Zeitschrift-Artikel: Wenn ich schwach bin, bleibt Er stark

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Titel: Wenn ich schwach bin, bleibt Er stark
Typ: Artikel
Autor: Thomas Lange
Autor (Anmerkung): Das Leben des Richard Baxter (1615–1691)

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Titel

Wenn ich schwach bin, bleibt Er stark

Vortext

Text

Er gehört wohl eher zu den unbekannteren Puritanern – was jedoch ganz dem Wunsch Richard Baxters entspricht. Sein größtes Anliegen war es, Jesus Christus nachzufolgen und in seinem Leben nach nichts anderem zu trachten, als nach Gottes Ehre (Ps 115,1). Seine knapp gehaltene Biografie gibt einen Einblick in das Leben eines Mannes, den Gott trotz seiner Schwachheit enorm gebraucht hat, weil sein Herz für Gott brannte. › Hindernisse im Dienst In Zeiten, in denen Gesundheit, Wohlergehen und körperliche Fitness mit an oberster Stelle stehen, würde Richard Baxter wohl eher zu den Außenseitern gehören, die für einen gesegneten Dienst in der Mission als untauglich eingestuft worden wären. Gleich zu Beginn seiner Biografie liest man Folgendes: „Baxter war nun eingegangen durch die enge Pforte und hatte den Schmalen Weg betreten, der ins Leben führt. So herrlich aber die Siegerkrone war, so gewaltig waren die Kämpfe, die ihm von Anfang an in seiner Laufbahn verordnet waren. Die höchst gebrechliche Beschaffenheit seines Körpers war eine Welle unablässiger Leiden für ihn. Er war sehr mager und schmal gebaut und von Jugend auf an den Nerven angegriffen. Mit 14 Jahren bekam er die Pocken, und bald nach seiner Genesung durch Erkältung einen heftigen Katarrh; dieser hielt zwei Jahre an und war von dem stärksten Husten und Blutauswurf begleitet. Seitdem wurde er das Spiel aller möglichen medi­ zinischen Experimente. Nicht weniger als 36 Ärzte versuchten sich nacheinander fruchtlos an ihm, bis er nach dem Gebrauch unzähliger Mittel alle verließ und sich nur bei bestimmten Symptomen nach augenblicklicher Hilfe umsah. Er war buchstäblich vom Scheitel bis zur Sohle krank: Sein Magen war sehr schwach; häufig hatte er rheumatische Kopfschmerzen und über­ mäßiges Nasenbluten; sein Blut war so dünn und scharf, dass es ihm manchmal aus den Finger­ spitzen hervorsprang und diese dadurch lange Zeit wund und blutig waren; seine Beine waren sehr häufig geschwollen von Wassersucht. Im zwanzigsten Jahr seines Lebens war er schon wie ein Greis, denn außer seinen eigentlichen Krank­ heiten hatte er alle Symptome eines 80­jährigen Mannes.“1 Hinzu kommt, dass er weder eine Bibelschule, noch sonst eine theologische Ausbildung genossen hatte, auf welche damals der größte Wert gelegt wurde, wollte man in den „Dienst der Kirche“ treten. Außerdem war das damalige Bildungssystem denkbar schlecht, sodass selbst die Grundschulausbildung alles andere als zufriedenstellend verlief: „Bis zum zehnten Lebensjahr hatte er nichts als den schlechtesten Unterricht bei vier jämmerlichen Geistlichen, die einer nach dem anderen in seiner Kirchengemeinde angestellt wurden.