Zeitschrift-Artikel: Jonathan – und das Phänomen der bedingten Nachfolge

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Titel: Jonathan – und das Phänomen der bedingten Nachfolge
Typ: Artikel
Autor: Carsten Görsch
Autor (Anmerkung):

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Titel

Jonathan – und das Phänomen der bedingten Nachfolge

Vortext

Text

s war wohl die Männer-Freundschaft der Bibel schlechthin. Jonathan liebte David wie seine eigene Seele, ja seine Seele verband sich mit der Seele Davids (1Sam 18,1). Sie waren „ein Herz und eine Seele“. Jonathan war fasziniert von dem Mut Davids. Er war Zeuge des Sieges über Goliath. Er hätte sein Leben für den zukünftigen König Israels gegeben. In der Wiedergeburt verbindet sich unsere Seele mit der Seele Jesu. Der Herr nennt uns von diesem Moment an „Freunde“ (Joh 15,15). Wir singen: „Welch ein Freund ist unser Jesus!“ Wir sind fasziniert von seinem grandiosen Sieg über den Teufel. Wir wären bereit für ihn zu sterben, so wie er bereit war, für uns zu sterben. Wir sind „ziemlich beste Freunde“ – der zukünftige König der Welt und wir. In dieser Zeit würden wir „das letzte Hemd für Jesus geben“. Wir schämen uns seiner nicht. Wir bekennen ihn, egal wo wir gehen oder stehen. Wir opfern IHM unsere Zeit und unser Geld. Wir beten nächtelang. Wir studieren sein Wort stundenlang. Wir brechen mit Sünden und lassen uns taufen. Es ist eine Zeit tiefer Verbundenheit, die wir mit Jesus erleben. Der Frühling des Glaubens, die Zeit des Erwachens. Petrus war bereit, für Jesus zu sterben – bis der Hahn dreimal krähte. Johannes Markus war bereit, mit Paulus aufzubrechen – bis die ersten Schwierigkeiten auftauchten. Die Galater waren bereit, dem fast blinden Apostel ihre eigenen Augen zu schenken – bis jüdische Gesetzeslehrer erschienen. In den Ephesern brannte das Feuer der ersten Liebe – bis die zweite Generation herangewachsen war. Es scheint so, als ob dem ersten Moment der Euphorie der zweite Moment der Ernüchterung folgt. Es scheint auch so, dass gewisse Jünger nur unter „gewissen Bedingungen“ bereit sind nachzufolgen. Ich lese die Heiratsanzeigen in der TZ deshalb mit gemischten Gefühlen. Die Scheidungsstatistiken sprechen eine lautere Sprache, als die salbungsvollen Worte am Traualtar: „... bis dass der Tod Euch scheidet“. Geheiratet wird mit Blumen und Girlanden, vielleicht an einem Maientag, in illustrer Gesellschaft. Geschieden wird in ordinären Jeans an einem Jännertag unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aus dem erwarteten Himmel auf Erden wird nicht selten die Hölle auf derselben. “Something’s happened on the way to heaven!” Irgendetwas muss auf dem Weg zum Himmel passiert sein: Er hatte eine andere. Ihr reichte das Geld nicht. Gemeinsame Erziehung war wegen unterschiedlicher Vorstellungen nicht möglich. Denkbar wäre vieles. Wir sollten auf jeden Fall Ursachenforschung betreiben. Wir müssen den Moment „fokussieren“, wo die Nachfolge zum Erliegen kommt. Denn dieser Moment ist lehrreich auch für unser Glaubensleben. Ich habe in der Nachfolge einige Menschen kennen gelernt, die den Herrn wirklich geliebt haben. Nach Monaten, manchmal auch Jahren, haben sie sich abgewandt und den Glauben verleugnet. Sie nannten mir verschiedene Gründe für ihr Verhalten. Der eine konnte nicht mehr glauben, dass Jesus Gott ist, die andere zerbrach an den hohen Ansprüchen der christlichen Lebensethik. Wieder andere scheiterten an der Gemeinschaft der Heiligen. Ich persönlich glaube, dass sie gerettet waren und Jesus liebten. › Gründe für eine bedingte Nachfolge Obwohl Jonathan David liebte, kehrt er doch zu Saul zurück. Die Schrift kommentiert diese Trennung trocken: „Und David machte sich auf und ging hinweg; Jonathan aber kam in die Stadt.