Zeitschrift-Artikel: Ebbis Scheibe oder: Wenn guten Menschen Böses widerfährt ...

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Titel: Ebbis Scheibe oder: Wenn guten Menschen Böses widerfährt ...
Typ: Artikel
Autor: Olaf Strohkirch
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ebbis Scheibe oder: Wenn guten Menschen Böses widerfährt ...

Vortext

Text

Wenn wir nach etlichen Jahren als Christ auf unser Leben zurückschauen, werden wir eine wenig überraschende Feststellung machen: Dass es nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen und Enttäuschungen gab. Wenn wir ehrlich sind, haben viele Enttäuschungen nicht nur Schrammen auf unserer Seele hinterlassen. Manchmal haben sogenannte Schicksalsschläge, von denen wir als Christen genau wissen, dass Gott sie zumindest zulässt, feine Haarrisse in unserem Vertrauen hinterlassen. Wenn wir sie nicht beachten, können sie im schlimmsten Fall dazu führen, dass unser Glaube Schiffbruch erleidet. Warum lässt Gott zu, dass uns unerwartete und schlimme Dinge passieren? Eine große Frage ... Manchmal erschließt sich uns der Grund, aber oft werden wir nie erfahren, warum uns dieses oder jenes widerfuhr, was uns fast aus der Bahn geworfen hätte. Aber eines weiß ich: Gott macht keine Fehler, und ihm passiert keine „Unachtsamkeit“. Denen, die Gott lieben, dienen laut Bibel alle Dinge zum Besten (vgl. Röm 8,28). Aber manchmal dienen schlimme Erlebnisse auch anderen zum Guten, und wir merken absolut nichts davon. Niemand erklärt uns den tieferen Sinn, um unseren Schmerz zu lindern. Aber oft hat es Auswirkungen, die wir gar nicht erahnen. Von so einer Auswirkung will ich an dieser Stelle einmal erzählen. › Damals in Schoppen ... Es geschah im Jahr 1977 auf meiner ersten Schoppenfreizeit. Kaum zu glauben, dass es schon 37 Jahre her ist. Ich war 13 Jahre alt, kam aus einem christlichen Elternhaus und besuchte den evangelischen Konfirmanden-Unterricht. Ich zweifelte nicht an der Existenz Gottes, doch weder mein Vater noch mein Pfarrer lebten mir ein begehrenswertes Christsein vor. Von Zuhause kannte ich nur einen strengen, strafenden Gott, und in der evangelischen Kirche schien alles erlaubt zu sein. Beides war nicht sehr attraktiv. In dieser Situation luden mich meine Freunde Ralf und Bernd ein, mit ihnen auf eine christliche Kinderfreizeit ins Sauerland zu kommen, wo sie selbst im Jahr zuvor zum ersten Mal waren. Ich war hin- und hergerissen. Einerseits klangen die Erzählungen von Geländespielen, Lagerfeuern und nächtlichen Entführungen schon ziemlich verlockend, andererseits hatte ich so etwas noch nie mitgemacht. Was würde mich da wohl erwarten? › Sönke – rotzfrech, vorlaut und dreist ... Heute kann ich es ja zugeben, aber als mein Vater mich nach Schoppen brachte, wäre ich vor lauter Heimweh am liebsten direkt wieder nach Hause gefahren. Einerseits waren die Mitarbeiter echt nett, aber auf meinem 6-Bett-Zimmer im „Rattenloch“ (die Älteren unter uns erinnern sich ...) war ein Junge, der mir das Leben schwer machte. Dieser Kerl, ich will ihn hier Sönke nennen, war in meiner Wahrnehmung einfach nur unangenehm. Er war rotz-frech, vorlaut, besserwisserisch und dreist. Ja, ich weiß, so sollte man nicht über andere reden. Nur gibt es nun mal Menschen, die wir genauso wahrnehmen. Sönke machte sich über mich lustig, machte Scherze auf meine Kosten ... Er war das, was man sich unter dem Begriff „ätzend“ vorstellt. Andere empfanden es, soweit ich weiß, ähnlich. Auch für die Mitarbeiter war Sönke eine echte Prüfung. Ich erzähle dies nicht, um nach 37 Jahren noch bei jemandem nachzutreten, der mich damals geärgert hat, sondern um verständlich zu machen, warum mich das folgende Ereignis so beeindruckt hat: Der Höhepunkt einer Jungenfreizeit war zumindest damals das Fußballturnier. Weil (mal wieder) der Schoppen-Fußballplatz nicht bespielbar war, wollten wir nach Kierspe fahren. Nun herrschten damals ganz andere Zustände, auch verkehrstechnisch. Um die Kapazitäten optimal auszunutzen, stopfte man in ein Auto so viele Kinder wie nur möglich (der Rekord, an den ich mich erinnere, lag bei 12 Kindern in einem R4). An diesem Tag stellte ein Mitarbeiter namens Eberhard Witt, genannt „Ebbi“, seinen Kombi zur Verfügung. Bevor er den Kofferraum öffnete, schärfte er uns Kindern ein- dringlich ein, vorsichtig in den Kofferraum zu steigen, da in einer Ecke, eingepackt in Decken, eine speziell ange- fertigte