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Autor: Uwe Neugebauer
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Wir schreiben den Spätsommer 1989. Die politische Situation in der DDR – unserem „sozialistischen Vaterland“ – wird langsam aber sicher immer unübersichtlicher. Die einen demonstrieren zu Hunderttausenden jeden Montag in Leipzig gegen das SED-Regime. Die anderen bereiten eine großangelegte Freuden- und Jubelfeier vor. Ob man’s wahrhaben will oder nicht: Unsere „Deutsche Demokratische Republik“ soll am 07.10.1989 ihren 40. Geburtstag feiern. Und dafür heißt es nun Vorbereitungen zu treffen: Das nun mittlerweile schon etwas in die Jahre gekommene Ländle aufpolieren – zeigen sich doch schon beachtliche „Falten, Runzeln und Altersflecken“. Schnell etwas frische Farbe über so manche bröckelnde Fassade – zumindest rein äußerlich. Denn für mehr reicht es offensichtlich nicht – zudem ist auch mancherorts die Zeit viel zu kurz für mehr. Große Feste sind vorzubereiten und zu inszenieren – schließlich will man ja nicht gänzlich ohne Freude und Zuversicht in’s nächste Jahrzehnt gehen!

Sonderurlaub für die „Fahnenschwenker“!

Apropos große Feste – ganz so einfach wie in den Vorjahren will sich die ganze Sache nicht mehr gestalten lassen. Zu zweigeteilt ist mittlerweile die Bevölkerung. Zu tief und breit der Riss durch die ganze Gesellschaft. Also ersinnt man ein neues Mittel: Die Jugend soll in großem Maßstab herhalten. So erscheint eines Tages der FDJ-Sekretär unserer Firma in unserer Abteilung mit der verlockenden Kunde: „Hört mal, Jungs und Mädels: Am 07.10. gibt es in Berlin wieder die große Demonstration zu Ehren unseres sozialistischen Vaterlandes, unseres Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker und zum 40-jährigen Bestehen unserer Republik. Wer mit will, bekommt drei Tage Sonderurlaub.“ Erst einmal schauen meine Freunde und ich uns etwas dumm an – aber dann sagen wir doch zu. Ach, was soll es – drei Tage Urlaub – egal für welche Aktion. Da kommt man wenigsten mal raus – und erlebt wieder richtig etwas. Und so sagen wir zu. Kurz bevor es in Berlin so richtig zur Sache gehen soll, wird der „Jubelzug“ unseres Landkreises erst einmal in unserer Kreisstadt geübt. Immer hin und her auf dem Marktplatz – die Bahnhofstraße rauf und runter. Schließlich soll ja nichts schiefgehen in Berlin bei unserem Marsch an der Führungsriege vorbei! Allein diese Übungsaktion finden wir schon äußerst erheiternd und lustig. Den nötigen Ernst – geschweige denn innere Überzeugungen – vermisst man indes ganz und gar.

Vorbei an „Erichs Lampenladen“

Und ganz genau so fahren wir dann auch in Richtung Hauptstadt. Eigentlich gilt für uns nur: So gut und so heftig wie möglich die drei Tage Sonderurlaub auszukosten. Spaß haben ohne Ende. Neue Leute kennenlernen. Wieder neue weibliche Bekanntschaften schließen. Na und für den „Treibstoff“ soll eine gehörige Portion Alkohol sorgen. So werden diese drei Tage eigentlich zu einer richtigen großen Party. Der eigentliche Sinn der ganzen Aktion rückt völlig in den Hintergrund. Die geplante „Demonstration zu Ehren von …“ verkommt zu einer einzigen großen „Jubel“-Inszenierung ohne Herz, Überzeugung und Wahrheit. Einmal an „Erich’s Lampenladen“ (Palast der Republik) vorbeimarschiert, fliegen alle Flaggen und Fahnen hinter der nächsten Straßenecke auf große LKW’s – und das war’s! Mit stolzgeschwellter Brust berichtet zeitgleich das staatliche Fernsehen und zeigt die gestellten und eingeübten Jubelposen vor Honeckers Ehrentribüne. Was für eine ekelerregende Schönfärberei und Heuchelei!

20 Jahre danach …

Jetzt – fast 20 Jahre danach und davon etwa 19 Jahre eines Lebens als Christ – stimmt mich diese Erinnerung recht nachdenklich – gar besorgt. Denn als Quintessenz verbirgt sich darin eine ganz praktische Lektion: Auch Gott möchte keinen inszenierten, gekünstelten, eingeübten, gewohnheitsmäßigen Jubel – sprich Anbetung. Er möchte Anbetung aus dankbaren, aufrichtigen Herzen – echt und ehrlich. „Aber die Stunde kommt und ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4,23-24) Im Zusammenhang damit muss ich an den Ort und Zeitpunkt denken, wo das, was hoffentlich während der Woche an Beindruckt- und Begeistertsein über Gott und seine Werke gewachsen ist, der eigentliche Anbetungs-Höhepunkt sein sollte: die Abendmahlfeier in unseren Gemeinden. Wie schnell sind sieben Tage vorbei – und schon sitzt man wieder in genau demselben Gemeinderaum, nicht selten wieder in genau derselben Bank, singt zum x-ten mal dieselben Lieder – nur die Reihenfolge variiert vielleicht – und liest in regelmäßigen Abständen dieselben Bibelverse mit sich ähnelnden Gedankengängen. Doch wo sind da noch Jubel, Freude, Frische und innere Anteilnahme?

Anbetung – auch nur eine herzlose Inszenierung?

Ich möchte uns eine ganz ehrliche Frage stellen, die sich sicherlich der eine oder andere auch schon einmal ganz persönlich und heimlich gestellt hat: Mutet es nicht manchmal auch wie eine perfekte Inszenierung an? Ist der Wunsch des Herrn, uns als Christen und Gemeinde zu seinem Andenken und seiner Anbetung zu treffen, vielleicht zu einem wöchentlich wiederkehrenden Ritual verkommen? Oder um es einmal ganz provokant zu formulieren – zu einem „Jubel auf Befehl“? Erinnern wir uns noch einmal an die Worte, die Jesus Christus zu der Samariterin am Jakobs- Brunnen sagte! Ihm sind unser Herzenszustand, unsere Herzenshaltung und unsere Gesinnung so wichtig wenn es darum geht, ihn durch Lob, Preis und Anbetung zu ehren. Er will eben nicht, dass sich unsere Anbetung auf äußere, religiöse Rituale beschränkt, zu Schematik, Fassadenhaftigkeit oder Routine verkommt – oder zum Jubel auf Knopfdruck wird, weil es eben mal wieder dran ist. Aber wenn ich ehrlich bin – wie oft finde ich bei mir Gleichgültigkeit und Herzenskälte? Wo ist sie geblieben – die von Herzen kommende Anbetung? Denn genau das meint Gott mit „im Geist und in der Wahrheit anbeten“! Unsere Herzen müssen sich wieder öffnen und hinwenden zu dem, der uns Gott selbst offenbarte und uns ein Zurück zu Gott überhaupt erst wieder möglich machte: Jesus Christus! Gelingen kann uns das nur durch eine echte, intensive, von Herzen kommende, tägliche, lebendige Beziehung zu ihm. Dann wird unsere Anbetung Gottes auch wieder die sein, die er sich so sehr von uns wünscht. „Denn der HERR sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht; denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an!“ (1Sam 16,7b)

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