Zeitschrift-Artikel: Ungewöhnliche Bekehrungen

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Titel: Ungewöhnliche Bekehrungen
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ungewöhnliche Bekehrungen

Vortext

Man muss schon in alten Nachschlagewerken suchen, um etwas über diesen Londoner Prediger zu erfahren. Die heutigen Schreiber der Kirchengeschichte erwähnen nicht einmal seinen Namen, obwohl er als Freund George Whitefields oft in dessen „Tabernacle“ gepredigt hat und im 19. Jahrhundert verschiedene Biographien über diesen damals sehr po­pu­­lären Straßen- und Wanderprediger geschrieben worden sind. Theodor Christlieb schrieb über diesen Mann: „Er war ein ungemein populärer, unerschöpflich witziger und dabei sehr exzentrischer Prediger, aber immense Massen anziehend durch seine pointenreiche, geistvolle, ungemein praktisch und kühn anfassende, alle Sünde und Torheiten schonungslos bloßstellende Predigtweise.“ Auch Spurgeon erwähnt Rowland Hill immer wieder in seinen Predigten und bezeichnet ihn als einen Mann „in Tat und Wahrheit ein Kindesgemüt, ein Nathanael, in welchem kein Trug war, ungekünstelt, natürlich, durchsichtig, ohne alles gemachte Wesen, aufrichtig. Von einem Mann, der das Evangelium wohl kannte, sich aber zu fürchten schien, es offen zu predigen, sagte er: ‚Er predigt das Evangelium gerade so, wie ein Esel eine Distel frisst – sehr vorsichtig.‘ Er selbst mochte es gerade umgekehrt!“ „Der gute alte Rowland Hill“ (1744–1833), wie er später gerne und liebevoll genannt wurde, war ein origineller und begabter Verkündiger in England bis in sein hohes Alter. Er wuchs in einer adeligen, sehr reichen Familie auf, hatte eine glänzende Ausbildung sowohl am Eton College, wie auch am St. Johns College in Cambrigde genossen und kam im Alter von 18 Jahren im Umfeld von George Whitefield zum lebendigen Glauben.

