Zeitschrift-Artikel: Tagebuch-Auszüge einer Kuba-Reise

Zeitschrift: 147 (zur Zeitschrift)
Titel: Tagebuch-Auszüge einer Kuba-Reise
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

online gelesen: 156

Titel

Tagebuch-Auszüge einer Kuba-Reise

Vortext

Text

› Montag Mit unserem Sohn Daniel, vier Koffern, zwei Handgepäck-Stücken und zusätzlich zwei Laptops in Taschen (insge- samt vier Laptops, zwei Drucker, jede Menge kleinerer technischer Hilfsmittel, einer Menge Bücher, Medika- mente, Tee, Schokolade usw.) und nicht wenigen Euros (Gaben von Geschwistern) – sind wir von Frankfurt aus über Madrid unterwegs nach Havanna. › Ankunft Ein Koffer fehlt – er ist in Madrid hängengeblieben: ausgerechnet der, in dem meine Bibel und alle Unterlagen verstaut sind! (Dieser Koffer kam erst zwei Tage vor unserer Rückreise in Havanna an!) Sehr deprimierend – fünf Tage ohne Bibel! Eine völlig neue Erfahrung, die ich nicht noch einmal machen möchte! › Am Zoll Etwa sechs Stunden Gerangel am Zoll. Wäre Daniel nicht mit mir gewesen und hätte er mit Gottes Hilfe nicht eine Beamtin (ein „Engel“?) für unsere Sache gewinnen können, wäre ich hoffnungslos untergegangen. So kommen wir nach Mitternacht und nach ca. 50€ Zollgebühren sowie stundenlangen Verhandlungen und Prüfungen, allerdings ohne den vierten Koffer nach draußen, wo unser Gastgeber Jorge drei Stunden vergeblich gewartet hat und resigniert wieder nach Hause gefahren ist. Mit einem Taxi nach El Gabriel, wo wir um 1:30 unsere Freunde aus dem Bett klopfen müssen. › Dienstag Um 7:00 Uhr nach fast schla oser Nacht (keine Klimaanlage und viele Mücken!) zum Frühstück ein paar Kekse und dann nach Havanna. Dort drei wichtige und sehr erfreuliche Besuche: Beim Präsidenten der konservativen Baptisten in Kuba. Ein sehr gebildeter, gut informierter und geistlich gesinnter Mann, mit dem wir sofort herzliche Gemeinschaft hatten und der uns für das nächste Jahr zu einer Konferenz einladen möchte. (Voraussetzung: Der Staat stellt uns ein Missions-Visum aus – als „normaler“ Tourist darf man of ziell nicht predigen!) Beim theologischen Seminar dieser Baptisten, dem ehemaligen und dem heutigen Direktor, die uns einen wichtigen Einblick in die vergangenen 50 Jahre unter Fidel Castro und seinen Mitkämpfern gaben. Schließlich ein Besuch bei dem Regierungsvertreter für religiöse Angelegenheiten, der u.a. auch für die Zensur und Einfuhr von religiöser Literatur zuständig ist. Offensichtlich ein Bruder im Herrn, der wie ein Obadja sein Bestes unter „Ahab“ (Fidel und Raul Castro) tut, alleine aber nicht über Einfuhr-Genehmigungen entscheiden kann. Er möchte sich aber einsetzen, um die Einfuhr unserer spanischen Bücher zu ermöglichen. (Bisher drucken wir etwas primitiv und „auf unsere Verantwortung“ in Kuba). Wahrscheinlich werden unsere Bücher keine Chance bekommen, dennoch war der Kontakt zu diesem Bruder wertvoll und vielleicht für die Zukunft hilfreich. › „Siehe, wie gut und wie lieblich ist es ...!“ Am späten Nachmittag vier Stunden Autofahrt mit Jorges und seinem alten Lada nach Cruces. Dort drei Tage viele Besuche bei unseren Baptisten-Freunden, bei denen wir eine vorbildliche Liebe und Aufnahme fanden. Daniel konnte einige Vorträge halten und ich am Donnerstag eine kleine Konferenz mit Pastoren aus der Umgebung. Dort konnten wir einen Laptop und Drucker lassen, die Mitarbeiter auch finanziell etwas unterstützen und viele Freudentränen und große Dankbarkeit ernten. Die verantwortlichen Brüder dieser großen Gemeinde machten durch ihr Interesse, ihre erstaunliche Bildung, ihre geistliche Haltung und harmonische Zusammenarbeit einen sehr guten Eindruck auf uns. Fast alle hatten schon unsere Bücher gelesen und konnten sogar daraus zitieren. Auch hier wurden wir für das nächste Jahr wieder eingeladen. › Freitag Aufbruch und drei Stunden Autofahrt nach Guinnes. Dort gibt es seit wenigen Jahren eine neue „Brüderversammlung“, die (illegal) in der kleinen Wohnung von Orlando und seiner Frau zusammenkommt. Orlando (ca. 40 Jahre alt) ist durch ein nicht behandelbares Rückenleiden arbeitsunfähig, bekommt keine Rente, vertraut aber dem Herrn und hat immer das Haus voller Leute. Als wir Mittags dort ankamen, waren schon etwa 40 Leute in der kleinen Küche versammelt und warteten auf uns und auf ein „Wort des Herrn“. Ich hatte keins (bereits vier Tage ohne Bibel!), aber Daniel konnte diese muntere Schar mit einem spontanen Vortrag erbauen und