Zeitschrift-Artikel: Das offene Geheimnis

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Titel: Das offene Geheimnis
Typ: Artikel
Autor: Aiden Wilson Tozer
Autor (Anmerkung):

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Titel

Das offene Geheimnis

Vortext

Text

V

om Standpunkt der Ewigkeit aus betrachtet besteht wohl die dringendste Notwendigkeit darin, die Gemeinde aus ihrer „babylonischen Gefangenschaft“ zurückzubringen, damit der Name Gottes in ihrer Mitte verherrlicht werde wie in früheren Zeiten. Wir dürfen uns jedoch die Gemeinde nicht als eine anonyme Körperschaft und als eine mystische religiöse Abstraktion vorstellen.

Wir gläubigen Christen sind die Gemeinde, und alles, was wir tun, das tut die Gemeinde. Deshalb geht die Sache uns alle ganz persönlich an. Jeder Schritt nach vorn muss beim Einzelnen beginnen.

Was können wir einfachen Gläubigen tun, um die von uns gewichene Herrlichkeit zurückzubringen? Gibt es ein Geheimnis, das wir erlernen können? Gibt es ein auf die gegenwärtige Situation und auf uns selbst anwendbares Rezept für eine persönliche Erweckung? Die Antwort auf diese Fragen ist ein Ja.

Dennoch wird die Antwort manche vielleicht enttäuschen, denn sie ist alles andere als „tief“. Ich habe keinen esoterischen Geheimtext, keinen mystischen Code anzubieten, der erst mühsam entschlüsselt werden müsste. Ich appelliere weder an ein verborgenes Gesetz des Unterbewusstseins, noch an ein verborgenes, nur für ein paar Auserwählte bestimmtes Wissen. Es ist ein offenes Geheimnis, das jeder zu lesen vermag. Es ist einfach der alte und ewig neue Rat: „So vertrage dich nun mit Gott.“ Um ihre verloren gegangene Kraft wiederzuerlangen, muss die Gemeinde den Himmel wieder offen sehen und ein verwandelndes Schauen Gottes erleben.

Aber der Gott, den wir schauen müssen, ist nicht der Nützlichkeitsgott, der sich heute so großer Beliebtheit erfreut und die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zieht, weil er die Fähigkeit besitzt, ihnen für die verschiedensten Unternehmungen Erfolg zu schenken und darum von allen, die etwas von ihm wollen, umschmeichelt wird. Der Gott, mit dem wir uns vertragen sollen, ist die himmlische Majestät, Gott, der allmächtige Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, der allein weise Gott und unser Heiland. Er ist es, der über dem Erdkreis thront; der die Himmel wie ein Tuch ausgebreitet hat und darin wie unter einem Zelt wohnt; der die Sterne vollzählig herausführt und sie alle durch die Größe seiner Macht mit Namen ruft; der die Eitelkeit der Menschenwerke sieht und weder sein Vertrauen auf Fürsten setzt, noch Könige um Rat fragt.

Die Erkenntnis eines solchen Wesens kann man nicht durch Studium allein erlangen. Man erfährt sie durch eine Weisheit, von der ein natürlicher Mensch nichts weiß, noch wissen kann, denn sie muss geistlich wahrgenommen werden. Gott zu erkennen ist die leichteste und zugleich schwerste Sache der Welt. Es ist leicht, weil die Erkenntnis nicht durch schwere Arbeit des Geistes gewonnen wird, sondern eine freie Gabe Gottes ist. Wie das Sonnenlicht auf das freie Feld fällt, so ist die Erkenntnis des heiligen Gottes eine freie Gabe an alle Menschen, die dafür offen sind. Aber dies zu erkennen ist auch schwer, weil bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen, welche die widerspenstige Natur des gefallenen Menschen nicht so leicht akzeptiert.

Eine kurze Zusammenfassung dieser Bedingungen, wie die Bibel sie lehrt und wie sie durch die Jahrhunderte durch gottgeweihte Heilige bekräftigt wurde, sieht so aus:

 

Erstens

Wir müssen von der Sünde lassen.

Die Überzeugung, dass der heilige Gott von Menschen, die bewusst ein schlechtes Leben führen, nicht erkannt werden kann, ist der christlichen Religion nicht neu. Das jüdische Buch „Die Weisheit Salomos“ – viele Jahre älter als das Christentum – enthält folgende Stelle: „Denkt an den Herrn mit einem guten Herzen und sucht ihn in Einfalt des Herzens. Denn er lässt sich von denen finden, die ihn nicht versuchen, und zeigt sich solchen, die ihm vertrauen. Trotzige Gedanken trennen von Gott, und seine Macht, wenn sie herausgefordert wird, schilt den Unweisen. Weisheit zieht in eine böswillige Seele nicht ein und wohnt auch nicht in einem Leibe, der der Sünde untertan ist. Denn der heilige Geist der Zucht flieht Unrecht und zieht sich von unvernünftigen Absichten zurück und wird nicht bleiben, wenn Ungerechtigkeit einzieht.“ Derselbe Gedanke findet sich auch in verschiedenen Stellen der Bibel. Die bekannteste von ihnen ist wohl das Wort Jesu: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8).