“ (1Sam 20,42). Hier trennen sich die Wege der beiden Freunde. David geht in die Verwerfung, Jonathan zurück an den Königshof. Warum folgt Jonathan nicht dem zukünftigen König und hält sich stattdessen zu dem, der keine Zukunft hat? Der erste denkbare Grund für dieses widersprüchliche Vorgehen wäre der, dass Saul sein Vater war. Vielleicht empfand er deshalb eine besondere Form der Loyalität zu ihm. Vielleicht wog das vierte Gebot für ihn schwerer als das erste. Vielleicht liebte er aber einfach auch den Luxus am Hof des Vaters mehr, als das entbehrungsreiche Leben Davids in den Bergen und Wäldern Israels. Man sagt, Blut sei dicker als Wasser. Tatsächlich setzt sich die Liebe zu den Verwandten in der Nachfolge häufig gegen die Liebe zu Jesus durch. Deswegen verlangt Jesus von uns die Bereitschaft, Vater und Mutter, Haus und Hof, Kind und Kegel zu verlassen, um ihm nachfolgen zu können. (Mt 19,29) Mancher von uns tut sich aber schon schwer, wenn er am Muttertag dem himmlischen Vater die Ehre geben soll. Der zweite denkbare Grund für das schwer erklärbare Verhalten Jonathans könnte seine „Blauäugigkeit“ sein. Vielleicht wollte er einfach nicht wahrhaben, dass sein Vater seinen Freund aus Neid hasste. Erst als er sich am Hofe offen zu David bekannte, wurden ihm die Augen geöffnet; als Saul seinen Speer genauso gnadenlos nach ihm warf, wie er ihn zuvor nach David geworfen hatte. „Da warf Saul den Speer nach ihm, um ihn zu treffen; und Jonathan erkannte, dass es von Seiten seines Vaters beschlossen sei, David zu töten.“ (1Sam 20,33) › Viele Christen sind blauäugig ... Sie lieben zwar den Herrn, aber sie hassen nicht dessen Widersacher. Für sie ist die Welt keine Wüste, sondern eine Spielwiese. Sie unterschätzen die Bösartigkeit der Sünde und spielen mit ihr. Sie glauben, dass man Drogen- abhängige nur freundlich behandeln muss und ein konsequenter Führungsstil deshalb über üssig sei, wenn man sie entwöhnen will. Sie sind Toren, weil sie für alles offen sind. Für sie ist jedes vermeintliche „Missverständnis“ klärbar, wenn man nur lange genug darüber redet. Der dritte denkbare Grund für das paradoxe Verhalten Jonathans könnte mit einer Art „Pflichtbewusstsein“ zu tun gehabt haben. Vielleicht sah er seinen Platz einfach noch am Königshof. Vielleicht meinte er die Aufgabe zu haben, Saul die Augen für den Wert Davids zu öffnen. Seine Aussagen lassen vermuten, dass er bis zu einem gewissen Punkt an die Vereinbarkeit der beiden Königtümer glaubte und dafür arbeitete. Hierin gleicht Jonathan vielleicht pflichtbewussten Christen, die ihren Platz auch nach der Bekehrung in der katholischen oder evangelischen Kirche oder sonst wo sehen. An ihren Ohren ist der Ruf aus Offenbarung 18 vorbeigehallt: „Gehet aus ihr hinaus, mein Volk, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet, und auf dass ihr nicht empfanget von ihren Plagen;“ (Offb 18,4). Sie wis- sen zwar um den Ruin ihrer Kirche, aber sie sehen ihren Auftrag immer noch dort, weil sie ihre „Brüder“ auf eben diesen Ruin aufmerksam machen möchten. › Wie kann man eine „bedingte Nachfolge“ vermeiden? Jonathan bezahlte seine Halbherzigkeit mit seinem Leben. Als Saul starb, starb auch er. „Und die Philister setzten Saul und seinen Söhnen hart nach; und die Philister erschlugen Jonathan und Abinadab und Malkischua, die Söhne Sauls.