Zeitschrift-Artikel: Freundschaft - Freundschaft - ein schwindendes Phänomen...

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Titel: Freundschaft - Freundschaft - ein schwindendes Phänomen...
Typ: Artikel
Autor: Gerrit Alberts
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Titel

Freundschaft - Freundschaft - ein schwindendes Phänomen...

Vortext

Text

Einer meiner Söhne hat wieder einmal einen Eintrag ins Elternheft. Er prügelte sich mit einem Mitschüler. Zur Rede gestellt, erzählt er mir seine Sicht der Dinge. Ein Raufbold hätte seinen Freund angegriffen. Mutig sei er dazwischen gegangen und hätte sich an Stelle seines Freundes geprügelt. Ich habe manche Einwände: „Musst du dich in den Streit anderer einmischen? Gibt es keine andere Möglichkeit, als sich zu prügeln?“ Er schaut mich mit großen Augen an. In seinem Gesicht spiegeln sich Ernst und Protest. „Aber Papa, einen Freund muss man doch verteidigen, wenn er in Not kommt!“ Durch seine Worte, vor allem aber durch die von Überzeugung und Leidenschaft geprägte Art, wie er dies sagt, berührt er mein Vaterherz und gewinnt zu einem guten Teil meine Sympathie für seine Sicht. Die Art der Umsetzung mag unangemessen gewesen sein, aber sein Motiv gefällt mir. Kein Thema mehr? In unserer Zeit gibt es eine Fülle von Veröffentlichungen, Seminaren und Vorträgen zu Ehe, Partnerschaft, Sexualität. Nahezu völlig verschwunden scheint das Interesse an Freundschaften ohne sexuellen Aspekt. Wenn man in weltlichen Kreisen über einen gleichgeschlechtlichen Menschen sagt: „Das ist mein Freund!“ begibt man sich in Gefahr, der homosexuellen Neigung verdächtigt zu werden. Für uns ist es nur noch schwer nachvollziehbar, dass David über seinen Freund Jonathan sagen konnte: „Wunderbar war mir deine Liebe, mehr als Frauenliebe“ (2Sam 1,26). Nicht wenige Verdreher der Bibel unterstellen auch hier – ohne jeden berechtigten Anlass – eine homosexuelle Beziehung. Die Literatur der vergangenen Jahrhunderte kennt zahlreiche Beispiele der Idealisierung und Verherrlichung treuer Gefährten: „Und schweigend umarmt ihn der treue Freund und liefert sich aus dem Tyrannen; der andere ziehet von dannen.“ Das Gedicht „Die Bürgschaft“ von Friedrich Schiller ist ein literarisches Denkmal der Treue und Selbstlosigkeit einer Freundschaft. Die wohl erfolgreichste Trivialliteratur in deutscher Sprache – Karl Mays Abenteuergeschichten über den Wilden Westen – gewinnen einen guten Teil ihrer Anziehung durch die Idealisierung von Freund- schaft inmitten von Niedertracht und Gemeinheit. Dem Charme der Beziehung zwischen den Blutsbrüdern Winnetou und Old Shatterhand kann sich kaum ein (Jungen-)Herz entziehen. Freundschaft statistisch gesehen 20% aller Deutschen, 23% aller Österreicher und 34% aller Ungarn geben zu, keinen einzigen Freund zu haben. Das Problem beginnt bereits in jungen Jahren: 28% der Jungen und 38% der Mädchen klagen darüber, keine echten Freundschaften zu kennen. In einer Befragung gaben sogar zwei Drittel der Männer an, keinen besten Freund zu haben, was möglicherweise dasselbe bedeutet, wie gar keinen. [1] Selbst wer behauptet, echte Freunde zu haben, sollte sich fragen, welchen Maßstab er anlegt. Nur zu schnell geben wir uns mit Halbheiten zufrieden und halten Menschen, die aus Eigeninteresse nett zu uns sind – wie zum Beispiel Kollegen oder Geschäftspartner – für Freunde. Mancher schließt sich eine Clique oder einem Verein an, nur um unter Menschen zu sein und nicht so unter dem Mangel der Einsamkeit zu leiden. Vielleicht gebrauchen wir den Titel „Freund“ inflationär wie der Amerikaner, der sagte: „He’s one of my best friends! – What’s just his name?“ („Er ist einer meiner besten Freunde! – Wie war noch mal sein Name?