Zeitschrift-Artikel: Unterschiede unter Geschwistern - wie soll man damit umgehen? (Schluß)

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Titel: Unterschiede unter Geschwistern - wie soll man damit umgehen? (Schluß)
Typ: Artikel
Autor: J.G. Fijnvandraat
Autor (Anmerkung): Übersetzung: Ralf Müller

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Titel

Unterschiede unter Geschwistern - wie soll man damit umgehen? (Schluß)

Vortext

Text

Keine Parteibildung

Paulus ordnet an, daß in derartigen Dingen jeder in seinem eigenen Sinn völlig überzeugt sein muß. Er richtet sich dabei an den >Schwachen< und den >Starken< persönlich... Er spricht die >Starken< nicht als Gruppe an, denen die >Schwachen< als weitere Gruppe gegenüber stehen. Paulus behandelt sie also nicht als zwei Parteien. Das beinhaltet für uns die Lektion, daß diese ertragbaren Unterschiede keine Gruppenbildung bewirken dürfen und daß keine deutlich abgegrenzten Strömungen unter den Gläubigen dadurch entstehen dürfen. Im Fall von Gruppenbildung suchen wir nämlich Unterstützung für unsere Auffassung. Wir suchen Anhänger und nehmen gegenüber Andersdenkenden eine gewisse Haltung ein. Das kann man nicht mehr in Liebe ertragen. Wir lassen in einem solchen Fall das Fleisch wirken.

Diesen Unterschied dürfen wir nicht als einen grundsätzlichen Ausgangspunkt nehmen, haben aber in der Praxis sehr wohl mit ihm zu tun und müssen dem Rechnung tragen. Ich meine damit Folgendes: Angenommen, daß zwischen einem "Starken" und einem "Schwachen im Glauben" unverhofft doch ein Wortwechsel stattfindet und man sich dadurch entfremdet, so ist es in diesem Fall nicht weise, die hirtendienstliche Fürsorge bezüglich der beiden entweder einigen "Starken" oder einigen "Schwachen" zu überlassen. Grundsätzlich wird nichts dagegen einzuwenden sein, aber von der Praxis her ist es nicht weise. Die "Starken im Glauben" werden den "Schwachen im Glauben" nämlich viel schwerer zu erreichen vermögen, als ein paar "Schwache" es könnten. In einem solchen Fall sollten ein "schwacher" und ein "starker" Bruder, die sich gut verstehen, gemeinsam die hirtendienstliche Fürsorge ausüben. Allein schon durch ihr Vorbild können sie die beiden Kampfhähne zur Besinnung bringen.

Die Hellenisten und die Hebräer

Es sind noch weitere Unterschiede möglich. In der Anfangszeit der Gemeinde gab es unter den Gläubigen einen Unterschied, der noch viel deutlicher von der Natur der Sache her nicht zur Gemeinde gehörte. Es gab in Jerusalem nämlich Hebräisch und Griechisch sprechende Judenchristen. Erstere hatten immer im Land gewohnt, die anderen kamen aus der "Zerstreuung" (Diaspora). Aus Apg 6 wird deutlich, daß es sich um zwei unterschiedliche Gruppen handelt, die einander gegenüber standen. Die Helle-nisten fühlten sich diskriminiert und beklagten sich. Sie hatten den Eindruck, daß ihre Witwen gegenüber Hebräisch sprechenden Witwen benachteiligt wurden. Diese Gruppenbildung mit dem dazu gehörenden Gruppenbewußtsein ist sehr verständlich. Wenn sie aber dahingehend entartet, daß Parteien entstehen, dann ist sie verkehrt. Man fühlt neben dem Glaubensband noch ein anderes, irdisches Band und bringt dieses hinein. Das ist fleischlich. Ob die Klage der Hellenisten zu recht war oder nicht, das tut nichts zur Sache: entweder ist die eine oder die andere Gruppe fleischlich, oder aber beide Gruppen sind fleischlich. Dabei gehe ich nicht davon aus, daß die Apostel keine gute Regelung gefunden hätten, sondern davon, daß die Austeilenden nicht genügend sorgfältig gewesen sind. In der Folge werden sieben Männer ausgewählt, die für die Verteilung sorgen sollten. Sie sind voll Heiligen Geistes, und das ist großartig. Aber merkwürdig ist, daß diese sieben alle griechische Namen tragen. Wir können also annehmen, daß sie Hellenisten sind. Wir sehen die Weisheit Gottes, daß Er auf diese Weise für eine Abhilfe bezüglich der Beschwerden der Hellenisten sorgt. Sie werden wohl die Position der Unterlegenen eingenommen haben. Die Verteilung liegt jetzt in der Hand von Menschen, von denen sie niemals sollten sagen können, daß diese sie wohl diskriminieren würden. Es ist auch weise von den Aposteln, daß sie ohne weiteres diesen sieben die Hände auflegten. Grundsätzlich sollte man sagen: "Es darf nichts ausmachen, wer die Tische bedient, wir sind doch untereinander Brüder und eins im Herrn." In der Praxis haben wir aber mit der Möglichkeit des Wirkens des Fleisches zu tun. Darum war es weise, die Angelegenheit auf diese Weise zu lösen. So müssen wir manchmal auch in bestimmten Fällen vorhandenen Unterschieden Rechnung tragen. Das ist jetzt nicht als grundsätzlicher Ausgangspunkt gemeint, sondern als Hinweis für ein weises Vorgehen in der Praxis.

