Zeitschrift-Artikel: Aufbruch

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Titel: Aufbruch
Typ: Buchbesprechung
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Aufbruch

Vortext

Text

Diese beiden Neuerscheinungen behandeln das umstrittene und aktuelle Thema der Geistesgaben im Neuen Testament. Der Autor hat recht wenn er bemerkt, dass es sich hier „um eines der wichtigsten Themen unserer Tage“ handelt. Der Untertitel des ersten Buches „Darf es heute noch die übernatürlichen Gaben des Geistes geben?“ klingt ziemlich provokativ und suggeriert zugleich, dass Kritiker der Charismatischen Bewegung alle „übernatürlichen Geistesgaben“ in der heutigen Zeit ablehnen. Im Buch selbst wird diese Unterstellung allerdings relativiert, indem der Autor versucht, die Argumente der Christen zu widerlegen, die lehren, dass es nur „bestimmte Gaben des Heiligen Geistes heute nicht mehr geben kann. Meist geht es hierbei um Prophetie, Sprachenrede, Wunderwirkung und Heilung“ (S. 5). Das zweite Buch versteht sich als ein Arbeitsbuch mit vielen Fragen, Anregungen und Erfahrungsberichten. Es sei „in der Praxis und für die Praxis des Gemeindeaufbaus entstanden“ und keine theologische Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern beabsichtige eine „Hinführung zur persönlichen Erfahrung“ – so der Klappentext auf der Rückseite. Der Verfasser wird vorgestellt als Doktor der Theologie, als Professor für Missionswissenschaft an einer afrikanischen Universität mit Lehraufträgen im In- und Ausland, als Gründer von „Logos International“, der an 15 Gemeindegründungen im In- und Ausland beteiligt war und als Autor zahlreicher Bücher und Vorsitzender der „Gesellschaft für Bildung und Forschung in Europa“. Seit einigen Jahren ist J. Reimer auch Lehrer und Gastprofessor in Wiedenest, wo er auf der dortigen Bibelschule im „Akademischen Aufbauprogramm“ unterrichtet. Das wird zwar in den beiden Büchern nicht erwähnt, könnte aber für manche Leser von Interesse sein. So ist das kleinere Buch auch Ernst Schrupp gewidmet, dem ehemaligen Leiter des „Missionshauses Bibelschule Wiedenest“, den der Autor nicht nur als seinen „großen Lehrer“, sondern auch als „Mentor in den Fragen der Geistesgaben“ bezeichnet (S. 9). Der zuletzt genannte Arbeits- und Wirkungsbereich des Autors in Wiedenest ist auch ein wesentlicher Grund für diese Rezension, weil der Einfluss seiner Vorträge, Seminare und Publikationen nicht nur die baptistischen und mennonitischen „Aussiedler-Gemeinden“ berührt, wo J. Reimer als begabter Evangelist bekannt ist, sondern nun auch zunehmend in solchen Gemeinden zu spüren ist, die in diesen Büchern als „dispensationalistisch“, „darbystisch“ oder dem „Brüdertum“ nahestehend bezeichnet werden. So ist er auch in den vergangenen Monaten als Hauptreferent auf den „Impulstagen für Gemeindegründung und Gemeindewachstum“ aufgetreten, die von dem „Arbeitskreis Wachstum“ – ein „Kreis von Vertretern verschiedener Initiativen aus Brüdergemeinden“ (so „Perspektive“ 2/2007) veranstaltet werden. Nun kann man in einer kurzen Rezension unmöglich auf alle Argumente, Behauptungen, Verweise usw. ausführlich eingehen. Dazu gibt es bereits verschiedene Bücher in deutscher Sprache, die sich mit den meisten dieser Themen und Schlussfolgerungen kritisch auseinander setzen (s. S. 20).

Eine „calvinistische Gehirnwäsche“?

