Zeitschrift-Artikel: "Adios Honduras'." - Eindrücke einer Honduras-Reise

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Titel: "Adios Honduras'." - Eindrücke einer Honduras-Reise
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

"Adios Honduras'." - Eindrücke einer Honduras-Reise

Vortext

Text

Nachdem unsere Tochter Christine 1992/ 93 für ein Jahr in Honduras war, um die Missionsarbeit und die Situation der Menschen in diesem lateinamerikanischen Land kennenzulernen, wurde der Wunsch in mir wach, die Christen in Honduras, von denen ich so viel gehört hatte, nun einmal selbst kennenzulernen.

Als dann im Frühling dieses Jahres eine Einladung eintraf, gemeinsam mit meinem Freund Alois Wagner an einigen Orten in Honduras Konferenzen durchzuführen, empfand ich die innere Freiheit, dieser Einladung zu folgen.

Gemeinsam mit Tine, die mich als Übersetzerin und Kennerin des Landes und der Geschwister dort begleitete, bestiegen wir am 25.5.94 in Düsseldorf ein Flugzeug, um über London/Miami nach Tegucigalpa/Honduras zu fliegen. Alois sollte mit einem Team der Jüngerschaftsschule (DTP) in San Leandro/Kalifornien einige Tage später zu uns stoßen.

Während wir von Miami nach Tegucigalpa flogen, konnte ich dann zum ersten Mal dieses Land, von dem ich so viele begeisterte Berichte gehört hatte, aus der Vogelperspektive sehen und wenige Minuten später landeten wir auf dem gefährlich anzufliegenden, kleinen Flughafen von Tegucigalpa. Dort warteten bereits einige der amerikanischen Missionare mit ihren Angehörigen und bereiteten uns einen stürmischen Empfang. Bei dem damit verbundenen spanischen und englischen Wortschwall, dessen Sinn ich nur erraten konnte, war es ein Trost, das "Grüß' di, Wolfgang" von Jennifer Colvin zu hören.

Die geistliche Situation im Land

Fast 500 Jahre vor uns, im Jahr 1502, hatte Columbus als erster Europäer Honduras betreten und dort die erste katholische Messe zelebriert. Die Folge war, das dieses kleine Land (mit 112.000 qkm etwa so groß wie Bulgarien) für die nächsten Jahrhunderte vom Katholizismus geprägt wurde, bis 1856 die eifrigen Herrnhuter Missionare Peter Blair und Friedrich Grunewald den Weg in den Mosquitia Dschungel fanden und in Honduras zum ersten Mal das Licht des Evangeliums aufleuchtete.

Eine Generation später landete Christopher Knapp von den "Brüdern" in Honduras, durch dessen aufopferungsvolle Arbeit die ersten Versammlungen entstanden. Heute bestehen etwa 250 Brüderversammlungen in Honduras, die im allgemeinen evangelistisch sehr aktiv sind.

Das Land selbst ist als eine der "Bananenrepubliken" sehr arm - das zweitärmste Land nach Haiti - und lebt vor allem vom Bananen- und Kaffeehandel. Landschaftlich ein unbeschreiblich schönes Land mit einer überreichen Vegetation und geistlich gesehen ein Land mit weit geöffneten Türen für das Evangelium.

Während die kath. Kirche trotz ihrer prozentualen Größe von ca. 85% der Bewohner kaum Überlebenschancen hat, wachsen und vervielfältigen sich die evangelikalen Gemeinden enorm stark. In den größeren Städten findet man fast in jeder zweiten Straße eine kleine Freikirche, wobei die charismatischen und pfingstlerischen Gruppen besonders stark vertreten sind.

Das Alltagsleben ist vom Christentum derart geprägt, daß viele Geschäfte biblische Namen tragen (ein Motel heißt z.B. "Bethanien"), überall begegnen einem Bibelverse an Häusern, Autobussen usw. und die Menschen sind sehr offen für das Evangelium. Bei einer Freiversammlung in der Innenstadt von Tegucigalpa kamen die Menschen scharenweise, um zuzuhören. Nach einer Kurzpredigt hatte man es nicht nötig, den Umstehenden mühsam ein Traktat in die Hand zu drücken - der Verkündiger hielt einfach am Ende seiner Ansprache ein Traktat hoch und fragte, wer eins haben wolle. Die Leute stürmten dann nach vorne, um sehr dankbar ein Traktat anzunehmen.

