Zeitschrift-Artikel: Vor genau 150 Jahren wurde ein unnachahmliches Original geboren - Kuhlo

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Titel: Vor genau 150 Jahren wurde ein unnachahmliches Original geboren - Kuhlo
Typ: Artikel
Autor: Andreas Fett
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Titel

Vor genau 150 Jahren wurde ein unnachahmliches Original geboren - Kuhlo

Vortext

Text

Was William Booth, der Gründer der Heilsarmee, für England, ist Johannes Kuhlo für Deutschland. Die Gabe, mit der er vor allem Gott diente, war die Musik. Er galt als Blaswunder: Nicht zu beschreiben, nur zu erleben. Sein Einsatz für die christliche Posaunenarbeit war richtungsweisend und epocheprägend.

Ein seltsames Original Gottes
Er war ein echter Sohn Westfalens: Urwüchsig, humorvoll, kernig. Ihn beseelte ein unstillbarer Drang, das Evangelium in die Lande zu tragen und so entwickelte er eine originelle Art des Missionierens – er machte das Horn zum Sprachrohr. Sonntags zog er mit einem Posauenenchor durch die Ortschaften und sorgte erst mal für Ärger.
„Wir blasen zunächst ein kurzes Liedchen. Sofort fliegen die Fenster auf, verwunderte oder wütende Gesichter kommen zum Vorschein. Jedoch ehe ein Mund loslästern kann, rufe ich: ,Liebe Leute, wir wollten euch ein Ständchen bringen. Dürfen wir noch ein Stück blasen?‘ Und dann gehts Schlag auf Schlag: Evangeliums-Lieder, kurze Ansprachen und immer wieder Choräle.“
Das war nach Kuhlos Erfahrung die einzige Methode, mit der man an Kirchen-Entfremdete herankommen konnte. Kuhlo brach mit Posaunenschall die harten Herzen wie seinerzeit Josua die Festungsmauern Jerichos. Ein Landrat sagte damals anerkennend: „Er hat den Männern den Branntwein genommen und ihnen dafür die Posaune gegeben.“

Erweckung in Deutschland
Am 8. Oktober 1856 wurde Karl Friedrich Johannes Kuhlo als Pfarrerskind im ostwestfälischen Gohfeld bei Herford geboren. Damals stand das Land im Frühling einer geistlichen Erweckung. Diese war durch die Wortverkündigung von Johannes Heinrich Voelkening (1796-1877) aufgebrochen. Junge Menschen wurden vom Evangelium gepackt. Einer brachte den andern in die Gottesdienste. Der Geist Gottes sprach die Menschen durch Voelkening mit unfassbarer Vollmacht an und verwandelte sie spürbar. Es wurde ihnen unmöglich, von dem Erlebten zu schweigen. Ganze Landstriche erlebten den Aufbruch geistlichen Lebens. Überall entstanden Bibelbesprechstunden, Jungmännervereine und Chöre. Man suchte Gottes Segen mit großem Ernst. Kuhlo berichtet später:
„Wenn wir im Chor ein neues Lied lernten, beteten wir auf Knien um den Segen Gottes. Dann erst zogen wir damit in die Lande.“
Die Chorarbeit war eng an die Gemeindearbeit geknüpft. Die Posaunenbläser sollten sich vollzählig zur Bibelstunde einfinden.

