Zeitschrift-Artikel: Das größte Gebot (Teil4)

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Titel: Das größte Gebot (Teil4)
Typ: Artikel
Autor: Christoph Grunwald
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Titel

Das größte Gebot (Teil4)

Vortext

Text

„Was ist das größte und erste Gebot?“ Die Antwort Jesu auf diese Frage eines Schriftgelehrten wurde ja in den letzten drei Ausgaben bereits ausführlich behandelt. In diesem letzten Teil der Artikelserie soll noch ein weiterer Punkt angesprochen werden. Während in der letzten Ausgabe die Unterschiedlichkeit der beiden Gebote betont wurde, geht es nun um die Gemeinsamkeiten. Die Antwort, die Jesus gab, ging eigentlich über die Frage des Schriftgelehrten hinaus. Dieser fragte nach dem höchsten Gebot (Einzahl) – aber Jesus nennt ihm zwei Gebote. Es gibt also nicht nur ein höchstes Gebot, es gibt zwei! Jesus hebt diesen Punkt besonders hervor, wenn er in Mt 22,38 nach der Nennung des ersten Gebotes hinzufügt: „Dieses ist das größte und erste Gebot, aber das zweite ist ihm gleich.“ „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben!“ ist das erste und größte Gebot – aber das zweite ist ihm gleich. „Gleich“ ist hier sicher als Gleichheit im Rang, in der Bedeutung zu verstehen – danach fragte der Schriftgelehrte schließlich und das ist es, was Jesus ihm zur Antwort gibt. Ein größtes und erstes – aber das zweite ist ihm gleich – an Rang und Stellenwert. Inwiefern sind diese beiden Gebote nun aber gleichwertig? Das Wesen und der Nutzen von Geboten Gebote sind Anweisungen, die (unter anderem) Beziehungen regeln. Wenn nur eine einzige Person existieren würde und sonst nichts und niemand, wären keine Gebote notwendig. Der einzelne wäre vollkommen frei, weil niemand mit ihm in Interaktion träte und seinen Handlungsfreiraum eingrenzen würde. Sobald aber eine weitere Person existiert – sei es Gott oder ein Mensch – und in eine Beziehung mit dieser (ersten) Person tritt, muss es Verhaltensweisen geben, die diese Beziehung regeln. Eine absolute Freiheit ist dann nicht mehr möglich. Wenn nur eine Person auf der Straße mit dem Auto unterwegs wäre, könnte sich diese Person verhalten wie sie wollte. Sobald die Straßen von mehreren Verkehrsteilnehmern genutzt werden, braucht es ganz dringend Regeln, Vorschriften und Gebote, welche die Beziehungen dieser Verkehrsteilnehmer untereinander regeln. Beziehungen ohne Regeln, ohne Gebote führen zu Anarchie, zu Chaos, zur Macht des Stärkeren und Unterdrückung des Schwächeren – wenn es um Beziehungen zwischen sündigen Menschen geht! Wenn wir die beiden Gebote betrachten, die Jesus betont, dann sehen wir, dass auch diese beiden Gebote Beziehungen regeln: die Beziehung zwischen uns und Gott, als die wichtigste Beziehung überhaupt, und die Beziehungen zu unseren Mitmenschen, als die Zweitwichtigsten. Die ungeheure Tragweite der beiden Gebote besteht nun darin, dass sie tatsächlich ausreichend sind, um alle Aspekte unserer täglichen Beziehungen zu regeln. Sie genügen als Verhaltensanweisung für jede Situation! Diese beiden Gebote geben uns trotz und vielleicht auch gerade wegen ihrer allgemeingültigen Formulierung einen klaren Rahmen vor, in dem wir uns bewegen können und sollen. Sie sind nicht situationsspezifisch, sondern eher wie zwei Leitplanken, die uns auf dem richtigen Weg halten. Das ist auch der Grund, warum sowohl Paulus als auch Jakobus mehrfach darauf hinweisen, dass das Gesetz mit diesen Geboten erfüllt ist. (Sie nennen explizit nur das Gebot der Nächstenliebe – aber das liegt vermutlich daran, dass sie sich in dem Kontext, in dem sie dieses Gebot zitieren, nur mit der zwischenmenschlichen Ebene beschäftigena)). Auf den Gesetzestafeln der 10 Gebote sind genau diese beiden Ebenen vertreten – die ersten vier Gebote „regeln“ das Verhältnis zwischen Gott und Menschen, die folgenden sechs die Beziehungen der Menschen untereinander. Paulus nimmt wörtlich nur auf letztere sechs Bezug, wenn er in Römer 13 schreibt: „Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: ‚Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren‘ – und welches andere Gebot es auch gibt –, werden zusammengefasst in diesem Wort, nämlich: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!‘ Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.