Ein Bruder pflegte sich an einer Ampel aufzustellen. Wenn bei Rot die Autos halten mußten, hielt er am Straßenrand ein Traktat hoch und die anhaltenden Autofahrer drehten ihre Scheiben herunter, winkten ihn herbei und nahmen freudig eine Schrift in Empfang.

Für eine andere dort übliche Methode konnte ich mich zuerst nicht begeistern, weil ich sie als etwas menschenverachtend empfand: Wenn wir mit dem Landrover unserer Gastgeber oft weite Strecken über Land fuhren, pflegte der Fahrer jedesmal zu hupen, wenn ein Honduraner an der Straßenseite ging oder stand. Der Beifahrer brüllte dann aus dem Fenster: "Para usted!" (Für Sie!) und warf gezielt ein Traktat aus dem fahrenden Auto. Zu meiner Verblüffung wurden diese Traktate sofort aufgehoben und durchgelesen, oder in eine Tasche gesteckt. Man stelle sich so etwas einmal in unserem kultivierten Deutschland vor!

Konferenz in Tela

Nachdem wir die ersten Tage in der Hauptstadt des Landes bei angenehmen Temperaturen verbrachten, um dort Land, Leute und Gemeinden kennenzulernen, fuhren wir nach der Ankunft von Alois und dem "DTP-Team" nach Tela, einem kleinen, malerischen Hafenstädtchen am Atlantik. Hier herrschte tropisches Klima und die Uhr schien vor hundert Jahren stehengeblieben zu sein.

Fünf Minuten von der "City" entfernt - hier macht man teilweise noch mit Pferd und Wagen Einkäufe und halboffene Läden bieten säckeweise Bohnen, Körner und Gemüse, Berge von Ananas, Mangos und Bananen an - befindet sich der traumhaft schöne Palmenstrand mit strohbedeckten Hütten, aus denen jeden Augenblick "Onkel Tom" herausschauen könnte.

An drei Abenden hatten wir hier in der Versammlung Vorträge zu halten, zu denen etwa 300 Geschwister kamen, um bei brütender Hitze mit großer Freude und Dankbarkeit das Wort Gottes zu hören. Auffallend war der große Anteil an jungen, sehr interessierten Geschwistern.

Tagsüber hatten wir in dem nahen Freizeitgelände eine dreitägige Konferenz mit etwa 100 Geschwistern, von denen einige vollzeitige Arbeiter in den Gemeinden und die meisten verantwortliche Mitarbeiter in den Versammlungen, in der Evangeliumsverkündigung oder Jugendarbeit waren.

Täglich standen 6 Vorträge auf dem Programm, die aufmerksam verfolgt wurden.

Organisiert wurde diese Konferenz von Evelio, einem jungen, dynamischen Bruder, der eine Rinderfarm besitzt und seine freie Zeit für den Herrn einsetzt. Mit Trillerpfeife und zackigen Anweisungen sorgte er für einen derart pünktlichen und geordneten Ablauf der Konferenz, daß jeder Preuße seine helle Freude daran gehabt hätte. Zu den Mahlzeiten, zu Aufräumarbeiten und auch für die Gruppenfotos stellte man sich in Reih und Glied auf , um auf Befehl loszumarschieren. Irgendwie schien das den Honduranern großen Spaß zu bereiten.

Hier hatten wir auch Zeit, um mit den verantwortlichen Brüdern intensive Gespräche über den geistlichen Zustand der Gemeinden, über Sorgen und Bedürfnisse zu führen. Diese Brüder machten uns deutlich, daß bei allem evangelistischen Eifer der Geschwister doch eine gewisse Oberflächlichkeit Sorge bereitet und biblische Unterweisung und Anleitung zur Jüngerschaft sehr nötig sind. Deutlich wurde uns auch, daß der Einfluß und das Vorbild der ausländischen Missionare in der Vergangenheit nicht immer nur segensreich waren. Dabei staunten wir, mit welcher geistlichen Reife und mit welch einem Taktgefühl die honduranischen Brüder über diese Nöte sprachen.

