Zeitschrift-Artikel: Ein Pyrrhussieg - GIBT ES ZU TEUER GEWONNENE SIEGE?

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Titel: Ein Pyrrhussieg - GIBT ES ZU TEUER GEWONNENE SIEGE?
Typ: Artikel
Autor: A. W. Tozer
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ein Pyrrhussieg - GIBT ES ZU TEUER GEWONNENE SIEGE?

Vortext

Ungefähr 300 v. Chr. kämpfte ein König mit Namen Pyrrhus bei Heraklea gegen die Römer. Pyrrhus gewann die Schlacht, erlitt aber dabei so schreckliche Verluste, dass diese den Gewinn bei weitem überstiegen. Daher wird ein Sieg, der zu viel gekostet hat, ein Pyrrhussieg genannt.

Text

Ein Zeitungsbericht in der Associated Press erinnerte mich kürzlich an König Pyrrhus und seinen viel zu teuren militärischen Triumph. Der Bericht hatte es mit der amerikanischen Gesellschaft zur Förderung des Atheismus zu tun, die gemeinsam mit ihren Schwesterorganisationen – den Freidenkern von Amerika und der nationalen Libertätsliga – in den 20er und 30er Jahren großen Zulauf hatte. Alle drei hatten viele Zweige und Ortsvereine in den Vereinigten Staaten. Militante Atheisten und Agnostiker hielten Woche für Woche Vorträge, und Hunderte zahlten, um Eintritt zu bekommen. Mr. Smith und seinen Atheisten waren die Schlagzeilen der Zeitungen sicher. Vereine wie „Die verdammten Seelen“ waren keine Seltenheit in den Universitäten des ganzen Landes. Gott, die Kirche und die Bibel standen unter Dauerbeschuss dieser alles erobernden Armee der Gottlosen. Das war, wie gesagt, vor 25 Jahren. (Der Text wurde in den 50er Jahren geschrieben, d. Ü.). Nun, es scheint dem frommen Reporter der Associated Press eines Tages die Frage gekommen zu sein, was mit all dem Gott-ist-tot-Geschrei und dem Armefuchteln von gestern geworden ist, und er begann zu recherchieren. Endlich hatte er den alternden Charles Smith gefunden (damals 79 Jahre alt) und fragte ihn in einem ausführlichen Interview, wie alles gekommen sei. Wo waren sie alle? Und was war aus dem triumphierenden Heer des Atheismus geworden? Smith’ Antworten sprechen Bände: Zunächst: Die anti-religiösen Organisationen sind zu einem Schatten ihrer selbst geworden. Niemand will mehr etwas bezahlen, um einen Atheisten zu hören, und höchstens eine armselige Handvoll kommt, seinen Worten zu lauschen, aber ohne Eintrittsgeld. Das älteste und berühmteste Gottlosenblatt hat nur noch eine Auflage von 2.000 Stück. Der Tumult und das Geschrei sind ganz verstummt und die wenigen professionellen Atheisten und Agnostiker, die es noch gibt, können die Hörer nicht in Schwung bringen, auch wenn sie alle und jeden angreifen, selbst wenn sie nichts zum Angreifen finden. Das Christentum hat gesiegt! Die Kirche hat unzählige Siege über diese „krakeelenden Ungläubigen“ errungen, wie sie vor einigen Jahren gewöhnlich von den Predigern bezeichnet wurden. Das mag so sein. Aber wir sollten keinen Festtag ausrufen, um unseren Sieg zu feiern. Es könnte ein Pyrrhussieg sein. Mr. Smith glaubte, der intellektuelle Atheismus sei stärker als je zuvor und erklärte seine offensichtliche Niederlage auf eine Weise, die jedem ernsthaften Christen heftige Magenschmerzen bereiten sollte. Selbst wenn wir zugeben, dass sich Smith in der Defensive befand und wir etwas von seinen Worten abstreichen dürfen, bleibt noch genug Wahrheit in seinen Worten, die uns in Scham und Reue auf die Knie treiben müsste. Der Grund, weshalb sich der organisierte Atheismus in den vergangenen Jahren totgelaufen habe, sagte Präsident Smith, sei darin zu suchen, dass es keine scharfe Grenzlinie zwischen der Lehre des Atheismus und derjenigen der Kirche mehr gebe. Die Predigt, die damals die Atheisten zur Weißglut brachte und sie veranlasste, Gott und die Bibel zu bekämpfen, sei so gut wie verschwunden. Höllenfeuer, Wunder, die Notwendigkeit, dem allmächtigen Gott wohlzugefallen, seien keine ernst zu nehmenden Bestandteile heutiger christlicher Lehre. Das Christentum ist so weit verwässert, dass kaum mehr als ein bisschen „erbaulicher Kram“ übrig geblieben ist, wie Smith sich ausdrückte. Anstatt zu versuchen, Gott zu gefallen, versuchen die Christen heute ihren Mitmenschen zu gefallen. Die Art von Christentum, die heute propagiert wird, ist nicht radikal genug, um einen Atheisten so auf die Palme zu bringen, dass er die Menschen davon „befreien“ möchte. Diese neue Art des Christentums, meinte der alte Atheist, sei „gar nicht so schlecht“. Das Christentum nehme jetzt eine mehr rationale Stellung ein und ärgert die Atheisten nicht mehr so sehr, und die Gemeinden sind kaum mehr als Sozialstationen. So sagte der alte Gottlosen-Präsident, und als schmerzte das nicht schon genug, fügte er noch diese beißenden Worte hinzu: „Einige von ihnen“, so sagte er, und meinte Christen, „sind fast so gut wie Atheisten“. Seit Jahren beobachte ich fehlgeleitete Christen bei ihrem unheiligen Versuch, sich bei dem Feind anzubiedern und das Kreuz allgemein akzeptabel zu machen. Einige wenige Propheten haben gegen diesen frevlerischen Ausverkauf geschrieben und gepredigt; aber ihre Worte verhallten ungehört. Die Führung bekannter christlicher Bewegungen waren und sind noch in den Händen von Leuten, die für die Bedeutung des Kreuzes blind sind. Dass Finsternis und Licht niemals vermischt werden können, berührt sie überhaupt nicht. Sie sind eifrig dabei, die Welt zu kopieren und, so weit wie sie sich nur trauen, ihr zu gleichen. Um Christ zu werden, braucht man nur Christus „anzunehmen“. Das bringt Frieden ins Herz und versichert uns des Himmels. Darüber hinaus hat das Kreuz keine Bedeutung und Christus keine Autorität. Kompromisse und Zusammenarbeit sind nun die kennzeichnenden Merkmale des Christentums. Entspannt zu sein und sich an die Gesellschaft angeglichen zu haben ist wichtiger als die Gebote Christi. Der schmeichlerische, katzbuckelnde Geist ist das moderne Ordensband der Frömmigkeit. Zwischen der Welt und den Christen gibt es keine Unterschiede mehr. Ja, wir haben tatsächlich über die Atheisten gesiegt. Sie bereiten uns keinen Kummer mehr. Aber nähere Untersuchungen zeigen, dass unser Triumph zu viel gekostet hat. Es war ein Pyrrhussieg!

Nachtext

Quellenangaben

Dieser Artikel wurde aus dem empfehlenswerten Buch von A. W. Tozer: „Wie kann man Gott gefallen? – Erweckung und geistliches Wachstum“ entnommen. CLV, Bielefeld 2001 ISBN 3-89397-285-4 Siehe auch die betreffende Buchbesprechung auf Seite 21.