“) Freundschaft unter Christen In der Bibel werden einige sehr eindrückliche Beispiele von Freundschaften geschildert. Christliche Tugenden wie Treue, Dienstbereitschaft, selbstlose Liebe sollten das Wachsen tiefer Freundschaften begünstigen. Trotzdem ist nach meinem subjektiven Eindruck auch unter Christen die Häufigkeit, Tiefe und Dauer von Freundschaften im Abnehmen begriffen. Eine Beziehung, die den Namen „Freundschaft“ verdient Bevor ich auf mögliche Ursachen näher eingehe, möchte ich anhand der untenstehenden Verse versuchen, die wesentlichen Kennzeichen einer Freundschaft im biblischen Sinn zu beschreiben: Ein Freund liebt zu aller Zeit, und als Bruder für die Drangsal wird er geboren. (Spr 17, 17) Ob Freundschaft da ist, spürt man am besten in Extremsituationen: Krankheit, Versagen, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Familienprobleme. Stehe ich zu dem anderen, auch wenn es für mich Mühe, Einsatz und Anstrengung bedeutet? Halte ich zu ihm, auch wenn kein anderer mehr für ihn da ist? Ein freundschaftsfähiger Mensch hilft nicht nur, wenn es ihm gerade in den Zeitplan passt oder wenn es ihm persönlich von Nutzen sein kann. Er gibt und erwartet keine Gegenleistung. In unserer mobilen Gesellschaft hat sich die Anzahl unserer menschlichen Kontakte gegenüber früheren Jahrhunderten potenziert. Die Quantität unserer Beziehungen geht nur zu Lasten der Qualität. Beziehungen entstehen schnell, aber verflüchtigen sich auch schnell wieder. ‘Zu aller Zeit lieben’ meint sicherlich zuerst, in heiteren und schwierigen Lebenslagen die Freundschaft zu bewahren, egal ob in Freud oder Leid, ob sie persönlich kurzfristigen Nutzen bringt oder eine gebende Haltung erfordert. Darüber hinaus enthält die Formulierung auch den Aspekt: Eine echte Freundschaft ist keine zeitlich begrenzte Angelegenheit. Sie hat die Tendenz zur Beständigkeit und kann verschiedene Lebensabschnitte überdauern. Die Seele Jonathans verband sich mit der Seele Davids; und Jonathan liebte ihn wie seine Seele. (1Sam 18,1) Freundschaft hat etwas mit Sympathie und Akzeptanz zu tun. „Der nimmt mich so an, wie ich bin. Ich brauche mich nicht zu verstellen. Er möchte zutiefst mein Bestes. Er will mich weder bevormunden noch ausnutzen.“ So ungefähr könnte man die Empfindungen in der Gegenwart eines Freundes beschreiben. Darüber hinaus beruhte die Seelenverbundenheit Jonathans mit David auf einer tiefen Übereinstimmung der Sichtweisen und Interessen, die zu allererst durch ihre Hingabe an Gott bestimmt war. John Nelson Darby schreibt über die tiefste Form der Freundschaft: „Absolute Hingabe an Jesus ist das stärkste Band zwischen menschlichen Herzen. Es bewahrt vor Egoismus, und in ihren Gedanken, ihren Absichten und Zielen sind sie beide eine Seele, weil sie nur ein Ziel ihres Trachtens haben.“[2] Ich habe euch Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe. (Joh 15, 15) Der Herr Jesus nennt als Merkmal der Freundschaft die Offenheit. Man hat prinzipiell keine Geheimnisse voreinander. Alles kann man miteinander teilen. Dies setzt einerseits voraus, nicht ausschließlich und in erster Linie an sich selbst interessiert zu sein. Was denkt der andere? Was bewegt ihn? Welche Standpunkte vertritt er? Welche Vorlieben und Abneigungen hat er? Andererseits erfordert Freundschaft den Mut, sich dem anderen zu offenbaren, sich so zu geben, wie man wirklich ist. Das schließt ein, auch die dunklen Seiten, das Versagen, die Sünde usw. dem anderen zu bekennen, ohne Angst zu haben, dadurch in Ungnade zu fallen. Treu gemeint sind die Wunden dessen, der liebt, und überreichlich des Hassers Küsse. (Spr 27, 6) Echte Treue und Freundesliebe zeigt sich auch darin, den anderen nicht in seinen Fehlern zu bestätigen, sondern auf der Basis des gegenseitigen Vertrauens und der gegenseitigen Annahme zu korrigieren. Auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden, ist meistens schmerzlich. Nur zu oft gibt es