Unterschiedliche Charaktere

Dem Obenstehenden möchte ich noch etwas anfügen, was am Rande damit zu tun hat. Wir sind als Gläubige wiedergeborene Geschöpfe. Darin gibt es keinen Unterschied. Wir haben aber jeder eine unterschiedliche Art. Auch darin liegen Unterschiede, die von ihrer Art her nichts mit der Gemeinde an sich zu tun haben, denen wir aber ebenso Rechnung tragen müssen. Wir können nämlich nicht alle Geschwister über einen Kamm scheren. Jeder hat seinen eige-nen Charakter mit guten und schlechten Zügen. Niemals darf sich jemand, der einen Fehler macht, damit entschuldigen, daß "er ja nun einmal so sei" oder damit, daß "die anderen einen ja so nehmen müssen, wie man ist". Wenn es aber um das Ausüben hirtendienstlicher Fürsorge, einen Beschluß über strafende Erziehungsmaßnahmen, u. s. w. geht, müssen wir die Art sehr wohl berücksichtigen. Es mag sein, daß jemand sehr schnell Schuld bekennt, wenn er gesündigt hat, weil er von seiner Art her nachsichtig und freundlich ist. Ein anderer hat einen unwirschen Charakter. Er hat Mühe damit, sich zu äußern und in das Herz sehen zu lassen. In beiden Fällen muß Schuld bekannt werden. Wir können aber von dem zuletzt genannten Gläubigen nicht ein genau gleiches Bekenntnis erwarten, wie der Erstgenannte es von sich aus ablegt.

Die "faulen Bäuche" auf Kreta

Noch einmal sei es gesagt: Wir sind alle bekehrte Sünder. Im Hinblick darauf gibt es keine englischen, französischen, deutschen, niederländischen und indischen Christen. Dem Grundsatz nach besteht kein Unterschied, in der Praxis aber sehr wohl. Die Volksart spielt eine Rolle. Wir sehen, daß auch Paulus dem Rechnung trägt. Er schreibt Titus über die Menschen auf Kreta. Seine Worte sind genügend bekannt. Er beschreibt die Kreter als "faule Bäuche" und charakterisiert sie mit den Worten "Kreter sind immer Lügner". Das sagt er allgemein von allen Kretern, wendet es jedoch auch auf die Christen auf dieser Insel an. Titus gibt er nämlich den Auftrag, sie streng zurechtzuweisen. Und damit meint er dann die Christen. Grundsätzlich ist der Unterschied in der Art eines Volkes kein Ausgangspunkt, aber etwas, mit dem wir in der Praxis rechnen müssen. Dabei müssen wir damit beginnen, uns selbst unter die Lupe zu nehmen. Daran haben wir meist genug zu tun. Wir Niederländer sind beispielsweise große Individualisten.' Autorität ist für den Niederländer ein abscheuliches Wort. Unter Christen, und das gilt auch für den eigenen "Kreis", bemerkt man auch die Symptome nationaler Eigenheiten. Wir werden auch die Schulmeister oder Pastoren der Welt genannt. Überall auf der Welt haben wir unsere Nase drin und heben strafend den Finger. Auch das sehen wir weltweit im "christlichen Bereich" und auch unter "uns". Ein bißchen mehr Bescheidenheit würde nicht schaden. Ich wäre jetzt aber kein echter Holländer, wenn ich dem allen nicht etwas Positives folgen ließe: Wenn es um das Entwickeln von Initiativen und Aktivitäten geht, dann sind wir auch dabei. Wir heben nicht nur den Finger, sondern krempeln auch die Ärmel hoch. Aber den erhobenen Finger dürfen wir damit nicht entschuldigen.

