Zeitschrift-Artikel: Ist das hier steif!

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Titel: Ist das hier steif!
Typ: Artikel
Autor: Theo Lehmann
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ist das hier steif!

Vortext

Text

Irgendeine Gemeindeveranstaltung in irgendeinem Gemeindesaal. Auf den hinteren Reihen sitzt das, was sich Gemeinde nennt. Man hat seinen Platz so gewählt, dass man nicht unmittelbar neben ein anderes Gemeindeglied zu sitzen kommt. Das hat den Vorteil, dass man dem anderen nicht erst die Hand geben muss, so genau kennt man den sowieso nicht, oder vielleicht kennt man ihn doch ganz genau und möchte ihm gerade deshalb nicht erst die Hand geben. Auch erübrigt sich somit eine Unterhaltung, Kopfnicken genügt, hinplumpsen lassen, fertig, es kann losgehen. Bis zum Beginn der Veranstaltung sind noch ein paar Minuten Zeit. Einige Grüppchen, Stammplatzinhaber, riskieren eine Unterhaltung. Flüsterton, Gewisper, gedämpft. Die vorderen Reihen bleiben leer, zwischen Rednerpult und dem, was sich Gemeinde nennt, muss schließlich ein ordentlicher Abstand sein. Einer kommt herein, ein paar Bücher unterm angewinkelten Arm, nickt gemessen, lässt sich auf der ersten Reihe nieder, Eckplatz. Von diesem Moment an wird das Geflüster noch gedämpfter, denn der Herr da vorn, der steif wie ein Stock dasitzt, und dem, was sich Gemeinde nennt, den Rücken zukehrt, ist der Herr Pfarrer. Er schielt immer mal auf die Uhr, ob’s schon soweit ist, aber es ist noch nicht soweit: Es fehlen noch zwei Minuten; so auch der Kantor. Schließlich huscht auch der herein, beugt sich zum Pfarrer, die Herren besprechen die Lieder. Im Flüsterton, versteht sich. Nochmaliger Uhrenvergleich, der Kantor rückt sich auf dem Klaviersessel zurecht, der Pfarrer erhebt sich und schreitet zum Pult. Nun sieht man ihn auch von vorn, sein Gesicht ist ernst. Noch fehlt eine volle Minute bis zum festgesetzten Beginn. Der Pfarrer blickt auf das, was sich Gemeinde nennt. Zu hören ist nun nichts mehr, es herrscht vollkommene Stille. Mein Gott, ist das hier steif! Öde, der ganze Laden; ob die Krach miteinander haben? Da kommt noch jemand, es ist die alte Franke aus dem Nachbarhaus. „Na, die hat’s nötig, immer als Letzte zu kommen, hat ja auch den weitesten Weg“, brummt jemand. Oma Franke gibt sich wirklich Mühe, jedes überflüssige Geräusch zu vermeiden, quetscht sich gleich auf den nächsten Stuhl, das Ding knarrt peinlicherweise. Endlich passiert mal was: Oma Franke schmeißt vor lauter Beklemmung ihren Krückstock um. Gepolter, Köpfe drehen sich um, natürlich, die olle Franke. Die hat einen roten Kopf, fummelt auf dem Fußboden herum, endlich hängt der Stock wieder an der Lehne, wieder ist Stille. Unverwandt blickt der Herr Pfarrer derweil auf das, was sich Gemeinde nennt. Man mustert sich gegenseitig, immer noch fällt kein Wort und leider auch kein Krückstock mehr. Da: „Liebe Brüder und Schwestern, wir beginnen mit dem Lied Nummer …“ – und nun rollt die Veranstaltung ab. Bibelstunde, Morgenandacht, Gottesdienst, was es auch sei. Jedenfalls ist es eine Veranstaltung, aber nie und nimmer ein Zusammensein einer Gemeinde, einer Gemeinschaft, die sich kennen, sich lieben, sich begrüßen, sich etwas zu sagen haben müsste. Wenn sich Bekannte in der Kneipe treffen, geht es anders zu. Gewiss, der Gemeindesaal ist keine Kneipe. Aber er ist der Raum, in dem die Familie der Kinder Gottes zusammenkommt, die „Brüder und Schwestern“. Und da dürfte es eigentlich nicht so steif, verklemmt, gequält zugehen. Das, was sich Gemeinde nennt, müsste aufeinander zugehen, zusammen reden, zusammenrücken , sich natürlicher, menschlicher geben, um wirklich eine Gemeinschaft abzugeben. Ich schlage vor: Bei der nächsten Zusammenkunft im Gemeindesaal setzen Sie sich ohne Abstand neben jemand, strecken ohne Umschweife die Hand aus, fangen ohne Geflüster ein Gespräch an. Wer ganz keck ist, kann sich vorn in die erste Reihe setzen, neben dem Pfarrer. Wenn der schon so verklemmt ist, dass er lieber die Wand anstiert, statt sich mit seinen Gemeindegliedern zu unterhalten, dann braucht er dringend jemanden, der sich mal um ihn kümmert. Jedenfalls: Kampf der Steifheit! Einverstanden, Brüder und Schwestern?

Nachtext

Quellenangaben

Aus: Theo Lehmann: Knapp daneben ist auch vorbei – Gedanken eines unbequemen Zeitgenossen, Wuppertal: Oncken 2006, S. 89–91 (­Vergriffen). Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers