Zeitschrift-Artikel: Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 2)

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Titel: Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 2)
Typ: Artikel
Autor: William Kaal
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Titel

Isaac Watts Dichter und Denker zu Gottes Ehre (Teil 2)

Vortext

Text

Zusammenfassung 1. Teil Isaac Watts gilt im englischen Sprachraum zurecht als Vater des geistlichen Liedguts, zum einen wegen der immensen Fülle an Liedern, die er für die Gemeinde Gottes dichtete, zum anderen, weil er als Liederdichter pionierhaft neue Wege beschritt, die für die gesamte Kirchengeschichte richtungsweisend waren. Er löste sich von der zu seiner Zeit vorherrschenden Beschränkung auf in starre Formen gepresste Psalmverdichtungen und ließ in seine Texte neutestamentliche Wahrheiten und persönliche Glaubenserfahrungen einfließen. Viele seiner Lieder sind bis heute weit verbreitet und auch in andere Sprachen übersetzt, allen voran „When I survey the wondous cross“ (dt.: Schau ich zu deinem Kreuze hin). Wie seine Eltern hielt er sich zu den Dissenters, auch wenn ihm das den Zugang zu den renommierten Universitäten verwehrte. Stattdessen ging er mit 16 Jahren auf die Dissenting Academy in Stoke Newington, das heute zum Stadtgebiet Londons zählt. Pastor, Lehrer, Single Zu seinem 24. Geburtstag hielt Isaac Watts seine erste Predigt in der Mark Lane Church in Stoke Newington. Die Gemeinde erkannte seine Fähigkeiten und stellte ihn später als Pastor ein. Trotz seiner schwachen Physis und vieler krankheitsbedingter Pausen blieb er ihr Pastor über viele Jahre und hielt tausende Predigten dort. Aus dieser Aufgabe als Hirte einer Gemeinde, die er geistlich ernähren und führen wollte, entstammen ein Großteil seiner Lieder und Bücher. Daneben arbeitete er als Privatlehrer und wohnte daher einige Zeit bei einer befreundeten Familie, den Hartopps. Als ihn 1712 ein schweres Fieber überfiel, nahm ihn der wohlhabende Sir Thomas Abney aus der Nachbarschaft bei sich auf und kümmerte sich mit seiner Familie liebevoll um ihn. Es entstand eine tiefe Freundschaft, sodass Watts hier von nun an dauerhaft lebte. Selbst nach Thomas Abneys Tod blieb Watts bei dessen Witwe Mary wohnen, die für ihn in seiner zunehmenden Gebrechlichkeit bis zu seinem Tod im Jahr 1748 sorgte. Die groß­zügige Parkanlage des Hauses, die Mary mit Leidenschaft anlegte, war für Watts ein beliebter Rückzugsort zum Nachdenken und Dichten. Abney Park wurde später zu einem Friedhof umgestaltet und kann bis heute in London besichtigt werden. Hier steht auch ein Denkmal zu Watts Ehren. Watts liebte die Schönheit der Sprache, war selbst aber nicht gerade mit äußerer Schönheit ausgestattet. Von seinen Zeitgenossen wird er als auffallend klein und wenig attraktiv beschrieben, was seine Chancen auf dem Heiratsmarkt verringerte. Als er sich in Elizabeth Singer verliebte, selbst eine begabte Dichterin, wies diese sein Heiratsangebot mit den Worten ab: „Wenn ich nur sagen könnte, dass ich die Schatulle so sehr bewundere wie das Juwel, das sie beinhaltet.“ So blieb er Zeit seines Lebens ledig, konnte aber auch das als von Gott gegeben annehmen und reflektierte darüber später: Ich bin überzeugt, dass wir später einmal eine süße Rückschau auf die Momente unseres Schicksals genießen werden, die zu den dunkelsten Finsternissen gehörten, und die Spuren Gottes zurückverfolgen können, als er mit uns durch tiefste Waser ging. Das wird eine überraschende Freude sein, wenn wir diese verwirrenden Rätsel erklärt bekommen und ihre ganze Bedeutung in Gottes Weisheit und Gnade erfassen können. Passionierter Pädagoge Weniger bekannt, aber nicht minder weitreichend als seine Kirchenlieder sind seine Lieder, die er für Kinder schrieb. Obwohl er selbst keine Kinder hatte, lagen ihm Kinder besonders am Herzen. Da er über viele Jahre im Haushalt der Abneys lebte, begleitete er die Entwicklung ihrer drei Töchter Mary, Elizabeth und Sarah aufs Engste und hatte maßgeblichen Anteil an ihrer Bildung und Erziehung. Aus Dankbarkeit für die fürsorgliche Aufnahme in ihrer Familie widmete er ihnen viele seiner Kinderlieder. Seine 1715 erschienene Liedersammlung „Divine and Moral Songs for Children“ wurde ein Klassiker, der Generationen von Kindern prägte und einen festen Platz in den englischen und amerikanischen Sonntagschulen der nächsten 200 Jahren einnahm. Das Liederbuch erfuhr über Tausend Auflagen und ist bis heute erhältlich. In dem sehr lesenswerten Vorwort richtet sich Watts „an alle, denen die Erziehung von Kindern am Herzen liegt“, und beschreibt seine Motivation für das Schreiben von Kinderliedern: Mein Freund, dir ist eine große und wichtige Verantwortung übertragen worden. Weisheit und Wohlergehen der nächsten Generation sind dir anvertraut und hängen sehr von deinem Verhalten ab. Die Samen von Elend und Glückseligkeit in dieser und der zukünftigen Welt werden häufig sehr früh gesät. Daher soll dir alles empfohlen sein, was irgend förderlich ist, um Kindern einen Geschmack von Tugendhaftigkeit und Gottesfurcht zu vermitteln. Lyrik wurde ursprünglich für den Dienst für Gott geschaffen, auch wenn sie seitdem immer erbärmlich missbraucht wurde. Die alten Juden und auch Heiden brachten ihren Kindern die Gebote der Moral und der Gottesverehrung in Versen bei. Die Kinder Israel wurden angehalten, die Worte des Liedes des Mose zu lernen (5Mo 31,19+30), und wir werden im NT angehalten, nicht nur „dem Herrn in unseren Herzen zu singen und zu spielen“, sondern auch „einander zu lehren und zu ermahnen mit Psalmen und Lobliedern und geistlichen Liedern“ (Eph 5,19). Er zählt dann vier Gründe auf, warum es vorteilhaft ­­ist, Kindern Wahrheiten des Glaubens in Reimform zu ver­mitteln: Es liegt eine große Freude darin, Wahrheiten und Pflichten auf diese Weise zu lernen. Gedichtete Verse haben etwas so Unterhaltsames und Kurzwei­liges, dass Kindern diese Aufgabe als willkommene Abwechslung empfinden werden. Du kannst ihre Pflicht sogar in eine Belohnung umwandeln, indem du ihnen das Privileg gibst, jede Woche ein Lied lernen zu dürfen, wenn sie ihre wöchentlichen Aufgaben gut erfüllen. Oder du kannst ihnen das Liederbuch selbst als Preis versprechen, wenn sie 10 oder 20 Lieder daraus gelernt haben. Was in Reimform gelernt wird, bleibt länger im Gedächtnis und wird schneller wieder in Erinnerung gerufen. Der wiederkehrende Klang und Rhythmus der Silben unterstützen das Lernen. Und es mag häufig passieren, dass die Botschaft eines Liedes, wenn es gerade im Kopf abläuft, ein wirksames Mittel darstellt, Versuchungen zu widerstehen oder Pflichten zu erfüllen, auch wenn den Kindern kein passender Bibelvers in den Sinn kommt. Die Lieder werden ein bleibender Gegenstand in den Herzen der Kinder sein. Sie werden etwas haben, worüber sie nachdenken können, wenn sie alleine sind, und die Lieder für sich selber immer wieder singen können. Das wird ihren Gedanken eine göttliche Wendung geben und ihre junge Andacht fördern. Sie werden nicht gezwungen sein, sich bei Gedankenleere mit den losen und gefährlichen Songs (sonnets) ­unserer Zeit Linderung verschaffen zu müssen. Diese auf Gott ausgerichteten Lieder sollen für ihre tägliche oder wöchentliche Anbetung geeignet sein, und können zu den festen Zeiten gesungen werden, die