Im ersten Teil des Buches „Gaben – warum nicht?“ setzt sich der Autor mit dem calvinistischen Theologen Benjamin B. Warfi eld (1855–1921) und seinem Buch „Counterfeit Miracles“ auseinander, den er als Gründer der „modernen cessationalistischen Position“ bezeichnet (S. 13). Nach Reimer vertrat Warfield als überzeugter Calvinist folgende Auffassungen:
1. Die „Wundergaben“ haben mit den Aposteln und ihren Bevollmächtigten aufgehört.
2. Diese Gaben sind tatsächlich im Laufe der Kirchengeschichte verschwunden.
3. Es gibt keine modernen Erscheinungen mehr, die in ihrem Wesen den neutestamentlichen Phänomenen gleichen.
Diese Argumente halten laut J. Reimer „einer biblischen Kritik nicht stand und müssen daher abgewiesen werden“ (S. 23). Der zweite Teil des Buches befasst sich mit der Exegese von 1Kor 13,8–12 und der Frage, ob das Zungenreden zeitlich begrenzt war oder heute noch als Geistesgabe existiert. Es geht vor allem um die Bedeutung des Begriffes „das Vollkommene“ (1Kor 13,10), mit dem Sprachenrede „aufhören“ würde und Erkenntnisse und Prophezeiungen „weggetan“ werden. Darunter verstehen einige bekannte Ausleger wie John MacArthur, Jack Hunter („Was die Bibel lehrt“, Bd. 7), Benedikt Peters, usw. den abgeschlossenen Kanon des NT. Andere bekannte Ausleger (William MacDonald, Charles C. Ryrie, A.v.d. Kammer, die „Scofield-Bibel“, der „Walvoord-Kommentar“, A. Remmers, Roger Liebi, usw.) lassen die verschiedenen Auslegungsmöglichkeiten dieser Verse offen, machen aber alle deutlich, dass auf jeden Fall das Sprachenreden im Laufe der Kirchengeschichte „aufhören“ wird. Wenn J. Reimer aber feststellt, dass die „meisten seriösen Bibellehrer“ die erstere Auffassung als „exegetisch unhaltbar ablehnen“ (S. 27), dann disqualifiziert er eine ganze Reihe geschätzter Bibelausleger und zeigt eine unsachliche, unausgewogene Recherche.

„Wunder-Gaben“ und ihre Bedeutung in der Kirchengeschichte


In diesem dritten Teil seines Buches versucht der Autor zu beweisen, dass in allen Jahrhunderten die „Wunder-Gaben“ vorhanden waren und praktiziert wurden. Dabei stützt er sich auf Publikationen verschiedener charismatischer und ökumenischer Autoren wie M.T. Kelsey (ein Schüler von C.G. Jung!), D. Gee, Gordon Fee, R.F. Edel, S. Großmann, usw. und auf eigene Untersuchungen des frühen russischen Mönchtums, in welchen er „immer wieder auf charismatische Phänomene im Leben der Mönche“ gestoßen ist, „die das ganze Spektrum der angeblich verschwundenen Gaben aufweisen“ (S. 42). Nun ist es nicht schwer nachzuweisen, dass die umstrittenen Phänomene in den meisten Fällen in Gemeinschaften und Gruppen praktiziert wurden, die als mystisch, häretisch, schwarmgeistig oder auch als unmoralisch bekannt waren. Daher ist es unverständlich, wie J. Reimer und die zitierten Autoren ausgerechnet die Montanisten, die Albigenser, die Französischen Propheten, die Mormonen usw. als Kronzeugen für ihre Argumentation heranziehen. Es ist nicht zu leugnen, dass in diesen Kreisen in Zungen gesprochen und prophezeit wurde, wohl aber muss die Frage gestellt werden, ob es sich dabei um Gaben und Wirkungen des Heiligen Geistes gehandelt hat! Welche Kräfte hier am Werk waren, können wir aber der Beurteilung Gottes überlassen. Ein gründliches Studium der Kirchengeschichte würde hier vor einseitigen und vorschnellen Urteilen und Schlussfolgerungen bewahren. Die Bemerkung Reimers, dass er den Eindruck nicht los wird, „dass man den Montanisten historisch Unrecht tut, wenn man sie durch die Brille der sie besiegten offi ziellen Kirche sieht“ (Anmerkung auf S. 41) ist schon erstaunlich! Montanus (gest. ca. 179 n.Chr.) verstand sich selbst als der in Joh 14,16 verheißene „Sachwalter“ („Paraklet“), als „Geist der Wahrheit“, der als „letzte Offenbarungsstufe“ alle früheren Offenbarungen der Apostel korrigiert. Mit seinen Prophetinnen Priska und Maximilla prophezeite er in bewusstloser Ekstase u.a. das nahe Weltende und forderte die Gläubigen auf, sich in Pepuza (Phrygien) zu versammeln, um die Wiederkunft Jesu zu erwarten. Montanus forderte von seinen Anhängern eine rigorose, unbiblische Askese und Gesetzlichkeit. Zungenreden, Prophezeiungen und ekstatische und mystische Praktiken waren Kennzeichen dieser frühchristlichen Sekte, auf die sich charismatische Autoren oft berufen.

