Zeitschrift-Artikel: Der "Toronto-Segen"

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Titel: Der "Toronto-Segen"
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Der "Toronto-Segen"

Vortext

Text

Frage:

Was ist von dem "Toronto-Segen" zu halten?

Antwort

Seit Januar 1994 ist in charismatischen Kreisen wieder die Rede von einer "neuen Welle des Heiligen Geistes", einer "Zeit geistlicher Erfrischung" und von dem "Lachen, das rund um den Erdball gehört wird".

Die Anfänge

Nachdem bereits Ende 1993 an einigen Orten in Südamerika und in den USA durch das Wirken des südafrikanischen Evangelisten Rodney Howard-Brown, durch Benny Hinn und durch die argentinischen Prediger Claudio Freidzon und Ruben Gimenez Kraftwirkungen wie Lachen, Umfallen, Zittern, Weinen, "Betrunkensein im Geist" usw. ausgelöst wurden, kam es am 20.1.1994 in der "Airport-Vineyard-Gemeinde" in Toronto (also einer Gemeinde, die sich der von John Wimber gegründeten Vineyard Bewegung angeschlossen hat), verstärkt zu diesen Manifestationen.

Der Pastor dieser Gemeinde, John Arnott, hatte Randy Clark aus St. Louis eingeladen, um in Toronto über das Wirken des Heiligen Geistes zu predigen. Clark hatte durch den Dienst von R. Howard-Brown, der in dieser neuen Bewegung offensichtlich eine Schlüsselrolle einnimmt, eine "mächtige Berührung mit dem Heiligen Geist" erlebt und am 20.1.1994 geschah unter seiner Verkündigung das, was seitdem als "Toronto-Segen" die Schlagzeilen vieler charismatischer und evangelikaler Zeitschriften füllt: "Hysterisches Lachen, Schreien, Weinen, Brüllen in einer Stärke, wie es sonst nur in menschlichen Grenzsituationen vorkommt, Hüpfen und Tanzen, lang andauerndes krampfartiges Zittern und Zucken, Umfallen" usw.

Die Öffentlichkeitswirkung

Diese eigenartigen Phänomene wurden schnell bekannt und dann wiederholte sich ein etwa 90 Jahre zurückliegendes Ereignis aus dem Beginn der Pfingstbewegung in Los Angeles: Diese Gemeinde entwickelte sich zum Wallfahrtsort für Tausende von Pastoren und charismatischen Leitern, die Augen zeugen und Multiplikatoren dieser neuen Welle wurden.

Es wird berichtet, daß in den ersten sechs Monaten etwa 30.000 Besucher aus aller Welt diese Vineyard-Gemeinde in Toronto besuchten, "um die neue Salbung zu erfahren"?. Auch aus Deutschland machen sich wöchentlich Dutzende von Gemeindeleitern auf den Weg, um diesen "Segen" zu erfahren und weitertragen zu können.

In Europa geriet diese neue Welle zunächst in London ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, als dort in verschiedenen Gemeinden (Baptisten, Anglikaner) diese Phänomene auftraten. So berichtete "The Sunday Telegraph", daß ein ehrwürdiger anglikanischer Bischof sich über den Boden rollte und wie ein Löwe brüllte. Auch andere Tierlaute offenbarten sich. So krähte z.B. ein Mann wie ein Hahn, worauf die Auslegung folgte: "Der Herr sagt: Ein neuer Tag beginnt!"

In Deutschland war es zunächst Claudio Freidzon, der Frühjahr 1994 in der von Wolfhard Margies geleiteten "Gemeinde auf dem Weg" (Berlin) eine Pastorenkonferenz abhielt. Dort konnte Freidzon vor lauter Gelächter nicht weiterpredigen, seine Übersetzerin fiel um und rollte sich schallend lachend über die Erde, die Zuhörer brüllten und schüttelten sich vor Lachen und Männer wie W. Margies und der bekannte Autor Eberhard Mühlan sanken lachend zu Boden oder torkelten "trunken im Geist" durch den Raum.

Eine weitere Konferenz von Freidzon in der "Biblischen Glaubensgemeinde" (Peter Wenz) in Stuttgart brachte diese Welle auch in den Süden unseres Landes. Inzwischen hatte auch Rudi Pinke, der Leiter des Christlichen Zentrums Frankfurt, Toronto besucht und kam mit "einer Salbung" nach Frankfurt zurück.

Er berichtet:

"Bald mußten wir einen zusätzlichen Sonntagsgottesdienst um 18 Uhr einführen, zu dem Gläubige - auch geistliche Leiter - von weit und breit kommen. Manche Besucher wurden an diesen Abenden so trunken im Geist, daß sie nicht allein nach Hause gehen konnten."

Wenn eine skeptische Welt aufgrund dieser Phänomene das Christentum verachtet, dann in diesem Fall nicht wegen des Ärgernisses und der Torheit des Kreuzes, sondern weil die Christen das Christentum mit derartigen Ausdrucksformen buchstäblich lächerlich gemacht haben.