“ (Röm 13,8-10). Anfang und Ende Paulus benutzt hier zwei Begriffe um das Gebot der Nächstenliebe in Beziehung zu dem übrigen Gesetz zu stellen. Er spricht davon, dass das Gebot der Nächstenliebe die Erfüllung und die Zusammenfassung des Gesetzes ist. Er macht deutlich, dass das Halten dieses einen Gebotes bedeutet, dass man „automatisch“ auch alle anderen Gebote hält. Wer seinen Nächsten liebt, wird ihn nicht töten. Wer seinen Nächsten liebt, wird nicht die Ehe brechen. Wer seinen Nächsten liebt, wird kein falsches Zeugnis über ihn ablegen – kurz, wer seinen Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt – weil letztendlich jedes andere Gebot ein Spezialfall dieses einen Gebotes ist. Paulus nennt es daher die Zusammenfassung des Gesetzes. Er richtet seinen Blick auf das Endergebnis – die Summe aller einzelnen Gebote ergibt das große Gebot der Nächstenliebe. Jesus zeichnet ein ähnliches Bild, aber mit einer anderen Blickrichtung, wenn er sagt: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40). Vermutlich will Jesus damit ausdrücken, dass aus diesen beiden Geboten das ganze Gesetz entspringt – das ganze Gesetz und die Propheten ‚atmen‘ den Geist dieser beiden Gebote – den Geist der Liebe zu Gott und der Liebe zum Menschen. Jedes Gebot ist demnach irgendwie auf diese Gebote zurückzuführen. Paulus sieht in der Rückschau das Endergebnis – alle Gebote münden in das Gebot der Nächstenliebe. Jesus blickt von vorne auf die Entwicklung – alle anderen Gebote ergeben sich aus diesen beiden Liebesgeboten. Gleichwertig und gleich wichtig ... Die beiden Gebote sind also in dem Sinne gleichwertig, dass sie beide – und nicht eines allein – die Grundlage für das ganze Gesetz legen. Aber sie sind noch in einem weiteren Sinne gleichwertig bzw. gleichbedeutend. Auffällig ist ja, dass Jesus das zweite Gebot anführt, obwohl er selbst sagt, dass das von ihm erstgenannte das „größte und erste“ ist (Mt 22,40). Er hat die Frage des Schriftgelehrten also beantwortet, aber er nennt dennoch umgehend das zweite Gebot – das erste ist ohne das zweite unvollständig. Tatsächlich ist es so: die beiden Gebote gehören unauflöslich zusammen! Die radikale ganzheitliche Liebe zu Gott (vom ersten Gebot gefordert) ist nach außen hin nicht unbedingt sichtbar! Jesus fordert uns mit dem ersten Gebot zu einer inneren Haltung auf, nicht zuerst zu einer äußeren Handlung – während das Gebot der Nächstenliebe aber vor allem letzteres ist. Die Nächstenliebe ist sozusagen die äußere Erscheinungsform der Gottesliebe. Die Liebe zu Gott muss sich immer auch in der Liebe zum Nächsten zeigen – während es auf der anderen Seite nie eine wahrhaftige Nächstenliebe gibt, wenn nicht zunächst Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzem Verstand und ganzer Kraft geliebt wird! Augustinus werden die Worte zugesprochen: „Liebe Gott – und tue was du willst.“1 Wer das erste Gebot hält – hält auch das zweite. Anders geht es nicht. Wer Gott liebt, liebt den Nächsten. Wer den Nächsten nicht liebt, liebt Gott nicht. Johannes macht das in seinem ersten Brief mehr als deutlich: „Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe ist aus Gott; und jeder der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wer nicht liebt, der hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.“ Und Vers 20: „Wenn jemand sagt: ‚Ich liebe Gott‘, und hasst doch seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht? Und dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.“ (1Joh 4,7.8.20.21) Gott ist der Ursprung aller wahren Liebe Wahre Liebe hat ihren Ursprung immer in Gott. Ohne Gott kann es keine echte Liebe geben. Der natürliche Mensch wird durch seine Lieblosigkeit und seinen Hass charakterisiert (vgl. Joh 3,19; 8,44; Tit 3,3). Ohne göttliches Eingrei- fen können wir nicht lieben. Gott muss an uns wirken und uns beschenken, damit wir überhaupt lieben können (vgl. z.B. 5Mo 30,6; Röm 5,5). Jeder der liebt, ist aus Gott geboren und erkennt Gott. Wenn jemand liebt – mit der göttlichen Liebe liebt – dann ist dies ein Zeichen dafür, dass er wiedergeboren ist. Wir wissen, dass jeder, der glaubt, ewiges Leben haben wird (vgl. z.B. Joh 3,36; Apg 2,21). Es ist der Glaube, der rechtfertigt – aber dennoch ist Glaube an sich eine kaum sichtbare Eigenschaft. Erst wenn dieser Glaube wahrhafte Liebe „produziert“, ist dies ein deutliches und belastbares Zeichen dafür, dass jemand aus Gott geboren ist. Liebe ist die unumgängliche Konsequenz wahren Glaubens: „Wer nicht liebt, der hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe.“ Ein Christ, der nicht liebt, ist kein Christ! Er kann Gott nicht erkannt haben. Gott zu erkennen, an ihn zu glauben, bedeutet sein Wesen erkannt und verstanden zu haben – und es wiederzuspiegeln. Gottes Wesen ist Liebe – daher muss Erkenntnis Gottes in Liebe münden. Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt. „Wenn jemand sagt: ‚Ich liebe Gott‘, und hasst doch seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?“ Johannes bestätigt hier die unauflösliche Verbindung zwischen dem ersten und dem zweiten Gebot. Wenn jemand seinen Bruder nicht liebt, zeigt dies, dass er auch Gott nicht liebt. Die Liebe zum Nächsten ist die nach außen sichtbare Manifestation der Liebe zu Gott. Und deshalb hält Johannes fest: „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.“ Seine Liebe zählt ... Paulus schreibt in Galater 5,6: „... denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirksam ist.“ Ein Glaube ohne Liebe ist unwirksam, tot (vgl. Jak 2,14-26)! Aus lebendigem Glauben wird unweigerlich Liebe entspringen und wirksamer Glaube kann vor allem daran wirklich erkannt werden. 2 Die Liebe ist „der Prüfstein des Glaubens“ ! Die beiden Gebote, die der Herr nennt, sind der Maßstab, den Gott an uns Menschen anlegt. Es sind seine Anforderungen an uns. Aber ohne göttlichen Beistand sind diese Anforderungen in ihrer Tiefe unerfüllbar! Auf uns selbst gestellt zerschellen wir an den Ansprüchen dieser beiden Gebote! Wir genügen ihnen nicht. Niemals! Wir lieben zu wenig – sowohl Gott als auch unseren Nächsten! Gott sagt: „Du sollst mich lieben aus deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und deinem ganzen Verstand und deiner ganzen Kraft.“ Und ich antworte: „Ja Herr, ich will dich aus ganzem Herzen lieben, ich sehe in meinem Herzen einen kleinen Funken, aber da ist mein Besitz, an dem mein Herz hängt, da ist mein Hobby, was meine Kraft beansprucht, da sind meine Karrierepläne, die meinen Verstand in Beschlag nehmen und da ist mein Stolz, von dem meine Seele zehrt. Ich will dich lieben – aber es fällt mir so schwer!“ Gott sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Und ich antworte: „Ja Herr, ich will meinen Nächsten lieben wie mich selbst – aber ich liebe mich selbst zu sehr, als dass ich mich für ihn völlig aufopfern könnte!“ Liebe ist der Prüfstein des Glaubens – aber wir würden an diesem Prüfstein zerrieben. Wenn unsere Rettung von dem Maß unserer Liebe abhinge, dann wären wir alle verloren! Wenn wir uns an den Geboten Jesu messen, sind wir Versager. Aber gerade dann, wenn wir unser dramatisches Versagen im Blick auf diese Gebote erkennen, dürfen wir den Blick auf das Evangelium richten – und diese gute Nachricht lautet: „Darin besteht die Liebe – nicht das wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat.“ (1Joh 4,10). Die frohe Botschaft ist: Gott handelt nicht gemäß unserer Liebe zu ihm, sondern seiner Liebe zu uns. In Christus verbinden sich die zwei Ebenen der Liebe, die vertikale und die horizontale am und im Kreuz. Hier ist einer, der beide Gebote vollständig erfüllt hat und uns dadurch in unserer Unfähigkeit und Schwachheit zum Retter wird. Als er am Kreuz starb, starb er an „Liebe im Endstadium“3! Wir lieben zu wenig? Ja, aber was wirklich zählt ist – er liebt genug! Unser Glaube ist zu schwach? Ja, aber die Schrift sagt nicht, dass viel Glaube rettet, sondern das Glaube rettet! Wir merken, dass wir heiliger und gerechter leben sollten? Ja, aber darauf kommt es am Ende nicht an – weil Jesu vollkommene Heiligkeit und Gerechtigkeit unsere Heiligkeit und Gerechtigkeit geworden ist (1Kor 1,30). Gott sieht uns in Christus. Wir sehen auf unsere kümmerlichen Versuche zu lieben – er sieht Jesu vollkommene Liebe. Wir sehen die Sünde, die Unfähigkeit, das Versagen – er sieht den Sieg, die Unvergänglichkeit, die Vollkommenheit. Wir sehen uns als Sünder, er sieht uns als Söhne: „Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der ruft: Abba, Vater!“ (Gal 4,6) Während wir noch nicht einmal dazu in der Lage sind, ein so wunderbares Wesen wie Gott zu lieben – geschweige denn unseresgleichen, liebt er uns trotz unserer Unwürdigkeit mit einer vollkommenen Liebe! „Unsere Liebe zum Herrn ist nicht der Rede wert, aber von seiner zu uns kann nie genug gesprochen werden.“4 Wir lieben definitiv zu wenig – und wir wollen mehr von der göttlichen Liebe in Anspruch nehmen. Aber wir sollen an unserer Unzulänglichkeit nicht verzweifeln, sondern vor allem – wie Johannes sagt – im Bewusstsein behalten, dass Gott Liebe ist – und in seiner Liebe bleiben und in seiner Liebe vollkommen werden (1Joh 4,16). „Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“