erfreuen. Anschließend gab es ein von allen Frauen bereitetes Mittagessen, viele Gespräche und Erinnerungen an Doro Olmesdahl, die vor Monaten für einige Wochen hier zu Besuch war und ein großartiges Zeugnis hinterlassen hat. Ein befreundetes Ehepaar aus Süddeutschland hatte uns einen großen Geldbetrag für diese Gemeinde mitgegeben und Orlando und seine Frau waren fast fassungslos, als wir ihnen für ihre persönlichen Bedürfnisse und den schon lang geplanten Anbau eines Versammlungsraumes das Geld weitergeben konnten. Die fröhliche Hingabe und Gastfreundschaft dieser Geschwister, die um des Herrn willen auf ein Privatleben fast völlig verzichten, hat uns tief beeindruckt und bewegt. › Samstag/Sonntag Am Abend dann die Fahrt zu unserem Freund und Begleiter Jorge Luis und seiner Familie nach El Gabriel, wo sich etwa 80 Geschwister im Haus eines Bruders „illegal“ versammeln. Hier konnten wir viele Gaben und technische Geräte usw. weitergeben und viele Besuche bei Familien machen. Am Sonntag hatten wir nach dem Brotbrechen und der Verkündigung ausführliche Gespräche mit den verantwortlichen Brüdern dieser Gemeinde über einen möglichen Hauskauf, um die Gastfamilie zu entlasten (jeden Sonntag 80 – 100 Gäste im Privathaus!) und mehr Platz für die Gemeinde-, Kinder- und Jugendarbeit und auch eine geplante Arbeit unter Alkoholikern zu haben. Nur wenige Häuser neben Jorges Haus steht das einzige zweigeschossige Gebäude dieser Straße zum Kauf zur Verfügung, mit einer zusätzlichen großen Scheune, in der sich eine Schreinerei befindet, wo Platz für ca. 200 Personen wäre. Dieses Haus haben wir besichtigt und eine gute, solide Bausubstanz festgestellt. Ideal für Gemeindearbeit und zusätzlicher Raum für eine Familie, die im Haus wohnen könnte. Wenige Stunden später konnten wir mit dem Besitzer sprechen und Daniel war in der glücklichen Lage, den geforderten Kaufpreis von umgerechnet 25.000 € auf ca. 20.000 € zu drücken. Unser Rat an die Brüder war, dieses Haus zu kaufen unter der Voraussetzung, dass die Gemeinde darin einmütig ist. Die Geschwister am Ort wollen nun versuchen, selbst etwa 2–3.000 Euro dabeizusteuern (bei einem üblichen Tageslohn von ca. 70 Cent am Tag eine beachtliche Leistung!). Mit Hilfe von Gaben aus dem deutschsprachigen Raum und aus Spanien konnte der Kauf und auch die Renovierung inzwischen bezahlt werden. Alle Umbauarbeiten werden in Eigenleistung erbracht. Dieses Haus ist auch bestens für kommende überregionale Konferenzen usw. geeignet. › Montag Vor dem Rückflug nach Deutschland ein „Bummel“ durch Havanna, längere Gespräche mit unseren Gastgebern und dann mit fünf Stunden Verspätung der Flug zunächst nach Madrid und dann nach Düsseldorf, wo wir am Dienstag kurz vor Mitternacht nach viel Aufregung, aber mit allen übrig gebliebenen Koffern und meiner inzwischen eingetroffenen Bibel ankamen. Es war eine aufregende, abenteuerliche, aber auch über Erwarten gesegnete Reise, wo wir manchmal dachten, von „Engeln“ begleitet und geführt zu sein. Reich beschenkt und mit vielen Segnungen und neuen Erfahrungen sind wir nach Hause gekommen. Eine besonders ermutigende und schöne Erfahrung war auch, die Dankbarkeit für die Literatur und die geistlichen Früchte der Literatur bei allen Besuchen zu erleben. › Die wirtschaftliche und soziale Situation im Land Die materielle Armut ist unverändert groß. Egal ob Straßenarbeiter oder Akademiker – man verdient monatlich (!) nicht mehr als zwischen 15 und 20€. Davon kann man natürlich kaum leben. Entweder hat man im Ausland Verwandte, die ab und zu Geld schicken, oder man „besorgt“ sich seinen Unterhalt auf irgendeine unlautere Weise. Es gibt aber inzwischen auch kleine staatliche Erleichterungen, um durch Gemüse, Säfte-und Obstverkäufe usw. am Straßenrand etwas Geld zu verdienen. Ein gläubiger Arzt aus der Gemeinde in Cruces verdient sich z.B. den Unterhalt seiner Familie damit, dass er aus alten Löffeln usw. Kunstgegenstände bastelt, die auf den Souvernier-Ständen in Havanna für gutes Geld verkauft werden. Abends macht er sich dann mit seiner Arzt- Tasche auf den Weg, um Kranken kostenlos zu helfen. Ein immer größer werdendes Problem ist der Alkoholismus. In vielen Häusern wird „schwarz“ aus Zuckerrohr Alkohol gebrannt. Damit ist auch ein großes Aufgabengebiet für die Christen entstanden, um solchen Leuten zu helfen und ihnen dabei das Evangelium vorzuleben und zu verkündigen. Betet für Kuba!

Nachtext

Quellenangaben