Text

Von Gott bevollmächtigt Obwohl er ein sehr gebildeter junger Mann war und auch Theologie studiert hatte, weigerten sich nicht weniger als sechs verschiedene Bischöfe, ihn zu ordinieren. Aber Rowland Hill benötigte keine Männerhand, um für seine Aufgabe autorisiert zu werden. Gott selbst beauftragte und befähigte ihn unter freiem Himmel, auf öffentlichen Plätzen, oft vor Zigtausenden das Evangelium zu predigen. Wo immer er auftrat, strömten die Menschen zusammen um diesen ungewöhnlichen Verkündiger zu hören und natürlich rückten auch die Feinde des Evangeliums heran, um ihn zu beseitigen oder zumindest Unruhe zu verbreiten. Im hohen Alter trafen ihn zwei ebenfalls betagte Männer und fragten ihn: „Erinnern Sie sich, dass Sie vor fünfzig Jahren an diesem Ort gepredigt haben?“ Er erinnerte sich sehr wohl. „Nun, Herr“, fuhren sie fort, „wir kamen mit unseren mit Steinen beladenen Taschen, um auf Sie zu werfen. Aber als Sie beteten und ihre Predigt begann, ließen wir die Steine nacheinander auf den Boden fallen, denn Gott hatte die Steine aus unseren Herzen genommen!“ Hill pflegte während seiner leidenschaftlichen Verkündigung gelegentlich hin und her zu gehen. „Lieber Herr Hill“, sagte eine Dame zu ihm, nach einer solch „abschweifenden“ Ansprache, „Sie haben uns heute Nacht von Dan nach Beersheba gebracht!“ „Macht nichts“, antwortete der Prediger, „es ist alles heilige Erde!“ Wie Geld zum zeitlichen und ewigen Segen dienen kann Eine gewisse fromme Frau war leider mit einem ungläubigen Man verheiratet, der dem Bier ergeben war. Als er eines Tages seine fällige Miete nicht bezahlen konnte, sodass ihre Möbel verpfändet wurden, suchte seine Frau in ihrer Not Rowland Hill auf, um ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Nachdem Hill von der Frau erfahren hatte, dass 18 englische Pfund ausreichend wären, um die Möbel wiederzubekommen, bot er 20 Pfund an, die er allerdings nicht ihr, sondern unbedingt ihrem Mann übergeben wollte. Sehr erleichtert lief die Frau zu ihrem Mann und erzählte ihm das großzügige Angebot des Predigers und dessen Bedingung. Sofort machte sich der Mann auf den Weg zu Hill, der ihm freundlich die Tür öffnete und daraus ergab sich folgendes Gespräch: „Sie hatten also das Unglück, ausgepfändet zu werden?“ – „Leider, Herr Pastor!“ – „Und für 20 Pfund würden Sie ihre Möbel wiederbekommen?“ – „Jawohl, Herr Pastor!“ – „Gut, dort auf dem Tisch liegen zwei 10 Pfund-Noten für Sie. Stecken Sie dies ein. Sie können sie mir wiederbringen, wenn es Ihnen möglich ist.“ Der Mann nahm die beiden Scheine mit innigem Dank für die erwiesene Güte und versprach, das Geld so bald wie möglich zu erstatten. Er wollte gerade das Zimmer erleichtert und hoch erfreut verlassen, als Hill ihm nachrief: „Halt, warten Sie noch! Legen Sie das Geld wieder hin, bis ich um einen Segen für dasselbe gebetet habe.“ Der erstaunte Mann folgte dem Befehl, worauf Hill seine Hände aufhob und etwa Folgendes betete: „O Herr, du Quell aller Gnade, du Geber aller guten und vollkommenen Gaben. Wir bitten dich demütig, segne das Geld, welches der Mann, der hier vor deinem Angesicht steht, erhalten hat, damit es zu seinem zeitlichen und ewigen Heil dienen möge, durch Jesus Christus. Amen!“ Als der Mann nun zum zweiten Mal etwas verlegen die Scheine nehmen wollte, unterbrach ihn Hill und sagte, dass er noch etwas vergessen habe. Zur völligen Verwirrung des Mannes fügte Hill hinzu: „Guter Freund, Sie haben selbst noch nicht um einen Segen für das Geld gebeten. Tun Sie das doch gleich.“ „Herr Pastor“, stotterte der andere – völlig aus der Fassung. „Ich kann nicht beten; ich habe noch nie in meinem ganzen Leben ge­betet.“ „Umso mehr tut’s not, dass Sie endlich anfangen“, sagte der Prediger ruhig, aber bestimmt. „Ich kann nicht, Herr Pastor, mir fällt nichts ein!“ – „Dann kann ich Ihnen das Geld auch nicht geben. Ich werde mich hüten, einem Menschen, der nicht beten kann, zwanzig Pfund zu leihen.“ Der andere zögerte etwas, schloss dann seine Augen, hob die Hände auf und sprach mit feierlichem Ernst: „Mein Gott, was soll ich denn nun bloß zu dir und zum Herrn Hill sagen!“ Er wollte gerade einen weiteren Satz anfügen, als Hill ihn unterbrach und ausrief: „Genug, genug! Ein herr­liches Gebet für den Anfang, weil es aus dem Herzen kam! Nun stecken Sie Ihr Geld ein – möge Gottes Segen darauf ruhen!“ Mit diesen Worten drückte Hill dem verblüfften Mann die beiden Banknoten in die Hand und sagte ihm mit einem herzlichen Händedruck Lebewohl. Tatsächlich änderte sich das Leben dieses Mannes nach dieser Begegnung, die einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Er bekehrte sich zum Herrn und änderte sein Leben, sodass diese Erfahrung ihm tatsächlich zu ­seinem „zeitlichen und ewigen Heil“ diente.

Nachtext

Quellenangaben