Zeitschrift-Artikel: Scheintot

Zeitschrift: 160 (zur Zeitschrift)
Titel: Scheintot
Typ: Artikel
Autor: Alexander vom Stein
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 178

Titel

Scheintot

Vortext

Text

„Haltet dafür, dass ihr der Sünde tot seid, Gott aber lebend in Christus Jesus.“ (Röm 6,11) Einem Toten kann man nichts mehr anhaben, er lässt sich weder jagen noch bekämpfen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich manche Tiere ihre Feinde vom Leib halten, indem sie sich tot stellen. Dieser Reflex wird in der Biologie auch als Schreckstarre, Letisimulation, Akinese oder Thanatose bezeichnet und lässt sich bei verschiedenen Fröschen, Echsen, Schlangen, Vögeln, Säugetieren und Insekten beobachten. Bollwerk Das Risiko, durchschaut zu werden, ist bei dieser Methode sehr hoch, weshalb sie wirklich nur als „Notlösung“ von wehrlosen Kreaturen eingesetzt wird, die zu einer schnellen Flucht nicht in der Lage sind. Ein großer Vorteil ist es, wenn sie wenigstens etwas äußeren Schutz haben. Die farbenfrohen Goldwespen (Chrysididae) schimmern in metallischem Glanz. Das sieht zwar wunderschön aus, nimmt ihnen aber die Möglichkeit, sich zu tarnen oder zu verstecken. Dazu kommt, dass sie unbewaffnet sind. Allerdings sind die Außenseiten ihrer Körpersegmente enorm verstärkt, so dass sie sich bei Bedrohung eng zusammenkrümmen können und so geschützt sind. Der extrem langsame Pillenkäfer (Byrrhus pilula) versenkt bei Gefahr seine Fühler, Mundwerkzeuge und Beine in exakt passende Körperöffnungen und friert dann jede Bewegung ein. Als „Panzerpille“ bietet er den Beißzangen der meisten Feinde keine Angriffsfläche und wartet einfach ab, bis sie das Interesse verlieren und ihn wieder in Ruhe lassen. Perfektioniert wird diese Vorgehensweise durch die Ordnung der Saftkugler (Glomerida), die zu den Tausendfüßern zählen. Sie hakeln ihre 17 Beinpaare von außen nach innen fest zusammen und erstarren zu einer vollständig geschlossenen Kugel. Ein Räuber kann sie zwar wild durch die Gegend rollen, knacken lässt sich dieser Safe aber nicht. Not-Fall Allerdings kann sich längst nicht jeder hinter einer harten Schale verstecken und da es den typischen Insektenfressern in der Regel herzlich egal ist, ob sie sich lebende oder tote Beute einverleiben, gehen die weniger gut geschützten Formen nach einem anderen Muster vor. Die Eulenfalter (Noctuidae) sind mit 35.000 Arten eine so formenreiche Schmetterlingsfamilie, dass eine allgemeine Beschreibung schwerfällt. Manche ihrer Raupen haben giftige Brennhaare, andere beachtliche Kieferzangen, aber kaum einer verlässt sich auf diese Waffen. Bei einer Attacke lassen sie sich blitzschnell vom Blatt fallen und bleiben dann völlig reglos am Boden liegen. Raffinierterweise spinnen sie im freien Fall einen Seidenfaden mit, an dem sie sich wieder zu ihrem Lieblingsplatz heraufziehen, sobald die Luft wieder rein ist. Besonders verwundbar ist die Riesenstabschrecke (Phobaeticus chani). Sie trägt ihren Namen zu Recht, denn mit ausgestreckten Beinen ist sie über einen halben Meter lang – das längste Insekt der Welt. Im Geäst eines Baumes fällt es ihr schwer, den ganzen Körper im Blick zu behalten. Durch ihre hervorragende Tarnung gerät sie nur selten ins Visier ihrer Feinde, aber wehe, wenn sie entdeckt wird. Sollte der Angreifer bereits eines ihrer Beine gepackt haben, darf er es behalten, denn es bricht einfach ab; und dann hilft nur noch der freie Fall, egal aus welcher Höhe, durch alle Stockwerke des Dschungels bis auf den schattigen Waldboden. Da liegt sie dann mit angelegten Beinen und Fühlern starr ausgestreckt wie ein trockenes Ästchen. Solange sie sich totstellt, kann sie unmöglich entdeckt werden. Drama-Queen Andere Tiere geben sich größte Mühe, den eigenen Tod glaubhaft zu inszenieren. Zu einer wahren Meisterleistung bringt es die Dominicaboa (Boa constrictor nebulosa), eine ungiftige