Nachtext

a) Es fällt auf, dass es in den paulinischen Schriften sehr wenige Stellen gibt, die explizit eine Erwähnung der Liebe des Men- schen zu Gott enthalten. Diese sind: Röm 8,28, 1Kor 2,9 (in einem Zitat); 1Kor 8,3; 1Kor 16,22; Eph 6,24. Das für Paulus die Liebe des Menschen zu Gott jedoch ebenfalls essentiell ist, zeigt allein die scharfe Formulierung in 1Kor 16,22 (siehe hierzu auch: „The Longing of Love: Faith and Obedience in the Thought of Adolf Schlatter“; Dane C. Ortlund; Themelios 33.2 (2008); S. 43).

Quellenangaben

1 zitiert in William Barclay, Auslegung des Neuen Testaments, Markus-Evangelium; Aussaat-Verlag; Sonderausgabe 2006; S. 263 2 C.H. Spurgeon; „Jesus nachfolgen – nicht ihm vorauslaufen“; Bd 4. 3L Friedberg 2002; S.92 3 eine Formulierung von Andreas Fett 4 MatthewHenry,zitiertin:„The Complete Gathered Gold: A Treasury of Quotations for Christians“; John Blanchard; 2006 Evangelical Press; digitales Modul; V1.1; AccordanceBible 10.0.5; Oak Tree Software Inc. (eigene Übersetzung)