Zeitschrift-Artikel: Gemeindewachstum in Honduras Es geht auch ohne "Pauken und Trompeten" ...

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Titel: Gemeindewachstum in Honduras Es geht auch ohne "Pauken und Trompeten" ...
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
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Titel

Gemeindewachstum in Honduras Es geht auch ohne "Pauken und Trompeten" ...

Vortext

Text

Seit mehr als 20 Jahren dürfen wir jedes Frühjahr das kleine und wirtschaftliche sehr arme Land in Mittelamerika besuchen. Hier leben 71,6% der Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Und das „Auswärtige Amt“ in Deutschland warnt die Reisenden: „Die Kriminalität in Honduras hat ein alarmierendes Ausmaß erreicht. Sie zeichnet sich durch hohe Gewaltbereitschaft auch unter Drogenein uss aus und durch eine geringe Hemmschwelle beim Gebrauch von Schusswaffen ...“ Honduras ist – zumindest was die Städte betrifft – eines der unsichersten Länder der Welt. Täglich sind die Zeitungen voll von Meldungen über Morde, Überfälle, Vergewaltigungen, Einbrüche, Entführungen usw. Nach Zahlen der UNODC hat Honduras die weltweit mit Abstand höchste Zahl an Tötungsdelikten pro Einwohner, nämlich 91,6 je 100.000 – also fast eine Person von 1.000 Einwohnern! Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch, weil schon seit Jahrzehnten dieses Land mehr oder weniger ausgebeutet wird: Nordamerikanische Firmen haben einen Großteil der Palmöl-Industrie in der Hand, beim Export von Früchten (Bananen, Ananas, Papaja usw.) ist kaum ein Honduraner beteiligt und die Korruption ist groß. Die erfreuliche Kehrseite dieser traurigen Tatsachen: eine große Offenheit der Bevölkerung für das Evangelium. Dort bedankt man sich z.B. ausdrücklich, wenn man an der Tankstelle oder während einer Polizeikontrolle ein Traktat bekommt. Im Februar dieses Jahres konnten wir mit unserer Tochter Tine und zu fünf Brüdern viele Orte und Geschwister in Honduras aufsuchen, wobei Peter, Carlos und Chris ein Team bildeten und vor allem die Gemeinden der Insel Roatan und die Jüngerschafts-Schule in Tela besuchten. Tine, Michael und ich besuchten neben Tela vor allem die Gemeinden in Choloma und die „Pioniere“ Juan Carlos und Reina Amaya in San Pedro Copan, wie auch Gerardo und Pati Hidalgo in Azacualpa. Wir durften auch in diesem Jahr Zeugen davon sein, dass die Gemeinden in Honduras von Jahr zu Jahr wachsen und neue Gemeinden entstehen. Dazu einige Beispiele ... › Wachstum durch Hausbesuche Als wir vor einigen Jahren zum ersten Mal die kleine Gemeinde in Choloma besuchten, waren dort etwa 70 bis 80 Geschwister versammelt, die aber den Auftrag der Evangelisation sehr ernst nahmen. Aus dieser kleinen Gemeinde sind inzwischen sieben weitere Gemeinden entstanden, die sich in den verschiedenen Stadtteilen gebildet haben, sehr aktiv sind und zu denen teilweise über 200 Geschwister gehören. Diese Gemeinden haben zum Ziel, dass in den kommenden Monaten vier weitere Gemeinden entstehen und haben daher vier ärmere Randgebiete der Stadt im Visier, in denen es bisher noch keine Gemeinde gibt. Ihre Evangelisations-Methode: Hausbesuche! Dazu ein Beispiel: Der Sonntag der ältesten Gemeinde im Ortsteil „Primavera“ sieht so aus: Nach dem sonntäglichen „Brotbrechen“ um 8:30 Uhr und der anschließenden Predigt treffen sich am Mittag etwa 35 Geschwister, die sich zunächst zum Gebet versammeln. Dann ziehen sie nach einer kurzen Besprechung in sieben Teams mit je fünf Personen los. Mit Traktaten, kleinen evangelistischen Schriften und Bibelkursen gehen sie von Haus zu Haus und finden meist offene Türen vor. Die Leute in Honduras freuen sich über Besuch und über Abwechslung. Man ist grundsätzlich gastfrei, man hat Zeit, redet und unterhält sich gerne und meist wird eine Tasse Kaffee angeboten. Je nach Situation dauert solch ein Besuch eine halbe oder auch ein ganze Stunde und dann geht es weiter. Etwa drei bis vier Stunden ist man Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr unterwegs. Es entstehen freundschaftliche Kontakte, einige beginnen einen Bibelkurs, andere lassen sich zu einer evangelistischen Verkündigung einladen. Natürlich gibt es manchmal auch zähe Gespräche oder auch Ablehnung – aber das sind eher Ausnahmen. Mit der Zeit entsteht ein Hauskreis