Zeitschrift-Artikel: Jerusalem - eine Wachstumsgemeinde (Schluß)

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Titel: Jerusalem - eine Wachstumsgemeinde (Schluß)
Typ: Artikel
Autor: Gerd Volker Waltersbacher
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Titel

Jerusalem - eine Wachstumsgemeinde (Schluß)

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Text

Im vorigen Teil dieses Aufsatzes zum aktuellen Thema Gemeindewachstum wurde deutlich, daß es nicht lediglich um zahlenmäßiges Wachstum durch Anwenden von Managementmethoden geht, sondern daß Wachstum geistliche Ausgangspunkte und Bewertungsgrundlagen hat. Diese werden sich oft - und beim Beispiel der Gemeinde in Jerusalem haben sie es auch - in einer deutlichen Zunahme der Zahl der Gemeindeglieder niederschlagen. Wie bewertet man aber die anderen Kriterien, die man nicht allein durch Zählen bewältigen kann. Dazu sollen sieben Merkmale herausgearbeitet werden. Bisher wurde als erstes nachprüfbares Merkmal der unbedingt notwendige Gehorsam der Jünger gegenüber dein Herrn Jesus Christus und seinem Auftrag herausgestellt, der sich in Wort (z.B. der Predigt) und Tat zeigt. Das zweite sichtbare Wachstumsmerkmal ist ein anziehendes und einladendes Leben als Christen, das sich deutlich konstruktiv in seiner Freude, gegenseitigen Fürsorge und Dankbarkeit von zeitgeistlichem Pessimismus und Vereinsamung abhebt.

Drittes Merkmal: Predigt des Wortes

In Kapitel 3 wird das Wunder der Heilung des Lahmen an der Pforte geschildert. Gottes Macht zeigte sich deutlich. Das ganze Volk war erstaunt und fand sich in der Säulenhalle zusammen. Petrus nutzt diese Gelegenheit zu seiner zweiten Predigt. Wieder spricht er die unter dem ersten Merkmal genannten Punkte an (Bezug zum AT, Buße und Vergebung, Beginn der Botschaftsverkündigung in Jerusalem).

Der Widerstand formiert sich aus dem religiösen und politischen Lager (Kapitel 4). Die Rationalisten sind auch dabei. Sie alle konnten es nicht ertragen, daß solch ungebildeten Leute das Volk lehrten - war das nicht den Leviten vorbehalten? - und in Jesu die Auferstehung aus Toten verkündigten. Das konnten die Sadducäer nicht akzeptieren. Schnell waren sie dabei, die Jünger abzuführen.

"Viele aber von denen, welche das Wort gehört hatten, wurden gläubig; es wurde die Zahl der Männer bei fünftausend" (4,4).

Nicht die Heilung des Gelähmten war der Auslöser für die, die gläubig wurden, sondern die Predigt des Wortes allein.

In unserer Zeit findet ein "Run" nach Erfahrungen und spektakulären Wundern statt und dabei beruft man sich auf die Anfänge des Christentums. Der Spätregen, so argumentiert man, wird noch größer sein als der Frühregen. Durch Wunder und Zeichen sollen Menschenmassen zum Glauben bewegt werden.

Doch sowohl hier, als auch beim ersten Merkmal des Wachstums kam der Anstoß für die Menschen nicht, weil sie vom Heilungswunder so beeindruckt waren, auch nicht durch das Sprachenreden, sondern allein durch das Wort. Das Wort wurde gepredigt und kam entsprechend der Verheißung (Jes 55,11) nicht leer zurück. Nicht das Wunder stand im Vordergrund, nicht der "Heiler" war von Bedeutung, sondern allein das Wort - und das Ergebnis war: Wachstum.

" Welche Bedeutung hat das Wort Gottes für mich?

" Lese ich es nur erfahrungsorientiert?

" Bin ich auf der Suche nach subjektiven Erfahrungen oder orientiere ich mich nach dem objektiven Maßstab des Wortes Gottes?

" Gebe ich ausschließlich meine Worte, meine Erfahrungen weiter?

" Binde ich Menschen an Wunder, an spektakuläre Wirkungen des Geistes oder an Christus?

Viertes Merkmal: Heiligkeit und Einmütigkeit

Wir kommen jetzt zu Kapitel 5 der Apostelgeschichte. Dort lesen wir in Vers 12: "Und sie waren alle einmütig in der Säulenhalle Salomons. Von den übrigen aber wagte keiner sich ihnen anzuschließen, sondern das Volk erhob sie. Aber um so mehr Gläubige wurden dem Herrn hinzugetan, Scharen von Männern sowohl als Frauen."

Was war vorausgegangen? In welchen Zusammenhang wird dieses Wachstum gestellt?