“2 Die Voraussetzungen für einen gesegneten Dienst in der Nachfolge konnten nicht schlechter sein. Heute wäre Baxter mit dieser Vita wohl als gescheiterte Existenz und als „nicht vermittelbar“ eingestuft worden. › Frucht im Dienst Trotz dieser katastrophalen körperlichen und gesundheitlichen Bedingungen wurde Richard mit Lebensjahren reich gesegnet und durfte 76 Geburtstage erleben (1615–1691). Obwohl er so viel litt, immense Schmerzen erduldete und unter permanenter Gebrechlichkeit und Not sein Leben fristete, stellte er sich völlig Gott zur Verfügung. Die meisten von uns hätten sich an seiner Stelle wohl eher ein ruhiges Plätzchen gesucht und auf das Ende gewartet, als anstrengende und herausfordernde Aufgaben anzugehen. Man kann nur staunen, wie der lebendige Gott ihn gebrauchte und zu seinem Werkzeug machte, um unzählige Menschen zu erreichen und zu erretten. Ein Blick in seinen Aufgabenbereich zeigt uns sein Arbeitspensum3: • Er predigte Sonntags ein- bis zweimal, dazu jeden Donnerstag. • Regelmäßig hielt er „Gelegenheitsreden“, wie es sich gerade in verschiedenen Situationen anbot. • Jeden Donnerstag war in seiner Wohnung Hauskreis, wo er Fragen und Einwände beantwortete. • Einmal pro Woche war ein Gebetskreis, in dem teilweise mehrere Stunden gebetet wurde. • Samstags fanden in verschiedenen Häusern Treffen statt, um die Predigt vom letzten Sonntag zu wiederholen und um sich auf den darauffolgenden Sonntag vorzubereiten. • Alle zwei bis drei Wochen wurde ein Bußtag gehalten. • An zwei Tagen in der Woche (montags und dienstags) ging er mit einem Gehilfen in 14 Familien und unterrichtete die Privatkatechese, führte Gespräche, wobei er pro Familie ca. eine Stunde Zeit einplante. • Jeden ersten Mittwoch im Monat war eine Zusammenkunft für die „Kirchenzucht“. • Jeden ersten Donnerstag im Monat gab es eine Predigerkonferenz, wofür er sich jedes Mal schriftlich vorbereitete. Nachmittags vor dem abendlichen Treffen kamen jeweils mehrere Prediger zu Baxter nach Hause, mit denen er einige Stunden zubrachte. • Neben all diesen Aufgaben war er fünf bis sechs Jahre notgedrungen der Allgemein-Arzt des Dorfes und behandelte die Patienten nach seinem Gutdünken, wobei er „ernste Fälle“ an einen richtigen Arzt weiterleitete. Man fragt sich, wie viele Stunden der Tag bei Baxter hatte und wie er dies alles in seiner Verfassung bewerkstelligen konnte. Wenn man folgende Zeilen hinzu nimmt, wird das Ganze noch erstaunlicher: „Alle diese Arbeiten jedoch zählten als meine Erholung ... Denn mein Haupttagewerk waren meine Schriften, mit denen es aber nur sehr lang­ sam vorwärts ging, weil ich nie jemanden hatte, dem ich diktieren konnte, und meine Körper­ schwäche mir so viel Zeit raubte. Alle Schmer­ zen, die ich je von meinen Krankheiten hatte, waren keine so schwere Trübsal für mich, wie der unvermeidliche Zeitverlust, den sie verursachten. Wegen meiner Magenschwäche konnte ich nicht vor sieben Uhr morgens aufstehen, späterhin auch dann noch nicht; und meine anderen Übel bewirkten, dass es eine Stunde dauerte, ehe ich angekleidet war. Eine Stunde musste ich vor dem Mittag und eine vor dem Abendessen spa­ zieren gehen, und nach dem Abendbrot konnte ich selten noch studieren. Dazu kamen noch das Gebet, die häuslichen Geschäfte, die Essenszeit, sodass mir nur wenig Zeit zum Studieren blieb – das schwerste Leiden für mich in meinem ganzen Leben.