Was ebenfalls deutlich wurde, war der große Mangel an guter Literatur in spanischer Sprache. Viele junge Geschwister und zahlreiche begabte Brüder sind sehr willig zu lernen, aber nicht in der Lage, sich weiterführende Literatur zu besorgen, weil sie entweder im Land nicht zu haben, oder für honduranische Verhältnisse unerschwinglich ist. Wenn man bedenkt, daß das durchschnittliche Einkommen pro Kopf und pro Monat bei umgerechnet etwa 70.- DM liegt, die Literatur aber nur zu westlichen Preisen zu kaufen ist, bekommt man eine kleine Vorstellung von der Not. Hier offenbart sich eine große und wichtige Aufgabe.

Jugendkonferenz in San Pedro Sula

Nachdem wir uns von den liebevollen Geschwistern in Tela wirklich losreißen mußten, fuhren wir ins Innere des Landes, um in der Industriestadt San Pedro Sula die Jugendkonferenz zu besuchen. In dieser relativ reichen, europäisch wirkenden Stadt, mit dem heißesten Klima des Landes und dem erschreckend hohen Anteil von 4% Aidskranken, existiert eine der ältesten Versammlungen von Honduras. Etwa 400 vorwiegend jugendliche Zuhörer waren zu der Konferenz am Samstag gekommen, um in brütender Hitze den Vorträgen zu folgen.

Am Sonntag war es uns eine große Freude, mit den Geschwistern zum Brotbrechen und zur Anbetung Gottes zusammenzukommen. Die freudige und lebendige Beteiligung vieler Brüder und der von Herzen kommende Gesang ist uns in guter Erinnerung.

Vorträge in EI Progresso

Während Tine sich mit dem übrigen DTP-Team den Missionaren Jim Haesemeyer und Grant Ferrer anschloß, um Schul-Einsätze, Frauenstunden und evangelistische Einsätze in den Dschungeldörfern zu machen, fuhren Alois und ich mit Evelio und dem amerikanischen Missionar Mark Plaza nach El Progresso, einer kleinen, armen und schmutzigen Stadt, in der aber viele Christen leben. Hier hatte der Einfluß der Charismatischen Bewegung manche Not und Trennung verursacht und so hatte man mich gebeten, zu diesem Thema Vorträge zu halten.

Etwa 150-200 Geschwister kamen pro Abend, hörten sehr interessiert zu und stellten viele Fragen. Da es in dieser Stadt nur stundenweise Strom und Wasser gibt, ratterte abends während der Vorträge ein lärmender Generator, der für Licht und Ventilation sorgte.

In El Progresso befindet sich auch eine christliche Buchhandlung, die von einem Bruder der Brüderversammlung geleitet wird. Das Buchangebot dort spiegelt die geistliche Not unter den Christen wieder: Etwa 30% der angebotenen Bücher stammten aus der Feder von Yonggi Cho, Benny Hinn, C. Peter Wagner, Robert Schuller, John Wimber usw., also von extremen Charismatikern, über deren Lehren und Praktiken ich in meinen Vorträgen aufzuklären und vor denen ich zu warnen hatte.

Am letzten Abend saß auch ein beleibter Chapterleiter der "Geschäftsleute des vollen Evangeliums" unter den Zuhörern. Ich hatte nichtsahnend u.a. über Benny Hinn, Kenneth Copeland und andere Vertreter der "Glaubensbewegung" gesprochen. Nach dem Vortrag gestikulierte er aufgeregt mit Alois , dem er erzählte, daß er Hinn und Copeland zu einem großen Chaptertreffen von Leitern eingeladen habe. Bisher hätte er nur Gutes über diese Männer gehört, aber von nun an wolle er allen Einfluß geltend machen, um vor diesen Verführern zu warnen.

Der Abschied von den Geschwistern in El Progresso war rührend. Nach dem letzten Vortrag gab es für alle Geschwister einen Pappbecher Cola und ein Stück Kuchen. Anschließend wurde Alois und mir feierlich ein Geschenk von den überaus dankbaren und herzlichen Geschwistern überreicht.

Endstation Tegucigalpa

Am nächsten Tag vereinigten wir uns wieder mit dem übrigen Team - sie hatten eine Menge von ihren Erlebnissen im Dschungel usw. zu erzählen. Zusammengequetscht in zwei PKW fuhren wir die lange, aber landschaftlich wunderschöne Strecke zur Hauptstadt zurück. Unterwegs konnten wir eine Menge von den Sorgen und Freuden eines Missionars aus dem Mund von Grant Ferrer hören, der seit einigen Jahren in diesem Land arbeitet und vor allem ein Anliegen für die Jüngerschaftsschulung von jungen Geschwistern hat.

