Zeitschrift-Artikel: Familie im Wandel - WIE DER FAMILIE DIE ERZIEHUNG ENTZOGEN WIRD

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Titel: Familie im Wandel - WIE DER FAMILIE DIE ERZIEHUNG ENTZOGEN WIRD
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
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Titel

Familie im Wandel - WIE DER FAMILIE DIE ERZIEHUNG ENTZOGEN WIRD

Vortext

Im zurückliegenden 20. Jahrhundert haben viele gesellschaftliche Einrichtungen starke Veränderungen erlebt. Die Familie, die biblisch gesehen nicht nur eine gesellschaftliche, sondern vor allem eine durch den Schöpfer vorgegebene Einrichtung ist, blieb davon nicht verschont.

Text

Von der Großfamilie zur Kernfamilie Vor 100 Jahren arbeiteten noch etwa 40% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Auf den Bauernhöfen und in den Handwerksbetrieben waren Wohn- und Arbeitsplatz häufig in einem Haus. Mehrere Generationen einer Familie lebten unter einem Dach. Die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kranken und die Betreuung der Alten wurde weitgehend im Rahmen der Familie wahrgenommen. Der Trend, die familiäre Wohngemeinschaft der Generationen aufzulösen, hat vielfältige Ursachen. Eine wesentliche ist die Trennung von Arbeitsstätte und Wohnung. Auslagerung und Auflösung Der Übergang von der Großfamilie zur Kernfamilie war jedoch nicht nur eine Veränderung in der Anzahl der zusammen lebenden Generationen und Familienmitglieder. Es fand auch eine Funktionsverlagerung von der Familie hin zu professionalisierten gesellschaftlichen Einrichtungen statt: Die Erziehung wurde verstärkt von Kindergärten, Schulen, Vereinen und sonstigen Freizeiteinrichtungen wahrgenommen, für die Pflege der Kranken waren vermehrt Krankenhäuser, Kureinrichtungen usw. zuständig und die Betreuung der Alten wurde zunehmend von Institutionen der ambulanten und stationären Altenpflege ausgeübt. Mittlerweile hat die Familie in dramatischer Weise an Stabilität eingebüßt und ist dabei, ihre Funktion als Leitbild des Zusammenlebens in der Gesellschaft zu verlieren: Die Anzahl der Scheidungen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sprunghaft gestiegen. Waren um 1900 lediglich 7,2% der Haushalte Single-Haushalte, waren es 1999 bereits 35,7%. In Großstädten wie München und Stuttgart wachsen etwa die Hälfte aller Kinder in sogenannten unvollständigen Familien auf. Neben der Ehe etablieren sich mit zunehmender staatlicher Anerkennung und Förderung Formen des Zusam- menlebens wie Ehe ohne Trauschein und eheähnliche homosexuelle Partnerschaften. Veränderungen im Rollenverständnis Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Verantwortung des Mannes als Vorstand der Familie auch juristisch noch fest verankert. Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) von 1900 wurde festgelegt: „Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu ...“ (§ 1354) Bezogen auf die elterliche Gewalt heißt es in derselben Ausgabe: „Der Vater hat kraft der elterlichen Gewalt das Recht und die Pflicht, für die Person und das Vermögen des Kindes zu sorgen“ (§ 1627). Juristisch ist die Leitungsverantwortung des Mannes in der Ehe heute völlig eliminiert: „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen.“ (§ 1356) Auch in der Erziehung ist väterliche und elterliche Gewalt deutlich reduziert: Der Begriff der „elterlichen Gewalt“ wurde 1979 durch „elterliche Sorge“ ersetzt. Dies kann als Versuch gewertet werden, „den Charakter der Eltern-Kind-Beziehung nach dem Muster ‘zeitgemäßer’ Partnerschaftsvorstellungen umzuformen“.[1] Die Stellung des Kindes in der Familie ist eine andere als in früheren Zeiten. In der Heiligen Schrift werden Kinder als Geschenk Gottes, als Reichtum und Ursache für gesellschaftliches Ansehen betrachtet (Ps 127,3: „ein Erbe vom HERRN – eine Belohnung“). In der heutigen Gesellschaft gelten sie eher als Armutsquelle. Eine Familie mit mehreren Kindern riskiert, als asozial angesehen zu werden. Wenn man an die sinkenden Geburtenraten und hunderttausendfachen Abtreibungen denkt, kann man unsere Gesellschaft als kinderfeindlich ansehen. Auf der anderen Seite findet allerdings auch eine „Vergötterung“ von Kindern statt: Das Kind nimmt häufig die zentrale