Zeitschrift-Artikel: Adoniram Judson Niedergeworfen – aber nicht besiegt

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Titel: Adoniram Judson Niedergeworfen – aber nicht besiegt
Typ: Artikel
Autor: Christoph Grunwald
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Titel

Adoniram Judson Niedergeworfen – aber nicht besiegt

Vortext

„Souveräne Liebe bestimmt das Ausmaß und legt die Anzahl unserer Schmerzen fest. Gott ist zufrieden, wenn wir Gefallen an den Prüfungen finden, die er uns bestimmt.“ Adoniram Judson a)

Text

Nach der Unterzeichnung des Vertrages von Yandabo am 24. Februar 1826, der den ersten englisch-burmesischen Krieg offiziell beendete, zur Vergrößerung von „Britisch-Indien“ und zu schmerzhaften Reparationszahlungen Burmas führte, kehrte Jud- son am 06. März 1826 nach zwei Jahren und drei Monaten mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter nach Rangoon zurück. Peguanische Rebellen trieben sich in der Stadt herum, so dass Judsons nicht zum Missionshaus gelangen konnten – oder zu dem, was davon noch übrig geblieben war. Judsons hatten die Gelegenheit, aus der Ferne die Ruinen ihres Hauses zu betrachten. Auch die anfänglich so hoffnungsvoll begonnene Gemeindearbeit mit den 18 Gläubigen war durch den Krieg zerstört wordenb): „Nur drei der in Rangoon Bekehrten sind nun mit uns. Der Rest ist tot oder in verschiedene Teile des Landes zerstreut. So weit ich die Umstände derer, die in meiner Abwesenheit starben, und derer, die noch übrig sind, ermitteln konnte, glaube ich, dass mit der Ausnahme von zweien die von der Gemeinde in Rangoon wegen Vernachlässigung des Gottesdienstes ausgeschlossen wurden, keiner der Getauften seiner heiligen Berufung Schande bereitet hat.“1 › Politische Aufgaben In Rangoon konnten die Judsons nicht bleiben. Die Engländer würden die Stadt früher oder später wieder aufgeben und Judson hatte sich durch seine Beteiligung am Vertrag von Yandabo bei der burmesischen Regierung keine Freunde geschaffen. Seine Absicht war es, sich auf die dauerhaft von den Engländern kontrollierten Gebiete zurückzuziehen. Hier hatte die Missionsarbeit unter der „christlichen“ Führung der Briten viel mehr Erfolgsaussichten. Am 06. April 1826 wurde am Ufer des Salween die britische Flagge gehisst und mit einem Gebet, der Lesung von Jesaja 60 und Salut-Schüssen die Stadt „Amherst“ gegründet. Judson hatte den Ort mitausgesucht und den „geistlichen“ Teil bei der Gründung beigetragen. Anfänglich siedelten sich nur eine Handvoll Einheimische an, aber es war davon auszugehen, dass Amherst schon bald an Bedeutung gewinnen und eine Vielzahl von Burmesen anziehen würde. Der Plan war, hier eine neue Mission zu beginnen. Crawford hatte jedoch andere Absichten. Er brauchte einen guten Übersetzer, um einen Handelsvertrag mit Burma auszuarbeiten. Judson weigerte sich. Er wollte nicht in die politischen Mühlen hineingezogen werden. Schließlich gelang es Crawford jedoch ihn zu überzeugen: Er versprach ihm, alles daran zu setzen, in diesen Vertrag einen Passus mit der Garantie von Religionsfreiheit einzubringen. Diese Aussicht schien zu verlockend und Judson sagte zu. Nachdem Ann und Maria Anfang Juli nach Amherst übergesiedelt waren, nahmen sie schon wenige Tage später wieder Abschied und Adoniram bestieg am 01. September ein Schiff nach Ava. Die Trennung fiel nicht schwer. Der Krieg war vorbei – es sollte sich nur um eine kurze Abwesenheit handeln, bevor sie wieder vereint die Missionsarbeit beginnen konnten. ›„Des Todes dunkler Sturm“c) Judson merkte in Ava recht schnell, dass die Aussichten auf eine vertraglich garantierte