Unterschiede im persönlichen Bereich

Die Frage des Essens von Opferfleisch überläßt Paulus jedem persönlich. Das geschieht außerhalb der Zusammenkunft, sei es auf dem Fleischmarkt, sei es Zuhause. Die Gemeinde als solche hat dazu nichts zu sagen, denn es ist für sich selbst gesehen nicht Sünde.

Wohl ordnet der Apostel an, daß die "Starken" auf die "Schwachen" Rücksicht nehmen sollen. Wenn wirklich Gefahr besteht, daß ein Bruder durch das Verhalten eines Starken zum Handeln entgegen dem Zeugnis des eigenen Gewissens dazu verleitet wird, nun ebenfalls (Opfer)Fleisch zu essen, dann muß der Starke das Essen von (Opfer)Fleisch lassen. Paulus sagt über sich selbst: "Darum, wenn eine Speise meinem Bruder Ärgernis gibt, so will ich für immer o. ewiglich} kein Fleisch essen, damit ich meinem Bruder kein Ärgernis gebe." (1Ko 8, 13). Er sagt jedoch nicht, daß die Gemeinde darauf achthaben soll. Er macht daraus, um es so zu sagen, keine Gemeindeangelegenheit, sondern spricht für sich selbst. Andererseits hält er den Schwachen vor, daß, wenn sie beim Essen Zweifel haben, sie für sich selbst verantwortlich sind, denn wenn es nicht aus Glauben geschieht, dann ist es Sünde. Auch davon sagt er nicht, daß die Gemeinde darauf achten müsse. Das schließt natürlich hirtendienstliche Fürsorge nicht aus. Es ist aber etwas anderes, daraus eine Angelegenheit der ganzen Gemeinde zu machen und Zwang auszuüben.

Es ist immer ein großer Fehler, aus persönlichen Gewissensentscheidungen Ge-meindeangelegenheiten zu machen. Man verbietet z.B. Geschwistern etwas zu tun, zu tragen oder im Haus zu haben, weil die Möglichkeit besteht, daß dadurch eventuell jemand anders zu Fall kommen könnte. Es handelt sich hierbei jedoch um ein Herrschen über das Gewissen des Einzelnen, und deshalb ist es verkehrt. Wenn wir in einem solchen Bereich Zwang ausüben oder Gehorsam gegenüber unserer Auffassung einfordern, laufen wir große Gefahr, Gläubige zu Heuchlern zu machen. Auch das geschieht leider.

