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Zeitschrift-Artikel: Zwischen Hoffen und Bangen Kubas Christen im Frühjahr 2016

Zeitschrift: 155 (zur Zeitschrift)
Titel: Zwischen Hoffen und Bangen Kubas Christen im Frühjahr 2016
Typ: Artikel
Autor: Daniel Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 166

Titel

Zwischen Hoffen und Bangen Kubas Christen im Frühjahr 2016

Vortext

Text

Es ist eine besondere Zeit, in der wir unsere Freunde auf Kuba besuchen. Barack Obama ist gerade auf der Insel – die Rolling Stones ebenso. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten beendet Jahrzehnte eisigen Schweigens zwischen den USA und Kuba. In seiner Rede vom 22.3.2016 an das kubanische Volk redet Obama davon, das Handelsembargo der USA gegen Kuba aufzuheben. Er träumt von wirtschaftlichen Bezie- hungen und stellt Breitband-Internetverbindungen für Kuba (Initiative von Google) in Aussicht. Alles in allem eine Sensation – und nichts anderes ist auch die Tatsache, dass eine Rockband wie die Rolling Stones am Wochenende vor 45.000 Zuschauern in der Hauptstadt Havanna auftritt. Eine Band, die von Fidel Castro immer als dekadenter Auswuchs des Kapitalismus verpönt wurde. › nur Seifenblasen? Dementsprechend erleben wir auch unter den Christen eine gespannte Stimmung, als wir am 18. März 2016 in Kuba landen. Die Optimisten träumen von Freiheit und Wohlstand in absehbarer Zeit, die Pessimisten hoffen zumindest auf langsame Verbesserungen in den nächsten Jahrzehnten. Beschäftigen tut es alle. Und wirklich – man bemerkt Veränderungen an allen Ecken und Enden. Amerikanische Touristen uten das Land. Sie fahren vergnügt lachend mit den kubanischen Oldtimern über die Insel und genießen die Nostalgie, einige Tage in einem der wunderschönen alten Häuser in Havanna verbringen zu können. In der Tat, wer momentan einen Oldtimer als Taxi anbieten oder eine Wohnung in der Hauptstadt an Touristen vermieten kann, bringt es für kubanische Verhältnisse schnell zu einem kleinen Vermögen. Aber der normale Kubaner hat kein Geld, einen Oldtimer zu kaufen und besitzt auch keine Immobilien in Havanna, so dass nur der Traum bleibt, dass die positiven Auswirkungen des politischen Wechsels irgendwann auch bei ihm ankommen. Als wir bei unserem Freund Jorge Luis in El Gabriel ankommen, hat sein Sohn gerade die verbesserten Reise- möglichkeiten genutzt und ist in die USA ausgewandert. Er lässt einen besorgten Vater zurück, der Angst hat, dass sein Sohn zwar materiell einen Aufstieg machen, an seiner Seele aber Schaden nehmen könnte. › der Segen der Gemeinschaft Am Sonntag, dem 20.3., besuchen wir die Brüdergemeinde in El Gabriel. Stolz und froh zeigen uns die Geschwister das fast fertiggestellte Gemeindegebäude (es fehlt noch Geld für Toiletten und eine Gemeindeküche), welches mit Hilfe der deutschen Spendengelder zu einem schönen Versammlungsraum umgebaut worden ist. In den Nebenräumen hat man Lagerräume für die Literatur errichtet und die obere Etage wird von einer jungen Familie der Gemeinde bewohnt, die sich um das Gebäude kümmert. Aus Freude über unseren Besuch ist die gesamte Gemeinde von Guínes nach einer mehrstündigen Busfahrt angereist, so dass der Gemeindesaal gut gefüllt ist, als Wolfgang über Elisa predigt. Da noch keine Küche eingebaut werden konnte, muss man improvisieren. Draußen wird ein Feuer gemacht, ein riesiger Metalltopf wird über das Feuer gestellt, darin wird aus Yucca, Mais und anderen Zutaten eine Suppe gekocht, die allen Kubanern und auch mir hervorragend schmeckt. So genießen die Geschwister bis in den Nachmittag hinein die Gemeinschaft. › Konferenzen Am Montag und Mittwoch nden zwei Konferenzen bei den Baptisten in Havanna und etwa 400 km südlich in Cruzes statt. Es geht um die Emerging-Church-Bewegung und den Papst Franziskus – zwei für die Kubaner sehr aktuelle Themen, über die Wolfgang informiert. Die Baptisten lauschen gespannt und anschließend ergeben sich fruchtbare Diskussionen über die Rolle der Frau in der Gemeinde, den Umgang mit Homosexualität, das Anbetungs-Verständnis und andere Themen. Wie schon in den letzten Jahren wird die mitgebrachte Literatur begeistert angenommen und gelesen. Dank der Spenden aus Deutschland und Österreich können wir den ca. 200 Teilnehmern der Konferenz in Havanna (unter ihnen viele Pastoren und andere Gemeindever- antwortliche) ein für kubanische Verhältnisse fürstliches Mittagessen spendieren: Yucca, Reis, etwas Salat