkung nachhaltig.
Christen tun ungewöhnliche Dinge. Sie lieben ihre Feinde. Sie tun denjenigen Gutes, die sie hassen. Sie geben Sicherheiten auf, um in Unsicherheiten zu leben. Ihre einzige wirkliche Sicherheit ist Jesus selbst. Sie schwimmen gegen den Strom. Ihr Verhalten hebt sich gegen das Verhalten der Mehrheit in der Gesellschaft ab. Eine unsichtbare treibende Kraft wirkt den natürlichen

Trieben in ihnen entgegen. Ein unsichtbarer Gott hat den Finger in die Nase seiner „heiligen Kühe“ gelegt.

Der Schmerz der Nachfolge

„Und die Kühe gingen …, im Gehen brüllend.“ (1Sam 6,12). Warum brüllten die Kühe? Ihre Euter waren prallvoll von Milch. Die Haut spannte, vielleicht hatten sich sogar die Zitzen schon entzündet.

Außerdem zog sie der Mutterinstinkt mit Macht zurück zu den Kälbern im Stall, während die unsichtbare Hand Gottes in ihrem Nasenring sie in die entgegengesetzte Richtung nach Beth-Semes zog. Die Kühe der Philister brüllten im Schmerz der Zerrissenheit.

Diener(innen) Gottes sind oft zerrissene Menschen. Zum einen zieht es sie zu ihren Pflichten in dieser Welt, zum anderen zieht das Reich der Himmel sie in den Dienst für Gott. Wenn das Wort „Interessenkonflikt“ berechtigt ist, dann nirgendwo mehr als im Leben eines Gläubigen. Christen stehen immer in der Spannung, sich den Notwendigkeiten einer vergehenden, oder den Herrlichkeiten einer kommenden Welt zu widmen.

Es zerriss Abrahams Herz, als die Liebe zu Gott der Liebe zu seinem Sohn entgegenwirkte, in dem Moment, wo er Isaak opfern sollte. Es zerriss Jesaja, gleichzeitig die Heiligkeit Gottes schauen zu dürfen und auf der anderen Seite tagtäglich den Götzendienst Israels mit ansehen zu müssen. Paulus hätte wohl Lust gehabt abzuleben und bei seinem Herrn zu sein, blieb aber um der Gemeinden willen auch gerne auf dieser Erde.

Es zerreißt den jungen Familienvater, wenn er seinen Kindern keine „Gute-Nacht“-Geschichte vorlesen kann, weil er um 20 Uhr den evangelistischen Hauskreis leiten wird. Es zerreißt die gläubige Ehefrau, wenn sie sich Sonntagmorgens von ihrem ungläubigen Ehemann verabschieden muss, weil sie zum Gottesdienst gehen will. Es zerreißt uns, unseren heranwachsenden Kindern finanziell und wissensmäßig so wenig bieten zu können, weil wir unser Leben dem Evangelium gewidmet haben.

Je älter wir werden, desto schlimmer wird es. Viele Menschen kehren alternd gerne zu ihren Wurzeln in der Jugend zurück. Verwandtschaft wird wieder wichtig. Klassen- und Jahrgangstreffen werden wieder interessant. Nicht die jungen Kühe schreien nach den alten, sondern die alten nach den jungen. Es braucht deshalb für den alternden Diener Gottes eine doppelte Kraft, den Karren des Evangeliums weiter zu ziehen.

Ich hörte von der Geschichte eines rumänischen Pastors. Dessen Treue zu Gott konnte von der Diktatur Ceausescus (1965–1989 an der Macht) nicht gebrochen werden. Der Geheimdienst stellte ihn deshalb vor eine grausame Wahl: Entweder er würde dem Glauben abschwören, oder er müsse mit ansehen, wie seine Tochter bei lebendigem Leibe begraben würde. Seine Tochter beschwor ihn aus dem Erdloch, in dem sie lag, dem Gott der Herrlichkeit treu zu bleiben.