Eine heikle Frage

Noch eine Anmerkung am Rande. Ich meine, daß wir aus Dingen, über welche die Schrift zwar Aussagen macht, manchmal zu sehr eine Gemeindeangelegenheit machen. Nehmen wir beispielsweise die Frage der Haartracht. Paulus schreibt, daß langes Haar für einen Mann eine Unehre, für eine Frau jedoch eine Ehre ist. Die Natur müßte uns das eigentlich schon lehren; aber im allgemeinen sind wir den Belehrungen der Natur gegenüber abgestumpft. Außer insoweit, daß eine Frau mit einer Glatze eine Perücke aufsetzt, wozu ein Mann bei einer solchen Situation eher weniger das Bedürfnis verspürt. Ich weiß sehr wohl, daß es in 1Ko 11 in erster Linie um das Hauptsein geht und daß Männern dort kein ausdrückliches Verbot gegeben wird, langes Haar zu tragen. Aber die Belehrung der Natur wird in diesem Kapitel sehr klar. Sehr gut weiß ich auch, daß für eine Frau die Aussage "das Haar ab schneiden" oder "sich scheren lassen" etwas anderes ist, als "etwas vom Haar abschneiden". Und auch hier gibt der Apostel kein ausdrückliches Gebot. Das nimmt aber nicht hinweg, daß über das lange Haar der Schwestern in einer anerkennenden Weise gesprochen wird. Wenn dann also eine Schwester, die ihr Haar wohl lang tragen könnte, es kurz abschneiden läßt, so handelt sie entgegen den Gedanken Gottes. Darüber laßt uns aber in Liebe und mit Taktgefühl sprechen. Es ist aber etwas anderes, wenn daraus eine Gemeindeangelegenheit gemacht wird und der Nachdruck so sehr auf Äußerlichkeiten gelegt würde, daß letztlich nichts anderes als Äußerlichkeiten beachtet würden. Leider geschieht das. Und ist es möglich, daß dadurch Menschen, die sich 1Ko 11 wohl zu Herzen nehmen, in die Irre gehen.

Wir dürfen diese Dinge nicht in der gleichen Weise wie das Essen von Fleisch nur als eine Angelegenheit des persönlichen Gewissens betrachten. Wir sollten sie aber (wie auch schon gesagt wurde) der persönlichen Verantwortung des einzelnen überlassen.

Unterschiede im Gemeindebereich

Es gibt auch Dinge, die eindeutig unsere gemeinsame Verantwortung betreffen. Nehmen wir den Fall, den ich früher einmal berührt habe: eine Wiederheirat nach einer Ehescheidung aufgrund von Hurerei. Hierüber kann man aufgrund verschiedener Auslegungsmöglichkeiten von Mt 19,9 zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wie muß man mit einem solchen Auffassungsunterschied umgehen? Es scheint fast unausweichlich, daß sich zwei Parteien bilden: Eine Partei, die in einem derartigen Fall eine Wiederheirat nicht als Ehebruch ansieht, und eine andere Partei, die glaubt, daß hier sehr wohl von Ehebruch die Rede ist. Aber trüge das zur Ehre des Herrn bei? Dürfen wir aufgrund eines erklärbaren Ausle-gungsunterschiedes eine Gemeindetrennung vorantreiben? Müssen wir uns nicht vielmehr unsere Schwachheit eingestehen und sagen: "Herr, wir sind uns nicht einig darüber, ob es Ehebruch ist. Wenn das so ist, lege diese Sünde nicht auf uns, denn wir sind voneinander überzeugt, daß wir in unserer Auffassung aufrichtig sind, haben einander lieb und möchten die Einheit bewahren." Nach meiner Überzeugung ist das die richtige Lösung. Laßt uns bei Unterschieden auf gemeindlichem Gebiet betend und mit Geduld nach einer Lösung suchen, die vom Herrn her kommt und uns in Frieden zusammenleben läßt.

 

' Oder wir Deutsche sind als Menschen mit einem übermäßig ausgeprägten Autoritätsdenken ["Kadavergehorsam") oder durch die Unbeholfenheit und Weltfremdheit der Figur des "deutschen Michels" beschrieben worden. Der deutschsprachige Leser darf sich seine eigenen selbstkritischen Gedanken darüber machen, was die eigenen nationalen Schwächen sind. Es gibt wirklich keinen Grund, Angehörige eines anderen Volkes gering zu achten. Jeder ist aufgerufen, den anderen höher zu achten als sich selbst. Anmerkung des Übersetzers

Nachtext

Quellenangaben

aus: Bode van het Heil in Christus, Jg. 1994, S. 60ff.,