Die erste Krise kam in der neu entstandenen Gemeinde in Jerusalem auf. Auch diese Gemeinde war keine Gemeinde der Vollkommenen. Habsucht und Lüge in Form von Heuchelei übernahmen die Herrschaft im Leben eines Ehepaars. Der Satan erfüllte ihr Herz. Ananias und Saphira belogen nicht Menschen, sondern den Heiligen Geist. Sie hatten von dem Erlös, den sie durch den Verkauf eines Feldes erhalten hatten, etwas für sich abgezwackt, das Restgeld den Aposteln gegeben und so getan, als wäre es die gesamte Summe. Der Apostel Petrus offenbarte diese Sünde und "band" sie an die beiden (Mt 16,19). Beide starben sofort. Über die Gemeinde und über alle, die es hörten, kam große Furcht (V.11).

Gott offenbarte seine Heiligkeit und dokumentierte mit dem Gericht, daß ER Sünde in der Gemeinde nicht dulden kann. Das Gericht fängt am Haus Gottes an (1Petr 4,17; siehe auch 1Kor 11,20-34).

Das Geschehen macht wieder deutlich, daß wir uns in der Apostelgeschichte am Anfang einer neuen Heilszeit befinden. Gott wirkte mächtig und setzte von Anfang an klar seine Maßstäbe. Die geistliche Kraft, mit Sünde in der Gemeinde umzugehen, war da. Die Apostel, die von Gott als Autorität eingesetzt wurden und die Machtentfaltung Gottes durch sie (V.12 und 15ff) haben wir heute nicht mehr. Und doch hat Gott uns bis heute seine Richtlinien in seinem Wort hinterlassen. Er fordert uns auf, in den Gemeinden, in denen wir örtlich zusammenkommen und in unserem persönlichen Leben entsprechend dem Maßstab seiner Heiligkeit zu leben.

In Vers 12 wird noch ein Merkmal angeführt, das sicherlich zum Wachstum beitrug: Einmütigkeit. Die Tatsache der Einmütigkeit der ersten Christen war schon etwas Besonderes. An mindestens sechs Stellen wird sie in der Apostelgeschichte positiv erwähnt:

1. Einmütigkeit im Gebet (1,14)

2. Einmütig an einem Ort (2,1)

3. Einmütig im Tempel (2,46)

4. Einmütig im Gebet (4,24)

5. Einmütig in der Säulenhalle (5,12)

6. Einmütigkeit im Urteil (15,25)

Sie zeigen eine Übereinstimmung in der Zielsetzung, in den Gedanken, in ihren Beweggründen, und Gott hat versprochen, dazu seinen Segen zu geben (Ps 133).

Die Christen in Jerusalem zeigten eine kompromißlose Haltung gegen Sünde und große Einmütigkeit - die Folge davon war: Wachstum.

" Habe ich ein Empfinden für Sünde?

" Ist mein Denken, wie Sünde zu beurteilen ist, mehr durch die Sicht der Kinder dieser Welt geprägt, oder versuche ich, die Gedanken Gottes nachzudenken?

" Bin ich in einer örtlichen Gemeinde, in der offensichtlich Böses verurteilt wird?

" Ist das Ziel Einmütigkeit oder Einheitlichkeit?

" Wird die Gemeindezucht in Einmütigkeit geregelt?

Fünftes Merkmal: Evangelistisch leben

"In diesen Tagen aber, als die Jünger sich vermehrten", so beginnt Kapitel 6,1.

Zuvor sehen wir, wie die Zeugen Jesu Christi bereit waren, für den Namen (das ist der Name ihres Herrn) Schmach zu leiden (V.41). Trotz Schlägen und Bedrohung, "hörten sie nicht auf, zu lehren und Jesum als den Christus zu verkündigen", und das jeden Tag, in dem Tempel und in den Häusern.

Ihr Einsatz und ihre Energie sind bewundernswert und sicherlich auch nachahmenswert. Sie trugen die Botschaft trotz Widerständen weiter. Sie waren überall und zu jeder Zeit zum Evangelisieren bereit. Christus war ihr Thema. Gott gab seinen Segen.

Die ersten Christen waren eine evangelisierende Schar. Das Ergebnis war: Wachstum.

" Wie gehe ich mit der mir zur Verfügung stehenden Zeit um?

" Wir, in unseren Breitengraden, hatten noch nie so viel Freizeit, aber auch noch nie so wenig Zeit.

" Sind unsere Häuser EvangelisationsZentren?

" Wann wurde zuletzt in Deinem Haus, Deiner Wohnung ein evangelistisches Gespräch geführt?

Sechstes Merkmal: Probleme lösen

Die zweite Krise in der jungen Gemeinde kam (6,1ff). Und wieder hatte sie mit materiellen Dingen zu tun (vgl. 5,1ff). Unzufriedenheit machte sich breit. Ein nicht zu unterschätzender Sprengsatz, um Menschen auseinander zu bringen.

Mit beispielhafter Weisheit wird dieses Problem angegangen. Neben den geistlichen Qualitäten, die zur Lösung des Konflikts nötig waren, wird durch die Namen dieser Männer deutlich, daß sie griechischen Ursprungs waren. Das heißt, sie hatten wenigstens in einer Sache eine Gemeinsamkeit mit denen, die murrten (Hellenisten = griechische Juden): die Herkunft und vermutlich die Sprache. Diese Gemeinsamkeit war eine Brücke zur Verständigung.

