Zeitschrift-Artikel: Vom Segen guter Traditionen - ODER: WARUM GEWOHNHEITEN NICHT MEHR GEWÖHNLICH SIND

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Titel: Vom Segen guter Traditionen - ODER: WARUM GEWOHNHEITEN NICHT MEHR GEWÖHNLICH SIND
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Vom Segen guter Traditionen - ODER: WARUM GEWOHNHEITEN NICHT MEHR GEWÖHNLICH SIND

Vortext

Text

Tradition hat einen muffigen Beigeschmack Bei dem Begriff „Tradition“ denkt man sehr schnell an sich alljährlich wiederholende Ereignisse oder Feierlichkeiten wie Schützenfest, Neujahrslauf, Vatertag usw. Vielleicht erinnert man sich auch an irgendwelche Trachtenvereine, hat Lederhosen vor Augen, Reifröcke und Alphörner. Mehr sportlich Interessierte denken an „Traditionsvereine“ der Bundesliga, politisch Orientierte an das traditionelle „Dreikönigstreffen“ der Parteien, Musikbegeisterte an die Salzburger Festspiele und religiöse Leute an die Passionsspiele in Oberammergau. ... nichts weiter als Nostalgie, Brauchtum und vergangene Geschichte? Besonders für jüngere Menschen und auch für viele jüngere Christen hat das Wort „Tradition“ einen muffigen Beigeschmack, weil man sich nicht so gerne nach hinten, sondern eher nach vorne orientiert und für alles Neue und Moderne offen ist. Nun gibt es ja tatsächlich unter uns Christen eine Menge Traditionen oder Gewohnheiten, die man besser heute als morgen abschaffen sollte, weil sie weder etwas mit der Bibel, noch mit guten Sitten, noch mit gesundem Menschenverstand zu tun haben. Aber das soll nicht unser Thema sein. Ich möchte auf einige Gewohnheiten im Leben unseres Herrn hinweisen, die mir für unsere Zeit und die Situation unter den Christen sehr wichtig scheinen. „Gewohnheiten“ im Lukasevangelium Es ist sicher nicht unbedeutend, dass ausgerechnet Lukas an verschiedenen Stellen ausdrücklich von Gewohnheiten im Leben des Herrn Jesus berichtet, während die anderen Evangelisten darüber schweigen. Bibelleser wissen, dass Lukas die Aufgabe hatte, den Herrn Jesus als den vollkommenen Menschen zu porträtieren. In keinem anderen Evangelium werden uns so viele Einzelheiten seiner Kindheit, seines Alltagslebens, seiner Beziehung zu seinen Eltern und Geschwistern und von seinen Gefühlen, seinen Tränen und seiner Freude berichtet. Man hat beim Lesen dieses herrlichen Evangeliums fast den Eindruck, als wollte Gott uns zurufen: „Seht euch diesen Menschen an! Prägt euch sein Vorbild ein, studiert sein Leben in allen Einzelheiten und ahmt ihn nach, denn das ist der Mensch nach meinem Wohlgefallen, so wie ich mir den Menschen vorgestellt und gewünscht habe!“ Zunächst einmal fällt in Lk 2,27+42 auf, dass die Eltern Jesu alttestamentliche Gewohnheiten kannten und praktizierten. So war es für sie u.a. eine Gewohnheit, jährlich zum Passahfest nach Jerusalem zu pilgern und der zwölfjährige Jesus wurde in diese Gewohnheit mit einbezogen. Sicher dürfen wir für uns daraus lernen, dass Eltern, die gute Gewohnheiten praktizieren, beste Voraussetzungen haben, ihre Kinder an gute Gewohnheiten zu gewöhnen. Ich kann als Vater von meinen Kindern nicht etwas erwarten, was ich ihnen nicht vorlebe. „Und er ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge...“ (Lk 4,16) Hier stellen wir zum ersten Mal fest, dass der Herr Jesus eine feste Gewohnheit hatte. An jedem Sabbat ging er in die Synagoge, um dort das Wort Gottes zu hören. Hatte er das nötig? Er trug doch das Wort Gottes in seinem Herzen und verkörperte es. Konnte er in der Synagoge noch etwas lernen? War die Zeit nicht zu schade für einen damals doch recht eintönigen und wenig attraktiven Bibelstundenbesuch? Mußte ihn die Gleichgültigkeit der Synagogenbesucher, die möglicherweise nur ihre Frömmigkeit oder ihre neuen Gewänder zur Schau stellen wollten, nicht abstoßen? Nein, unser Herr war es von Jugend an gewohnt, dort zu sein, wo sich das Volk Gottes unter dem Wort Gottes versammelte. Er machte den Besuch der Synagoge nicht von bekannten und begabten Rabbis abhängig, auch nicht von nebensächlichen Äußerlichkeiten, von denen heute so viel die Rede ist. Wenn wir uns Jünger Jesu nennen, dann sollten wir uns auch diese Gewohnheit Jesu zu einer eisernen Lebensregel machen. In früheren Jahrzehnten war bei bibeltreuen Christen der regelmäßige Gottesdienstbesuch eine Selbstverständlichkeit. Und wer nur sporadisch zur wöchentlichen Gebets- und Bibelstunde erschien, mit dem stimmte etwas nicht und der mußte mit „Brüderbesuch“ rechnen, bei dem ihm auf den Zahn gefühlt wurde. „Null Bock“? Heute beobachtet man immer mehr, dass viele Christen ihren Gemeindebesuch von Umständen und oft von Lust und Laune abhängig machen. Die konstante Gewohnheit, um jeden Preis beim Zusammenkommen der Gemeinde dabei zu sein, ist selten geworden. Müdigkeit, Unwohlsein, der Geburtstag von Tante Frieda, viel Arbeit im Garten und nicht selten ein interessanter Film im Fernsehen sind für viele Christen Grund genug, da nicht zu erscheinen, wo Gott seine Gemeinde zum Lob und zur Anbetung, zum Hören auf das Wort Gottes und zum gemeinsamen Gebet versammelt. Es gibt Gemeinden, die sich „bibeltreu“ nennen, in deren Gebetsstunden aber nicht einmal 20% der Gemeindeglieder erscheinen. Alle Aktivitäten einer solchen Gemeinde auf anderen Gebieten können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier „der Tod im Topf“ ist. „Mir bringt die Bibelstunde nichts!“ „Ich habe mehr davon, wenn ich für mich zu Hause die Bibel studiere!“ „Im Hauskreis macht Beten mehr Spaß!“ „Ich gehe lieber in den Garten, bevor ich vor Müdigkeit in der Gebetsstunde einschlafe!“ Diese und Hundert andere Ausreden sind fadenscheinig und offenbaren meist eine Geringschätzung Gottes, des Wortes Gottes und des Volkes Gottes zugunsten einer egoistischen und individualistischen Lebenshaltung. Für jeden aufrichtigen Jünger Jesu sollte es eine konstante Gewohnheit sein, keine Gemeindeversammlung zu versäumen, es sei denn, dass „ein Esel in den Brunnen gefallen ist“ (Lk 14,5), eine Krankheit ihn ans Bett fesselt oder höhere Pflichten Gott und Nächsten gegenüber ihn in Ausnahmefällen davon abhalten. Aber niemals darf es dahin kommen, das wir die Zusammenkünfte aus nichtigen Gründen versäumen, „wie es bei einigen Sitte ist“ (Hebr 10,25). Patricia St.John schreibt in ihrer wertvollen Biografie „Harald St.John – Reisender in Sachen Gottes“ über ihren Vater: „Vierzig Jahre lang versäumte er kaum das Brotbrechen am Sonntagmorgen, und als er bettlägerig wurde, wurden ihm Brot und Wein ans Bett gebracht... Diese heilige Handlung bereicherte Woche für Woche sein Leben. Es war für ihn eine Aufforderung zur Treue und zum Dienst, eine wöchentliche Erneuerung seines Bundes mit Gott. ‘Ich liebe ihn’; sagte er einmal, als er die Bedeutung des Abendmahles zusammenfasste, ‘und deshalb tue ich, was er mir aufgetragen hat.’