In Tegucigalpa hatten wir dann noch Zeit und Gelegenheit, die Druckerei und den Verlag der Emmaus-Fernbibelschule kennenzulernen, die von dem argentinischen Missionar David Dominques geleitet wird. Dieser Missionar hat ein besonders starkes Anliegen für die sozialen Nöte der Bevölkerung und hat zahlreiche Meine Kliniken in den Slum-Gebieten eingerichtet. Sein Ziel ist, durch Schularbeit, biblische Unterweisung, Armenküche und Unterricht in Hygiene usw. der schreienden Armut, die jeder Beschreibung spottet, zu begegnen. Er hofft, daß durch diese Arbeit in den nächsten Jahren 3-7 Versammlungen in diesen Slums entstehen.

Als ich an diesem Tag vom Emmaus-Büro aus meine Frau Ulla per Telefon zu erreichen versuchte, hörte ich von meinen Kindern die für mich schmerzliche Nachricht, daß sie zu der Beerdigung von Herbert Herhaus in Schwelm unterwegs sei. Viele dankbare Erinnerungen an diesen väterlichen Freund stiegen in mir hoch. Über 25 Jahre hat er unseren Dienst für den Herrn in der Jugendarbeit und evangelistischen Arbeit betend, beratend, korrigierend und praktisch helfend begleitet. Wie oft hatte er in kritischen Situationen unseren Blick auf den Herrn gelenkt, indem er mit Nachdruck sagte: "ER ist das Haupt!" So war neben allen frohmachenden und bereichernden Eindrücken aus Honduras auch ein schmerzliches Ereignis zu verarbeiten.

Am letzten Tag vor dem Abflug machten wir noch einen kleinen Abstecher in ein weiteres Slum-Gebiet, wo an diesem Tag die erste Kinderstunde in einem renovierten Haus stattfand, das als Basis für eine große evangelistisch-soziale Arbeit in diesem Bezirk dienen soll. Tausende von Menschen leben dort auf engstem Raum in Holz-, Blech- oder Papphütten ohne Kanalisation und ohne Wasserleitung. Die Notdurft wird dort oft in Plastiktüten verrichtet, die dann verknotet und anschließend auf die Straße geworfen werden. Daher der bestialische Gestank, die vielen Krankheiten in diesem Gebiet und die große Kindersterblichkeit.

Mit vielen frohmachenden, ermutigenden aber auch einigen bedrückenden Eindrücken flogen wir dann in unsere Heimat um - wenn Gott es will so bald wie möglich wieder einen Besuch in diesem "Land der fröhlichen Armen" zu machen.

Wie können wir helfen?

Zuerst einmal durch intensive und anhaltende Fürbitte:

für ein harmonisches Zusammenarbeiten der Missionare und für das geistliche und sonstige Wohl ihrer Familien,

für die Emmaus-Arbeit, die jetzt auch die Fühler nach dem nahen Kuba ausstreckt, für die einheimischen Brüder, die in einem vollzeitigen Dienst unter den Gläubigen stehen, oder als Evangelisten unterwegs sind: Omar Ortiz, Florenzio Du-hon, Virgilio Velazquez, Escolatastico Euceda, Noel Suazo und Evelio Castro,

für die vielen jungen Geschwister in den Versammlungen, daß Gott ihnen geistliche Väter und Mütter schenkt, die sie zur Nachfolge Jesu und zum Bibelstudium anleiten.

Eine sehr wichtige Aufgabe besteht darin, gute spanische Literatur nach Honduras zu senden. Vor allem werden Kommentare, Bibelstudienhilfen, seelsorgerliche und apologetische Bücher benötigt. Zur Zeit suchen wir einen günstigen Weg, sowohl Bücher in spanischer Sprache zu drucken, als auch vorhandene Bücher entweder von Europa oder Amerika aus zu senden. Da eine Anzahl junger Brüder bereits Einsätze in die umliegenden Länder wie Nicaragua, Costa Rica usw. machen, könnten sie den vielen Evangelikalen in diesen Ländern, die fast alle charismatisch geprägt sind, ein großer Segen und eine nötige Orientierungshilfe sein.

Vor allem aber laßt uns den Herrn der Ernte bitten, daß Er Arbeiter in Seine Ernte sendet, und laßt uns selbst bereit sein, dem Ruf des Herrn zu folgen.

Nachtext

Quellenangaben