Ein unverwüstlicher Kerl
Johannes Kuhlo war körperlich klein, aber quicklebendig. Er hatte eine starke Lunge, die ihm als Bläser sehr zu Gute kam. Man kannte ihn als immer trabenden Läufer und zähen Burschen. Noch als weißhaariger Greis mit Rauschebart sah man ihn eher laufen als gehen. Als ihn jemand fragte, ob Posaunenblasen der Gesundheit schade, antwortete Kuhlo: „Durchaus nicht. In kürzester Zeit kannst du viel weiter tauchen.“
Als junger Student war er mit Komilitonen am Rhein. Da wurde die Idee einer waghalsigen Wette geboren: Zugunsten der Baseler Mission wollte Kuhlo den Rhein durchschwimmen. Das war damals eigentlich polizeilich verboten, aber das focht den jungen Theologen nicht weiter an: Es war ja für einen guten Zweck ... Das Besondere: Johannes sollte während der Überquerung sein Horn blasen. Er erreichte tatsächlich musizierend das andere Ufer und gewann die Missions-Wette.
Eine sehr „naturverbundene“ Lebensweise und ein kaltes Brausebad am frühen Morgen hielt er bis ins hohe Alter durch. Allerdings konnte seine Mit- welt leicht Anstoß an ihm nehmen, denn sonst pflegte er sich kaum. Auf sein Äußeres gab er nichts. Er kam oft tagelang nicht aus dem Anzug und verzichtete aus Sparsamkeit auf Unterwäsche und Strümpfe. Eine Zahnbürste hat er nie benutzt; er bevorzugte vegetarische Kost und liebte Honig und Marmelade.
„Ich bin unter Kühen aufgewachsen ... Milchtrinker muss man bleiben“, erwähnte er oft, „und seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich Nichtraucher.“
Kuhlos Vater, ein starker Raucher, gab bald seine Sucht auf, um „ein ganz hübsches Sümmchen“ für die Innere Mission geben zu können.

Hat der Junge aber ne' Puste!
Schon mit sechs Jahren sammelte Johannes erste Blas-Erfahrungen. Zu Weihnachten hatte ein Nachbarsjunge ein kleines Posthorn geschenkt bekommen. Johannes borgte es sich aus und blies rasch besser als sein Besitzer. Mit acht zeigte sich sein bläserisches Naturtalent: Er brachte sich in einer Stunde die Alt-Posaune bei. Ab da durfte er mit in den örtlichen Posaunenchor. Am nächsten Sonntag schmetterte er zum Ausgang des Gottesdienstes so laut dazwischen, dass sich sein Vordermann schmunzelnd umdrehte und sagte:
„Hew de Pastorenjung over n‘ Puste!“
Sein Vater wies ihn danach aber hart zurecht:
„Wenn du noch mal so einen Lärm machst, nehme ich dir die Posaune weg. Es steht geschrieben: alles, was lieblich ist, was wohllautet, das erwägt!“
Ab da übte Kuhlo das Pianissimo und konnte bald so leise blasen, dass man von seinen Tonleitern im Nebenzimmer fast nichts mehr hörte.
Als Schüler war er der Notenkopist seines Vaters. Er schrieb von Hand wie gestochen die Notenhefte für jede Stimme. Mit fünfzehn Jahren gründete er einen Schul-Posaunenchor am Evangelisch-Stiftischen-Gymnasium Gütersloh. Damals hatte er „die genialste Erfindung seinens Lebens“: Er setzte die Noten der Militärschreibweise für Bläser so, dass sie mit dem Klavier übereinstimmten. Damit wurde die verwirrende Vielzahl von Notenheften überflüsig. Dieser Einfall vereinheitlichte alle Stimmlagen und gab die Möglichkeit, den Gemeindegesang mit Posaunenchor und Orgel zu begleiten. Positiver Nebeneffekt: Durch die neu geschaffene Griffweise gab es eine natürliche Abgrenzung gegenüber den Militär- und Kneipenkapellen der damaligen Zeit. Nach und nach setzte sich diese einheitliche Griffweise unter christlichen Chören durch.
Noch als Gymnasiast stellte er sein erstes Posaunenbuch zusammen und setzte in Tag- und Nachtarbeit die Noten. Es folgte ein „Füllhorn“ an Bläserstücken. Kuhlo studierte ab 1876 in Leipzig und Halle und 1877 in Erlangen Theologie. Während seiner Studienzeit wurden von ihm Bach und Händel wiederbelebt und für Posaunenchöre zugänglich gemacht.