Würgeschlange. Sie ist in der Lage, kleinere Nager und Echsen zu erwürgen und als Ganzes zu verschlingen. Ihr schlanker, 2,30 Meter langer Körper bietet aber keine Verteidigungsmöglichkeit gegen größere Räuber, weshalb sie sich bei einer Konfrontation ganz auf ihr Schauspieltalent verlässt. Eine gelungene Darbietung kann man sich in etwa so vorstellen: die Boa wirft sich auf den Rücken, rollt sich zusammen, überstreckt den Kopf nach hinten und lässt die Zunge schlaff aus dem weit geöffneten Maul hängen. Dann bringt sie einige feine Adern im Kopf zum Platzen, die Augen trüben sich und nehmen eine rötliche Farbe an und aus dem Mund tropft Blut. Gleichzeitig scheidet ihre Kloake einen grünlichen Schleim aus, der sie mit ekel­erregendem Aasgeruch umhüllt. Der Räuber, eingestellt auf Jagd und Kampf, ist im nächsten Moment über ihr, findet aber nur eine scheinbar tote und wenig appetitanregende Schlange vor, deren Verwesung offensichtlich schon fortgeschritten ist. Auch andere Schlangen stellen sich in ähnlicher Weise tot, die meisten erzeugen dabei ebenfalls einen beeindruckenden Aasgeruch, aber den Zusatztrick, bei dem tatsächlich Blut fließt, hat niemand sonst im Repertoire. Die heimische Ringelnatter (Natrix natrix) zum Beispiel dreht sich einfach auf den Rücken und zeigt keine Reaktion mehr. Die amerikanische Hakennasennatter (Heterodon nasicus) würgt mitunter halbverdaute Beute hervor, was den vorgespielten Verwesungscharakter eindrücklich unterstreicht. Todernst Besonders erwähnenswert ist die hochdisziplinierte Nummer, die das Opossum (Didelphis virginiana) notfalls bis zum bitteren Ende durchzieht. Egal was geschieht, es hat sich entschlossen einen „auf tot zu machen“ und bleibt dabei, selbst wenn es lebendig verspeist wird. Im englischen Sprachgebrauch ist deswegen der Ausdruck „to play opossum“ das gängigste Synonym für den Totstellreflex. Es ist noch nicht genau erforscht, ob die Schmerzwahrnehmung abgeschaltet ist, ob sie durch die Ausschüttung körpereigener Betäubungsmittel (Opioide) unterdrückt wird, oder ob das Tier den Schmerz einfach ertragen kann. Das Opossum weist noch eine weitere Besonderheit auf, die es für die Forschung außerordentlich interessant macht: es ist immun gegen das Gift von Schlangen und Skorpionen! Überwinder Bezogen auf die Angriffe Satans sagt der Herr Jesus seinen Jüngern: „Siehe, ich gebe euch die Gewalt, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und Gewalt über die ganze Kraft des Feindes, und nichts soll euch irgendwie schaden.“ (Lk 10,19) Gegen das Gift des Feindes sollen wir unempfindlich sein – wie das Opossum. Im vorangestellten Bibelvers schreibt Paulus, dass wir uns so verhalten sollen, als ob wir für die Sünde, also für ihre Versuchungen und Verführungen, tot wären. Von dem Verhalten der Tiere können wir lernen, was es heißt „sich für tot zu halten“. Jeder merkt bei sich selbst, dass das nicht immer gelingt und kennt bestimmte Reize, bei denen das Stillhalten sehr schwer fällt. Das Opossum macht uns vor, was es heißt, eine bewährte Strategie, für die man sich entschieden hat, konsequent durchzuhalten. Goldwespen, Pillenkäfer und Saftkugler zeigen, wie wichtig es ist, dem Feind keinen Angriffspunkt zu bieten – denn er kennt unsere Schwachstellen nur zu gut! Wenn wir merken, dass wir verführt werden, sollten wir den Ort der Gefahr blitzartig verlassen und danach genauso unauffindbar bleiben – wie die Eulenfalterraupen und Riesenstabschrecken, die mucksmäuschenstill im Humus liegen. Die Schlangen lehren uns, dass unsere Vorstellung glaubhaft sein muss. Es nützt nichts, große Reden zu schwingen, für welche Feinde wir alle so gut wie tot sind, wenn man uns gleichzeitig anmerkt, wie leicht wir aus der Reserve zu locken sind. Das Ziel ist allerdings, nicht permanent in der Schockstarre zu verharren, sondern in Jesus Christus für Gott zu leben!

Nachtext

Quellenangaben