Religionsfreiheit sehr gering waren. Die Burmesen verhandelten zäh, verschoben, vertagten, verzögerten. Aus der kurzen Trennung waren nun schon drei Monate geworden. Zähneknirschend und widerwillig führte Judson seine Arbeit aus. Aus Amherst kamen sorgenbereitende Nachrichten. Die kleine Maria hatte Fieber, welches nicht so recht weichen wollte. Auch Anns Gesundheitszustand verschlechterte sich – aber die Ärzte machten sich um sie keine Sorgen. Am 24. November 1826 kam ein Bote zu Adoniram. Er hatte einen schwarz-versiegelten Brief in der Hand und überreichte ihn mit den Wor- ten: „Es tut mir leid, Sie über den Tod ihres Kindes informieren zu müssen.“ Maria! Sie war noch nicht ganz zwei Jahre alt. Judson nahm den Brief, zog sich in seine Bleibe – das alte Haus von Dr. Price – zurück und öffnete den Brief. Er war schon einen Monat alt, datiert auf den 26. Oktober 1826, und nicht von Ann geschrieben, sondern von einem britischen Offizier. Judson las die ersten Zeilen – und brauchte einen Moment, um zu realisieren, dass es gar nicht um Maria ging: „Mein lieber Herr: Jemandem, der so viel und mit so vorbildlicher Tapferkeit gelitten hat, ist es nicht nötig, eine große Einleitung zu einer jammervollen Geschichte zu schreiben. Es wäre in der Tat grausam, Sie mit Zweifeln und Ungewissheit zu quälen. Um die unglücklichen Nachrichten zusammenzufassen: Mrs. Judson ist nicht länger.“2 Nicht Maria war gestorben – Ann war es! Es folgte eine ausführliche Beschreibung der Krankheit und der letzten Tage Anns. Der behandelnde Arzt, Dr. Richardson, den Adoniram einige Wochen später aufsuchte, führte Anns Tod auf die Erschöpfung und die Anstrengungen während der zweijährigen Gefangenschaft Adonirams zurück. Sie hatte sich buchstäblich für ihren Mann und die anderen Gefangenen aufgeopfert! Ann war nicht das einzige Opfer dieser Zeit. Auch der Portugiese Rodgers und Adonirams Kollege Dr. Price starben noch im selben Jahr an den Folgen der enormen physischen und psychischen Anstrengungen der Gefangenschaft. Adoniram reagierte, wie wir es von einem Missionar erwarten würden: „Oh, mit welcher Milde und Geduld und Großmut und christlicher Tapferkeit hat sie all diese Leiden ertragen! Und kann ich wünschen, es wären weniger gewesen? Kann ich frevlerisch wünschen, ihrer Krone auch nur einen einzigen Juwel zu rauben? Sie sah und litt viel durch das Böse dieser bösen Welt, und sie hat es überaus verdient, die reine und heilige Ruhe, in die sie eingegangen ist, zu genießen und sich ihrer zu erfreuen. [...] Ja, es ist wahr – sie wurde fortgerissen von dem blutenden Herzen ihres Mannes und von ihrem geliebten Kind; aber unendliche Weisheit und Liebe hat gewaltet – wie immer – in diesem betrüblichen Erlass. Glaube entscheidet, dass alles richtig ist, und die Ewigkeit3 wird die Entscheidung des Glaubens bald bestätigen.“ Mit dem Verstand hat Judsons Glaube das Ja zu Gottes Fügung gefunden – uns steht nicht an zu beurteilen, ob er diese Entscheidung zu diesem Zeitpunkt auch mit vollem Herzen mittragen konnte. Der Schlag saß tief, sehr tief – und er ging nicht spurlos an ihm vorbei ... Judson blieb vorerst bei seinen diplomatischen Aufgaben. Er hätte ohnehin nichts anderes tun können. Ann war tot, Mrs. Wade kümmerte sich besser um Maria, als er selbst es hätte tun können – was hätte es genützt zurückzukehren? Er schloss seine Arbeiten ab und reiste erst im Januar (1827) nach Amherst. Zwischenzeitlich war weitere Verstärkung angekommen: Die Familie Boardman, ein junges Ehepaar mit drei Kindern. Beide hatten sich durch den Tod Colmans in Chittagongd) motivieren lassen, selbst als