 

Zweitens

Es bedarf einer vollständigen, glaubensvollen Auslieferung des ganzen Lebens an Christus.

Das heißt: „an Christus zu glauben“. Es schließt eine willens- und gefühlsmäßige Bindung an ihn ein, und dazu gehört der feste Entschluss, ihm in allen Dingen gehorsam zu sein. Wir müssen seine Gebote halten, unser Kreuz tragen und Gott sowie unsere Mitmenschen lieben.

 

Drittens

Wir müssen uns für solche halten, die der Sünde gegenüber gestorben sind und nun in Christus Jesus für Gott leben.

Dazu kommt die Öffnung unserer ganzen Persönlichkeit damit der Heilige Geist Einzug halten kann. Dann müssen wir in Selbstzucht unseren Wandel im Geist führen und die Herrschaft über die Lüste des Fleisches erringen.

 

Viertens

Wir müssen unerschrocken die billigen Werte der gefallenen Welt ablehnen, uns innerlich vollständig von allem lösen, wonach die Ungläubigen trachten, und uns nur an jenen Freuden der Natur ergötzen, die Gott für die Gerechten und Ungerechten bereitet hat.

Fünftens

Wir müssen die Kunst des ausdauernden und von Liebe getragenen Nachdenkens über die Majestät Gottes praktizieren.

Das wird einige Anstrengung kosten; denn der Majestätsbegriff ist der Menschheit praktisch abhanden gekommen. Im Brennpunkt menschlichen Interesses steht jetzt der Mensch selbst. Der Humanismus in seinen verschiedenen Formen hat den Platz der Theologie als Schlüssel zum Lebensverständnis eingenommen. Als Swinburne, ein Dichter aus dem 19. Jahrhundert, schrieb: „Ehre sei dem Menschen in der Höhe! Denn der Mensch ist der Herr aller Dinge“, beschenkte er die moderne Welt mit ihrem neuen „Te Deum“. Das alles muss durch einen bewussten Akt des Willens eine Umkehrung erfahren und dann mit Hilfe geduldiger Geistesarbeit so bleiben.

Gott ist eine Person, die wir persönlich immer besser kennenlernen können, indem wir unsere Herzen für diese wunderbare Erfahrung öffnen. Es kann sein, dass wir unsere bisherigen Gottesvorstellungen dann, wenn das Licht, das die Heilige Schrift durchstrahlt, auch über unserem inwendigen Leben aufgeht, ändern müssen. Es kann sein, dass wir auch in aller Stille und Gnade mit dem leblosen Buchstabenglauben brechen müssen, der oft unter Christen

vorherrscht; dass wir uns gegen den oberflächlichen Charakter vieler Dinge auflehnen müssen, die bei uns als Christentum gelten. Dadurch verlieren wir vielleicht Freunde und handeln uns vorübergehend den Ruf ein, heiliger als die andern sein zu wollen. Aber wer sich in solchen Dingen von der Angst vor unangenehmen Konsequenzen beeinflussen lässt, der ist nicht tauglich für das Reich Gottes.

Sechstens

Indem die Erkenntnis Gottes immer wunderbarer wird, wird für uns auch ein vermehrter Dienst an unseren Mitmenschen unumgänglich.

Diese wunderbare Erkenntnis ist uns nicht gegeben, damit wir uns selbstsüchtig daran erfreuen. Je besser wir Gott kennen, desto mehr werden wir den Wunsch verspüren, die neugefundene Erkenntnis in barmherzige Taten umzusetzen. Während wir Gott besser kennenlernen, will er, der uns alles gegeben hat, nun auch durch uns geben.

Bis hierhin haben wir uns mit der persönlichen Beziehung des Einzelnen zu Gott befasst. Aber jede vermehrte Gotteserkenntnis wird sich bald auch auf die christliche Gemeinschaft auswirken. Darum müssen wir darauf bedacht sein, unser zunehmendes Licht mit den anderen Bewohnern des Hauses Gottes zu teilen.

Dies können wir am besten tun, indem wir die Majestät Gottes völlig in den Brennpunkt aller unserer öffentlichen Zusammenkünfte stellen. Nicht nur unsere Gebete im stillen Kämmerlein sollten von Gott erfüllt und durchdrungen sein, sondern in unserem Zeugen, Singen, Predigen und Schreiben muss unser heiliger Herr der Mittelpunkt sein, und alles soll stets die Verherrlichung seiner großen Würde und Macht zum Ziele haben. Zur Rechten der himmlischen Majestät sitzt der verherrlichte Menschensohn und vertritt uns in aller Treue. Unser Platz ist in nächster Zeit noch unter den Menschen; lasst uns hier treue Repräsentanten Jesu sein! 

Nachtext

Quellenangaben

Aus: Das Wesen Gottes, Eigenschaften Gottes und ihre Bedeutung für das Glaubensleben, Hänssler Verlag, Holzgerlingen, 2001, S. 134–137, leicht gekürzt. (Inzwischen wurde dieses Buch neu bei EBTC herausgegeben, siehe Buchbesprechung in der letzten Ausgabe von fest&treu)