Glasscheibe lagerte, die Ebbi im Anschluss an die Freizeit an einen Kunden seines Bruders ausliefern sollte. Diese Scheibe war mehrere hundert Deutsche Mark wert. Er erklärte uns das und bat um Vorsicht. Es kam, wie es kommen musste. Er öffnete den Kofferraum, und wer drängte sich grölend vor allen anderen hinein? Bevor Ebbi noch eine Warnung ausrufen konnte, zerbrach Sönke die Scheibe mit einem lauten Knacken ... › Unverdiente Gnade Einen Moment lang waren alle still. Für mich war klar: jetzt würde ein Riesendonnerwetter folgen. Ich an Ebbis Stelle hätte Sönke dermaßen zu Schnecke gemacht! Dies wäre der Zeitpunkt gewesen, wo man ihm nicht nur diese Katastrophe, sondern all’ sein schreckliches Verhalten der letzten Tage rechts und links (verbal) um die Ohren hauen sollte. Ich hätte ihn fertig gemacht, und zu meiner Beschämung muss ich sagen, dass ich dieses Strafgericht auf diesen miesen Kerl herabwünschte. Doch was geschah? Nichts! Ebbi schaute sich die zerbrochene Scheibe an, und in seinen Augen waren Tränen. Ich stellte mir vor, wie er seinem Bruder den Verlust erklären und wie er dafür geradestehen musste. All’ den Ärger, der ihn jetzt erwarten würde ... Aber er sagte nur: „Ist schon gut, Junge!“ Ich war sprachlos. Das war in meinen Augen so was von unverdient. Diese Gnade hatte der Kerl echt nicht verdient. Er war noch nicht mal dankbar dafür, sondern machte großmäulig weiter wie bisher. Wie konnte Ebbi so einem wie ihm so etwas verzeihen? Und doch war mir im selben Augenblick klar: Das war nicht normal. Das war eine Reaktion, wie sie kein natürlicher Mensch hinbekommen würde. Das war eine Veränderung, die Gott bewirkt hatte, und ich hatte im gleichen Augenblick den Wunsch: Wenn Jesus Christus jemanden befähigt, so etwas zu verzeihen – dann will ich auch Christ werden. Dieser Glaube hat tatsächlich etwas mit dem Alltag zu tun. Ich wollte auch an einen Gott glauben, der in der Lage ist, Menschen so zu verändern. Im darauf folgenden Jahr übergab ich mein Leben bewusst Jesus Christus. Natürlich hatten viele Menschen ihren Anteil daran, und ich möchte an dieser Stelle all den Mitarbeitern danken, die ihre Zeit in solche Jungs wie mich investiert haben, insbesondere Wolfgang und Gerrit. (Ich weiß, dass ihr das nicht wollt, aber es muss jetzt einfach mal gesagt werden!). Aber ein wichtiger und entscheidender Anstoß dazu, diesen Gott finden zu wollen, ging von dem Tag aus, an dem eine Scheibe zerbrach und Ebbi sich einen Riesenärger einhandelte, ohne zu wissen warum. Ich nehme an, dass Ebbi bis heute nicht weiß, warum dieser Typ die Scheibe zerbrach, warum Gott das nicht verhindert hat. Ob Gott noch andere Absichten an diesem Tag verfolgte, weiß ich nicht, aber ich bin mir sicher, dass er mich haben wollte, und Ebbi musste all diese Probleme durchstehen, damit ich mich auf die Suche nach diesem Gott machte, der Menschen so verändern kann. Eberhard Witt, 27 Jahre nach der erwähnten Freizeit ... › Wir werden beobachtet ... Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht: wir werden rund um die Uhr beobachtet, von unseren Kindern, Nachbarn, Freunden, Arbeitskollegen ... Auch wenn sie es nie sagen würden, so wollen doch viele wissen, was dran ist an unserer Behauptung, dass wir Kinder des lebendigen Gottes sind. Sie wollen wissen, ob es diese lebensverändernde Kraft wirklich gibt. Wie Alois Wagner es sagte: „Die Welt will nicht deine Siege sehen. Mit Siegen kann jeder umgehen. Sie will sehen, wie du mit deinen Niederlagen umgehst.“ An diesem Nachmittag im Sommer 1977 habe ich Ebbi beobachtet. Und was ich gesehen habe, hat mich tief beeindruckt und in mir den Wunsch geweckt, diesen Gott kennenzulernen, der Menschen zu so etwas befähigt. Ebbi, wenn es dich da draußen noch irgendwo gibt: Ich möchte dir danken für dein unbewusstes Vorbild. Du standest am Anfang eines Weges, den ich jetzt seit 37 Jahren gehe. Und ich muss sagen: Es hat sich gelohnt. Diesen Gott als meinen Herrn und Retter anzunehmen, war die beste Entscheidung meines Lebens. Und du hattest – ohne dass du es wusstest – Anteil daran. Und wenn dir, der du das hier liest, in nächster Zeit etwas Unerklärliches, Schlimmes passiert, so dass du Gott am liebsten Vorwürfe machen würdest: Vielleicht wirst du auch gerade beobachtet. Und das Unglück, dass dich ereilt, ist vielleicht nur ein kleiner Preis für eine Frucht, die in Ewigkeit Bestand hat.

Nachtext

Quellenangaben