Zeitschrift-Artikel: Totentanz & Gotik-Grusel - EIN AKTUELLER BERICHT VON VERTEILEINSÄTZEN

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Titel: Totentanz & Gotik-Grusel - EIN AKTUELLER BERICHT VON VERTEILEINSÄTZEN
Typ: Artikel
Autor: Markus Finke
Autor (Anmerkung):

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Titel

Totentanz & Gotik-Grusel - EIN AKTUELLER BERICHT VON VERTEILEINSÄTZEN

Vortext

Text

Ein verregneter Samstagmorgen. Das Telefon klingelt. „Wir brauchen jeden, der Flyer verteilen kann. Wir treffen uns um 13.00 Uhr.“ Etem und Velimir haben Transparente angefertigt. „OHNE GOTT IST ES EIN TOTENTANZ“ und „OHNE GOTT BIST DU EINE ZAPPELMASCHINE“. Einweg-Sonderanfertigung für den Münchner Union Move (der „kleine Bruder“ der Berliner Loveparade). Es ist Pfingsten. Einige sind bereits mit Alois Böck in Nürnberg beim Pfingst-Mega-Event „Rock im Park“. Dort feiern 70.000 junge Leute ihre Sinnlosigkeit... 13.00 Uhr. München, Landsberger Straße. Zu zwölft geht es noch vor dem Union Move samt Transparenten in die Fußgängerzone. Wie jeden Samstag ist Büchertisch. Predigen, Verteilen, Gespräche, Einladungen. Wir fühlen den Menschen auf den faulen Zahn des Zeitgeistes. Bisher ist es ein ganz normaler Samstag. Trotz des schlechten Wetters tanzen ca. 10.000 ausgeflippte Raver den soundträchtigen LKWs wie dem Rattenfänger von Hameln hinterher. Aber das Heftige steht uns noch bevor. Der Techno-Totentanz Die Polizei hält uns wegen unserer Transparente auf. Aber die Beamten sind wohlgesonnen als sie erkennen, dass es um keine unangemeldete Polit-Demo geht. Die Tänzer kommen. Wir stehen in entgegengesetzter Richtung. Jeder muß die Transparente lesen und viele bekommen einen Flyer. Gespräche sind aufgrund des Lautstärkepegels selten möglich. Trotzdem kommen einige zustande. Die Reaktionen sind unterschiedlich: Viele belächeln uns, einigen ist es unangenehm, manche werden aggressiv. „JESUS LIEBT DICH“, ein weiteres Transparent – ? das ist unsere Botschaft für den Transvestiten, der im schrillsten Outfit vorübertänzelt ? für gepiercte, anzüglich gekleidete Schwule ? für die angetrunkenen, aufreizenden Girls ? für tätowierte, bunthaarige Techno-Freaks, die zu Monsterbeats ihre Körper verrenken. Einem jungen Mann kostete dieser Spaß das Leben. Im Streit erlitt er Schnittwunden an der Halsschlagader und verblutete. Es war sein Totentanz! Ebenso für einen Metzgerlehrling: Er stürzte von einem LKW und verletzte sich dabei lebensgefährlich. Nur jeder Zehnte wird erreicht Szenenwechsel. Pfingstsonntag. Wir sind unterwegs von München nach Nürnberg, um Alois und die anderen zu unterstützen. Jeder wird gebraucht. Bei so Vielen erreichen wir höchstens 10%. Hier treffen wir auf die „normale“ deutsche Durchschnittsjugend. Der Alkohol fließt in Strömen. Auffällig viele junge Frauen betrinken sich. Das Zeppelinfeld mit seinen monumentalen Faschistenbauten passt zu dem „gleichschaltenden“ Geist, der hier herrscht. Viele kennen unsere Traktate bereits und verspotten uns. Doch uns genügt es, wenn wir merken, dass die meisten auf den ersten Blick erkennen, dass es um Jesus Christus geht. Das vergessen die Menschen nicht. Bei Vielen hat es schon etwas ausgelöst, was später zur Bekehrung führte. Auch in Nürnberg gab es einen tragischen Zwischenfall: Ein junger Mann sprang volltrunken ins 40 cm „tiefe“ Wasser eines nahegelegenen Sees: Querschnittsgelähmt. Nürnberg adé – Leipzig, wir kommen Wir wollen