und ein Stück Fleisch. So etwas Wertvolles haben die meisten der Anwesenden schon lange nicht mehr gegessen. › der Wert von literatur Am Dienstag treffen wir uns mit einem Bruder, der mit seiner Frau Bücher in einer Art „Handarbeit“ druckt – mit einfachsten Mitteln und in einer hervorragenden Qualität. Tausende von Seiten druckt bzw. kopiert er täglich mit einfachsten Geräten und bindet sie dann mit der Hand zu Büchern zusammen, unvorstellbar – aber wahr. Die neuesten Titel, die nun verteilt werden können: C.H. Spurgeon „Der größte Kampf der Welt“, Alexander Strauch „In Liebe dienen“, Paul Washer „A Shocking Mes- sage“, William MacDonald „Nimm mein Leben“ und dann die Nachdrucke von „Jesus unser Schicksal“ in einzelnen Broschüren. Mit welcher Dankbarkeit und Freude diese Bücher angenommen und gelesen werden, kann man sich in Westeuropa kaum vorstellen. Unser Freund Jorge ist mit seinem 18 Jahre alten „Lada“ laufend im Land unterwegs, um diese Literatur, die von Gemeinden verschiedenster Prägung erbeten wird, auszuliefern. › Wie man Energieprobleme löst ... Kurz vor Ende der Reise besuche ich am Donnerstag den Bruder Del n in El Gabriel. Del n hat eine Werkstatt, in der er gebrochene Achsen von amerikanischen Oldtimern repariert. Manche der Maschinen, die er benutzt, arbeiten noch mit Riemenantrieb, die älteste Maschine wurde um 1870 gebaut. Es ist kaum zu fassen, mit welch veralteten Maschinen Del n qualitativ hochwertige Differentiale, Achsen etc. herstellt. Dabei staune ich wieder einmal dar- über, wie das Leben in Kuba funktioniert. Del n hat in seinem Haus die Werkstatt, eine Wohnung für sich und seine Frau sowie eine Wohnung für seinen Sohn, der ebenfalls in der Werkstatt arbeitet. Bis vor Kurzem gab es nur einen Stromzähler am Haus, und dies bedeutete ein großes Problem, da die kommunistische Regierung ein Gesetz beschlossen hat, dass eine gewaltige Steuer beim Überschreiten eines festgesetzten Energie-Höchstverbrauchs erhebt. Dieses Energielimit gilt pauschal pro Stromzähler, wer mehr Energie verbraucht, muss die Steuer zahlen. Da Delfin ns Stromzähler den verbrauchten Strom seiner Werkstatt, seiner Familie und der seines Sohnes zählte, war es klar, dass der Grenzwert deutlich überschritten wurde. Delfin hätte auf diese Art und Weise seine Werkstatt nicht weiterführen können, da die erhobene Energiesteuer einfach zu hoch war. Auf der anderen Seiten wäre die Installation zweier weiterer Stromzähler für Delfin unbezahlbar gewesen, auch wenn sie sein Problem gelöst hätten (der Energieverbrauch wäre auf drei Zähler verteilt worden und so hätte kein Zähler das Limit überschritten). Die Lösung des Problems ist typisch für Kuba: Eines Tages betrat ein Firmenbesitzer Delfins Werkstatt, dessen amerikanischer Oldtimer eine gebrochene Achse hatte, die Delfin reparieren sollte. Die Firma des Kunden war darauf spezialisiert, Stromzähler zu installieren. Schon war der Deal beschlossen: Delfin reparierte die Achse ‚kosten- los‘, dafür bekam er zwei weitere Stromzähler eingebaut und kann so seine Werkstatt weiter betreiben, ohne die Energiesteuer bezahlen zu müssen. › Wird der Traum vom Reichtum den Glauben verwässern? Als wir am Freitag zurück iegen, gehen uns viele Gedanken durch den Kopf. Werden die Christen weiter ihr Ver- trauen auf Gott setzen oder wird der Traum vom Reichtum ihren Glauben verwässern? Wie wird sich die Situation auf der Insel entwickeln? Was werden die Christen tun, denen sich die Möglichkeit eröffnet, ins Ausland auszuwandern? Mittlerweile (Stand: August 2016) ist klar, dass der Traum vom schnellen Wohlstand für alle Kubaner eine Utopie war. Das Land macht eine schwere wirtschaftliche Krise durch, unter anderem bedingt durch den Ölpreisverfall, unter dem das wichtige Partnerland Venezuela stark leidet. Viele Christen erliegen der Versuchung, die Insel zu verlassen, um woanders ein besseres Leben beginnen zu können. Ein von uns sehr geschätzter Pastor einer Baptistengemeinde hat vor wenigen Wochen seine Gemeinde in Havanna überraschend verlassen und lebt jetzt mit seiner Familie in den USA. Für die Gemeinde ist das ein Schock. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Das gilt in gewissem Sinne für die gesamte Insel und vor allem für die Christen auf Kuba. Wohin der Weg in den nächsten Jahren gehen wird, weiß nur unser Herr. Dass sich einiges verändern wird, das hat uns unsere kurze Reise deutlich vor Augen geführt.

Nachtext

Quellenangaben