Von der Theorie zur Praxis


Im letzten Kapitel geht es dann um die praktische Anwendung und Ausübung der Geistesgaben. Neben manchen richtigen und hilfreichen Ausführungen stolpert man dann aber doch über folgende Ausführungen: „Gnadengaben sind also Dienstgaben. Dabei macht das Neue Testament nur eine Ausnahme, nämlich bei der Gabe des Zungengebets, die vor allem zum Aufbau des Gabenträgers selbst dient (1Kor 12,4)“ (S. 52). Nun geht es aber in der angeführten Bibelstelle nicht um „Zungengebet“ sondern um „Zungenrede“ und in Vers 22 wird auch der Zweck und Sinn des Sprachenredens erklärt: Es ist ein „Zeichen für die Ungläubigen“ und zwar – wie der Textzusammenhang deutlich macht – ein Gerichtszeichen für die ungläubigen Juden. Leider wird dieser Aspekt des Sprachenredens von J. Reimer völlig ignoriert. Natürlich hat jede Ausübung einer Geistesgabe als „Neben-Effekt“ die persönliche Auferbauung des Gabenträgers zur Folge. Aber das ist nicht die eigentliche Aufgabe einer Geistesgabe, denn sie dient primär immer der „Erbauung der Gemeinde“ (V. 12). Wäre die Gabe der Sprachenrede zur Selbstauferbauung gegeben, dann gäbe es tatsächlich zwei Klassen von Christen, von denen die eine in ihrer Beziehung zu Gott benachteiligt wäre, weil ihnen diese Gabe vorenthalten wurde. Da aber ohne Ausnahme jede Geistesgabe eine Dienstgabe ist, betrifft das auch die Sprachenrede. Wenn man daher die Hälfte von 1Kor 14,4 aus dem Kontext des ganzen Kapitels heraus nimmt und darauf eine Lehre und Praxis aufbaut, hat man die Absicht des Heiligen Geistes in diesem Kapitel auf den Kopf gestellt. Sehr bedenklich stimmt auch, dass der Autor als „gutes Buch zu den Gaben des Geistes“ den „Gaben-Test“ von Christian Schwarz empfi ehlt (S. 64), der als Charismatiker ein Schüler von C.P. Wagner ist. Wagner wird in der Charismatischen Bewegung als „Vater“ der „Dritten Welle des Heiligen Geistes“ bezeichnet und ist besonders im Bereich der „Geistlichen Kriegsführung“ durch seine Praktiken, seine Visionen und Offenbarungen selbst im charismatischen Lager ein umstrittener Extremist. Im „Gaben-Test“ werden extreme Charismatiker wie Yonggi Cho, Agnes Sanford, C.P. Wagner usw., aber auch liberale Theologen wie Albert Schweitzer und Martin Luther King als Träger besonderer Geistesgaben vorgestellt. Vom Aufbau und auch vom Inhalt her hat der „Gaben-Test“ von C. Schwarz übrigens manche Ähnlichkeit mit Reimers Arbeitsbuch „Aufbruch in die Zukunft – Geistesgaben in der Praxis des Gemeindelebens“. Einige Definitionen der verschiedenen Gaben sind bis in die Wortwahl deckungsgleich, so dass man den Eindruck bekommt, dass Reimer hier manches übernommen hat, obwohl er sich in persönlichen Gesprächen zu dem Gaben-Test von C. Schwarz kritisch äußert.

Gaben-Training im Hauskreis?