weiter nach Leipzig zum Wave-Gotik-Treffen, unserem „Pfingst-Highlight“. Die Grufties und Satanisten zelebrieren ihr düsteres Schattendasein. Und wir wollen mit 22 Kartons „Dead or Alive-Büchern“ dabei sein. Wir kommen erst Samstagabend an. Unterwegs erfragen wir telefonisch eine Unterkunft für neun Leute. Wir dürfen spontan in den Räumlichkeiten einer Gemeinde nächtigen. Der Herr sorgt für uns und bestätigt unser Vorhaben. Sie überleben ihr Leben nicht... Doch der Samstag ist noch nicht vorbei. Die ersten Kartons unserer Bücher verteilen wir an skurrile Schwarzgekleidete. Ihr Outfit übertrifft das der Raver und der jungen Menschen in Nürnberg bei weitem. In Scharen strömen sie aus der Straßenbahn. Groteske Gestalten bevölkern die City. Wir wollen Licht in diese Fantasy-Finsternis bringen. Erstaunlicherweise reagieren diese Menschen freundlich und sehr friedlich. Sie freuen sich über die Büchlein und lesen sie oft sofort. Manche grunzen, fluchen und stöhnen beim Erfassen des Inhalts. Gegen Mitternacht freuen wir uns auf unseren Schlafsack (Schlafsarg – hätte ich fast geschrieben). Montagmorgen. Ein Super-Frühstück für Körper und Geist stärkt uns für den bevorstehenden Einsatz. Wir bekommen noch Verstärkung von vier Brüdern aus Nürnberg und verteilen uns auf die verschiedenen Veranstaltungsorte in der Stadt. Die Zombies zieht es magnetisch dorthin. 10.000 Grufties sind in der Stadt. Viele geben sich werktags ganz normal, doch der Großteil dieser Leute lebt ständig in dieser düsteren Halbwelt, sie haben eine neue Identität angenomen und bezeichnen die Menschen außerhalb ihrer Szene als „Heiden“, bzw. „weltlich“. Die Musik, die sie hören, gibt eindeutig dem Bösen die Ehre. Wir können sehr viel verteilen und führen gute Gespräche. Einige haben uns ihre E-Mail Adresse gegeben und wir werden mit der Gewißheit nach München zurückfahren, dass jeder zweite ein Büchlein bekommen hat. Eine solche Gruftie-Konzentration findet man sonst nirgendwo, nicht mal in Transsylvanien. Aber wer macht diese Menschen auf die Liebe und Gnade unseres Herrn aufmerksam, wenn nicht wir? Können und dürfen wir cool zusehen, wie diese Leute verloren gehen? Und was ist mit dir? Montagabend, 23.50 Uhr. Wir sind wohlbehalten in München angekommen. Pfingsten ist gleich vorbei, aber noch ist der Geist Gottes auf Erden. Noch gibt unser langmütiger Gott dem abgefahrensten Gruftie eine Chance zur Umkehr. Wir hatten eine wunderbare Gemeinschaft, die uns nur enger verbindet. Es war sehr schön, anstrengend, schockierend und traurig zugleich. Wir wollen beten für alle, die wir erreicht haben, dass sie aufwachen und Gott finden. Wie wirst du dein nächstes Pfingsten verbringen? Ist dir bewußt, dass wir Christen Verantwortung für unsere Generation tragen? Der Herr möge uns allen eine Last für die Verlorenen auferlegen. ?

Nachtext

GRUFTIES SIND SUCHENDE Ende der 70er Jahre des 20. Jhdts. bildet sich die Subkultur der „NEW ROMANTIC“ als Mixtur aus Mystik und Musik. Der PUNK (engl.: Müll) als Ausdruck eines resignierten Lebensgefühls entsteht. Als Rebellen provozieren sie, indem sie das Übel des Konsums nach außen kehren. Als radikale Aussteiger feiern sie den UNTERGANG DER ZIVILISATION. Die depressive Unfarbe schwarz ist ihre Uniform. Sie bezeichnen sich selbst als ENDZEIT-ROMANTIKER. Ständig wechselnden Stil-Spielarten wie Gotik Wave, Industrial, Dark Rock, Apocalyptic Folk, sind das Lebendigste an ihrer Subkultur.

Quellenangaben