Wie genau dieser Konflikt gelöst wurde, erfahren wir nicht. Es ist auch nicht von so großer Bedeutung. Wichtiger sind die Voraussetzungen der Männer, das Gebet der Apostel und der Dienst des Wortes. Der darauf folgende Wachstumsvers deutet jedoch an, daß das Problem gelöst wurde.

"Und das Wort Gottes wuchs, und die Zahl der Jünger in Jerusalem vermehrte sich sehr; und eine große Menge der Priester wurde dem Glauben gehorsam" (6,7).

Die Christen in Jerusalem wußten, wie mit Problemen umgegangen werden sollte. Sie konnten mit Weisheit, die Gott gab, Konflikte lösen. Das Ergebnis war: Wachstum.

" Sind wir nicht Weltmeister darin, Probleme unter den Teppich zu kehren?

" Sind die Verantwortlichen in einer Gemeinde bereit, sich Konflikten zu stellen?

" Wird dann auch in Weisheit vorgegangen oder mit Prinzipien der Welt (Diktatur oder Demokratie)?

Siebtes Merkmal: Unterstützend mitarbeiten

Das letzte Merkmal der Wachstumsgemeinde Jerusalems findet sich nicht direkt in Jerusalem wieder. Jerusalem war aber Ausgangspunkt für weiteres Wachstum in anderen Gegenden.

Nach der Zerstreuung der ersten Christen, die aufgrund der Steinigung des Stephanus geschah, wurden die Gegenden von Phönizien, Cypern und Antiochien erreicht (Ap 11,19ff). Die Juden-Christen predigten das Wort zunächst ausschließlich zu den Juden. Gläubige Männer von Cypern und Kyrene kamen aber dann nach Antiochien und redeten dort zu den Griechen, "indem sie das Evangelium von dem Herrn Jesus verkündigten". Der Herr legte seinen Segen auf ihren Dienst und "eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn" (V.21).

Hier wird deutlich, daß Gott die Zerstreuung zuließ, damit die Botschaft von seinem Sohn weitergetragen wurde. Diese Christen waren überall, wo Gott sie hinbrachte, Boten des Herrn.

Die Christen in Jerusalem hörten von den Antiochiern, und sie sandten Barnabas dorthin. Barnabas sah Gottes Gnade, freute sich und ermutigte die jungen Christen, "mit Herzensentschluß bei dem Herrn zu verharren" (V. 23). Durch die Arbeit dieses guten Mannes wurde "eine zahlreiche Menge dem Herrn hinzugetan" (V. 24).

In der Aufbauarbeit einer Gemeinde eine solche positive und richtungsweisende Unterstützung zu erfahren - so etwas wünscht man sich.

Barnabas sah nicht die "Fehler" und "Schwachstellen" der jungen Christen. Auch versuchte er nicht, Antiochien in eine Kopie von Jerusalem zu verwandeln. Er argumentierte nicht mit den Erfahrungen, die sie in Jerusalem gemacht hatten. Waren sie doch schon einige Jahre "auf dem Weg". Er band diese Jungbekehrten nicht an sich und forderte von ihnen keinen Anschluß an die Gemeinde in Jerusalem. Barnabas sah die Gnade Gottes und verband die jungen Christen mit dem Herrn. Das ist ein Kennzeichen eines guten Mannes, eines guten Arbeiters. Die Folge davon war: Wachstum.

Der Druck von außen und die Zerstreuung "ins Neuland" konnten die ersten Christen nicht aufhalten. Sie nutzten den neuen Wirkungskreis zur Weiterverbreitung der guten Botschaft. Das Ergebnis war: Wachstum.

Die Versammlung in Jerusalem unterstützte die jungen Christen in Antiochien, indem sie einen guten Mann sandten, der die Jungbekehrten ermunterte, mit Hingabe dem Herrn zu leben und das Ergebnis war: Wachstum.

Wir sind wahrscheinlich nicht durch "eine Zerstreuung" an den Ort gekommen, in welchem wir wohnen. Wir sollen aber in dein uns gegebenen Wirkungskreis Zeugen des Herrn sein. Und wenn Du aus beruflichen, familiären oder anderen Gründen Deinen Wohnort wechseln mußt - laß Dein Licht leuchten.

Wir sollten auch fragen, ob wir als Gemeinden noch Ohren haben und unser Interesse geweckt wird, wenn wir von Erweckungen in anderen Gegenden hören.

" Haben wir auch Füße, d.h. sind wir bereit, zu diesen Christen zu gehen?

" Schicken wir gute Männer, die Augen haben, Gottes Gnade zu sehen?

" Kommen von den Lippen dieser Abgesandten Worte der Ermunterung?

Das Ergebnis wird Wachstum sein.

Fassen wir noch einmal zusammen: Wenn wir als Christen einer örtlichen Gemeinde die sieben skizzierten Merkmale ausleben, dann sind Vorbedingungen für ein von Gott geschenktes Wachstum (1Kor 3,6) gegeben.

Nachtext

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