ihre Eltern oder Erzieher dafür vorsehen. Ich habe sie daher kompatibel zu den gängigsten Psalmmelodien gedichtet. Die Lieder sind – wenn auch über 300 Jahre alt – in vielerlei Hinsicht erstaunlich zeitlos und beschreiben Versuchungen und Gefahren, denen Kinder bis heute in ihrem Alltag ausgesetzt sind. So thematisiert ein Lied das stolze Zur-Schau-Stellen der eigenen Kleider, ein anderes die Vernachlässigung von Pflichten wegen Hobbies, ein nächstes den Gehorsam gegenüber den Eltern oder Streitigkeiten unter Geschwistern. Häufig werden Beobachtungen aus der Natur oder biblische Geschichten als Grundlage genommen, um Kindern einfache Lektionen in Reimform zu vermitteln: Das Vorbild einer Biene dient als Ermahnung zum Fleiß, die alttestamentliche Begebenheit von Elisa und dem Bären als Warnung vor Lästerung und Spott, die Geschichte von Ananias und Saphira als Mahnung zur Aufrichtigkeit. Und immer wieder weist Watts in den Liedern auf Jesus Christus als Vorbild und Erlöser hin. Drei Beispiele sollen einen Eindruck von Watts vielseitigen Kinderliedern geben: Let dogs delight to bark and bite, For God has made them so: Let bears and lions growl and fight, For ’tis their nature, too. Lasst Hunde gerne bellen und beißen, Gott hat sie so geschaffen, lasst Bären und Löwen knurren und kämpfen, denn das ist ihre Natur. But, children, you should never let Such angry passions rise: Your little hands were never made To tear each other’s eyes. Aber Kinder, ihr solltet niemals Solche bösen Leidenschaften hervorkommen lassen, eure kleinen Hände wurden nicht dazu geschaffen, euch gegenseitig damit die Augen auszureißen. Let love through all your actions run, And all your words be mild: Live like the blessed Virgin’s Son, That sweet and lovely child. Lasst alle eure Taten von Liebe durchzogen sein, und alle Worte seien mild, lebt wie der Sohn der gesegneten Jungfrau (Maria), dieses wunderbare Kind. His soul was gentle as a lamb; And as his stature grew, He grew in favour both with man, And God his Father, too. Sein Wesen war sanft wie ein Lamm, und während er an Alter zunahm, wuchs er in Gunst sowohl bei Menschen als auch bei Gott, seinem Vater. Now, Lord of all, he reigns above; And from his heavenly throne He sees what children dwell in love, And marks them for his own. Jetzt ist er Herr über alles und regiert droben, und von seinem himmlischen Thron Sieht er, welche Kinder in Liebe beieinander wohnen und nennt sie seine eigenen. Wie man hier sieht haben Watts Kinderlieder tatsächlich häufig etwas Leichtfüßiges und Unterhaltsames, sind kindgerecht und eingängig formuliert, und doch entbehren sie nie einer ernsten Dimension und Tiefe. Man spürt, wie er immer darauf bedacht ist, mit jedem Lied auch eine geistliche Lektion zu vermitteln und die jungen Herzen auf Gott auszurichten. So mancher deutsche Leser wird sich hier sicherlich dankbar an seine Kindheit mit vielen Liedern von Margret Birkenfeld erinnern, der es ebenfalls auf eindrückliche Weise gelungen ist, Erlebnisse aus dem Kinderalltag mit geistlichen Lektionen zu verknüpfen, sei es der ungehorsame Dackel Dina oder die rote Ampel im Straßenverkehr. Mit ihren weit über 100 Kinderliedern hat sie wie Watts Generationen von Kindern geprägt und unzählige Segenspuren hinterlassen. Ernste Ermahnungen Für uns heute ungewohnt ist, dass auch die Realität des Todes in Watts Kinderliedern thematisiert wird – angesichts der hohen Kindersterblichkeit seiner Zeit aber gut verständlich. Nur etwa zwei von drei Kindern erreichten damals ein Alter von 15 Jahren. Der Tod war daher im Alltag der Kinder allgegenwärtig und für Watts ein Anlass, sie zu ernsthaften