Zeitschrift-Artikel: Leserfragen: Ist es vertretbar, Gott durch Tänze anzubeten?

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Titel: Leserfragen: Ist es vertretbar, Gott durch Tänze anzubeten?
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Leserfragen: Ist es vertretbar, Gott durch Tänze anzubeten?

Vortext

Text

Frage:

"Ist es vertretbar, Gott durch Tänze anzubeten? Vor kurzem ist in unserer Gemeinde eine "Jugendanbetungstanzgruppe" ins Leben gerufen worden. Als Erklärung hierfür hieß es, daß man in Israel im Alten Testament auch getanzt habe. Da fast die gesamte Gemeinde dieses Tanzen bejaht, frage ich mich inzwischen, ob ich mich vielleicht mit meiner Ablehnung im Irrtum befinde."
M.K. aus W.

Antwort

Um die Frage zu beantworten möchte ich zunächst versuchen deutlich zu machen, was die Bedeutung von Tanz und Anbetung in der Bibel ist.

Tanz (oder Reigen) in der Bibel

Im A.T. finden wir verschiedene Situationen, wo getanzt wurde. Nachdem das Volk Israel durch das Rote Meer gezogen war und die Vernichtung Pharaos und seiner Heeresmacht erlebt hatte, tanzten die israelitischen Frauen unter der Anleitung von Myriam (2Mo 15,20).

Hier können wir Tanz als Ausdruck der Freude und Dankbarkeit erkennen. Ähnlich so in 1Sam 18, nachdem Goliath und die Philister besiegt waren, zogen die Frauen Israels mit "Gesang und Reigen" dem König Saul entgegen.

Auch Davids Tanz vor der Bundeslade (2Sam 6,14) scheint in diese Kategorie zu gehören.

So verwundert es auch nicht, daß in manchen Psalmen Israel aufgefordert wurde, Gott mit Reigen zu loben (Ps 149,3; 150,4).

Aber auch die Feinde des Volkes Gottes finden wir "essend und trinkend und tanzend wegen all der großen Beute" (ISam 30,16). Hier waren es die Amalekiter, die auf ihre Weise - vielleicht unter Alkoholeinfluß - ihre Freude Ausdruck gaben. In 2. Mose 32 finden wir den bekannten "Tanz ums goldene Kalb", verbunden mit Essen, Trinken und Belustigung - alles natürlich unter dem Motto "ein Fest dem Herrn!".

Auf dem Berg Karmel scheinen die Baals-Priester auch getanzt zu haben, sie "hüpften" um ihren Altar herum, während sie sich mit Schwertern ritzten und zu Baal schrien (1Kön 19, 26). Dieser ekstatische Tanz scheint eine Art Götterbeschwörung gewesen zu sein.

In den Evangelien finden wir den Tanz der Tochter der Herodias (Mt 14,6), der die Sinne des Herodes so benebelte, daß er ein leichtfertiges Verprechen gab, das Johannes dem Täufer den Kopf kostete.

Positiv finden wir in Lukas 15 "Tanz und Reigen" bei der Rückkehr des Verlorenen Sohnes. Hier ist Tanz deutlich als Ausdruck der Freude zu erkennen.

Interessant ist, daß wir nach Pfingsten weder in der Apostelgeschichte noch in den Briefen des NT etwas über Tanz lesen. Nirgendwo finden wir eine Aufforderung dazu oder eine Andeutung, daß Tanz eine Ausdrucksform der Anbetung sein könnte. Es scheint vielmehr, daß Tanz dem Wesen des neutestamentlichen Gottesdienstes völlig fremd ist.

Tanz in der Religionsgeschichte

In heidnischen Religionen haben Tänze teilweise eine große Bedeutung. So kennen wir z.B. den Totentanz, den Fruchtbarkeitstanz, den Tanz der Derwische, den rauschähnlichen Tanz der Priester und Zauberer, die Tanz als Opfer oder Beschwörung praktizieren.

Tanz in der Kirchengeschichte

In der frühen Kirchengeschichte drang Tanz immer nur durch heidnische Einflüsse ("Mysterien-Kulte") in die Christenheit ein und wurde schließlich nach jahrzehntelangen Diskussionen im Jahr 680 grundsätzlich verboten. Damals bekannte man sich zu der Meinung Augustins, daß der Tanz im Wesen diabolisch sei.

Unter den Calvinisten, Puritanern und Pietisten war der Tanz immer verpönt und erst in den letzten Jahren begannen zuerst die Charismatiker wieder im "Gottesdienst" zu tanzen und inzwischen auch immer mehr Evangelikale.

Anbetung

Anbetung ist ein gewaltiges und zentrales Thema der Bibel, das man nicht mit wenigen Sätzen behandeln kann. Kurz gesagt ist Anbetung immer eine Reaktion auf eine Gottesoffenbarung, die mit "huldigen" oder "niederfallen" umschrieben wird (z.B. Mt 2,2+11; Joh 9,38 usw.).

Einige Zitate aus dem wertvollen Buch "Anbetung" von A.P. Gibbs:

"Anbetung ist das Überfließen eines dankbaren Herzens, das die göttliche Gnade empfindet."

"Anbetung ist die Beschäftigung des Herzens mit Gott selbst, nicht mit den eigenen Bedürfnissen und Segnungen."

"Anbetung ist der Erguß einer Seele, die in der Gegenwart Gottes zur Ruhe gekommen ist."

Anbetung hat sicher manche Ausdrucksformen und kann sich z.B. in Worten und geistlichen Liedern ausdrücken, ist aber auf jeden Fall Ausdruck eines Herzens, das von der Größe und Herrlichkeit Gottes erfüllt und beeindruckt ist. Anbetung wird sicher oft ohne Worte "in Geist und Wahrheit" (Joh 4,23) ausgedrückt.

"Anbetungstanz"

Wenn in unserer Zeit "Anbetungstanzteams" Mode werden, ist das bestenfalls ein Rückfall in eine alttestamentliche Vorstellung von Gottesdienst, wo tatsächlich die Sinne angesprochen wurden, es also etwas zu sehen, hören, riechen und betasten gab.

"Anbetungstanz" mit alttestamentlichen Stellen zu belegen ist genauso unsinnig wie die Ausrottung der Feinde Gottes mit dem Schwert zu legitimieren. In Ps 149 finden wir z.B. beides: Die Aufforderung Gott mit Reigen zu loben (Vers 3), wie auch die Feinde Gottes mit dem Schwert zu töten (Vers 6-7).

Mir scheint die Gefahr sehr groß zu sein, daß Tanz im "Gottesdienst" sogar ein unbewußter Rückfall in heidnische Vorstellungen und Praktiken sein kann, wodurch man meint, die Gegenwart Gottes oder Geisteswirkungen hervorbringen zu können. Es macht schon nachdenklich, daß besonders in den Kreisen "Anbetungstanz" praktiziert wird, wo man meint, den "Geist Gottes" durch anrufen oder befehlen "freisetzen" zu können ("Heiliger Geist, komm!").

Es scheint so, daß die "Gottesdienste" unserer Zeit immer mehr zu einer Unterhaltungsveranstaltung degradiert werden (wo man natürlich auch Beifall für gelungene Darbietungen klatscht), wo nicht eine echte Anbetung Gottes, sondern das Schwelgen in mehr oder weniger frommen Gefühlen und Erfahrungen im Mittelpunkt steht.

Sie stehen also mit der Ablehnung von Tanz im Gottesdienst nicht allein und ich wünsche Ihnen viel Weisheit und Entschiedenheit, mit diesem Problem in ihrer Gemeinde geistlich umzugehen.

 

Nachtext

Quellenangaben