Die Frage des Theologie-Professors
Als Student erlebte er den Alttestamentler Franz Delitzsch. Einmal stellte dieser in einer spröden Vorlesung über hebräische Vokale unvermittelt die Frage: „Meine lieben Herrn Studenten. Hat jeder von ihnen schon einen Kniefreund?“ Statt einer Antwort vernahm Delitzsch nur ein ratloses Flüstern.
„Ein Kniefreund ist ein Freund, mit dem man vor dem Herrn Jesus die Knie beugt. Wenn Sie später in ihr Amt kommen und keinen Kniefreund haben, wird alle Arbeit vergeblich sein.“
Diesen Rat hat Kuhlo sein Leben lang nicht vergessen und selbst oft weitergegeben. Er wurde zwar nie ein gründlicher Theologe, aber er war in Bibel und Gesangbuch beheimatet und im Gebet gegründet. Kuhlo hielt der Erweckungsbewegung die Treue und blieb durch seinen schlichten Bibelglauben geprägt. Schon sein Elternhaus war ein Begegnungsort für wiedergeborene Pfarrer der Umgebung. Sie trafen sich bei Johannes Vater zur Predigtvorbereitung und zur engen Gebetsgemeinschaft. Über dem elterlichen Pfarrhaus stand in Eiche geschnitzt:
„Flieh, Mietling, dieses Haus! Dir ist es nicht gegeben. Nein, denen, die erst ihm und dann den Schafen leben!“
Gott war der reale Mittelpunkt des Lebens, nicht die menschlichen Bedürfnisse.
„Diesen Gottesmännern verdanke ich es, dass mir die Bibel unumstößliches, festes, gewisses Gotteswort wurde und ich bis heute vor jedem Zweifel an der Bibel in Gnaden bewahrt worden bin.“
Nach seinem Studium war er für ein Jahr Praktikant im Rauhen Haus in Hamburg. Es war das Sterbejahr des Gründers Johann Hinrich Wichern. Mit seiner Blasmusik erhellte er dem sterbens- kranken Wichern und seinen schwer erziehbaren Zöglingen den Alltag. Er brachte frischen Schwung und guten Gesang in das ganze Anstaltsleben.
1881 arbeitete er als Hauslehrer und Vikar. Bei einem Bläsertreffen in Hannover wurde Kuhlo erstmals „Posaunengeneral“ genannt. 1882 trat er seine erste Pfarrstelle an. Mit 29 Jahren heiratete er Anna Siebol. Die beiden hatten zusammen elf Kinder. 1891 wurde er der Nachfolger seines Vaters als Präses der Minden-Ravensberger Jünglings-, Jungfrauen- und Posaunenvereine und führte mit Tausenden von Bläsern und Sängern große Bläsertreffen in Westfalen durch.

Kuhlos Berufung nach Bethel
1893 berief ihn Friedrich von Bodelschwingh in seine Arbeit an Behinderten. Kuhlo zögerte, denn er sah seine Aufgabe in der Jugend- und Musikarbeit. Er hatte seinem sterbenden Vater versprochen „dass ich der musica sacra mit den mir von Gott verliehenen Gaben mein Leben lang dienen will.“ Bodelschwingh antwortete ihm:
„Gerade deshalb will ich dich. Du sollst für Bethel junge Menschen werben, sollst durch deine musica sacra Kranke ermuntern und Bethel mit Lied und Lobgesang füllen. Für deine Bläser kannst du von Bethel aus viel besser sorgen. Komm mal her und sieh‘s dir an.“
Kuhlo kam, sah, blieb und blies. Er wurde Vorsteher des Brüderhauses Nazareth und brachte halb Bethel die Blechblasmusik bei. Allerdings hatte er anfangs eine Besorgnis:
„Mit meinen lieben Bauern im Ravensberger Land bin ich duch Gottes gnädigen Beistand ausgekommen. Aber wie wird das hier mit den vielen Studierten werden? Ich bin unter Akademikern so befangen ...“ Bodelschwingh entgegnete: „Brüderchen, die Hauptsache ist mir ein demütiger Umgang mit den Brüdern und den Kranken.“
Bald wurde er für die Arbeit in Bethel zum „Vater Kuhlo, dem Freudenmeister“. Er selbst bezeichnete sich als „Mitarbeiter am Psalm 150“ , nach dem 3. Vers: „Lobt ihn mit Posaunenschall“.
Wenn er zu predigen hatte, lag auf der Kanzelbrüstung sein Flügelhorn parat. Manchmal unterbrach er seine Ansprache, blies eine muntere Weise und predigte weiter. Zudem hatte er ein mit Humor gewürztes Erzähltalent. So schlief keiner unter seiner Kanzel ein.
1915 wurde seine zweite Ehe mit Else Siebold geschlossen. Sie war die Schwester seiner bereits 1908 verstorbenen ersten Ehefrau.
Erst als 69-jähriger ging er in den Ruhestand. Kuhlo schied in Bethel aus und nannte sich „Pastor i. u., d. u.“ (Pastor in Unruhe, dauernd unterwegs).
Er widmete sich fortan ganz dem geistlichen Bläserwesen. In der Zeit von 1920-1931 unternahm er ausgedehnte Konzertreisen im In- und Ausland mit dem Kuhlo-Horn-Sextett. Er blies in Moskau, Paris, London und Helsinki. Er blies in Schwimmbädern und Sanatorien, er blies vor Krüppeln und dem Kaiser. Das Reisen lag ihm schon immer im Blut. Sein Haus hieß im Volksmund „Hotel zum laufenden Stiefel“, weil Termine Kuhlo stets auf Trab hielten und ständig Gäste ein und aus gingen. Hatte er am Abend Besuch, beendete Kuhlo gegen 22 Uhr die Gesellschaft mit einem Choralgesang und einem gemeinsamen Gebet.