und wenn etwa 20 Leute zum Glauben gekommen sind, sieht man sich nach einem Raum um, wo man sich in Zukunft mit den Geschwistern, die dort in der Nähe wohnen und schon länger in der Nachfolge unseres Herrn stehen, als Gemeinde versammeln kann. › Ein Vorbild zieht Kreise ... Die folgende Geschichte ist erst ein paar Wochen alt und hat uns sehr bewegt: „Ricci“ ist 21 Jahre alt und durch eine Radio-Botschaft zum Glauben gekommen. Sie hat keinen Vater mehr und wohnt mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in einer kleinen, armseligen Hütte. Im vergangenen Sommer konnte sie an einer Bibelfreizeit teilnehmen, wo unser Freund Omar Ortiz u.a. ein Seminar über „Persönliche Evangelisation“ hielt. Von ihm bekam sie ein Buch über das „Gebetsleben Jesu“ geschenkt, das sie anregte, ihre Gebetszeit am Morgen schrittweise zu erhöhen: Zunächst auf 10 Minuten, dann auf 20 Minuten, schließlich 40 Minuten lang usw. › Die „Ricci-Palme“ Als Omar sie vor einigen Wochen besuchte, schämte sie sich, ihm wegen ihrer materiellen Armut zum Mittagessen nur etwas Reis mit Bohnen anbieten zu können. Aber anschließend nahm sie ihn mit, um ihm ihr „Gebets-Haus“ zu zeigen: Eine etwa 150 Meter von ihrer Wohnung entfernte Palme, unter der sie in Ruhe – aber nicht zu bequem – jeden Morgen von 4:00 bis 6:00 Uhr ihre Gebetszeit hat. Jeden Tag lernt sie dort einen Bibelvers auswendig. Die Gemeinde in „Descombros“, der sie sich angeschlossen hat, besteht nur aus wenigen älteren Geschwistern, die irgendwie resigniert haben. Diese Gemeinde wird aussterben, wenn Gott nicht eine neue Belebung schenkt ... › Eifer steckt an! Nachdem durch Riccis Eifer auch ihre leibliche Schwester Silvia geistlich erweckt wurde, wuchs ihr gemeinsamer Wunsch, das Evangelium in ihrem Dorf weiterzusagen. Sie trugen ihren Wunsch den älteren Brüdern der „Sala Evangelica“ vor (so werden die Versammlungshäuser der „Christlichen Gemeinden“ in Honduras genannt), die ein wenig müde geworden antworteten: „Ja, geht mal los – wir werden für Euch beten!“ Tatsächlich haben dann die beiden Schwestern jedes Haus und jede Hütte ihres Dorfes aufgesucht und als sie mit ihren Besuchen zu Ende waren, wurden sie auf den Nachbarort „Aguacate“ aufmerksam. Und Gott legte ihnen aufs Herz, auch diese Leute mit dem Evangelium bekannt zu machen. Wieder gingen sie zu den Brüdern ihrer Gemeinde, um ihnen ihr Vorhaben vorzulegen und bekamen „grünes Licht“: „Ja, macht nur weiter so – wir beten für Euch!“ Allerdings war keine Bereitschaft zu erkennen, sich mit den Schwestern auf den Weg zu machen ... Als sie nun im Nachbardorf von Haus zu Haus gingen, machten sie eine erstaunliche Entdeckung: Sie trafen auf ein etwas verstecktes Haus, das offensichtlich länger nicht bewohnt sondern abgeschlossen war. Aber die etwas verblichene Überschrift über der Haustüre war noch erkennbar: „Sala Evangelica“! Von ihren Brüdern in der Heimat-Versammlung erfuhren sie, dass diese dort vor Jahren einmal eine evangelistische Arbeit angefangen, aber schließlich erfolglos abgebrochen hatten. Seitdem stand dieses Haus verschlossen und unbenutzt da und sah auch entsprechend aus. Natürlich waren die Schwestern nun Feuer und Flamme: „Habt Ihr etwas dagegen, wenn wir dieses Haus aufräumen, putzen und für Kinderstunden herrichten?“ Wiederum bekamen sie zwar keine praktische Hilfe, aber Gebetsunterstützung. Mit großem Eifer wurde nun geschrubbt und ausgebessert und mit einer Kinderstunde begonnen. Am ersten Samstag erschien kein Kind. Am zweiten Samstag nur vier Kinder. Es war ziemlich entmutigend – besonders, als die Schwestern ihre älteren Brüder um Rat fragten, ob sie trotzdem weitermachen sollten und diese nur verlegen lächelnd die Schulter zuckten: „Wenn ihr meint ...