Zeitschrift-Artikel: Noch im Greisenalter... EIN AKTUELLES INTERVIEW MIT WILLIAM MACDONALD

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Titel: Noch im Greisenalter... EIN AKTUELLES INTERVIEW MIT WILLIAM MACDONALD
Typ: Artikel
Autor: Wolfgang Bühne
Autor (Anmerkung):

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Titel

Noch im Greisenalter... EIN AKTUELLES INTERVIEW MIT WILLIAM MACDONALD

Vortext

Noch im Greisenalter treiben sie, sind kraftvoll und grün, um zu verkünden, dass der HERR gerecht ist." Psalm 92,14 Es ist Dienstagnachmittag, der 11. September 2001. Während alle paar Minuten das Telefon klingelt und eine Katastrophenmeldung aus New York die andere jagt, sitzen wir mit William MacDonald in der Wohnung von Andreas Lindner in Bad Reichenhall und denken über die Zeit nach, in der wir leben und fragen uns, wieviel Zeit noch bleibt, um dem Herrn zu dienen.

Text

William MacDonald ist inzwischen 84 Jahre alt und darf auf ein gesegnetes, arbeitsreiches Leben zurückblicken. Seine „Emmaus-Bibelkurse“ sind in viele Sprachen übersetzt worden, davon der Kurs „Was die Bibel lehrt“ in über 100 Sprachen. Der Kommentar zum Neuen Testament ist in über 12 Sprachen übersetzt worden, unter anderem in Urdu, Arabisch, Türkisch und Koreanisch – die Übersetzung in weitere 8 Sprachen ist in Vorbereitung. Wir erfahren, dass er sogar in die chinesische Sprache übersetzt worden ist und von Honkong aus in 19 Provinzen Chinas geschmuggelt wird (siehe Foto). Am Wochenende hat er auf dem Jugendtag in Salzburg vor etwa 1.200 jungen Leuten drei Vorträge gehalten, dazu kamen am Sonntag zwei Vorträge in der dortigen Gemeinde und ab Montag Unterricht im „TMG“ (Training für Mitarbeiter im Gemeindebau). Am Abend soll er einen weiteren Vortrag halten und ich frage mich, wie lange wir diesen Bruder an diesem Nachmittag noch mit Fragen strapazieren dürfen. Doch Anzeichen von Übermüdung sind nicht zu erkennen – „ausruhen könne er in USA“ – und so können wir uns einige Stunden austauschen, Fragen stellen und aus den Erfahrungen eines langen Lebens in der Nachfolge unseres Herrn lernen. Einige Fragen und Antworten, die sicher auch Leser von „Fest und treu“ interessieren, möchten wir hier wiedergeben. Wie kommt es, dass Du in Harvard Betriebswirtschaft studiert hast, aber bald vollzeitig in den Dienst für den Herrn getreten bist? Nach meinem Abschluß in Harvard habe ich zunächst in einer Bank in Boston gearbeitet. Meine Aufgabe war es, den Aktienmarkt zu analysieren und aufzulisten, bei welchen Aktien eine Investition am effektivsten wäre. Aber dann kam der 7.12.1941, wo Pearl Habor von den Japanern bombardiert wurde und alle Männer zur Armee eingezogen wurden. Weil ein Abkommen der Harvard-Universität mit der Marine bestand, dass Harvard-Absolventen sofort als Offiziers-Anwärter in die Armee aufgenommen wurden, habe ich mich damals zur Marine gemeldet. Dort bekam ich erstaunlicherweise die Erlaubnis, neben meinem Dienst eine Bibelklasse einzurichten, was einem Offizier normalerweise nicht gestattet wurde. Während ich nun jeden Sonntag in dieser Bibelklasse unterrichtete - ich hatte bisher keine Erfahrung darin, weder in der Sonntagschularbeit, noch in der Jugendarbeit – sagte der Herr zu mir: „Das ist die Arbeit, zu der ich dich berufen habe. Ich möchte nicht, dass du dein zukünftiges Leben damit verbringst, als Banker Magengeschwüre wegen wechselnder Aktienkurse zu bekommen. Ist das eine effektive Investition deines Lebens?