Missionare zu gehen und den Platz Colmans auszufüllen. Sie waren nach Kalkutta gereist, wo sie Wades antrafen und während des Krieges schon Gelegenheit hatten, die Sprache zu lernen. Am 28. Januar 1827 nahm Judson – mehr oder weniger mechanisch – den burmesischen Gottesdienst wieder auf. Doch schon kam der nächste Schicksalsschlag! Maria starb am 24. April 1827: „Alle unsere Bemühungen, Gebete und Tränen konnten das grausame Leiden nicht besänftigen; das Werk des Todes schritt voran, und nach dem üblichen Verlauf, entsetzlich für das elterliche Herz, hörte sie am 24ten, im Alter von zwei Jahren und drei Monaten um 15:00 Uhr auf zu atmen.“4 Judson war nun ganz allein. Sein Erstgeborener war tot auf die Welt gekommen und ruhte im indischen Ozean, little Rodger – der nun fast 11 Jahre alt gewesen wäre – lag im Garten des Missionshauses in Rangoon begraben, Ann in Amherst unter einem „Hopia“-Baum – und nun auch noch Maria. › Rückzug Zwischenzeitlich hatte Sir Archibald, der Oberbefehlshaber der britischen Truppen, aus militärischen Gründen eine andere Stadt, Moulmain, zur neuen Hauptstadt erklärt. Amherst begann langsam aber sicher zu veröden. Viele zogen nach Moulmain und so war es folgerichtig, dass die Mission diesen Schritt ebenfalls tat. Judson warf sich in Moulmain in die Arbeit, begann mit der Übersetzung der Psalmen und suchte auch hier die Gespräche mit einzelnen Interessierten. Dennoch – er tat alles vorwiegend mechanisch. Innerlich litt er furchtbar. Im Juli erhielt er die Nachricht, dass sein Vater, Adoniram Judson Senior, im Alter von 75 Jahren gestorben war. Diese Nachricht warf Judson ungewöhnlich stark aus dem Gleichgewicht – ein Zeichen, dass er die jüngsten Schicksalsschläge noch lange nicht verarbeitet hatte. Die folgenden Monate sind die undurchsichtigsten im Leben Judsons – zumal wir über Judsons Motive und Gedanken in den folgenden zwei Jahren kaum etwas wissen. Die Tatsache, dass Judson sich in dieser Periode mit mystischem Gedankengut beschäftige, irritiert zusätzich und hat schon unter seinen Zeitgenossen Fragen aufgeworfen.e) Judson hatte sich schon im Gefängnis von Ava mit dem „Quietismus“ der französischen Mystikerin Madame Guyon beschäftigt. Sein Ziel war es, eine innere Ruhe in den äußeren Strapazen zu erlangen. Er las in den folgenden Monaten auch Thomas a Kempis, Abbe de Paris und Fenelon. Über seine Motive mutmaßen die Biographen. Sehr wahrscheinlich wurde Adoniram bewusst, dass er ein stolzer und ehrgeiziger Mann war – Züge, die durch die in seiner Jugend deutlich geäußerten Absichten seines Vaters sicher verstärkt wurden.f) Adoniram stellte sich die Frage, aus welcher Motivation er seine Arbeit ausführte. War es wirklich die Liebe zum Herrn und die Hoffnung auf eine Belohnung in der Ewigkeit? Oder war es die Liebe zu sich selbst und die Hoffnung auf Ehre unter den Menschen? Er war der erste amerikanische Außenmissionar! Er war der erste, der einen Burmesen für Christus gewinnen konnte. Er war der erste, der das Neue Testament ins Burmesische übersetzt hatte! War das vielleicht der Grund, warum er auch die Gesellschaft der englischen Society, Sir Archibald, Mr. Crawford usw. schätzte? Waren sein Stolz, sein Ego, seine Eigenliebe – nicht sein eigentliches Problem? Die Schicksalsschläge, die ihn erreichten – waren sie Züchtigungen Gottes? Er musste seinen Stolz besiegen. Er selbst! Genau dazu hatten die Mystiker anscheinend Rezepte ... Judson begann daraufhin eine Zayat an einem Ort in Moulmain zu bauen, den er aufgrund des Schmutzes, des Gestanks und des Chaos hasste. Er war ein penibler, sehr ordnungsliebender