Position in der Familie ein und wird mit vielen Erwartungen überfrachtet. Vor- und Nachteile der Entwicklung Sicherlich wäre es falsch, diese Entwicklungen in Bausch und Bogen zu verurteilen. Die Emanzipation der Frauen zum Beispiel hat manche Barrieren beseitigt, die nicht biblisch, sondern kulturell und gesellschaftlich begründet waren. Erst im Laufe des vergangenen Jahrhunderts erhielten die Frauen den freien Zugang zur höheren Bildung. Der berechtigte Grundsatz, dass für gleiche Arbeit Männer und Frauen den gleichen Lohn bekommen, ist heute in der Praxis immer noch nicht ganz verwirklicht. Diese und manche anderen positiven Aspekte können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in vielen Bereichen die Familienentwicklung rasch von dem biblischen Muster entfernt: Die wachsende Zahl der Scheidungen, der Abbau der von Gott gegebenen Autoritäten innerhalb der Familie, das rapide Aufkommen von Lebensformen, die mit der Familie konkurrieren, sind dafür nur einige markante Beispiele. Brauchtum oder Christentum? Für Christen stellt sich in dieser Zeit des raschen Wandels die große Herausforderung: In welchen Bereichen ist ein Festhalten an Althergebrachtem lediglich eine kulturkonservative Haltung und nichts Christenspezifisches? In welchen Bereichen müssen wir gegen den Strom des Zeitgeistes schwimmen, um dem von Gott gegebenen Muster der Familie treu zu bleiben? Bezogen auf einen Aspekt des Familienlebens möchte ich über diese Fragen nachdenken, nämlich im Hinblick auf die Tatsache, dass der Familie in der modernen Gesellschaft die Erziehung der Kinder mehr und mehr entzogen wird. Outsourcing von Erziehung Ein Bekannter erzählte mir, er habe seinen Arbeitsplatz als Hausmeister einer Firma verloren. Seine Aufgaben werden an Fremdfirmen, die auf genau diese Tätigkeiten spezialisiert sind, vergeben. „So etwas nennt man Outsourcing“, meinte er resigniert. (Outsourcing, von engl. ‘source’ = Quelle, Leistungen werden aus firmenfremden Quellen bezogen.) Ein ähnlicher Prozess findet auch in der familiären Erziehung statt: Im Vorschulalter ist es normal, dass das Kind den Kindergarten besucht. Unter Umständen rasen die Eltern mit dem Kleinen noch zur Ergotherapie, zur logopädischen Behandlung, zur musikalischen Früherziehung ... Auch neben dem Schulbesuch haben viele Kinder eine Fülle von Terminen, so dass ich mich manchmal wundere, dass die Kids noch keine Sprechstunden vergeben: Sprechstunde für meine Eltern mittwochs zwischen Fußballtraining und „Wer wird Millionär“ im RTL! Hinzu kommt der gewaltige Einfluss moderner Medien, der – zumindest in zeitlicher Hinsicht – größer ist als der der Grundschule: Im Schnitt verbringen 8- bis 12-jährige Kinder 28 Stunden pro Woche vor dem Fernseher. Zum Vergleich: Mein jüngster Sohn hat in der 4. Grundschulklasse 27 Unterrichtsstunden. Ein Prozess, der die Verlagerung der Erziehung aus der Familie heraus beschleunigt, ist die Berufstätigkeit der Frauen. Auch in dieser Hinsicht hat sich unsere Gesellschaft in den letzten 50 Jahren stark verändert. Drei verschiedene Modelle Die kürzlich verstorbene Hannelore Kohl heiratete 1960. Sie komme aus einer Generation, „in der sich die Frage einer Berufstätigkeit für eine verheiratete Frau einfach nicht so stellte“, sagte die gelernte Diplom-Dolmetscherin einmal. Bis Ende der 60er Jahre herrschte bei verheirateten Frauen ein Zwei-Phasen-Modell vor (Erwerbstätigkeit bis zur Geburt des ersten Kindes, dann Aufgabe der Berufstätigkeit). Etwa ab den 70er Jahren ging man auf das Drei-Phasen-Modell über (Erwerbstätigkeit, längere Kinderphase, Wiedereinstieg in das Erwerbsleben). Seit den 80er Jahren hat sich das Sequenzmodell herausgebildet (Erwerbsarbeit, Mutterschutz bei vollem Lohnausgleich, Elternurlaub, Erwerbstätigkeit, eventuell zweiter Mutterschutz usw.).