Bedenklich und leichtsinnig empfinde ich die Empfehlung Reimers auf den letzten Seiten seines Buches, Geistesgaben im Rahmen einer Kleingruppe oder eines Hauskreises zu „erkennen, zu bestätigen und einzusetzen“ (S. 64), weil „die kleine Gruppe im Hauskreis der beste Kreis ist, wo kontrolliertes anwendendes Lernen möglich ist“ (S. 66). Natürlich hat der Hauskreis eine wichtige Bedeutung, wenn es um Evangelisation, Auferbauung und Gemeinschaft geht. Zu welchen Entgleisungen aber ein „Gaben-Training“ im Hauskreis, außerhalb der Aufsicht der Hirten und Lehrer der örtlichen Gemeinde, führen kann, müsste dem Autor aus eigener Erfahrung und Beobachtung bekannt sein. Wenn Arbeitsbücher und Trainingsanleitungen zum Test und zur Einübung von Geistesgaben in separaten Hauskreisen eingesetzt und Gaben „eingeübt“ werden – Christian Schwarz schreibt, dass man seine Geistesgabe in 60 Minuten erkennen kann (!) – hat das in manchen Gemeinden Meinungsverschiedenheiten, Streit und sogar Spaltungen ausgelöst.

„Aufbruch in die Zukunft!“

Damit sind wir bei dem Arbeitsbuch, das als „Hinführung zur persönlichen Erfahrung“ konzipiert wurde. Bis auf eine Anzahl peinlicher Fehler und Verwechslungen der Begriffe und Themen im Text (das Buch ist offensichtlich vor dem Druck nicht korrigiert worden) ist es grafi sch sehr übersichtlich und gut gestaltet worden. Auch hier wird der „Gaben-Test“ von Schwarz als „hilfreiche Arbeitshilfe“ empfohlen (S. 11) und auf Bücher bekannter Charismatiker wie Larry Christensen, C.P. Wagner und einem Irrlehrer wie Kenneth Hagin hingewiesen. Die jeweiligen Kapitel beginnen mit einer „persönlichen Besinnung“, es folgt ein „Einblick“, ein „Blick in die Bibel“, „Schritte in die Praxis“ und schließen mit „Fragen zum Gruppengespräch“. Der Autor definiert die jeweilige Gabe, weist auf mögliche Gefahren hin und lehnt sich auch hier auffällig an den „Gaben-Test“ an. Im Unterschied zu Schwarz beginnt Johannes Reimer allerdings seine Erklärungen und Erläuterungen der Gaben mit einem „Einblick“, einem Zeugnis aus eigener Erfahrung oder mit Erfahrungen anderer Christen. Darin wird berichtet, wie jemand eine Geistesgabe bekommen, erlebt oder praktiziert hat. Der Autor beginnt seine Ausführungen über die Geistesgaben also nicht mit einer biblischen Exegese sondern mit einem Erfahrungsbericht, der die Gefahr subjektiver Beeinflussung beinhaltet. Wenn ein Kritiker der umstrittenen Gaben seine Ausführungen mit negativen Beispielen, einem Missbrauch oder einer Verzerrung einer Geistesgabe aus der Geschichte der Pfingst- und Charismatischen Bewegung beginnen würde (und da könnte man eine Menge Beispiele nennen, die auch dem Autor dieser Bücher zur Genüge bekannt sind!), würde man ihn der unredlichen, subjektiven Beeinflussung und Panikmache beschuldigen. Aber genau das macht J. Reimer – natürlich mit umgekehrter Intention. Nicht die Bibel, sondern die Erfahrung steht im Vordergrund und damit wird die Bibel im Licht der Erfahrung gedeutet und nicht umgekehrt.

Fazit

Auch wenn J. Reimer um Fehldeutungen und peinliche Entgleisungen von charismatischen Autoren und Persönlichkeiten aus eigener Erfahrung weiß und sich erfreulicherweise deutlich von der pfingstlichen Lehre der Geistestaufe als von der Wiedergeburt getrennte „zweite Erfahrung“ distanziert, so vertritt und empfiehlt er in diesen Büchern doch eindeutig charismatische Positionen und Praktiken. Auch wenn er in Predigten und persönlichen Gesprächen betont, kein Charismatiker zu sein, ändert das nichts an den Fakten. Damit können diese Bücher zu „Türöffnern“ für charismatische Auffassungen und Praktiken auch in solchen „Brüderversammlungen“, „Christlichen Gemeinden“, „Evangeliums-Baptisten“ und ähnlichen Gemeinden sein, die sich bisher diesem Einfluss widersetzt haben. Für Brüder, die mit dem Ältestendienst in einer Gemeinde beauftragt sind, wird es gut sein, diese Bücher zu lesen, um rechtzeitig informiert und vorbereitet zu sein, wenn die hier vorgestellten Auffassungen und Praktiken Eingang finden.

Nachtext

Quellenangaben