Mann – und der Ort schien geeignet, diesen Charakterzug zu dämpfen. Er legte öffentlich seinen Ehrendoktortitel ab.g) Er zwang seine Schwester dazu, sämtliche Korrespondenz zu vernichten – was der Grund ist, warum wir über diese Zeit kaum Selbstzeugnisse haben und vieles Mutmaßung ist! Er überschrieb sein ganzes Privatvermögen der Missionsgesellschaft und verzichtete auf 20% seines Einkommens. Kurze Zeit später reduzierte er sein Einkommen um weitere 25%. Am 24. Oktober 1828, dem zweiten Todestag Anns, zog er sich in eine Eremitage zurück, um dort ungestört beten, nachdenken und lesen zu können. Am befremdlichsten erscheint uns, dass er sich sogar ein Grab aushob und tagelang daneben setzte, um sich vorzustellen, wie er selbst in diesem Grab lag und verweste. „Ich bin in diesen Tagen in eine kleine Hütte gezogen, die ich mir in den Wäldern errichtet habe, abseits von den Aufenthaltsorten der Menschen. Es erweist sich als ein stürmischer Abend und die Trostlosigkeit um mich herum stimmt mit dem trostlosen Zustand meines Geistes überein, wo sich Kummer um die verstorbenen Lieben mit Reue über gegenwärtige Sünde vermischt. Meine Tränen ießen gleichzeitig wegen des verlassenen Grabes meiner Liebsten und der abscheulichen Gruft meines eigenen Herzens.“5 Wenig später zieht es ihn noch weiter in die Einsamkeit und er hält sich in einer Ruine im von Tigern verseuchten Dschungel auf. (Für die Einheimischen war seine Bewahrung in diesen Tagen ein größeres Wunder, als die Bewahrung Daniels in der Löwengrube!) Die einzige Nahrung, die er zu sich nahm, war ein wenig Reis. Es war eine Zeit der radikalen Selbstverleugnung, der Versuch, sich durch Selbstkasteiung zu reinigen, sich selbst Gott wohlgefällig zu machen. Und doch – diese Versuche mussten scheitern. Am 24. Oktober 1829 schreibt er seiner Mutter und seiner Schwester in einem Brief seine wohl bekanntesten Worte: „Hat einer von euch die Kunst der echten Gemeinschaft mit Gott gelernt und kann mich deren Grundlagen lehren? Gott ist für mich der große Unbekannte. Ich glaube an ihn, aber ich finde ihn nicht.“6 › Missionstätigkeit Ende Dezember 1829 begann der Aufschwung. Das Licht durchdrang langsam aber stetig Judsons innere Finsternis. Es zog ihn wieder zurück zu den Menschen, das ganze Jahr 1830 war von einer deutlichen Besserung seines Gemütszustands gekennzeichnet. Die folgenden Jahre sind mit eifriger und fruchtbarer Missionstätigkeit gefüllt. Wades versuchen in Rangoon einen Neuanfang, dem sich Judson kurzzeitig anschließt. Er fühlt sich dort jedoch über üssig und beginnt eine Arbeit unter den Karen, einer recht primitiven und von den Burmesen verachteten Volksgruppe. Sie waren einfache Menschen, die im Dschungel lebten und im Gegensatz zu den Burmesen ausnahmslos Analphabeten. Dennoch waren sie auf außergewöhnliche Weise von Gott vorbereitet – sie hatten eine Legende, nach der ihnen ein weißer Mann eines Tages ein verloren gegangenes Buch mit den Worten des Ewigen bringen würde.i) Das Wort fiel hier auf fruchtbaren Boden. Besonders Boardmans engagierten sich unter dieser Gruppe. George Boardman starb jedoch bei einer Expedition zu den Karen an Tuberkulose. Seine tapfere Frau blieb in Burma und setzte seine Arbeit fort. Judson schrieb ihr einen ungewöhnlichen Kondolenzbrief, in dem er seine eigene Erfahrung formulierte:Meine liebe Schwester: Du trinkst gerade den bitteren Kelch, mit dessen Bodensatz ich einigermaßen vertraut bin. Und obwohl du zeitweise sein Kommen geahnt hast, wage ich zu sagen, dass er weit bitterer ist, als du erwartest. Es ist normal für Menschen in deiner Lage, alle Trostworte abzuweisen, sich an die Toten zu hängen, und zu fürchten, dass sie allzu schnell den Gegenstand ihrer lieben Zuneigung vergessen. Aber sorge dich nicht darum. Ich kann dir versichern, dass Monate und Monate herzzerreißender Qual vor dir liegen – ob du willst oder nicht. Ich kann dir nur raten, den Becher mit beiden Händen zu ergreifen, und dich still zu dem bitteren Mahl zu setzen, welches Gott dir zu deiner Heiligung bestimmt hat. [...] Du wirst bald ein Geheimnis lernen – das Süße am Grunde des Kelches ist.