“ (1Sam 31,2). Nicht nur, dass er nicht dem Kabinett des kommenden Königs angehörte – nein, er musste mit dem System des alten Königs untergehen und sterben. Der Feind Gottes ist unerbittlich. Er setzt uns hart nach. Geben wir ihm einen kleinen Finger, so nimmt er die ganze Hand. Jeder Kompromiss mit der Welt, in der wir leben, stellt deshalb ein Risiko für uns dar. Wenn Gott „nein“ zu einer Sache sagt, dann sollten wir Gleiches reden. Oder wissen wir nicht, „dass die Freundschaft mit der Welt Feindschaft wider Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, stellt sich als Feind Gottes dar.“ (Jak 4,4) Es gehört zu den Eigenheiten der Nachfolge Christi, dass sie unbedingt ist. Nachfolger sind solche, die dem Lamme folgen, wohin irgend es geht ... (Offb 14,4). Hier tun wir uns schwer. Wir knüpfen Bedingungen an die unbedingte Nachfolge. Wir sagen: Ja, ich gehe mit Jesus, aber ich möchte meine Beziehungen nicht verlieren. Oder: Ja, ich gehe mit Jesus, aber ich brauche einen gewissen Lebens-Standard. Oder: Ja, ich gehe mit Jesus, aber ich bin nicht bereit, meinen nanziellen Wohlstand aufzu- geben. Eine zweite Eigenheit der Nachfolge ist, dass sie einfältig ist. 2. Korinther 11,3 spricht von der „Einfalt gegen Christus“. Ich habe einige Menschen scheitern sehen, weil sie nicht einfältig glauben konnten. Ihr „aber“ widersprach den vermeintlich törichten Aussagen der Heiligen Schrift. Kann Jesus Gott und Mensch in Einem sein? Schuf Gott nicht doch durch Evolution? Ist auch die paulinische Ethik über Mann und Frau inspiriertes Wort Gottes? Schlaue Männer scheitern hier gerne. Ergebene Dienerinnen scheitern hingegen eher an unerfüllten Wünschen. Sie hätten und haben ihr Leben für den Heiland gegeben. Aber er hat ihnen nicht gegeben, was sie wollten: Männer! Diese Jüngerinnen scheitern spät. Wenn einige Jahrzehnte ins Land gegangen sind und sich nichts getan hat. Ihr Tod ist der schmerzhafteste, weil sie so lange und so tapfer auf Rettung gewartet haben. Eine dritte Eigenschaft der Nachfolge ist also, dass sie keine Ansprüche stellt. Viertens erfordert die Nachfolge Christi Tapferkeit von denen, die sie üben. Paulus schärft seinem Schüler Timotheus ein: „So schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn noch meiner, seines Gefangenen, sondern leide Trübsal mit dem Evangelium, nach der Kraft Gottes!“ (2Tim 1,8). Wer den Weg dem Lamme nach geht, muss mit dem Lamm zusammen leiden. Zum Beispiel dann, wenn er Spott und Hohn erntet, während er einfältig wie ein Kind am Arbeitsplatz vom himmlischen Vater spricht. Unbedingte Nachfolge ist entschiedene Nachfolge. Deswegen singen wir den Täu ingen gerne: „Ich bin entschieden, zu folgen Jesus!“, wenn sie aus dem Wasser steigen. Irgendwann müssen wir uns tatsächlich einmal entscheiden, ob wir auf der Seite Sauls oder Davids kämpfen, ob wir Jesus nachfolgen oder mit dem Strom der Welt treiben. Nachfolge funktioniert nach dem „alles-oder- nichts-Prinzip“. Für „Gegner“ gibt es vielleicht mehr Hoffnung als für „Mitläufer“!

Nachtext

Quellenangaben