Bedauerliche Blindheit ...
Doch leider mischte sich mehr und mehr Patriotisches unter seine Pilgerlieder. Sein Vaterland wurde immer mehr auf diese Erde verlegt. Verschwiegen seien hier auch nicht die klangvollen „Kaiser-Huldigungen“ in Westfalen mit tausen- den von Sängern und Bläsern unter Kuhlos Leitung. Treue zu Thron und Altar war ein Grundzug seiner Frömmigkeit. „Nationaler“ Glaube trübte die sonst so klare bliblische Botschaft Kuhlos. Diese deutschtümelnden, kaisertreuen Ansätze machten ihn im Dritten Reich zu einem rasch Begeisterten und Vereinnahmten. Bei der Machtübernahme der Nazis (1933) war Kuhlo 77 Jahre und sah in Hitler Deutschlands Rettung. 1936 wurde in Bethel der 1. Reichsposaunentag abgehalten. Er wurde auf Kuhlos 80. Geburtstag gelegt. Etwa 4.500 Bläser wirkten mit. Mitten in Verblendung und Untergang seines Volkes starb Kuhlo am 16. Mai 1941. Nach über 70 Jahren Chorarbeit musste der „Posaunengeneral“ abtreten. Dennoch triumphiert Gottes Gnade in seinen letzten Worten:
„Mein Jesus vergibt reichlich!“
Einen aufschlussreichen Einblick in seine tiefe Beziehung zu seinem Gott gibt das Gebet, das er am offenen Grab seiner Frau gesprochen hat:
„Herr Jesus Christus, du Todesüberwinder und Lebensfürst. Hier steht dein armer, schwer geschlagener Knecht mit einer Herzenswunde, die so tief ist, dass sie auf dieser armen Erde nicht mehr heilen kann. Denoch bekenne ich, dass du, Sohn des Vaters, Gott von Art, die einzige Trostquelle bist. Mein Tröster, der mir hilft, dass ich nicht zusammenbreche. Ach Herr, du hast mir meiner Augen Trost genommen – wes soll ich mich nun trösten? Ich hoffe auf dich, Herr Jesus! Danken will ich dir mehr als einmal, danken an diesem dunklen Grab, dass du das Gebet der nun Entschlafenen erhört und ihr einen schnellen und weiten Eingang gegeben hast in dein Himmlisches Reich durch dein kostbares Blut. Danken muss ich dir, dass du mir fast 24 Jahre diesen Schatz anvertraut hast, eine weise, betende Gehilfin, die um mich war. Ich weiß, ich war sie nicht wert. Du hast es unverdient gut mit mir gemeint. Und endlich gib, dass von uns allen, die wir hier in Liebe und Schmerz vereint stehen, keiner zurück bleibe, sondern wir alle mit der selig Vorausgegangenen dereinst wieder vereint werden dürfen bei dir, dem großen Hirten deiner Schafe in der ewigen Freude und Seligkeit. Amen.“

Nachtext

Quellenangaben

Benutzte Literatur
Zeugen für Jesus, Hrgb. Oskar Schnetter, Brockhaus, Wuppertal 1964
Er bricht die Bahn, A. Pagel, Francke-Buchhandlung, Marburg 1979
Menschen vor Gott, Verlag Junge Gemeinde, Stuttgart 1957, 16. Mai