Vielleicht werden wir nicht so drastisch auf die Probe gestellt wie unsere rumänischen Geschwister. Aber die Spannung zwischen vergehender Welt und kommendem Reich Gottes erleben wir immer als schmerzhaft. Der Teufel zerrt an den Nerven der Heiligen, wie der Hund an der Leine seines Besitzers.

Unser Herz ist ein verborgenes Schlachtfeld der einander widerstrebenden Gedanken. Wir sind schizophren (gespaltenen Geistes) im besten Sinne des Wortes. Mit dieser Realität müssen wir leben lernen.

 

Gradlinige Nachfolge

Trotz, vielleicht aber auch gerade wegen der Spannung, unter der sie standen, scherten die Kühe nicht zur Rechten oder Linken aus. „Und die Kühe gingen geradeaus auf dem Wege nach Beth-Semes; … und wichen nicht zur Rechten noch zur Linken …“ (1Sam 6,12) Gott zog sie nach vorne, ihre Kälber nach hinten. Aber rechts oder links, das war keine wirkliche Option für die Kühe.

Petrus hatte da so seine Probleme. Er verließ den „geraden Weg nach der Wahrheit“ (Gal 2,14). Zuerst pflegte er Tischgemeinschaft mit den jungen Christen aus den Nationen. Als er aber auf dem Missionsfeld Besuch von den Juden bekam, tat er so, als ob er seine jungen „türkischen“ Brüder nicht kannte. „Theologische Kompromisse sind die notorische Sünde großer Menschenfreunde“, kommentierte ein Ausleger dies Geschehen.

Wir brauchen da aber nicht die Nase über ihn zu rümpfen. Wenn es nach uns ginge, würde die Bibel neu geschrieben. Das Schweigen der Frauen in der Versammlung würde weggelassen. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften würden vielleicht zu „Alternativen des Lebens“. Das Gebot, nicht zu töten, würde mit Ausnahmeregelungen zur Abtreibung und Euthanasie versehen. Auf jeden Fall würden wir den geraden Weg nach der Wahrheit mehr oder weniger stark krümmen.

Was Christen denken und leben ist heutzutage kaum vermittelbar. Sie opfern ihre Sonntagmorgen anstatt mal so richtig auszuschlafen. Sie verzichten auf Karriere, obwohl sie alle Voraussetzungen für diese hätten. Vor allem aber sind sie „ewig Gestrige“. Keinen Sex vor der Ehe – da kaufst Du ja die Katze im Sack! Keine Steuerhinterziehung – wie willst Du denn da überleben? Und dann das Gerede von absoluter Wahrheit in einer relativistischen Gesellschaft. Christen leben einen Anachronismus.

Nero ließ sie als lebende Fackeln durch seine Lustgärten laufen. Die Moderne lässt sie zunehmend durch die „Spießruten der Presse“ laufen. Auf jeden Fall werden wir Christen den Menschen wieder ein „Schauspiel“ (gr.: theatron) werden. (1Kor 14,9). So, wie die Kühe der Philister den Philistern selbst ein gewaltiges Spektakel wurden. Denn die Schrift sagt: „… und die Fürsten der Philister gingen hinter ihnen her, bis an die Grenze von Beth-Semes.“ (1Sam 6,12)

Aber was soll‘s. Wir können sowieso nichts dagegen tun. Hinter uns brennt das Feuer der ewigen Verdammnis, vor uns das der Heiligkeit Gottes. In uns treibt der Geist Gottes uns – nach vorn. Wir haben die Flucht in eine bessere Zukunft angetreten. Wir ziehen einen Karren, vor den Gott selbst uns gespannt hat. Unser Ende ist womöglich die Schlachtung. Und doch: Niemals hatte es heiligere Kühe in Philistäa gegeben, als die, welche die Bundeslade zogen.

 

Es ist eine Ehre, für Gott leben zu dürfen! 

Nachtext

Quellenangaben