“ Zur gleichen Zeit schenkte mir ein Matrose das Buch: „Charles T. Studd - Kein Opfer zu groß“. Ich las dieses Buch an einem Nachmittag und wurde mit Studds Lebensmotto konfrontiert: „Wenn Christus Gott ist und Gott für mich starb, dann kann kein Opfer für Ihn zu groß sein!“ Am Abend stand für mich fest: Es gibt kein Zurück mehr in mein altes Leben. Etwa acht Jahre vorher hatte ich den Herrn als meinen Heiland und Herrn angenommen, aber jetzt beugte ich vor Ihm meine Knie und übergab Ihm mein Leben zum Dienst.“ Welche Bücher haben neben der Bibel Dein geistliches Leben geprägt? Zunächst waren es Biografien über C. T. Studd, H. A. Ironside und über das Leben Hudson Taylors. Dann auch die Bücher von F. B. Meyer und die Bibel-Auslegungen von H. A. Ironside. Welche Bücher würdest Du heute jungen Christen empfehlen? Das Buch von A. T. Pierson: „Die Bibel verstehen“. Ansonsten Biografien über Männer und Frauen Gottes und gute Kommentare zu den einzelnen Büchern der Bibel, z.B. William Kelly: „Matthäus- Evangelium“; Jennings: „Jesaja“ (alle sind leider nur in Englisch erhältlich). Welche geistliche Lektion war für Dich am schwersten zu lernen? Ich habe viele Lektionen lernen müssen. Die Schwerste war und ist wahrscheinlich diese: Gott zu vertrauen statt auf menschliche Mittel und Hilfe zu bauen. Wenn ich in einer Situation gelernt habe, völlig dem Herrn zu vertrauen und alles im Gebet Ihm anzubefehlen, habe ich immer die Hilfe Gottes erfahren. Auf welches Deiner vielen Bücher hast Du die meisten Reaktionen bekommen? Ich denke es war das Buch „Wahre Jüngerschaft“. Was sollten Verkündiger in unserer Zeit besonders beachten, welchen Rat würdest Du ihnen geben? Ich würde vor allem betonen, dass eine enge, lebendige Gemeinschaft mit dem Herrn oberste Priorität haben muss, damit Er uns zeigen kann, was Er gepredigt haben möchte. Weiter ist es sehr wichtig, dass ihr Leben mit der Predigt übereinstimmt. Welche besonderen Gefahren siehst Du für bibeltreue Evangelikale? Besonders junge Christen haben riesige Probleme. Der Teufel versucht in unserer Zeit vor allem auf sexuellem Gebiet Männer und Frauen anzugreifen. Viele Älteste würden schockiert sein, wenn sie erkennen würden, wie viele ihrer Gemeindeglieder nach Pornografie süchtig sind. Leider trifft das in vielen Fällen auch auf Diener des Herrn zu. Du bist geistlich in der „Brüderbewegung“ verwurzelt. Welche Schwächen siehst Du in der heutigen Brüderbewegung? Es sind vor allem folgende Schwächen: 1. Älteste, die den Dienst eines Ältesten nicht mehr ausüben können, zögern, die Leiterschaft an jüngere Brüder zu übertragen. 2. Viele Älteste gehen ihrer eigentlichen Hirtenaufgabe nicht nach, sondern verbringen ihre Zeit mit organisatorischen Aufgaben. Eine schwache Führung ist vielerorts die Ursache des schwachen Zustandes. 3. Es wird zu wenig evangelisiert und daher fehlt die „Frischblutzufuhr“. 4. Nicht zuletzt versagt man darin, junge Gläubige zu Jüngern zu machen und Mitarbeiter auszubilden. Als „Brüder“ sind wir schon seltsame Vögel innerhalb der Christenheit. Wir gelten als zu konservativ in unseren Überzeugungen und Praktiken. Unsere Praxis der Kopfbedeckung z.B. wird von vielen belächelt. Je mehr man versucht, nah am Wort Gottes zu bleiben, umso mehr muß man mit dem Unverständnis der Menge der Christenheit rechnen. Leider muß man in diesem Zusammenhang auch feststellen, dass sich zumindest in den USA viele junge Geschwister von den Versammlungen abwenden, weil es für sie eine Schande ist, zur Brüderbewegung zu gehören. Wer Anerkennung sucht, wird sich dem breiten Strom der Evangelikalen anschließen. Vielen Dank für das Gespräch! ?

Nachtext

Quellenangaben