zwischen uns ein „Gentleman’s Agreement“: Ich spreche nicht über deine Fehler und du sprichst nicht über meine Fehler. So hat jeder seine Ruhe. Dabei wäre eine Freundschaft, in der ich mich von dem anderen geliebt und akzeptiert weiß, die optimale Basis für eine liebevolle Korrektur. Wenn ich den Verdacht habe, der andere akzeptiert mich nicht, er hat einen „Piek“ auf mich, halte ich in der Tendenz seine Kritik für destruktiv ungerecht, einseitig und durch schlechte Motive wie Neid und Herrschsucht verursacht. Auf der Grundlage der freundschaftlichen Liebe jedoch bin ich viel eher bereit, über kritische, tadelnde Äußerungen nachzudenken und mich berichtigen zu lassen. Wir sind geneigt, hinter dem Tadel die konstruktive Absicht zu vermuten. Vielleicht ist dies sogar einer der wertvollsten Aspekte der Freundschaft, etwa im Sinne von Benjamin Franklin, der sagte: „Unsere Kritiker sind unsere besten Freunde, denn sie zeigen uns unsere Fehler.“ Warum es heute schwer fällt, Freunde zu finden Im Letzten ist es schwierig zu beweisen, dass Freundschaften in früheren Zeiten häufiger waren. Die Beschreibung der Heiligen Schrift für die Endzeit würde für diese These sprechen: Die Menschen werden selbstsüchtig, treulos, wortbrüchig und unzuverlässig sein (2Tim 3, 2-4). Woran könnte es liegen, dass Freundschaften immer weniger entstehen und andauern? Selbstliebe statt Freundesliebe? Ein verbreitetes Lebensmotiv unserer Zeit ist die Selbstverwirklichung. Möglichst viele eigene Wünsche sollen erfüllt werden. Die eigenen Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt des Denkens und Handelns. Der andere ist nur in so fern von Bedeutung, als er ein Mosaikstein in diesem großen Projekt der Erfüllung selbstsüchtiger Vorstellungen ist. Die vielzitierten Sätze der Gestalt-Therapie, auf unzähligen Grußkarten, Postern und Kaffeebechern wiedergegeben, bringen dieses „Glückskonzept“ auf den Punkt: Ich tu, was ich tu; und du tust, was du tust. Ich bin nicht auf dieser Welt, um nach deinen Erwartungen zu leben. Und du bist nicht auf dieser Welt, um nach meinen zu leben. Wenn wir uns zufällig finden – wunderbar! Wenn nicht, kann man auch nichts machen.“ [3] Kein Wunder, dass in diesem geistigen Klima die Devise heißt: „How to Be Your Own Best Friend“ (Wie du selbst dein bester Freund sein kannst) [4] Treue, (siehe Karrikatur) wird zu einem Synonym für das unbeirrte Verfolgen eigener Interessen. In einem merkwürdigen Gegensatz dazu werden wir in der Heiligen Schrift aufgefordert: „Jeder gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung. Denn auch der Christus hat nicht sich selbst gefallen“ (Röm 15,2). Freundschaft ist mit dem Selbstverwirklichungsideal nur schwer in Einklang zu bringen. Auf Bedürfnisse des anderen eingehen, eine dienende, opferbereite Haltung haben, den anderen nicht für die eigenen Zwecke instrumentalisieren – diese Merkmale sind für das Gelingen einer Freundschaft wichtig, aber für die Selbstverwirklichung kontraproduktiv. Geistliches Theater Leider haben wir als Christen die Tendenz, unter unseres Gleichen frommer zu scheinen als wir sind. Unter Nicht-Christen verhalten wir uns entgegengesetzt: Wir möchten gerne weniger fromm wirken, als wir wirklich sind. Unberechtigter oder berechtigter Weise fürchten wir: Wenn der Mitchrist weiß, wie ich tatsächlich bin, was sich alles hinter der frommen Fassade abspielt, dann bin ich bei ihm unten durch. So wagen wir es nicht, uns jemandem vorbehaltlos anzuvertrauen. Gerade diese Offenheit ist jedoch ein Merkmal echter Freundschaft. Wenn hier von fehlender Offenheit die Rede ist, möchte ich anmerken, dass man auch auf der anderen Seite vom Pferd fallen kann. Es gibt den Hang zum psychischen Exhibitionismus: Dieser liegt dann vor, wenn man mit seinen innersten Gefühlen und Erfahrungen hausieren geht und sie zu