[2] Die zunehmende Berufstätigkeit der Frau beschleunigt die Entstehung und den Ausbau außerfamiliärer Erziehungseinrichtungen. Ein biblisches Beispiel Als Mose ein Säugling war, wussten seine Eltern ganz genau, dass sie nur eine begrenzte, knapp bemessene Zeit zur Verfügung hatten, ihren Sohn zu prägen und zu erziehen. Als er entwöhnt war, wahrscheinlich etwa in dem Alter, in dem unsere Kinder schulpflichtig werden, wurde er in den Palast der Tochter des Pharao geholt, um „in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen zu werden“ [3]. Erzwungener Maßen wurde zu diesem Zeitpunkt der Familie die Erziehung vollständig entzogen. Moses Eltern müssen diese kurze Zeit gut genutzt haben, so gut, dass er als Erwachsener sich „weigerte, ein Sohn der Tochter des Pharao zu heißen und wählte lieber, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden...“ Hebr 11,14 Sie mussten ihr kleines Kind letztlich den Fluten des Nils aussetzen, so wie wir unsere Kinder auch nicht vor den Strömungen dieser Zeit abschirmen können. Aber Amram und Jochebed, die Eltern von Mose, wussten ein Rettungsmittel: Sie bauten einen Kasten aus Papyrus.[4] Das hebräische Wort für „Kasten“ ist an dieser Stelle dasselbe wie „Arche“ in 1 Mose 6. Auch heute gibt es eine Arche aus Papier(us), die uns retten kann in den Gefahren unserer Zeit: „... du kennst von Kind auf die Heiligen Schriften, die in der Lage sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.“ (2Tim 2,15) Ein biblisches Beispiel Als Mose ein Säugling war, wussten seine Eltern ganz genau, dass sie nur eine begrenzte, knapp bemessene Zeit zur Verfügung hatten, ihren Sohn zu prägen und zu erziehen. Als er entwöhnt war, wahrscheinlich etwa in dem Alter, in dem unsere Kinder schulpflichtig werden, wurde er in den Palast der Tochter des Pharao geholt, um „in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen zu werden“ [3]. Erzwungener Maßen wurde zu diesem Zeitpunkt der Familie die Erziehung vollständig entzogen. Schlussfolgerungen Als christliche Eltern müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Zeit, in der wir unsere Kinder prägen und erziehen können, sehr knapp bemessen ist. Der gesellschaftliche Trend geht dahin, uns diese Zeit immer mehr aus der Hand zu winden. Ein vorrangiges Erziehungsziel sollte es sein, in dieser kurzen Zeit unsere Kinder durch unser Vorbild und unseren Umgang mit ihnen zu prägen und sie mit der Heiligen Schrift vertraut zu machen. Vor diesem Hintergrund müssen wir uns auch fragen: Ist ein Kindergarten in jedem Fall das Richtige für unsere Kinder? Ich bestreite nicht, dass diese Einrichtung manchmal nützlich sein kann für die Entwicklung eines Kindes. Aber wir sollten nicht leichtfertig die Erziehung unserer Kinder an Menschen delegieren, die Gott nicht kennen. Wir müssen uns fragen: Sind die Medienkonsum-Gewohnheiten in unserer Familie diesem Ziel dienlich? Ich betrachte die Entwicklung in meiner eigenen und in manchen anderen Familien in dieser Hinsicht mit Sorge. Ich wundere mich auch darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit viele christliche Mütter einer Berufstätigkeit nachgehen. Von der Heiligen Schrift her ist es nicht grundsätzlich falsch, wenn Ehefrauen und Mütter einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Auch die tugendhafte Frau in Sprüche 31 war erwerbstätig (s. V. 24). Aber die biblische Prioritätensetzung ist eindeutig: Eine gottesfürchtige Frau wird nach ihrer Beziehung zum Herrn Jesus der Familie einen deutlichen Vorrang vor dem Beruf geben und alles daran setzen, ihr Heim zu einem echten Zuhause für ihre Familie zu machen.[5] Allerdings ist es zu billig, die Erziehungsmisere in vielen christlichen Familien allein auf die Mütter zu schieben. Nach einer Untersuchung von 1973 beschäftigen sich Mütter 92 mal häufiger mit ihren Kindern (einschl. Säuglingsalter) als die Väter.[6] Wenn diese Zahl annähernd auf die christlichen Väter zutrifft, brauchen wir uns über die Auslagerung der Erziehung nicht zu wundern. Wie sagte Luther? „Was Vater und Mutter nicht erziehen können, das erzieht der Teufel.“ und „Das größte Werk, das du tun kannst, ist, dass du dein Kind recht erziehst!“[7]

Nachtext

Quellenangaben

[1] W. Siebel: Herrschaft und Liebe – Zur Soziologie der Familie, Berlin , 1984, S. 77 [2] W. Faix: Fam. im Wandel. In: H. Klement (Hrsg.): Theol. Wahrheit u. Postmod. Wuppertal 2000, S. 379 [3] Apostelgeschichte 7,22 [4] 2. Mose, 2, 3 [5] Siehe Tit. 2,5; 1. Tim. 5. 10 [6] Gaspari, Chr.: Eins plus eins ist eins – Leitbilder f. Mann u. Frau, Wien, München, 1985, S. 221 [7] Brüllmann (Hrsg.): Luther-Zitate. Moers 1989, S. 52 f.