Zeitschrift-Artikel: Von wegen Spatzenhirn!

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Titel: Von wegen Spatzenhirn!
Typ: Artikel
Autor: Werner Gitt
Autor (Anmerkung):

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Titel

Von wegen Spatzenhirn!

Vortext

Es ist wahr, von uns gibt es sehr viele. Unser Gesang ist mißtönend laut. Man behauptet, wir fräßen Ihnen das Futter weg. Nicht einmal unser bescheidener Anzug macht uns beliebt. Und doch worden Sie es aller Mühe wert finden, einem kek­ken Spatzen ein wenig Aufmerksamkeit zu schen­ken. Das verspreche ich Ihnen.
Sie meinen, Sie finden nichts Besonderes an mir? Aber hören Sie, von Ihrer Sorte gibt es doch genau so viele wie von uns. Und denken Sie denn, alles, was es häufig gibt, sei gewöhnlich? Dann müßten Sie auch sehr gewöhnlich sein! -Oh, Entschuldigung, jetzt war ich aber wirklich frech.
Eigentlich bin ich ein recht gesitteter Feldsper­ling. Auf keinen Fall möchte ich mit meinem Vet­ter, dem frechen, fetten Haussperling verwechselt werden. Mich können Sie an der grauen Brust und dem schwarzen Wangenfleck erkennen, so daß Sie uns leicht unterscheiden können. Wie mein Name schon sagt, halten wir uns ein bißchen von Ihren Häusern entfernt.

Text

Zum Fliegen geschaffen

Mein Schöpfer hat mich von vornherein als "Flugzeug" konstruiert. Aus diesem Grund ist auch das kleinste Teilchen meines Körpers auf das Fliegen ausgerichtet. Ich kann nicht begrei­fen, wie dann Menschen die Stirn haben können, zu behaupten, wir stammten von Reptilien ab. Stellen Sie sich vor, Krokodile sollen zu unserer näheren Verwandtschaft gehören! Man will mich glauben machen, der erste Sperling habe schon vor 50 Millionen Jahren gelebt. Das kommt mir so vor, als ob die Märchenhaftigkeit dieser Anschau­ungen durch die Menge der Jahre vertuscht wer­den soll. - Aber, lassen wir die Theorie beiseite und wenden uns lieber den Tatsachen zu. Dann mögen Sie selbst urteilen.
Mein Körper ist aus den denkbar leichtesten Stoffen gebaut. Fast alle Knochen sind innen hohl. Dadurch können sie Luft aufnehmen, und sie sind sehr leicht und trotzdem stabil. Bei ei­nem entfernten Verwandten von mir, dem Alba­tros, wiegt das gesamte Knochengerüst nur 120 bis 150 Gramm, obwohl er über einen Meter lang ist und eine Flügelspannweite von drei Metern aufweist. Das Gewicht seiner Federn ist größer als das der Knochen.
Wären unsere Knochen mit Mark gefüllt, wie das bei den Reptilien der Fall ist, könnten wir nie fliegen. Außerdem ist unser Becken, anders als bei den Echsen, fest mit der Wirbelsäule verwach­sen. Nur so hat unser Knochengerüst jene Starre und Elastizität, die für einen Flugkörper unbedingt erforderlich ist.

Ein bemerkenswertes Loch

Ein kleines Loch in der Gelenkpfanne des Oberarmknochens erscheint mir sehr bemerkens­wert. Das ist nicht etwa ein Defekt, sondern durch dieses Loch führt jeweils die Sehne, die den kleinen Brustmuskel mit der Oberseite des Schultergelenks verbindet. Dadurch kann ich meinen Flügel anheben und überhaupt erst flie­gen. Wenn ich natürlich von den Reptilien ab­stammen soll, frage ich mich, wer da das Loch in die Gelenkpfanne gebohrt und dann gar noch die Sehne eingefädelt hat? Solche Löcher suchen Sie beim Krokodil vergeblich.

Herz, bleib stark!