Auf Einladung vom "CZF" wird R. Howard-Brown, der Impulsgeber des neuen Aufbruchs, im Dezember 1994 in Frankfurt zu Gast sein.

In der Schweiz wurde diese Welle weitergetragen von der Basileia Bern unter der Leitung von Martin Bühlmann, einer eigenständigen Laienbewegung innerhalb der ev. Landeskirche, die sich 1994 der Vineyard Bewegung (John Wimber) angeschlossen hat. Dieser neue Aufbruch wird von Martin Bühlmann als "Ausgießung des Heiligen Geistes, die wir lange erwartet haben"
gewertet '.

Im Oktober 1994 fand in Bern der Kongreß "Xund '94 Herr, heile unser Volk" mit John Wimber und Mitarbeitern der Vineyard Bewegung und der Basileia Bern statt. Dort stellte u.a. der Vineyard-Pastor Bill Jackson, der durch Randy Clark mit dem "Toronto-Segen" in Berührung kam, diese neue Welle einem großen Publikum vor. Damit fand dieser Aufbruch auch in der Schweiz Aufnahme und Multiplikatoren.

Aufschlußreich ist, daß M. Bühlmann berichtet, daß diese Manifestationen gelegentlich auch bei Menschen auftreten, die in "keiner persönlichen Beziehung zu Jesus Christus stehen"" und von solchen wie ein "Flash" beim Drogenkonsum erlebt wird.

Wie soll man diese Bewegung beurteilen?

In dieser Abhandlung ist nicht genügend Raum, um die einzelnen Phänomene ausführlich zu beschreiben und zu beurteilen. Doch auf einige Beobachtungen möchte ich aufmerksam machen, die an anderer Stelle ausführlich dargestellt und erläutert werden sollen.

1. Diese Bewegung wächst auf dem Boden einer unnüchternen Erweckungserwartung

Ähnlich wie um die Jahrhundertwende wurde in den vergangenen Monaten überall in der Welt eine erfahrungssüchtige, unnüchterne Erweckungserwartung bis zur Gluthitze geschürt. Die dann auftretenden Phänomene wurden unkritisch als Manifestationen des Heiligen Geistes begrüßt, obwohl diese Phänomene in anderen Weltreligionen, in der New Age-Bewegung und in der Drogenszene vorkommen, wie sogar M. Bühlmann zugibt'.

Charismatische Leiter geben außerdem auch zu, daß diese Manifestationen oftmals biblisch nicht zu begründen sind und scheuen sich nicht, Jo 16,12-14 als eine biblische Rechtfertigung zu zitierenx.

2. In dieser neuen Welle steht eine egoistische, an Erfahrungen und Gefühlen orientierte Frömmigkeit im Mittelpunkt.

Tausende von Christen machen sich auf den Weg nach Toronto - nicht um das Wort Gottes zu hören - sondern um etwas Sicht-und Spürbares zu erleben, eine "Salbung" zu bekommen, unter den Einfluß eines Geistes oder von Kraftwirkungen zu kommen.

Der Heilige Geist hat im Gegensatz dazu die große Aufgabe, Christus zu verherrlichen, Ihn und Sein Wort in den Mittelpunkt zu stellen (Jo 16,14).

3. Erweckungen in der Bibel und geistliche Erweckungen der Kirchengeschichte hatten und haben andere Kennzeichen.

Biblische Erweckungen tragen zu allen Zeiten folgende Kennzeichen: Menschen werden von ihrer Sündhaftigkeit und Unwürdigkeit überführt und von der Größe, der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes ergriffen und fasziniert. Sie nehmen nicht mehr sich selbst wichtig- und ihre eigenen Erfahrungen, sondern sind von Christus erfüllt, denn Christus und sein Wort ist der Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Nicht Menschen oder Orte, sondern das gepredigte und gelesene Wort Gottes ist in der Kraft des Heiligen Geistes Träger einer biblischen Erweckung. Phänomenen wie Umfallen, Schreien usw. wurden keine besondere Bedeutung zugesprochen, ja sogar oft als Ablenkungsmanöver des Teufels gewertet.

Alles, was ich bis heute von dem "Toronto-Segen" gelesen, gehört und gesehen habe, deutet nicht auf eine geistliche Erweckung, sondern auf einen geistlosen Ersatz hin, der teilweise derart abstoßende Züge trägt, daß man über eine solche Entartung des Christentums nur noch weinen kann.

Wenn eine skeptische Welt aufgrund dieser Phänomene das Christentum verachtet, dann in diesem Fall nicht wegen des Ärgernisses und der Torheit des Kreuzes (1Ko 1,23), sondern weil die Christen das Christentum mit derartigen Ausdrucksformen buchstäblich lächerlich gemacht haben.

Nachtext

Quellenangaben

Quellenangaben:

1 idea-Spektrum 44/94, S. 14

2 Charisma 90, 5.2

3 The Observer 9/94, S. 3

4 Charisma 90, S. 6 Kongreßmaterial "Xund '94", S. 5

"ufgestellt" (Zeitung der Basileia Bern), 10/94, S. 14

7 a.a.O., S. 14

8 So H.Ch. Rest in "dran" 9/94, 5. 17