Zeitschrift-Artikel: "Viele Wege führen nach Rom"

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Titel: "Viele Wege führen nach Rom"
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

"Viele Wege führen nach Rom"

Vortext

Text

W. Bühne

»Pfingsten über Europa«

Charismatischer Kongreß in Straßburg vom 28. 5. — 31. 5. 1982

 "Ökumenisch, charismatisch, europäisch", so wur­de diese bisher größte ökumenische und charismati­sche Veranstaltung in Europa bezeichnet.

Etwa 20.000 Teilnehmer aus vielen Ländern Euro­pas, darunter ca. 3.000 Deutsche, wovon laut "idea" rund 1.000 zu den evang. Landeskirchen ("zahlreiche CVJM-Gruppen") gehörten, waren der Einladung ge­folgt, die vor allem von der charismatischen Erneue­rungsbewegung innerhalb der kath. und ev. Kirche ausgesprochen wurde.

Der Anstoß zu diesem Treffen kam allerdings von dem evang.-freikirchlichen Evangelisten Thomas Roberts. In den folgenden Jahren wurde diese Veran­staltung, die dann auch durch "Visionen" bestätigt wurde, von einem 16 köpfigen Komitee (9 Katholiken, 3 Lutheraner, 2 Reformierte und 2 Freikirchler) vor­bereitet.
Dieses Planungsgremium schloß von vornherein Versammlungen mit Segnungsgottesdiensten, Geistes-taufe, Sprachenreden und Heilungsdiensten aus (1), wahrscheinlich, um den Abstand zu den pfingstlichen und neupfingstlichen Kreisen außerhalb der großen Kirchen zu wahren und ein seriöses Gesicht zu zei­gen. Dennoch kam es bei den getrennt gehaltenen Eucharistie- bzw. Abendmahlsfeiern nach Augenzeu­genberichten jeweils nach den Einsetzungsworten zu einem "Zungengesang", der die Hallen erfüllte.

Charismatiker, die bisher andere "Temperaturen" gewohnt waren, beurteilten diese Maßnahmen so: "Man hatte machmal das Gefühl, mit angezo­gener Handbremse zu fahren".
Ein Teilnehmer von "Jugend mit einer Mission" hatte das Empfinden, daß die Kirchenpolitik hier eine große Rolle spielte, weil offensichtlich viele der Ver­antwortlichen nicht konnten, wie sie gerne wollten (2).

Der Einfluß Roms
Nicht nur das Komitee, sondern auch die Zahl der Teilnehmer bestanden zu etwa 65% aus Katholi­ken. Der Papst hatte brieflich seine Grüße dem Kon­greß mitgeteilt und Kardinal Suenens, der Exponent der kath. charismatischen Erneuerungsbewegung, war selbstverständlich mit dabei.

Noch im Mai 1982 hatte Suenens in Rom auf der vierten Internationalen Leiterkonferenz der kath. cha­rismatischen Erneuerung den Deligierten zugerufen: "Was ist die Kirche? Eine Vereinigung von Kir­chen um die Mutterkirche in Rom: Sie ist die Kirche des Petrus und des Paulus in Rom. Der Papst soll sei­ne Brüder stärken. Die Bischöfe in den Diözesen re­präsentieren jedoch nicht den Papst, sie repräsentie­ren Jesus Christus - in ihrer menschlichen Begrenzt­heit. Der Bischof von Rom legt fest, auf welche Wei­se ein Sakrament gespendet wird, um zu vermeiden, daß es überall anders gemacht wird"! (3) So kann man gut verstehen, was Heribert Mühlen, Professor für Dogmatik an der Theolog. Fakultät Pa­derborn, meint, wenn er in seinem richtungsweisen­den Vortrag in Straßburg folgendes sagt: "Der Papst hat Luther einst in den Bann getan und Luther hat die päpstliche Bulle verbrannt. Ich möchte euch einladen, jetzt den Herrn um die Hei­lung der Verletzungen zu bitten, die diese Ereignisse uns zugefügt haben und die unser heutiges Verhältnis zur Kirche belasten." (4)                              "Ein Ökumenismus über den Kirchen und an ihnen vorbei, ein kirchenloser Ökumenismus, wäre Ungehor­sam gegen den Heiligen Geist." (5)

Interessant ist auch die Aussage des Jesuitenpa­ters Fred Ritzhaupt, Ravensburg, daß gleich zu Be­ginn des Kongresses ein Treffen der Jesuiten aus ganz Europa, die mit der charismatischen Erneuerung zu tun haben, stattgefunden habe. Er teilte weiter mit, daß fast die Hälfte aller Jesuiten in Europa aktiv in der charismatischen Erneuerung mitarbeitet. Pater Ritzhaupt arbeitet übrigens bei den "Ge­schäftsleuten des vollen Evangeliums" mit, deren Re­dakteur ihrer Zeitschrift "Stimme", Fred Ladenius, si­cher nicht zufällig 17 Jahre Pressesekretär im Vati­kan und enger Vertrauter von Papst Johannes XXIII war. Man kann sich daher nur über die Berichterstat­tung in "idea" wundern, wenn dort berichtet wird, daß die "Geschäftsleute" in Straßburg nicht anwesend waren. Da dürfte selbst dem sonst wachen Prof. Dr. Beyerhaus, der als Beobachter in Straßburg war, et­was entgangen sein.

Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die charisma­tische Erneuerungsbewegung vom Vatikan aus gesteu­ert wird, um den "verirrten Brüdern" im protestanti­schen Lager eine Brücke zur Mutterkirche in Rom zu bauen.Die "Vision" David Wilkersons stimmt also nicht, in welcher er 1973 prophezeite: "Die katholische Kirche ist dabei, den Begrü­ßungsteppich für alle Katholiken, die in Zungen reden und die zur pfingstlichen Lehre über den Heiligen Geist tendieren, wieder einzurollen. Starker Druck von höchster Ebene wird auf viele Priester ausgeübt werden, um das Feuer zu ersticken. Beobachten Sie den Papst! Er wird eine negative Haltung gegenüber der charismatischen Bewegung einnehmen… bis al­le Katholiken, die sich zur charismatischen Bewegung halten, wahrscheinlich echte Verfolgungen durch ihre eigene Kirche erleben werden… man wird sie be­schuldigen, sich von der Jungfrau Maria abzuwenden und die Autorität des Papstes zu mißachten." (6)

Zur Zeit sieht es jedenfalls so aus, daß nicht nur in der charismatischen Bewegung, sondern auch im evangelikalen Raum eine neue Marienfrömmigkeit und Papstfreundlichkeit deutlich zu erkennen ist.

Die Haltung der Evangelikalen
Es ist überaus schmerzlich und eigentlich auch unverständlich, daß "Straßburg 82" von "idea", dem Pressedienst der Ev. Allianz, so positiv bewertet wurde, so daß der Kommentar des Redakteurs H. Matt­hias in charismatischen Zeitschriften abgedruckt wur­de.        Auch der bekannte Autor und freikirchliche Theo­loge Alfred Kuen kam laut "idea" zu dem Urteil: "Die Verkündigung des Evangeliums hätte nicht klarer sein können." Er bezeichnete es als schade, "wenn es zu keinem Kontakt zwischen der in Straßburg reprä­sentierten charismatischen Bewegung und den Evange­likalen kommen könnte." (7) Wahrscheinlich hatte Pfarrer Kopfermann, der Lei­ter der Erneuerungsbewegung innerhalb der Ev. Kir­che und Mitinillator von "Straßburg 82" recht, wenn er es als eine Schicksalsfrage der deutschen Kirchen bezeichnet, ob "die alte, pietistische und die neue, charismatische Erweckungsbewegung zueinander fin­den". Würden die angestrebten Gespräche Kopf er­manns mit dem Gnadauer Verband, der Ev. Allianz und anderen Verbänden in seinem Sinne positiv verlau­fen - was durchaus möglich ist -, dann hätte die end­zeitliche Verwirrung der Evangelikalen um einige Gra­de zugenommen.

Der Weg der »Gemeindewachstum«-Gruppen
Neben der "charismatischen Erneuerungsbewegung in der ev. Kirche" sorgen einige andere Gruppen da­für, daß die Evangelikalen innerhalb der Landes- und Freikirchen mit den "charismatischen Lehren und Praktiken versorgt werden. Das Organ dieser verschiedenen Gruppen ist die Zeitschrift "Gemeindewachstum", welche u.a. von Pfarrer Bernd Schlottoff, Jörg Knoblauch und Roger Bosch redigiert wird. In diesem Blatt werden nicht nur Seminare für charismatischen Gemeindeaufbau (u.a. mit Pfarrer Kopfermann) angeboten, sondern in der letzten Aus­gabe Juni '82 unter dem Titel "Der größte Gottes­dienst der Welt" auf Yonggi Cho, Korea, einem der extremsten Pf ingstprediger, dessen Lehren und Metho­den mehr an Magie, als an neutestamentliche Prinzi­pien erinnern, aufmerksam gemacht.

Ausgerechnet diese Nummer wurde als Probeex­emplar mit einer ganzseitigen persönlichen Empfeh­lung von Präses i.R. D. Hans Thimme an alle Pfarre­rinnen und Pfarrer der ev. Kirche in Deutschland ge­schickt. Da "Gemeindewachstum" auch im Evangeliums­rundfunk (ERF) zu hören ist, wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis man langsam aber sicher die Evan­gelikalen auf die Seite der Charismatiker geschoben hat.                                                 Je länger man die evangelikale Szene beobachtet, umso stärker wird der Eindruck, daß - wie in der Weltpolitik - einige Personen im Hintergrund den Kurs festlegen, der dann in den verschiedenen Medien propagiert wird. Um nicht von diesem Strom mitgerissen zu wer­den, ist es unbedingt nötig, daß wir täglich Gottes Wort studieren und auf unser Leben anwenden und fürbittend für das Volk Gottes eintreten.

 

Möge der Herr uns alle zu Männern und Frauen machen, die "ein richtiges Urteil in der Erwägung der Zeitverhältnisse haben, um zu wissen, was Israel tun muß" (1. Chron. 12,32), damit wir demütig aber kom­promißlos in dieser letzten Zeit die Wege des Herrn gehen.

Nachtext

Quellenangaben

Anmerkungen:

(1)   Dr. H.D. Reimer in seiner Stellungnahme: "Straßburg 82", Stuttgart 1982

(2)   "Charisma", Düsseldorf, Nr. 36/82

(3)   "Erneuerung in Kirche und Gesellschaft", Paderborn, Heft 10/81, S. 38

(4)   Dr. H.D. Reimer a.a.0

(5)   "Charisma" a.a.0

(6)   David Wilkerson: "Die Vision", Erzhausen 1974, S. 99-100

 

(7)   "idea-Spektrum" vom 3.6.82