“7 Judson führte in dieser Zeit mehrere große Missionsreisen zu den Karen durch. Auch ein längerer Aufenthalt in der ehemaligen Königsstadt Prone fällt in diese Jahre. Die Reisen waren – aus geistlicher Sicht – ein großer Erfolg. Die Schar der Gläubigen wuchs stetig. Unzählige rissen ihm förmlich die Traktate aus der Hand, die Druckerpressen kamen kaum nach, das Wort Gottes lief durch das Land. Sein größeres Augenmerk lag jedoch auf der Fertigstellung der burmesischen Bibel. Immer wieder zog er sich zurück, übersetzte das Alte Testament und revidierte das Neue. Am 31. Januar 1834 war die erste Fassung des Alten Testamentes fertig: „Ich habe mich mit dem letzten Blatt in der Hand vor ihm hingekniet und ihn angefleht, mir alle Sünden zu vergeben, mit denen ich diese Bemühungen befleckt habe. Außerdem habe ich ihn um seine Hilfe bei zukünftigen Anstrengungen gebeten, die Irrtümer und Mängel zu beseitigen, die notwendigerweise diesem Werk anhängen. Dann habe ich es seiner Barmherzigkeit und Gnade anbefohlen und seiner Herrlichkeit gewidmet. Möge er sein eigenes inspiriertes Wort, das jetzt vollständig in birmesischer Sprache vorliegt, zum großartigen Werkzeug machen, ganz Birma mit Lobliedern für unseren großen Gott und Heiland Jesus Christus zu erfüllen. Amen.“8 Sechs Jahre später, am 24. Oktober 1840 – dem zwölften Todestag Anns – gab er die letzte Korrektur in die Druckerei. Die Qualität dieser Übersetzung ist von etlichen Zeitgenossen gerühmt worden. Sie sei die beste Übersetzung in ganz Indienj) – und es dauerte 64 Jahre, bis eine erste Revision durchgeführt wurde. › Eine aufregende, beiläufige Notiz ... Am 10. April 1834 fand ein Ereignis statt, das Judsons Leben noch einmal grundlegend veränderte: Nach acht Jahren als Witwer fand er in der (ebenfalls verwitweten) Sarah Boardman eine passende Ehefrau! Sarah war in vielerlei Hinsicht anders als Ann, nicht so spritzig und energievoll – eher häuslich und etwas ruhiger. Dennoch war sie die ideale Begleiterin für die kommenden Jahre Judsons. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie kurz überlegt, nach Hause zurückzukehren, sich dann aber entschieden, die Arbeit unter den Karen fortzusetzen. Sie reiste – manchmal ganz allein – durch den Dschungel und wirkte unermüdlich in den entlegenen Dörfern der Karen. Die burmesische Sprache beherrschte sie ganz hervorragend – und arbeitete sich nach der Hochzeit noch in Taling ein, um dem zunehmenden Bevölkerungswachstum der Peguan und Mons, die in dieser Sprache kommunizierten, Rechnung zu tragen. Boardmans waren kurz vor Anns Tod in Amherst angekommen. Sarah und Judson fanden sich schon immer sympathisch – aber erst als Sarah ihm einen Brief schrieb, indem sie ihm für seine Übersetzung dankte und ihre Begeisterung für die burmesische Bibel ausdrückte, scheint Adoniram auf den Gedanken gekommen zu sein, die 15 Jahre jüngere Witwe zu ehelichen. Von da an ging alles ganz schnell. Er schrieb nach Tavoy, schiffte sich am 01. April ein, kam am 06. an und verließ am 10. die Station wieder – mit Mrs. Judson, geb. Boardman. Er war zu dem Zeitpunkt 