Zeitschrift-Artikel: Aus alten Briefen

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Titel: Aus alten Briefen
Typ: Artikel
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Titel

Aus alten Briefen

Vortext

Text

Den folgenden Brief schrieb die Mutter Barnardo an ihren Sohn Dr. Barnardo im Jahr 1867, als er am Anfang seines Dienstes stand, der ihn später als den "Vater der Niemandskinder" bekannt und berühmt machte. Das Lebenswerk Barnardos hat Emil Ronner in dem Buch "Der Mann mit der Laterne" beschrieben.


"Seit es dem Herrn gefallen hat, unser Haus in seinen besonderen Dienst zu rufen, habe ich es als eine meiner heiligsten und dringendsten Pflichten betrachtet, sorglich mit betendem Herzen über alle zu wachen, die je "Söhne des Hauses" gewesen sind.


Du erinnerst dich, daß ich dir nach Paris im vergangenen Frühjahr einen ernsten, besorgten Brief geschrieben habe, mit dem Blick auf die Gefahren, von denen du umgeben warst. Du hast in einem so befriedigten Ton geantwortet, mit der Versicherung, daß du niemals innerlich glücklicher gewesen seiest, daß meine Lippen sich schlossen und meine Feder in dieser Sa­che ruhen mußte; aber mein Herz war nicht froh: die Antwort selbst vermehrte nur meine Sorge. Und diese Sorge ist seither stetig ge­wachsen, bis sie schließlich übermächtig und quälend geworden ist.


Ich lese und höre von allem, was tu tust, und immer muß ich fragen: Tut der Herr es durch ihn? Ehe du nach Paris gingst, tatest du viel für den Herrn, und ich war von Herzen dank­bar dafür und hatte keinerlei Furcht, daß es schlimme Folgen für dich haben könnte; ober seitdem kann ich das Gefühl nicht loswerden, daß Irdisches und Sinnliches sich in deinen Weg und in. dein Werk mische. Ich sage nicht, es ist so, ich spreche nur meine Befürchtung aus und überlasse es dir, die Sache mit dem treuen Herrn ins reine zu bringen, der dich mit sei­nem Blut erkauft hat. Und nun, mein lieber Tom, gebiete ich dir im Namen Jesu, daß du allein zu Gott gehest und vor ihm bleibest wie David tat (2. Sam. 7,18) und ihn in demütigem Ernste bittest, daß er dein eigen Herz vor dir aufdecke.


Suchst du Ehre bei den Menschen?
Hast du ihren Beifall gern?
Gibst du dem Fleisch nach in Essen und Trin­ken, in Kleidung, in Leichtsinn und Leiden­schaft?
Stehst du zeitig auf, so daß du die erste Stunde oder wenn möglich zwei Stunden der heilig ernsten Gemeinschaft widmen kannst, ehe du die Welt einlässest? Ohne das muß die Seele vertrocknen. Die gesunde Seele wird immer die Zeit als die glücklichste ansehen, in der sie
völlig allein ist mit Gott.
Pflegst du die Gleichheit des Sinnes mit Jesus? und studierst du die Schrift, nicht sowohl um zu sehen, was du andern sagen sollst, als vielmehr um dem zu gehorchen, was Gott zu dir sagt?

Die Arbeit, die du unternommen hast, macht dich zu einer Stadt auf dem Berge. 0 mein Sohn! sieh zu, daß das Licht., das von dieser Stadt ausgeht, nicht ein falsches Licht sei. Du bist einer von denen, die für Jesus wirken sollen; tu es in Aufrichtigkeit um seinetwillen, nicht um deinetwillen, um der teuren Seelen willen, die sich Sonntag für Sonntag mit dir versammeln.

Wenn dein Herz dir sagt, daß meine Befürch­tungen grundlos sind, und daß du wie Jesus in dieser Welt stehst, dann danke Gott und fasse Mut. Wenn dir dein Herz sagt, daß meine Sorge begründet ist, dann gehe zu deinem lieben Herrn und sage ihm alles, verschweige nichts; - Er weiß ja alles vorher, aber Er will es gern von dir hören."

Nachtext

Quellenangaben