Gedanken über die Ewigkeit anzuregen: There is an Hour when I must die, Nor do I know how soon ’twill come; A thousand Children young as I Are call’d by Death to hear their Doom. Es gibt eine Stunde, in der ich sterben muss, ich weiß jedoch nicht, wann sie kommen wird. Tausende Kinder sterben so jung wie ich bin, werden vom Tod gerufen, um ihr Ende zu hören. Let me improve the Hours I have Before the Day of Grace is fled; There’s no Repentance in the Grave, Nor Pardons offer’d to the Dead. Lass mich die Stunden, die mir bleiben, verbessern, bevor der Tag der Gnade vorübergeht, im Grab gibt es keine Buße, und den Toten wird keine Vergebung angeboten. Just as a Tree cut down, that fell To North, or Southward, there it lies: So Man departs to Heaven or Hell, Fix’d in the State wherein he dies. Wie ein Baum, der gefällt wurde, nach Norden oder Süden fällt und liegen bleibt, so geht der Mensch in den Himmel oder die Hölle, gerade so wie sein Stand war, als er starb. So manche praktische Ermahnung in seinen Kinderliedern ist durchaus auch für Erwachsene bis heute aktuell, zum Beispiel wenn er das Privileg beschreibt, den Sonntag mit Christen unter Gottes Wort zu verbringen: This is the day when Christ arose So early from the dead: Why should I my eyelids close, And waste my hours in bed? Dies ist der Tag, an dem Christus auferstand, so früh von den Toten. Warum sollte ich meine Augenlider geschlossen halten und meine Zeit im Bett vergeuden? This is the day when Jesus broke The powers of death and hell; And shall I still wear Satan’s yoke, And love my sins so well? Das ist der Tag an dem Jesus die Mächte von Tod und Hölle brach. Sollte ich da noch Satans Joch tragen Und meine Sünden so sehr lieben? Today, with pleasure, Christians meet, To pray, and hear thy Word; And I would go with cheerful feet To learn thy will, O Lord! Heute treffen sich mit Freuden Christen um zu beten und dein Wort zu hören. Ich möchte mit fröhlichen Füßen gehen um deinen Willen zu lernen, o Herr. I’ll leave my sport, to read and pray, And so prepare for heaven: O may I love this blessed day The best of all the seven Ich werden meinen Sport sein lassen, um zu lesen und zu beten und mich damit auf den Himmel vorzubereiten. O möge ich diesen gesegneten Tag lieben, den besten von allen sieben. Es ist zumindest bemerkenswert, dass die erste Generation, die Watts mit seinen Kinderliedern prägte, die große Erweckung in England und Amerika als Erwachsene erlebten und durch die damit einhergehenden Missionsbewegungen buchstäblich ein Segen für die Welt wurde. Von daher liest sich rückblickend der Schluss seines Vorwortes fast wie eine prophetische Aussage: Möge der allmächtige Gott dich treu sein lassen in diesem wichtigen Werk der Erziehung: Möge er deinen Bemühungen seine überströmende Gnade folgen lassen, dass die kommende Generation von Großbritannien zum Ruhm unter den Nationen ist, ein Vorbild für die christliche Welt und ein Segen für die ganze Erde. Tiefgründiger Theologe Die unzähligen Lieder, die Watts für Erwachsene und Kinder schrieb, zeugen von seiner außerordentlichen dichterischen Begabung und unermüdlichen Schaffenskraft. Zudem zeigte er ein erstaunliches Interesse an tiefen theologischen Fragen, das nicht viele Liedermacher auszeichnet. Er entwickelte ein dispensationalistisches Schema der Heilsgeschichte und beschäftigte sich außerdem mit praktischer Logik und scharfem Denken, worüber er ein umfängliches Buch schrieb. Auch diese Seite dieses großen Dichters und Denkers der Kirchengeschichte hinterließen einflussreiche Spuren und sollen im nächsten Teil dieses Artikels beleuchtet werden.?

Nachtext

Quellenangaben