46 Jahre alt. Eine große Romanze hatte es im Vorfeld nicht gegeben.k) Judson kommentierte seine Hochzeit in seiner ihm eigenen, lakonischen Knappheit – als Randnotiz in seinem für das Board of Mission konzipierten Tagebuch: „Tavoy, 10. April. Ich kam hier am Abend des 06. April an. Ich bin erfreut über diese Station und alles drumherum. Die wenigen eingeborenen Christen, die ich gesehen habe und die Schule machen einen sehr guten Eindruck. Aber ich fand nicht die Muße, die eigentliche Herrlichkeit dieser Station, die zweihundert bekehrten Karen und ihr Dorf Ma-tah-myu, zu sehen. Tatsächlich habe ich kaum Zeit gefunden, die Station überhaupt zu verlassen, seit ich angekommen bin. Heute, nachdem ich den Segen von Rev. Mr. Mason empfangen habe, schiffe ich mich wieder nach Maulmain ein, begleitet von Mrs. Judson und dem einzigen überlebenden Kind des geliebten Gründers der Tavoy Station.“9 Wayland sah sich sogar genötigt, der Erwähnung von „Mrs. Judson“ eine erläuternde Fußnote beizufügen: „Dr. Judson heiratete am 10. April 1834 in Tavoy Sarah Boardman, die Witwe des Rev. George D. Boardman.“ Viel Zeit, das junge Glück zu genießen, hatten sie nicht. Sarah wurde kurz nach der Hochzeit schwer krank. Und es kam die Zeit, den siebenjährigen George in die USA zu schicken – das aggressive Klima hätte sonst auch noch ihn als Opfer gefordert. Die Trennung fiel beiden Seiten sehr schwer. Der tapfere George bemühte sich, nicht zu weinen, solange ihn seine Mutter sah, aber als sie außer Sichtweite war, konnte er nicht mehr an sich halten. Adoniram trug ihn behutsam zum Schiff und versuchte ihm Trost zu spenden.l) Er würde George einige Jahre später wiedersehen – doch Sarah bekam diese Gelegenheit nie wieder ...

Nachtext

a„Sovereign love appoints the measure /And the number of our pains, /And is pleased when we take pleasure/ In the trials he ordains“ Brief an Mrs. Bennet, Wayland Vol II, S. 57 b) Houghs und Wades waren in Rangoon zurückgeblieben, als Judson und Price nach Ava zogen. Als der Krieg begann, wurden die Männer sofort von den Burmesen inhaftiert, den Frauen gelang es, sich zu verstecken. Die beiden Missionare wurden zum Tode verurteilt und auf den Exekutionsplatz gebracht, wo sie sich hinknien mussten. Der Henker schwang schon das Schwert über ihren Hälsen, als plötzlich die britische Artillerie die ersten Granaten auf Rangoon feuerte. Die burmesischen Wärter waren so erschrocken, dass sie sich sofort in Deckung begaben und üchteten. Wenige Tage später ereignete sich das gleiche Geschehen erneut! Letztendlich gelang es den Männern zu iehen und sich mitsamt ihren Frauen nach Kal- kutta zu retten. Wades kehrten im November 1826 nach Amherst zurück, Houghs blieben endgültig in Kalkutta. c) Formulierung aus einem Gedicht anlässlich des Todes von Ann: „O, bitter cup which God has given! / Where can relief be found? / Anon I lift my eyes to heaven, / Anon in tears they‘re drowned. Yet he who conquered death and hell / Our Friend at last will stand; / And all whom he befriends shall dwell / In Canaan‘s happy land. Such promise throws a rainbow bright / Death‘s darkest storm above / And bids us catch the heaven-born light / And praise the God of love.