Zeitschrift-Artikel: Unser Heiland–Gott

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Titel: Unser Heiland–Gott
Typ: Artikel
Autor: William Kaal
Autor (Anmerkung):

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Titel

Unser Heiland–Gott

Vortext

Text

Bis du groß bist, ist das verheilt! – diesen Satz haben bestimmt schon viele Kinder zu hören bekommen. Wenn die ersten Versuche Fahrrad zu fahren mit aufgeschürften Händen und offenen Knien endeten, wurden wir damit getröstet, dass Wunden mit der Zeit heilen. Und tatsächlich: wo eben noch eine blutende Wunde klaffte, war schon bald nichts mehr davon zu sehen und der Unfall vergessen. Wir haben uns so daran gewöhnt, dass selbst schwere Verletzungen spurlos verheilen können, dass wir nicht mehr darüber staunen. Dabei ist jede Heilung ein faszinierendes Wunder! Und es ist kaum auszudenken, wie wir aussähen, wenn alle Wunden, die wir uns während unseres Lebens zuzogen, geblieben wären! › Selbstheilende Materialien? Doch das, was in der Natur alltäglich ist, scheint in der Technik unvorstellbar. Niemand käme auf die Idee, sein Auto mit gebrochener Achse so lange in die Garage zu stellen, bis der Schaden verheilt ist. Im Gegenteil, was einmal kaputt gegangen ist, bleibt kaputt – es kann höchstens aufwändig repariert oder ersetzt werden. Angespornt vom Vorbild der Natur haben Wissenschaftler jetzt aber in mühsamer Arbeit damit begonnen, Werkstoffe zu entwickeln, die Selbstheilungs-Mechanismen aufweisen. Was auf den ersten Blick nach Utopie klingt, ist handfeste Ingenieurskunst und Gegenstand aktueller Forschung. So sollen beispielsweise Schäden in wichtigen Bauteilen dadurch „selbständig“ heilen, dass sich im überbeanspruchten Material kleinste Klebstoffkapseln öffnen und die entstandenen Risse verkleben1. Damit ließen sich aufwändige Reparaturen vermeiden und mühsame Wartungen einsparen. Tatsächlich konnten in Labor-Versuchen bereits einige erfolgreiche Experimente durchgeführt und die grundsätzliche Machbarkeit demonstriert werden. Aber auch wenn solche innovativen Ansätze kleine Erfolge aufweisen können, funktionieren sie doch nur in sehr eingeschränktem Maße und zeigen eigentlich umso deutlicher, dass es für Menschen unmöglich ist, Heilung im eigentlichen Sinn zu erzeugen. Denn im Vergleich zu den komplexen Heilungsmechanismen in der Natur wirken selbst die neuesten Ansätze der Ingenieure geradezu stümperhaft. Und letztlich ist der Begriff „Selbstheilung“ in der Technik anmaßend und irreführend, denn anders als bei biologischer Heilung wird der Ausgangszustand nicht wiederhergestellt, sondern lediglich die Schadenswirkung begrenzt. › Gottes „Kernkompetenz“ Vor diesem Hintergrund ist es umso beachtenswerter, dass Gott in der Bibel als Heiland2-Gott vorgestellt wird. Offensichtlich ist Heilung Gottes „Kernkompetenz“. Heiland ist einer seiner charakteristischen Titel. Es gehört zu seinem Wesen, dass er heilen kann und Kaputtes nicht einfach ersetzt. Und das kann man vielfach in seiner Schöpfung beobachten – und bestaunen. › Jesus Christus – der Heiland er Welt Es verwundert daher auch nicht, dass sich Gott, als er in Jesus Christus Mensch wurde, als Heiland offenbart. Sein Dienst auf der Erde war von Heilungen geprägt – bis zuletzt: Noch während seiner Gefangennahme stellte Jesus unter Beweis, dass er heilen kann und will, als er das abgeschlagene Ohr des Malchus (und damit auch den beschädigten Lebenslauf des Petrus) wiederherstellte (Joh 18,10.11; Luk 22,50.51). Unzählige Menschen haben ihn während der letzten drei Jahre davor buchstäblich als Heiland erlebt – immer und immer wieder erwähnen die Evangelisten fast beiläufig, dass er alle Kranken heilte3. Petrus fasst seinen Dienst so zusammen: „Jesus von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging und wohltat und alle heilte, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38). Dabei klingt schon an, dass seine Fähigkeit zum Heilen nicht auf äußere Verletzungen beschränkt war. Im Gegenteil, seine sichtbare Heilungsfähigkeit sollte vielmehr Beweis für seine unsichtbare Heilungsfähigkeit sein. Das hatte Jesus selbst betont, als er einen Gelähmten vor den Augen der sprachlosen Schriftgelehrten heilte und damit seinen Anspruch, Sünden vergeben zu können, untermauerte (vgl. Mk 2,1-12). Den schriftkundigen Juden war nämlich bekannt, dass der Mensch durch die Sünde innerlich kaputt und die Beziehung zu Gott dadurch zerbrochen ist. Im AT wird aber deutlich, dass Gott zerbrochene Herzen und Abtrünnigkeiten heilen will (Ps 147,3; Jer 3,22). Und dass man ihn bitten darf, die Seele zu heilen, wenn man Sünde bekennt (Ps 41,5). Jesus war diese innere Heilung stets wichtiger als die rein körperliche Heilung. Deswegen ließ er sich bald darauf selbst verwunden und zerschlagen, sodass uns „durch seine Striemen“ Heilung