“ (1) Solche aus Liebe und Hingabe motivierte Gewohnheit sollte auch unser Leben in Bezug auf Verbindlichkeit Gott und der Gemeinde gegenüber kennzeichnen. „Er ging hinaus und begab sich der Gewohnheit nach an den Ölberg.“ (Lk 22,39) Der Zusammenhang macht deutlich, dass der Herr Jesus – wenn er in Jerusalem war - den Ölberg regelmäßig aufsuchte, um dort in der Einsamkeit und Stille zu beten. Tagsüber lehrte er im Tempel und nachts ging er zum Ölberg, um dort zu übernachten (Luk 21,37; Joh 7,53). Diese Mitteilung macht deutlich, dass der Herr neben der Gewohnheit, regelmäßig die Synagoge zu besuchen, eine weitere Gewohnheit hatte, die seinen persönlichen Umgang mit Gott betraf. Die erste Gewohnheit drückt seine Verbundenheit mit dem Volk Gottes aus, die zweite seine Beziehung zum Vater. Markus berichtet, dass der Herr Jesus bereits vor Sonnenaufgang einen öden Ort aufsuchte, um dort zu beten (Mk 1, 35), während Lukas andeutet, dass der Herr wohl auch die Abend- und Nachtstunden zum Gebet nutzte und vor wichtigen Entscheidungen sogar des Nachts im Gebet zu Gott verharrte (Lk 6,12). Wenn nun der Sohn Gottes ein diszipliniertes Gebetsleben pflegte, können wir es uns dann als schwache, von Sünde, Welt und Satan angefochtene Nachfolger Jesu erlauben, unsere „Stille Zeit“ zu vernachlässigen oder dem Zufall oder irgendwelchen Impulsen zu überlassen? In unserem Alltagsleben haben wir den Wert von bestimmten guten Gewohnheiten erkannt und so lange eingeübt, bis sie zu einer Lebensregel geworden sind. Kaum einer von uns wird morgens ungekämmt, ungewaschen und ohne gefrühstückt zu haben an seinem Arbeitsplatz erscheinen. Aber was das geistliche Leben betrifft, glauben wir oft ohne Reinigung und Nahrung in den Tag gehen zu können, ohne Schaden zu leiden. Die Erfahrung zeigt, dass fast alle geistlichen Probleme und Fehlentwicklungen eines Christen auf einen Mangel an „Stiller Zeit“ vor dem Herrn zurückzuführen sind. Daher ist es äußerst wichtig, dass ein junger Christ es sich zur Gewohnheit macht, den Tag mit Bibellesen und Gebet zu beginnen, damit diese Gewohnheit zu einer Lebensregel wird. An Ausreden fehlt es nie Auch hier kommen die üblichen Einwände: „Ich lese die Bibel und bete, wenn ich dazu aufgelegt bin und nicht wenn der Wecker mahnt.“ „Stille Zeit am Morgen bringt mir nichts, weil ich dann zu müde und zu unkonzentriert bin.“ „Wenn ich die Bibel nur aus Pflichtgefühl lese, dann habe ich nichts davon.