Zeitschrift-Artikel: Segensträger im fremden Land

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Titel: Segensträger im fremden Land
Typ: Artikel
Autor: Hellmuth Frey
Autor (Anmerkung): (1901 - 1982)

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Titel

Segensträger im fremden Land

Vortext

„Und Joseph brachte seinen Vater Jakob und stellte ihn dem Pharao vor. Und Jakob segnete den Pharao. Und der Pharao sprach zu Jakob: Wie viele sind die Tage deiner Lebensjahre? Und Jakob sprach zum Pharao: Die Tage der Jahre meiner Fremdlingschaft sind 130 Jahre; wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre, und sie haben die Tage der Lebensjahre meiner Väter in den Tagen ihrer Fremdlingschaft nicht erreicht. Und Jakob segnete den Pharao und ging vom Pharao hinaus.“
(1Mo 47,7-10)

Text

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen sich blitzartig zwei Welten gegeneinander abzeichnen. Ein solcher Augenblick war die Begegnung Pharaos und Jakobs, der Vertreter zweier Welten: Der eine zu Hause, der andere Fremdling ohne Heimat. Der eine Herrscher, dem alle Macht zur Verfügung steht, der andere auf seine Gnade angewiesen. Der eine gesegnet mit allem, was dies Leben bieten kann, der andere gezeichnet mit allen Spuren von Kargheit, Unbill und Feindschaft dieses Lebens. Beides Männer, mit schweren Verantwortungen belastet und mit großen Aufgaben betraut. Während Pharao voll Teilnahme nach dem Leben fragt, dass diesen Greis zerbrach und aufrieb, teilt der heimatlose Wanderer mit vor Alter zitternden, aber dennoch vollen Händen ihm aus der Fülle der anderen Welt den Segen mit, ohne den alles, was in dieser Welt Fülle ist, arm und im Raum des Fluches bleibt. Als Träger der Abrahams-Verheißung ist er eine Segenszelle in dieser Welt des Fluches, ein Fenster, durch das die Ewigkeit in die Zeit hinein scheint, ja hineinströmt. Heilsgeschichte und Weltgeschichte begegnen sich: Der Beschlagnahmte der Heilsgeschichte – heimatlos, auf das Wohlgefallen und die Güter angewiesen, die der Bevollmächtigte der Weltgeschichte verwaltet. Der Bevollmächtigte der Weltgeschichte in all seinem Reichtum bettelarm – auf den Segen angewiesen, den die Beschlagnahmten der Heilsgeschichte ihm im Vorüberziehen mitteilen aus der Heimat, aus der sie kommen und nach der sie eilen. So haben die Kinder der Heilsgeschichte für diese kurze, böse Zeit eine große Aufgabe bekommen: das Tal zu segnen, durch das sie wandern. Und die anderen, denen dieses Tal zur Verwaltung übergeben ist, dürfen ihnen Herberge gewähren und als Dank den Segen empfangen, ohne den die ihnen übergebene Verwaltung und Ordnung dieser Welt vergeblich und fruchtlos bliebe. So dürfen sie sich ergänzen. Wir blicken in eine einzigartige Zeit der Harmonie zwischen dem Gottes Volk und der Welt, seiner Armut und ihrem Reichtum und umgekehrt seinem Reichtum und ihrer Armut. Das ist eine einzigartige Fremdlingschaft Israels unter den Heiden, nicht unter dem Zeichen des Druckes und der Feindschaft, sondern als Segensträger; darin ist sie Urbild des Weges der Kinder des neuen Bundes.

Nachtext

Quellenangaben

Aus: Hellmuth Frey, Das Buch der Führung, Calwer Verlag, Stuttgart 1939, S. 157-158