werden konnte (Jes 53,5). › Der Heiland-Gott – konkreter für Kreter Paulus und die anderen Apostel greifen in ihren Briefen den Gedanken vom Heiland mehrfach auf und bezeichnen sowohl Gott als auch Jesus Christus als Heiland. Dabei ist auffällig, dass von den 24 Vorkommen im Neuen Testament der Begriff Heiland (griech. soter, z.T. auch mit Retter übersetzt) besonders konzentriert im kurzen Titus-Brief auftaucht (6 Mal). Warum ist Paulus so daran gelegen, dem auf der Insel Kreta zurückgebliebenen Mitarbeiter Titus Gott mehrfach als Heiland-Gott vorzustellen? Titus soll auf Kreta im Gemeindebau arbeiten und die bereits entstandenen Gemeinden stärken und belehren. Doch Kreta war ein hartes Pflaster, die Menschen dort waren geprägt durch Lüge und Faulheit, Alkoholmissbrauch, Gewalt, zivilen Ungehorsam, sexuelle Unmoral, zerbrochene Ehen und Familien. Hass und Streit waren offensichtlich allgegenwärtig. Bei diesem Tatbestand wurde wiederum bestätigt, dass der Mensch innerlich kaputt ist, sich aber genau hier Gottes Heilungsfähigkeit am deutlichsten zeigt. Paulus beschreibt im Titusbrief zeugnishaft seinen eigenen Heilungsprozess: „Denn einst waren auch wir unverständig, ungehorsam, irregehend, dienten mancherlei Begierden und Vergnügungen, führten unser Leben in Bosheit und Neid, verhasst und einander hassend. Als aber die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland-Gottes (griech.: soter) erschien, errettete (griech.: sozo) er uns, nicht aus Werken, die, in Gerechtigkeit vollbracht, wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit durch die Waschung der Wiedergeburt und die Erneuerung des Heiligen Geistes, den er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesus Christus, unseren Heiland.“ (Tit 3,3-6) Anders als in anderen Briefen schreibt Paulus hier nichts von seiner frommen jüdischen Vergangenheit (vgl. Phil 3,5; 2Kor 11,9 u.a.), sondern betont, wie kaputt sein Leben ohne Gott war, moralisch und sozial. Dann schildert er, dass es der Heiland-Gott war, der eingegriffen und ihn gerettet hat – und zwar nicht aufgrund von Anstrengung, sondern unverdient nach seiner Barmherzigkeit. Durch die Waschung der Wiedergeburt heilte Gott die zerbrochene Beziehung zu ihm. › Das göttliche Heilmittel Die gleiche Heilkraft haben auch die zum Glauben gekommenen Kreter erfahren, denn „die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend allen Menschen“ (2,11). Diese jungen Gläubigen in den kretischen Gemeinden brachten aber die Wunden ihres alten, zerstörten Lebens mit, und ein Heilungsprozess braucht Zeit und Geduld. Dazu ermahnt Paulus seinen Freund Titus, das göttliche „Heilmittel“, die gesunde4 Lehre, konsequent anzuwenden. Er soll „reden, was der gesunden Lehre ziemt“ (2,1) und sich dabei nicht beirren lassen: „Dies rede und ermahne und überführe mit allem Nachdruck! Niemand soll dich verachten!“ Paulus gibt in dem Brief viele konkrete Ermahnungen weiter, für alte und junge Männer und Frauen, für Staatsbürger und Angestellte. Das soll Titus in der Gemeinde lehren und predigen, da das Leben der Menschen dadurch heil bzw. gesund werden kann. Dieses Heilmittel, so erklärt Paulus gleich zu Beginn, ist ihm „nach Befehl unseres Heiland-Gottes anvertraut worden“ (1,3), und er möchte, dass auch Titus und die Ältesten auf Kreta in der Lage sind, damit umzugehen. Sie sollen „fähig sein, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen“ (1,9). Titus soll sich durch „gesunde, unanfechtbare Rede“ auszeichnen (2,8) und wenn nötig, die Schwätzer „streng zurechtweisen, damit sie gesund im Glauben“ (1,13) werden. Diese Unterweisung gehört zu Gottes gnädigem Heilungshandeln, denn die heilbringende Gnade Gottes „unterweist uns, in dem jetzigen Zeitlauf besonnen, gerecht und gottesfürchtig zu leben“ (2,12). Wenn wir der gesunden Lehre in unseren Gemeinden Raum geben und uns von ihr unterweisen lassen, werden wir Gott besonders als Heiland-Gott erleben. Er kann und will auch heute in unserem Leben noch heil machen, was kaputt und zerbrochen ist. Und schließlich dürfen wir Jesus „als Heiland erwarten“ (2,13), der zukünftig in umfassendem Maß seine Heilungskompetenz erweisen wird. Jede heilende Wunde, die wir im Alltag sehen, ist ein Beweis für die Heilungskraft Gottes. Was Ingenieure und Wissenschaftler nur als Vision formulieren können, demonstriert er in seiner Schöpfung millionenfach: Zerbrochenes, Zerstörtes und Verletztes kann heil werden. Und auch wenn Ärzte heute den biologischen Heilungsprozess dankenswerter Weise noch unterstützen und beschleunigen können, ist das Wunder der Heilung Gottes Idee und sein Patent. Und es gilt nicht nur für unseren Körper, sondern viel mehr für unseren inneren Menschen und unser Miteinander. Wie gut, dass wir einen Herrn haben, der heilen kann, und dass wir ihn als Heiland erwarten dürfen.