Krätsch! Hilfe ein Sperber! Krätsch! Wo kann ich mich nur verstecken...? Hilfe ... Ach, das ist noch einmal gut gegangen! War das gefährlich! Jetzt ist er wieder fort. Wissen Sie, daß der Sper­ber unser ärgster Feind ist? Mit seinen langen Fängen kann er uns sogar im dichten Gebüsch erwischen, wenn wir nicht aufpassen. Wir haben überhaupt eine Menge Feinde: Krähen, Elstern, Katzen, Menschen. Nicht einmal nachts läßt man uns in Ruhe. Die Eulen greifen uns sogar auf un­serem Schlafbaum an. Einmal habe ich erlebt, wie der gräßliche Waldkauz mitten in der Nacht in un­sere Bruthöhle einbrach, meine Frau herauszerrte und ohne Erbarmen von Kopf bis Fuß auffraß. Es war entsetzlich!
Trotzdem weiß ich, daß mein Schöpfer für mich sorgt. In der Bibel steht, daß kein einziger Sper­ling von Gott vergessen wird! Wie gut müssen Sie es dann haben! Sie sind ihm doch noch viel wert­voller als ich. Selbst die Haare auf Ihrem Kopf hat er alle gezählt. Ja, die Menschen hat Gott offen­bar besonders lieb!
Wissen Sie, mein Schöpfer hat mir ein außerge­wöhnlich starkes Herz gegeben. Es ist eines der Leistungsfähigsten überhaupt. Jetzt, während ich mit Ihnen spreche, schlägt es in jeder Sekunde mehr als siebenmal, nämlich 460 mal pro Minute. Vorhin, als ich vor dem Sperber flüchtete, erhöhte sich mein Puls auf 760! Das muß so sein, damit ich fliegen kann.

Ein Super-Werkzeug

Ja, schauen Sie mich ruhig noch etwas genau­er an: Sehen Sie meinen Schnabel? Ein unscheinbares Ding von außen, nicht wahr? Aber er ist ein Wunderwerkzeug meines Schöpfers; su­perleicht und trotzdem den härtesten Anforderun­gen gewachsen. Man hat ausgerechnet, daß das Horn meines Schnabels eine Reißlänge von etwa 31 Kilometern hat. Das heißt, wenn Sie aus dem Material einen Draht herstellen und irgendwo be­festigen könnten, dann würde er erst bei einer Länge von 31 km durch sein eigenes Gewicht an der Befestigung abreißen. Das Material, das die Menschen im Flugzeugbau verwenden, hat nur ei­ne Reißlänge von etwa 18 Kilometern.

Ein Blick durch den Feldstecher

Hätten Sie gewußt, daß mein gesamter Schä­del leichter ist als meine beiden Augäpfel?! Da­raus brauchen Sie jetzt nicht etwa boshafte Schlüsse auf mein Spatzenhirn zu ziehen. Meine Augen sind weitaus besser als die Ihrigen. Wir Vögel haben sieben- bis achtmal mehr Sehzel­len pro Flächeneinheit als Sie. Dadurch entsteht in unserem Gehirn ein viel schärferes Bild. Wenn Sie z. B. einen Gegenstand so genau er­kennen wollen, wie ihn ein Bussard wahrnimmt, müßten Sie einen Feldstecher (8 x 30) zu Hilfe nehmen. Ich gebe zu, meine Augen sind zwar nicht ganz so scharf, aber den Vergleich mit Ih­nen halte ich immer noch aus. Ein Biologe schreibt, daß unser Auge ein Wunderwerk an Bau, Funktion und Leistungsfähigkeit ist. Es ge­hört zu den vollkommensten optischen Organen in der Wirbeltierwelt Das muß auch so sein, denn uns darf selbst beim schnellsten Flug kei­ne wichtige Einzelheit entgehen.
Zusätzlich zu den scharfen Augen hat Gott uns auch noch einen sehr beweglichen Hals gegeben. Mit unserem Schnabel-Werkzeug können wir so­mit mühelos jeden Körperteil erreichen. Glauben Sie, das könnte zufällig so sein? Versuchen Sie einmal, mit ihrer Stirn bis an die Knie zu kommen. Oder schaffen Sie das doch? - Nein, Sie brauchen es jetzt nicht vorzumachen. Wenn es Ihnen über­haupt gelingt, werden Sie Ihre Knochen ganz schön knacken hören. Für mich ist diese Gelen­kigkeit lebensnotwendig.