“4 In Zeiten, in denen er von seinen verschiedenen Gebrechen heimgesucht wurde, grämte er sich, weil er meinte, es sei nicht gut, „unfruchtbar“5 dazuliegen, statt für den Herrn zu arbeiten. Trotz seiner Einschränkungen durfte er in seinem Dienst viel Frucht sehen und aus seiner Feder gingen einige Bücher hervor, die Gott sehr gebrauchte. Später schrieb er dann: „So muss ich denn hier, zum Preise meines lieben Heilandes, diesen Gedenkstein aufrichten: Ja, zu seinem Preis, der so viele Jahre in einem so seli­gen Werk mich mit solchem Erfolg hat arbeiten lassen! Wer bin ich doch, ich elender Wurm, dem nicht bloß akademische Titel, dem auch so viele der Gaben und Kräfte fehlen, deren es zu einem so herrlichen Werk bedarf, dass Gott mich so über­ schwänglich segnete. Diese Gnade war umso größer, weil ich von Natur aus sehr mutlos war.“6 › Ende des Dienstes Baxters Leben ist ein beeindruckendes Beispiel der Gnade Gottes in dem scheinbaren Gegensatz von menschlicher Schwäche und Gottes Stärke. Die Kombination von völliger körperlicher Schwäche, gepaart mit allen möglichen Krankheiten und der andererseits immens großen Wirkung seines Dienstes ist ein Geheimnis, dass nur aus einer geistlichen Perspektive recht beurteilt werden kann. Tatsächlich erwies sich Baxters körperliches Leid als seine größte Stärke im Dienst für Christus: „Seine schweren Krankheiten stellten ihn unab­ lässig an die Tore des Todes und machten ihm stets den Augenblick gegenwärtig, welcher sich dem Gesunden gewöhnlich als Endpunkt einer langen Laufbahn darzustellen pflegt. Sein Herz zog ihn aufwärts und weg von der Erde, auf welcher er so viel litt. Er sehnte sich in das Land der ewigen Gesundheit. Seine Predigten und Schriften bekamen dadurch jene Intensität, durch die sie etwas so Anziehendes haben; und zugleich predigte er immer, wie wir es in seiner Schrift ‚The Reformed Pastor‘ (Das Predigeramt aus der Sicht eines Puritaners) nden, wie von der Not gedrängt, wie ein Sterbender, welcher eilt, sich eines dringenden, wichtigen Auftrags zu entledi­ gen.“7 „Der Gedanke, dass er bald aus der Welt abge­rufen werden könnte, trieb ihn, alle Furcht und Ängstlichkeit zu überwinden und es als einen großen Lohn anzusehen, wenn er auch nur für wenige Menschenseelen das Werkzeug ihrer Ret­tung werden könnte.“8 Die Herausgeber der Biografie schreiben über diesen Diener des Höchsten: „Es ist wahrhaftig erstaunlich, dass ein so außer­ordentlicher Geist in einer so morschen Hülle wohnen konnte und dieser Mann es schaffte, mit einem so äußerst kranken Körper dennoch ein langes Leben von 76 Jahren – bei tiefer Innerlich­ keit der verborgenen Gemeinschaft mit Gott – in einer fast beispiellosen Tätigkeit zu arbeiten, teils als Schriftsteller, teils und vorzüglich als Seel­sorger.“ 9 Baxters Leben ist beeindruckend und fordert uns heraus, unser Leben zu überdenken. Es ist ein tief beschämendes und zugleich sehr ermunterndes Vorbild für Gesunde und für Kranke. Schließlich ist Richard Baxter ein lebendiger Beweis für die Wahrheit, dass Gott in den Schwachen mächtig ist: „... denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“ (2Kor 12,10)

Nachtext

Quellenangaben

Fußnoten: 1 Das Leben von Richard Baxter, 3L,S.9 2 Ebd. S.10 3 Ebd. S.48–50 4 Ebd.S.50 5 Ebd. S.47 6 Ebd. S.53 7 Ebd. S.10–11 8 Ebd. S.12 9 Ebd. Klappentext