“ Jim Elliot, der 1956 als 29jähriger Missionar von den Auca-Indianern ermordert wurde, schrieb als junger Christ einige Sätze in sein Tagebuch, die ich in diesem Zusammenhang für sehr bedenkenswert halte: „Wenn ich überhaupt etwas aus der Schrift gewinnen will, muß ich mich zum Bibelstudium mehr zwingen; die Lust fehlt manchmal völlig, um so mehr muß ich der inneren Stimme des Gewissens folgen, wenn sie sagt ‘du sollst’. Es ist wichtig, dass ich diese Stimme achten und ihr gehorchen lerne, sonst wird die Gottverbundenheit bei mir nicht zu einem Seelenzustand werden, sondern etwas Momentanes bleiben. Das Hintreten vor den Herrn darf ich nicht davon abhängig machen, dass ein freundlicher Impuls kommt und mich hinführt. Es ist besser, dass ich festen Prinzipien folge, solchen, von denen ich weiß, dass sie richtig sind, ob ich sie erfreulich finde oder nicht.“ (2) In der Bibel wie in der Kirchengeschichte werden wir immer wieder feststellen, dass Männer und Frauen, deren Leben Segensspuren für die folgenden Generationen hinterlassen haben, disziplinierte Beter und Bibelleser waren, die „infolge der Gewohnheit geübte Sinne“ (Hebr 5,14) und damit Unterscheidungsvermögen besaßen. Vorbilder aus der „Wolke von Zeugen“ Die große Erweckung in England und Amerika im 18. Jahrhundert ist mit Männern wie George Whitefield und John Wesley untrennbar verbunden. Gott hat sich diese Werkzeuge ausgesucht und zubereitet, um Tausende von Menschen zu retten. Beide waren äußerst disziplinierte Bibelleser und Beter und ihre festen Gewohnheiten führten dazu, dass sie spöttisch als „Methodisten“ bezeichnet wurden. Georg Whitefield stand nach seiner Bekehrung bis an sein Lebensende jeden Morgen um 4 Uhr auf, um die Bibel auf den Knien zu lesen. John Wesley, der ein hohes Alter erreichte, schrieb – wie er es gewohnt war - an dem Tag, als er 85 Jahre alt wurde, einige interessante Überlegungen in sein Tagebuch: Zunächst dankt er Gott für alle geistlichen und körperlichen Segnungen in den vergangenen Jahren. Dann zeigt er auf, in welchen Bereichen er spürt, dass er älter und schwächer wird, um dann aufzuzählen, welche Fähigkeiten Gott ihm erhalten hat, so daß er auch jetzt noch keinerlei Erschöpfung bei seinen vielen Reisen und Predigten verspürt. Am Schluß stellt er die Frage, welcher Ursache er es zuschreiben kann „dass ich bin, wie ich bin.“ Zuerst schreibt er seine Frische der Gnade und Kraft Gottes zu, die ihn ausgerüstet und erhalten hat. Dann nennt er die Gebete der Gläubigen und am Schluß stellt er die Frage, ob nicht auch „zweitrangige Mittel“ dazu beigetragen haben wie zum Beispiel „...dass ich seit sechzig Jahren immer um vier Uhr morgens aufstehe.“ (3) Dieser gesegnete Mann hatte also im Alter von 15 Jahren damit angefangen, täglich um 4 Uhr aufzustehen und diese Gewohnheit hat er bis an sein Lebensende beibehalten. Es geht hier nicht darum, mit diesen Beispielen zu unnüchternen Vorsätzen und Kraftakten zu animieren. Aber ich bin fest davon überzeugt: Wenn es sich jeder bibeltreu nennende Christ zur eisernen Gewohnheit machen würde, jeden Morgen – und wenn es nur eine halbe Stunde wäre - treu seine Bibel zu lesen und zu beten, dann gäbe es halb so viele persönliche Probleme und eine wichtige Voraussetzung für eine geistliche Erweckung in unseren Gemeinden wäre geschaffen. ?

Nachtext

Quellenangaben

(1) St.John: Harald St.John – Reisender in Sachen Gottes, CLV, S. 143 (2) E. Elliot: Im Schatten des Allmächtigen – Das Tagebuch Jim Elliots, CLV, S. 130 (3) Das Tagebuch John Wesleys, Hänssler, S. 427