“ (Brief an seine Schwiegermutter, Wayland, S. 477) d) s. Teil 3, f+t 144 04/2013 Fußnote l) e) Über Judsons theologische Ansichten wissen wir nur Fragmentarisches – aber das was wir wissen, ist absolut bibeltreu und schriftgemäß. Seine Einstellungen und Ansichten zu seiner Arbeit, seine schriftlichen Nachlässe und die vielen Andeutungen in seinen Briefen lassen kaum einen anderen Schluss zu. Es gab (meines Wissens) über seine Ansichten weder zu seinen Lebzeiten, noch nachher Diskussionen, was ebenfalls dafür spricht, dass er einem bibeltreuen Verständnis anhing. Eine Ausnahme sind eben jedoch seine mystischen Tendenzen in den Jahren 1828-30, die aber sicher als Reaktion auf das schwere Leid der vergangenen Jahre verstanden werden müssen. Sein Sohn bemerkte dazu später: „Von dem, was über das Thema des Guyonismus geschrieben wurde ist leicht ersichtlich, wie nahe Mr. Judson während einer Zeit in seinem Leben unter der Anspannung von Trauer und physischer Entkräftung an den gefährlichen Rand des Fanatismus gekommen ist. Er erholte sich jedoch bald und fand im Wirbel missionarischer Aktivitäten sein geistiges und geistliches Gleichgewicht zurück und warf später während des Aufbaus neuer sozialer und häuslicher Beziehungen jede diesbezügliche Ausschweifung, die kurzzeitig seine Sicht und seine Praktiken der Selbstverleugnung charakterisiert haben, von sich. Wir fügen ein Fragment, wahrscheinlich den abgerissenen Fetzen eines Briefschlusses ein: ‚Während wir es einer Partei überlassen zu beweisen, dass sich die Standards der christlichen Moral seit den Tagen der Apostel verringert haben und einer anderen Partei die Wiederherstellung der Wunderkräfte zu versichern und zu erwarten, nehmen wird den mittleren Weg, die goldene Mitte – heilig, wie die Apostel aber ohne ihre (Wunder-)kräfte. Dann wird die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer sein, als die des ersten‘“.(Edwards, S. 326) Wayland sah sich genötigt, ausführlich auf die mystischen Ansichten Judsons einzugehen und ihn zu verteidigen. Folgender Kommentar sollte uns helfen, Judson zu verstehen: „Es sollte, wie ich meine, daran erinnert werden, dass Christen und Missionare die gleiche physische Natur, das gleiche Gehirn, die gleichen Nerven und die gleichen häuslichen Emp ndungen haben wie andere Menschen. Während sich Dr. Judson in all [diesem Leid] unter den Willen des Vaters mit zweifelsfreier Unterwerfung gebeugt hat, muss der Schmerz, den seine sensible Natur ertragen musste, so groß sein, dass er gerade noch ertragen werden konnte ohne in geistige Umnachtung zu fallen.“ (Wayland, S. 534f) Judson hat seine Ansichten – auch in dieser Zeit – nie zur Norm gemacht. In späteren Jahren tauchen sie gar nicht mehr auf. Nur vereinzelt weist er den einen oder anderen Freund in Briefen kurz nach diesen Jahren auf die Werke von Madam Guyon hin. Ein abschließendes Zitat vom Ende seines Lebens: „Welche Elemente des Mystizismus er immer noch in seinem Denken bewahrte, hatten sich in Re exionen über den Frieden und die Süße, die ein Christ fühlen kann, nachdem er sein Herz dem Retter gegeben hat, verwandelt. Während ihrer ersten Tage in Rangoon, war Emily (seine dritte Frau) ‚ein bisschen verärgert über etwas, das für mich wie ein Fleck von Guyonism, Oberlinism oder etwas dergleichen aussah‘. Aber zusammen mit Adoniram ging sie in die Literatur hinein und ‚verglich es mit der Schrift und gesundem Menschenverstand‘. Sie kam zu dem Schluss, dass Adoniram ‚streng und durch und durch orthodox‘ sei [...] Sie stimmten in allem überein, sogar, glaubte sie, über ihre Meinung von Madame Guyon, welche sie als ‚abscheulich‘ und ‚monomanisch‘ betrachtete, obwohl sie zugeben musste, dass sie ‚trotz ihrer offensichtlichen Unliebenswürdigkeit Gnade besaß‘“ (Edwards, S. 491) f) Diese und die folgenden Motive werden erstmalig von Wayland vorsichtig in den Raum gestellt(S.536)und von Anderson aufgegriffen (S.382;390f). Seine in dieser Zeit entstandene Schrift „Die dreifache Schnur", bestätigt, dass Judson