“ › Nicht aufgeben ... Ricci und Silvia machten nun wieder eine Runde Hausbesuche, um Kinder einzuladen. Und siehe da: Inzwischen kommen jeden Samstag etwa 35 Kinder zusammen und es entstand der Wunsch: Wenn wir hier schon einen Raum haben – können wir nicht auch Samstagabends eine Evangelisation anbieten? Die Reaktion der Brüder war wiederum verhalten und so beteten die Schwestern für den Bruder Oscar Savalla, von dem sie wussten, dass er ein Anliegen für Evangelisation hat. Tatsächlich war dieser Bruder bereit, die Aufgabe in Angriff zu nehmen. Er kommt nun jeden Samstag aus der Stadt „La Ceiba“ – obwohl er jedes Mal zwei Stunden mit dem Auto braucht, um dieses abgelegene Dorf zu erreichen. Aber die Leute kommen und es gerät etwas in Bewegung – auch unter den bisher müden, resignierten Brüdern, die sich dem Eifer der Schwestern nicht länger entziehen konnten und inzwischen neuen Mut gewonnen haben. › Ein neues Problem Als nun die Kinder und Leute aus dem Dorf kamen, wurde ein weiteres Problem deutlich: Es waren keine Toiletten vorhanden! Damals hatte man zwar dieses kleine Versammlungshaus gebaut, aber als die Menschen ausblieben verständlicherweise darauf verzichtet, zusätzlich für sanitäre Einrichtungen zu sorgen. Als wir von dem Problem hörten, fragten wir einen kundigen Bruder, was die Kosten für solche Toiletten wären, wenn sie in Eigenleistung gebaut würden. Der Kostenvoranschlag lautete: Etwa 2.500 Euro für zwei Toiletten und eine Waschgelegenheit – im Verhältnis zu deutschen Preisen also ziemlich günstig. Und so haben wir gerne die Finanzierung dafür zugesagt. Nun sind wir gespannt, wie es weitergeht. Bitte betet für die beiden Schwestern und auch für den Evangelisten Oscar Savalla. › Kein leichter Anfang Gerardo und Pati Hidalgo aus Tela – beide um die 35 Jahre alt – lebten in recht guten Verhältnissen. Gerardo als Agrar-Ingenieur und Pati als Lehrerin hatten ein relativ gutes Einkommen. Gerardo war in der Gefängnis-Arbeit aktiv und bereits seit vier Jahren dabei, wenn von Tela aus alle drei Monate evangelistische Einsätze in der weit abgelegenen Provinz Santa Bárbara gestartet wurden. Dort gab es nur sehr wenige und weit verstreut liegende kleine Gemeinden. Durch die Einsätze kamen einige Leute in der Stadt Azacualpa zum lebendigen Glauben und so beteten die beiden um Klarheit, ob der Herr dort für sie einen Auftrag hatte. Im letzten Jahr bekamen sie „grünes Licht“. Beide gaben ihren Beruf auf und zogen um nach Azacualpa. Als wir sie auf unserer diesjährigen Reise besuchten, erzählten sie uns, dass inzwischen ein kleiner Hauskreis in ihrer neuen Wohnung besteht. Sie sind täglich unterwegs, um durch Hausbesuche die Menschen in ihrer Umgebung auf unseren Herrn Jesus aufmerksam zu machen und hoffen, dass aus dem Hauskreis mit Gottes Hilfe bald eine Gemeinde entsteht. Bis dahin fahren sie jeden Sonntag zu der etwa eine Autostunde entfernten Gemeinde in „Entrada de Copan“, wo sie eifrige und willkommene Mitarbeiter sind. Sie haben nun keine materielle Absicherung mehr, vertrauen aber auf die Verheißungen Gottes. Nachdem Gerardo mit seinem kleinen Geschäft „Die gute Saat!“ erfolglos war (wo er Saatgut für die Bauern angeboten hatte), versuchen die beiden nun, durch eine besondere Art von „Tortillas“, die sie auf der Straße anbieten, sowohl Kontakte zu bekommen, als auch ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. › In Deutschland leider undenkbar ... Unser Rückflug nach Deutschland sollte am Montag um 13:30 Uhr stattfinden. Aber bereits für 7:00 Uhr hatte unser Freund Santos Mena (einer der „Väter“ der wachsenden Gemeinden in Choloma) noch eine Evangelisations-Stunde in der staatlichen Schule in Coloma organisiert. Und so standen wir sechs Stunden vor unserem Abflug vor etwa 150 Schülern im Alter von 12 – 17 Jahren, die gut gelaunt und erstaunlich aufmerksam in einer schlichten Aula der Verkündigung von Michael und einigen kurzen Beiträgen von Santos und mir zuhörten. Es wurde selbstverständlich vor und nach der Verkündigung gebetet, ohne dass kritische Zwischentöne laut wurden. Die Lehrer standen dabei und hörten zu, die Schulleiterin bedankte sich sehr herzlich für unseren Einsatz und die Schüler standen Schlange, um sich anschließend die verteilten Bücher signieren zu lassen. Eine junge Schwester aus der Gemeinde von Santos ist hier als Lehrerin angestellt, um ausschließlich Bibelunterricht in allen Klassen zu geben. In Deutschland leider undenkbar, aber in Honduras überall möglich – wenn Christen bereit sind, die offenen Türen zu benutzen! So wächst eine junge Generation heran, die schon in den staatlichen Schulen und in den zahlreichen Sonntagsschulen mit dem Evangelium konfrontiert wird. Die „Gute Saat“ wird aufgehen – mit dieser frohen Gewissheit flogen wir dankbar in unsere Heimat zurück.

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Quellenangaben