Verdauung muß auch sein

Was sagen Sie da? Gott hätte mich als unnüt­zen Fresser geschaffen? Oh, solch eine Beleidi­gung können wir nicht hinnehmen, mein Schöpfer und ich. Wissen Sie überhaupt, was ich fresse? Ja, das dachte ich mir! Wer am wenigsten Ah­nung hat, spuckt meist die lautesten Töne! Ent­schuldigung - das war wieder frech, aber Sie wa­ren eben auch nicht gerade höflich!
In China sind meine Verwandten einmal beina­he ausgerottet worden, weil da einige kluge Leute dachten, wir Feldsperlinge würden ihnen zuviel Reis und Hirse wegfressen. Doch als sie unsere Rasse dort nahezu vernichtet hatten, erkannten sie, daß das Ungeziefer auf den Feldern derart überhandnahm, daß die Verluste nun viel höher waren als vorher. Zu unserer eigentlichen Ernäh­rung gehören nämlich die kleinen Tiere, die Sie als Schädlinge und wir als Delikatessen empfin­den: Maikäfer, geflügelte Ameisen, Larven vorn Ei­chenwickler, Apfelblütenstecher, Blattläuse usw.
Da wir gerade beim Essen sind: Wissen Sie überhaupt, wie unsere Verdauung funktioniert? Schließlich ist das ein ganz natürliches Thema! Wie Sie ja wissen, ist bei mir alles aufs Fliegen eingerichtet. Da ich sehr viel eiweißhaltige Nah­rung aufnehme, komme ich mit einem außerge­wöhnlich kurzen Darm aus; brauche jedoch scharfe Verdauungssäfte. Mein Schöpfer wollte mich nicht unnötig lange mit den nutzlosen Verdauungsrückständen belasten, deshalb werfe ich das Zeug immer so schnell wie möglich wie­der ab - nicht selten im Flug, wodurch es mir schon manches Mai gelang, Ihre Kleidung etwas zu "dekorieren". Oh, verzeihen Sie! ‑
Mein Konstrukteur machte übrigens noch etwas Geniales, als er mich schuf. Er ließ nämlich ein­fach die Harnblase weg. Dadurch konnte er mei­nen Körper nach hinten stromlinienförmig verjün­gen und somit das Gewicht niedrig halten. Mein Harn wird zu 80 % von Harnsäure gebunden, die im letzten Stück des Enddarms als weiße Paste auskristallisiert wird. Ist das nicht fein durch­dacht? Außerdem wird das für den Ausschei­dungsprozeß benötigte Wasser fast vollständig in den Organismus zurückgeführt. So brauche ich nur selten Wasser "nachzutanken".

Katapult und Taschenmesser

Haben Sie noch ein bißchen Geduld? Schauen Sie sich einmal meine Füße an! Es scheint nicht viel daran zu sein, und doch ist eine ziemlich raffi­nierte Konstruktion darin versteckt. Es stimmt schon: Was Sie da sehen, sind wirklich nur Füße und Zehen. Der Rest - Schienbein, Knie und Ober­schenkel - verbirgt sich innerhalb meines Kör­pers. Und wenn Sie den Eindruck haben, ich ste­he aufrecht, befinde ich mich in Wirklichkeit in ei­ner Kniebeuge-Hockstellung. Für Sie ist diese Haltung vielleicht unbequem, für mich jedoch nicht. Wenn ich nun meine Knie plötzlich strecke, schleudern mich die Muskeln wie ein Katapult nach oben, und ich beginne sofort, meine Flügel zu gebrauchen. Während des Fluges ziehe ich mein "Fahrgestell" dann bequem unter die Federn und fahre es erst bei der Landung wieder aus. Auch hier bewährt sich seine höchst elastische Aufhängung bestens. Vielleicht haben Sie sich auch schon einmal darüber gewundert, wie ich stundenlang auf einem Zweig sitzen und sogar in dieser Stellung schlafen kann. Das hat mein Schöpfer durch einen besonderen Mechanismus ermöglicht, der die Zehen automatisch den Zweig umschließen und festhalten läßt. Ein ganzes Bün­del von Sehnen ist von den Zehen aus mit dem Muskel des Oberschenkels verbunden. Setze ich mich auf einen Zweig, dann spannen sich die Sehnen allein durch mein Gewicht und ziehen die Zehen zusammen. Hinzu kommt, daß sich auf ei­nem bestimmten Stück der Sehne etliche kleine Höcker befinden. Wenn ich mich setze, haken sie sich in den Zähnchen fest, die sich, gewiß wieder­um nicht zufällig - gerade an dieser Stelle im Schlauch der Sehnenscheide befinden. So blei­ben die Sehnen ohne Anstrengung gespannt, und ich falle nicht vom Baum.
Bei Langbeinern wie Storch und Reiher, die oft lange stehen müssen, ist das ein bißchen anders konstruiert. Sie haben ein spezielles Kniegelenk bekommen, das wie ein Taschenmesser einrastet. So können sie stundenlang stehen.