sich in dieser Zeit tatsächlich u.a. mit dem Thema „Stolz“ beschäftigt hat. Weitere Schriften aus dieser Zeit existieren jedoch nicht und Judson hat sich später nie wieder zu dieser Zeit geäußert. g) Was in Amerika jedoch kaum jemanden interessierte und er deshalb dort weiterhin als „Dr. Judson“ bekannt war. h) Aus Wayland, Vol I und II. Daten nach 1836 sind nicht erhalten. Ungewöhnlich ist der Sprung bei der Anzahl der burmesischen Getauften von 260 im Jahr 1831 auf 128 im Jahr 1832. Da Judson ab 1832 das Format der Tabellen änderte, liegt möglicherweise ein Abschreibefehler vor. Die Tabelle für 1832 beginnt mit einer Zeile „Vor dem Jahr 1832 getauft ...“ Hier findet sich die Zahl 128 – was gleichzeitig die Gesamtzahl der Taufen burmesischer Gläubiger in der letzten Zeile der Tabelle für 1831 darstellt, nicht aber die Summe aller Taufen von 1819-1831 (260). Judson hat sich vielleicht einfach in der Zeile vertan – auch wenn das bei seiner peniblen Arbeitsweise kaum vorstellbar und es ungewöhnlich ist, dass ihm dieser Fehler nicht aufgefallen sein sollte. Dargestellt sind die unkorrigierten Originalwerte. i) Was z.B. zu der Anekdote führte, das eine Gruppe von Karen 12 Jahre lang das „Oxford Book of Common Prayer“ anbetete. j) „Die Übersetzung der Heiligen Schrift in die Sprache der Birmanen ist unweigerlich die beste Übersetzung in Indien, das heisst, die Übersetzung hat seine Zeitgenossen und seine Nachfolger mehr befriedigt, als irgend eine Übersetzung der Bibel in eine der andern Sprachen des Ostens in irgendeinem Teil Indiens die Missionare befriedigt hat. Sie ist frei von Ausdrücken, die dem birmanischen Denken fremd sind. Sie liest sich leicht und kann sehr gut verstanden werden. Stil und Ausdrucksweise sind so formvollendet und elegant, wie es die Sprache selbst, die an sich schon einen Ehrfurcht gebietenden Gehalt besitzt, erfordert. Dabei übermittelt sie zweifellos den eigentlichen Sinn des Heiligen Geistes so vollkommen, wie es in menschlichen Worten möglich ist.“ (Aus einem Brief eines Missionarskollegen nach Judsons Tod, Warburton, S. 239) k) Warburton meint aus dem Briefschluss von Sarahs Brief herauszulesen, dass die beiden zu diesem Zeitpunkt verlobt waren (S. 250). Das scheint aber eine Miss-Interpretation zu sein. Sarah beendete ihren Brief mit »Yours affectionately, Sarah H. Boardman« – eine zu dieser Zeit vollkommen gewöhnliche Endung. Judson selbst schloss fast alle seine Briefe (an näher stehende Freunde, Kollegen und Bekannte) mit dieser oder einer sehr ähnlichen Formel. Warburtons Kommentar zur raschen Entscheidung der beiden ist jedoch bemerkenswert: »Trotz seines impulsiven Wesens gab es nur wenige, die so selten in ihren Entscheidungen fehl gingen wie er. Auf jeden Fall in der Wahl seiner Frauen machte er keinen Fehler.« (Warbur- ton, S. 251) l) George wurde von zwei Missionaren, J.T. Jones und William Dean, begleitet. Ihr Schiff, die Cashmere, lag etwa 15 Meilen vom Ufer entfernt, so dass sie mit einem Ruderboot fahren mussten. Hafen-Piraten beobachteten die Reisegesellschaft und vermuteten in der Kiste, in der die Missionare Post mit sich führten, einen Schatz. Sie über elen das Boot, warfen Jones über Bord und verletzten Dean schwer mit einem Speer. George war unter einer Bank versteckt und kam mit dem Schrecken davon.

Quellenangaben

QUELLENANGABEN 1 Wayland, S. 432 2 Anderson, S. 370 3 Wayland, S. 423 4 Wayland, S. 429 5 Wayland, S. 483 6 Wayland, S. 483 7 Wayland, S. 526 8 Piper, S. 144 9 Wayland, Vol. II. S. 82 Bilder: http://www.bpnews.net/38830/200-years-later-judsons- mission-still-changing-world (16.06.2014)