einem Allgemeinplatz macht. Ähnlich wie beim körperlichen Exhibitionismus fällt dabei die Schamgrenze: „Sie reden von ihren Sünden offen wie Sodom, sie verhehlen sie nicht“ (Jes 3,9). Mobilität In den vergangenen 150 Jahren ist die Mobilität sprunghaft gestiegen. Sie führt dazu, dass wir weniger sesshaft sind und sich unsere Kontakte potenzieren. „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort,“ singt Reinhard May. Er meint damit zwar einen Penner, irgendwie trifft es aber auch mehr und mehr auf etablierte Teile unserer globalisierten Gesellschaft zu. Umzüge wegen des Studiums oder der Berufsausbildung, Umzüge wegen der Arbeitsstelle, Umzüge wegen Eheschließung, Umzüge aus beruflichen Gründen – der häufige Wohnortwechsel ist nicht unbedingt eine günstige Voraussetzung für dauerhafte und tiefe freundschaftliche Kontakte. Auch die wachsende Zahl unserer Beziehungen ist nicht unbedingt förderlich für die Entwicklung tiefer Freundschaften. Abgesehen von der begrenzten Zeit, die uns zur Verfügung steht, scheint es so zu sein, dass wir nur eine begrenzte Anzahl engerer Kontakte verkraften können. Der Liverpooler Psychologe Robin Dunbar gibt vor, ausgerechnet zu haben, wie groß unser soziales Netz höchstens sein darf, damit wir gerade noch den Durchblick behalten: Bei maximal 148 Personen ist unsere Beziehungskapazität erschöpft, wir glühen durch. [5] Beziehungsarbeit „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft!“ sagt man im Volksmund. Freundschaft ist nicht zum Nulltarif zu haben. Aufmerksamkeit, Interesse, Zeit, Übernahme von Verantwortung sind Mosaiksteine, aus denen sich eine Freundschaft zusammensetzt. Ohne dieses Engagement wird auch die innigste Freundschaft mit der Zeit erkalten und verflachen. Bei dem riesigen Freizeit- und Unterhaltungsangebot steht die Mühe der Beziehungsarbeit selten an oberster Stelle unserer Dringlichkeitsliste! Krise als Chance Wenn es tatsächlich so ist, dass Freundschaft im beschriebenen Sinn zwar ein hohes und erstrebenswertes Ideal ist, faktisch jedoch nur noch selten vorkommt, bieten sich für Christen in verschiedener Hinsicht Chancen. In christlichen Gemeinden, die von Gottes Wort und dem Heiligen Geist bestimmt sind, sollten Eigenschaften wie Dienstbereitschaft, Hinwendung zum anderen, echte ungeheuchelte Liebe, Treue und ehrliche Korrekturbereitschaft ausgeprägt sein. Dadurch würden ideale Voraussetzungen für das Entstehen von Freundschaften vorhanden sein. Mit Sicherheit würde das Leben der Christen dadurch an Anziehungskraft auf Außenstehende gewinnen. In der Bibel finden wir, dass Paulus auch ungläubige Freunde hatte (Apg19,31). Diese und andere Bibelstellen werden des öfteren zu Begründung von sogenannter Freundschaftsevangelisation angeführt: Ein Christ sucht die Freundschaft mit einem Ungläubigen, um diesen zum Herrn Jesus zu führen – sicherlich eine gerade in unserer Zeit sehr wirksame Methode, um Zugang zu ungläubigen Menschen zu be- kommen. Die tiefste Wertschätzung und Befähigung zur Freundschaft wird dann entstehen, wenn wir eine intensive und umfassende Beziehung zu dem besten Freund, den es gibt – Jesus Christus – pflegen und genießen.

Nachtext

Quellenangaben

[1] Fink, H.: Ein Freund, ein guter Freund ... – 16 Gründe, warum es Erwachsenen heute so schwer fällt, wahre Freundschaft zu finden. In: Psychologie heute, Sept. 1992, S. 20 ff. [2] Darby, John N.: Pilgrim Portions for the Day of Rest, G. Morrish, London, S. 50, zitiert in Weremchuk, John Nelson Darby und die Anfänge einer Bewegung, Bielefeld, 1988 [3] zitiert in Beck,Beck-Gernsheim: Das ganz normale Chaos der Liebe, Frankfurt/Main, 1990, S. 76 [4] Ehrenreich/English: For Her Own Good, zitiert in Beck u.a.,op.cit, S. 77 [5] Krumpholz-Reichel: Die Kunst, Fremde in Freunde zu verwandeln, in Psychologie heute, Sept. 1999, S. 20 ff