Nachtext

Quellenangaben

1 Dieses Konzept ist nur eines von vielen möglichen Ansätzen, selbstheilende Materialien zu entwickeln. Seit einigen Jahren wird speziell auf diesem Gebiet geforscht, der aktuelle Stand der Technik wird zusammenfassend in dem Buch „Self-healing materials“ von Sylbrand van der Zwaag (TU Delft) dargelegt. 2 Heiland, althochdeutsch heilant, ursprünglich Partizip Präsens zu heilen, wörtlich „der Heilende“. Es ist eine Lehnübersetzung von lat. salvator (von salvare: retten, erlösen, heilen, gesundmachen), das wiederum auf den griechischen Begriff soter (Heiland, Retter, Erlöser, Erhalter, Bewahrer) zurückgeht. Diesen Titel nahmen im Altertum oft Herrscher für sich in Anspruch, die sich als Heilbringer ihrer Untertanen sahen. Er wurde aber auch für Ärzte als Bewahrer der Gesundheit verwendet. Das zugehörige Verb sozo (heilen, retten) wird im NT sowohl für geistliche Rettung (Röm 10,13; 2. Tim 1,9; Apg 4,12; Tit 3,5 u.a.) als auch für körperliche Heilung (Apg 4,9; Lk 18,42; Mk 6,56; Mk 10,52 u.a.) verwendet. Daher ist es treffend, dass sich Luther bei seiner Übersetzung ins Deutsche für den Begriff Heiland entschieden hat, der auch den Aspekt der Heilung anklingen lässt. Viele Übersetzer sind seither seinem Beispiel gefolgt. 3 z.B. Mt 4,23; 8,16; 9,35; 12,15; 14,14; 15,30; 19,2; 21,14 4 Interessanter Weise wird auch der Begriff „gesund“ (griech: hygiano bzw. hygies= gesund, heil, unversehrt) sowohl im körperlichen Sinn(z.B. Mk 5,34; Lk 7,10; 3.Jo 2) als auch im übertragenen Sinn (2. Tim 1,13; Tit. 2,1 u.a.) gebraucht. In keinem anderen Buch der Bibel kommen diese Begriffe so konzentriert vor wie im Titus-Brief (6 von 24).