Zeitschrift-Artikel: 30 Thesen zur Zungenrede

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Titel: 30 Thesen zur Zungenrede
Typ: Artikel
Autor: Roger Liebi
Autor (Anmerkung):

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Titel

30 Thesen zur Zungenrede

Vortext

Das Thema »Zungenreden« hat in den vergangenen Jahrzehnten für viel Aufregung, Verunsicherung, für Fragen und Auseinandersetzungen unter dem Volk Gottes gesorgt. Auch in der Gegenwart sorgt diese umstrittene Gabe immer wieder für Diskussionsstoff und führt manchmal auch zu Streit und Spaltungen in bibeltreuen Gemeinden.

Der Sprachwissenschaftler Roger Liebi hat zu diesem Thema ein ausgezeichnetes Buch geschrieben, in dem er 30 Thesen aufstellt, die dann erläutert und begründet werden. Diese Thesen drucken wir hier ab, weil sie viele Anregungen zum Nachdenken geben und auf bisher wenig beachtete Aspekte dieser Geistesgabe aufmerksam machen.

Text

1. Gott ist der Urheber aller natürlichen menschlichen Sprachen, von denen es übrigens – heutzutage – ohne die Dialekte zu zählen – mindestens ca. 6.800 gibt (vgl. 1Mo 2+11).
2. Da alle menschlichen Sprachen eigentlich auf Gott zurückzuführen sind (siehe These 1), eignen sie sich alle dazu, Träger des Wortes Gottes zu sein. Dies gilt sowohl für die Sprachen des inspirierten und vollkommenen biblischen Urtextes (Hebräisch, Aramäisch und Griechisch) als auch für die natürlichen Sprachen der Bibel- übersetzungen in aller Welt. (Heute gibt es Überset- zungen der Bibel bzw. von Bibelteilen in über 2.300 Sprachen.)
3. Die Sprachen der biblischen Sprachenredner waren im Vergleich zu den Sprachen, die Gott Adam bei seiner Erschaffung und den verschiedenen Sippen anlässlich der Sprachenverwirrung zu Babel eingab, keine höheren
Kommunikationsmittel.
4. Bei der Gabe der Sprachenrede in der Bibel handelte es sich um eine übernatürliche Gabe von Gott.
5.
Der Heilige Geist vermittelte die Fähigkeit zur Beherrschung von Fremdsprachen.
6.
Die Sprachenredner beherrschten diese Fremdsprachen, ohne sie sich je zuvor in einem Lernprozess angeeignet zu haben.
7. Die biblischen Sprachenredner beherrsch- ten ihre jeweiligen Fremdsprachen aktiv. Ihr menschlicher Geist wirkte aktiv bei der Sprachproduktion.
8.
Die Beherrschung der Sprache schloss selbst die korrekte Aussprache mit ein.
9. Die biblischen Sprachenredner beherrschten nicht nur bestimmte Hauptsprachen, sondern sogar verschiedene Dialekte.
10. Beim Sprachenreden in der Bibel handelte es sich nicht um ein Gestammel, um unartikulierte Laute oder um einen Schwall von Lauten mit fehlender Prosodie*, sondern um wirkliche Sprachen. ( * Prinzipien der metrisch-rhythmischen Behandlung der Sprache.)
11. Die biblischen Sprachenredner wirkten nicht als Medien. Ihr Bewusstsein bzw. ihr Verstand / Intellekt war nicht passiv, eingeschränkt oder gar ausgeschaltet.
12. Die biblischen Sprachenredner waren sich daher auch immer dessen, was sie sagten, voll und ganz bewusst. Sie waren ja die Redenden, mit Hilfe des Heiligen Geistes.
13. Die biblischen Sprachenredner waren beim Sprechen in einem nüchternen Zustand der völligen Selbstkontrolle.
14. Selbstkontrolle beinhaltete insbesondere auch die sprachliche Selbstkontrolle.
15. Der Inhalt der Sprachenrede sollte den Zuhörern Auferbauung vermitteln.
16. Die Aussage der Sprachenrede bewirkte Auferbauung, nicht das übernatürliche Phänomen an sich.
17. Die Sprachenrede hatte nur einen Sinn, wenn die anwesenden Zuhörer den Inhalt verstehen konnten. Falls die Anwesenden die jeweilige Fremdsprache nicht verstanden, musste für Übersetzung gesorgt werden.
18. Der    Sprachenredner    wurde    immer geistlich erbaut (genauso wie beim Beten oder Predigen in der Muttersprache), weil er stets wusste, was er sagte.
19. Nicht alle Christen der Anfangszeit konnten in Sprachen reden, sondern nur gewisse, die in Gottes souveräner Auswahl diese Gabe bekommen hatten.
20. Es gab nur einen Typ von Sprachenrede im Neuen Testament. Bei der Sprachen- rede von Apostelgeschichte 2 handelte es sich um dasselbe Phänomen wie in 1. Korinther 12-14.
21. In Sprachen konnte geredet, gesungen oder gebetet werden.
22. Sprachenredner durften sich nur einer nach dem anderen äußern, niemals mehrere gleichzeitig.
23. In einer Gemeindezusammenkunft durften höchsten drei Sprachenredner einen Dienst tun.
24. Die übernatürliche Sprachengabe sollte insbesondere dem Volk Israel bezeugen, dass mit Pfingsten (Apg 2) ein neues Zeitalter, das Zeitalter der Weltmission, begonnen hatte: Gott spricht seitdem nicht mehr überwiegend lediglich in einer Sprache (Hebräisch) zu einem Volk (Israel) – sondern in vielen Sprachen zu allen Völkern.
25. Obwohl die Gabe des Sprachenredens in erster Linie für das ungläubige Israel gegeben wurde, durfte diese Gabe auch zum Nutzen der Gläubigen in den Gemeindezusammenkünften verwendet werden.
26. Die    biblische    Sprachenrede    sollte    allmählich verklingen und – im Gegensatz zu verschiedenen anderen Gaben – nicht bis zur Wiederkunft Christi bestehen bleiben.
27. Das heutzutage vielfach propagierte und von Millionen praktizierte Zungenreden entspricht nicht dem biblischen Phänomen der Sprachenrede.
28. Bei der vielfach verwendeten Bezeichnung „Zungenreden“ handelt es sich um eine falsche Wiedergabe der griechischen Wendung en glossais lalein. Korrekt muss man diese verbale Wortkette im Deutschen mit „Sprachenreden“ bzw. „Fremdsprachenreden“ übersetzen.
29. Diejenigen, welche die Gabe der Auslegung / Übersetzung erhalten hatten, waren von Gott befähigt worden, die fremde Sprache des Sprachenredners wirklich zu verstehen. Sie besaßen ein Sprachverständnis wie Adam, der nach seiner Erschaffung Gottes Sprache sogleich verstehen konnte (1Mo 2), und wie die Menschen nach der Sprachenverwirrung, die jeweils ihre neue Sprache verstehen konnten, ohne sie gelernt zu haben (1Mo 11).
30. Die Ausleger der Sprachenreden übersetzten das Gesprochene. Sie brauchten keine spezielle Offenbarung darüber, was die Sprachenrede bedeutet haben soll, da sie die zu übersetzenden Fremdsprachen real verstanden.

Nachtext

Buchtipp:

Roger Liebi: Sprachenreden oder Zungenreden?

Quellenangaben