Warum wir Eier legen

Was denken Sie eigentlich, warum wir Vögel unsere Jungen nicht austragen wie die Säugetie­re? Sie wissen es nicht? Na, stellen Sie sich vor, wie ein schwangeres Vogelweibchen mit dem dik­ken Bauch fliegen soll! Und wovon sollte ich mich in der ganzen Zeit ernähren, wenn ich nur krie­chen könnte? Die Sache mit den Eiern ist eine Patentlösung unseres Schöpfers. Dadurch werde ich kaum beim Fliegen behindert. Ich lege die Ei­er schnell hintereinander, durchschnittlich in Ab­ständen von nur 24 Stunden. Auf diese Weise ha­be ich das Gelege schnell beieinander und kann die Eier dann alle auf einmal ausbrüten. Dadurch können wir Vögel gleich mehreren Jungen auf ein­mal das Leben schenken.

Die Kunst des Brütens

Sie stellen sich das gewiß als eine äußerst langweilige Beschäftigung vor. Das kommt, weil Sie keine Ahnung von der Schwierigkeit dieser Ar­beit haben. Denken Sie denn, wir setzen uns ein­fach auf die Eier und warten, bis unsere Jungen ausgeschlüpft sind? Wissen Sie, wie empfindlich unsere in den Eiern heranwachsenden Jungen sind? Da muß die Temperatur genau stimmen, die richtige Feuchtigkeit muß vorhanden sein, und selbst ein ungehinderter Gasaustausch muß mög­lich sein. Sollte das nicht der Fall sein, sterben unsere Jungen, noch bevor sie geboren sind.

Unser Schöpfer hat aber eine geniale Idee ge­habt und sie folgendermaßen verwirklicht: Noch bevor ich anfange, die Eier zu legen, fallen mir an der Bauchseite an zwei, drei Stellen die Flaumfe­dern aus. Dafür wächst dort eine viel dickere Haut als vorher. Die Blutgefäße vermehren sich um das Siebenfache und werden etwa fünfmal so dick wie vorher. Gleichzeitig sammelt sich in den Zellen dieser "Brutflecken" eine Menge Flüssigkeit an. Wozu das Ganze? Sobald ich mit dem Brutfleck das Ei berühre, wird dessen Temperatur ins Zwischenhirn gemeldet. Von dort aus wird dann die Eitemperatur entweder direkt gesteuert, oder mir wird klar, wann und für wie lange ich die Brut unterbrechen muß, damit etwas Luft herankommt, und wann ich die Eier zu wenden habe.
Wie diese Meldung ins Zwischenhirn gelangt und wie ich mittels des Brutflecks Informationen an meine Jungen weitergebe, ist Ihren Wissenschaftlern noch völlig unbekannt. Trotz­dem behaupten viele kurzerhand, daß sich diese Fähigkeit allmählich entwickelt hat. Diese Leute würde ich gern fragen, wie denn meine Vorfahren früher ihre Jungen ausgebrütet haben sollen, wenn sie nicht merkten, ob die Eier zu heiß oder zu kalt waren?
Ach, ich könnte Ihnen noch so viel erzählen von meinem großartigen Lungensystem, dem Wunder des Fliegens, der Superkonstruktion mei­ner Federn, von meinen Navigationsinstrumenten ... Doch das überlasse ich lieber meiner Kollegin, der Schwalbe, die das viel besser kann. Nun wüß­te ich gerne: Glauben Sie immer noch, daß ich von irgendwelchem kriechenden Getier abstam­me? - Nein, mein Schöpfer heißt nicht "Zufall" und nicht "lange Zeit". Mein Schöpfer ist der, der am fünften Tag sprach, daß Vögel über die Erde flie­gen sollen und der sie alle nach ihrer Art schuf. Es ist der, der uns segnete und seine Freude an uns hat. Ich bin ein Wunderwerk aus seiner Hand. Sie auch! Sollten wir ihn nicht gemeinsam loben!

Nachtext

Quellenangaben

Auszug aus der Neuerscheinung:
W.Gitt / K.H.Vanheiden: "Wenn Tiere reden könnten.,.", CLV, siehe Buchbesprechung