Zeitschrift-Artikel: Ermutigung durch Entmutigung?

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Titel: Ermutigung durch Entmutigung?
Typ: Artikel
Autor: Peter Lüling
Autor (Anmerkung):

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Titel

Ermutigung durch Entmutigung?

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Text

„Wer Gott folgt riskiert seine Träume … und auch jedes Denkmal einst fällt ...“, wurde lange vor dem Mauerfall gedichtet.
Auch die Mauer, die unser Land zerteilte, existiert heute nur noch als geschichtliches Monument. Natürlich erinnert sich Deutschland gerne an den Fall der Mauer, weil dieses Ereignis eine Zeitenwende markierte. Was zusammengehörte, wurde wieder eins – unspektakulär, durch viele (Friedens-)Gebete und gewaltfreie Demonstrationen. Doch 20 Jahre später haben wir uns daran gewöhnt und ein Großteil der jüngeren Bundesbürger weiß nur aus dem Unterricht davon.
Nach dem Mauerfall strömten viele in die neuen Bundesländer. Es wurde kräftig investiert und gebaut, viele Unternehmen wollten ein „Stück vom großen Kuchen“ abbekommen, Landschaften blühten auf. Politische Parteien beanspruchten neue Klientel, Sekten überfielen die Landstriche, Heilsbringer boten ihre Ware feil. Auch die Christen wurden mobil, zahlreiche Einsätze initiiert, Gemeindegründungs-Arbeiten gestartet. Der Herr segnete an vielen Orten. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber auch daran haben wir uns heute gewöhnt.
Als der CLV-Verlag das kleine Büchlein „Als die Mauer fiel“ herausbrachte, entstand die Idee, es vielleicht mal „drüben“ an den Mann zu bringen. Über vierzig Geschwister, meist junge Leute aus Darmstadt und Hermeskeil, beteten, überlegten und fassten dann den Entschluss: „Wir fahren nach Magdeburg!“ Denn einzelne von uns kannten Thomas und Ursel Schmidt mit ihren Kindern, die schon 14 Jahre drüben leben. Sie waren seinerzeit dort hingezogen, um das Erntefeld zu bearbeiten.


Früher eine Hochburg des Protestantismus ...


Seitdem haben sie in Magdeburg hart und viel gearbeitet. In der Stadt mit 230.000 Einwohnern,
in der einst Luther predigte und die als Hochburg des Protestantismus galt, sind heute 86% der Bewohner konfessionslos – in der Tat ein großes Arbeitsfeld. Sieben Jahre lang haben die Geschwister dort jedes Jahr Teebus-Einsätze durchgeführt, dann sogar eine Bibelausstellung im Dom mit tausenden Besuchern (allein 130 Schulklassen) auf die Beine gestellt. Und auch sonst immer wieder Vorträge, Büchertisch-Abeiten auf der Straße und an der Uni. Studenten kamen und gingen wieder. Die Familie ist etwas müde geworden. Denn das Ergebnis ist „nur“ eine kleine Gemeinde mit 15 Menschen, die den Herrn lieben und ihm dienen möchten.

Das wussten wir als Jugendkreise und darum machten wir uns auf den Weg – mit dem großen Wunsch, sie zu ermutigen: Durchhalten, auch wenn keine Frucht sichtbar wird.
Wir bestellten 1.000 Bücher „Als die Mauer fiel“, bauten aus Pappkartons eine Mauer, ließen Einladungsflyer drucken, bestellten Traktate und andere evangelistische Literatur, übten ein paar Lieder für die Straße ein und lernten, aus Luftballons lustige Figuren zu drehen. Dann luden wir alles in die Autos und fuhren am Freitagnachmittag vor dem Mauerfall-Jubiläum endlich los – unterwegs in eine Stadt, die vor vielen Jahrzehnten und Jahrhunderten mit dem Evangelium in Kontakt gekommen war, aber jetzt unserem Heiland gegenüber weitestgehend gleichgültig ist.


Was wird fruchten?

Nach einer kurzen Nacht und einem guten Frühstück wurden wir erst einmal von Thomas über die Stadt, ihre Bürger und alles, was die Geschwister bisher dort gemacht und erlebt haben, informiert. Das war ergreifend – wir waren betroffen und beschämt, weil wir doch aus Gegenden kommen, wo viel mehr Gläubige sind. Würde unser Einsatz etwas bewirken? Würde Gott Frucht geben? Irgendwie war allen klar, dass unsere Mühe gar nichts bringt, wenn wir nicht beten. Deswegen sollte eine Gruppe den ganzen Tag über in der Gemeinde beten. Vier Standorte waren uns in der Stadt bewilligt worden, an denen wir verteilen und Büchertische machen konnten.
So bildeten wir fünf Teams und wechselten alle zwei Stunden.
Was geschah? Nun, alle Bücher konnten verteilt werden, wir hatten eher zu wenig. Den ganzen Tag über war unglaublich schönes Wetter, wir hatten sehr viele Begegnungen, gute Gespräche und eine tolle Gemeinschaft – Gottes Segen begleitete uns. Der extra zu diesem Anlass erstellte Umfragebogen war ein guter Aufhänger, mit vielen über die Mauer damals, aber auch über die Mauer der Sünde zwischen uns Menschen und Gott zu sprechen. Nur bei den wenigsten Menschen stießen wir auf offene Ablehnung.
Abends haben wir an der Uni noch zu einem Vortrag zum Thema eingeladen, aber nur wenige Besucher kamen. Wieder war eine Gruppe in der Gemeinde geblieben und „kämpfte“ im Gebet...


Hat sich die Mühe gelohnt?

Heute, etliche Wochen später, wissen wir von keiner Frucht. Dennoch hat sich dieser Einsatz wirklich gelohnt.

1. 40 meist junge Menschen haben eine Familie kennengelernt, die seit vierzehn Jahren ausharrt. Das ist für uns eine große Ermutigung – obwohl es für sie oft frustrierend ist.
2. Wir alle haben gesehen, dass es dort sehr viel Arbeit gibt, aber nur 15 Geschwister in der kleinen Gemeinde – und es gibt nur noch wenige andere Gemeinden. Wäre es nicht eine Überlegung wert, in Magdeburg zu studieren, um die Gemeinde dort zu unterstützen?
3. Beide Jugendgruppen haben seither ein dringendes Anliegen, für die Stadt und unsere Freunde dort zu beten. Viel mehr als vorher. Wir können konkret für die Menschen beten, besonders für die, mit denen wir persönlich reden durften.
4. Uns ist eine Last auferlegt worden, für die wir dankbar sind. Die Last und Lust, am Evangelium zu arbeiten, ist verstärkt worden. Es war eine Horizont-Erweiterung. Dieses Jahr möchten wir solche Fahrten wieder machen.
5. Die Arbeit im Team war wirklich segensreich und ermutigend. Zu zweit eine Umfrage machen oder Traktate verteilen geht doch leichter. Auch das ist eine wertvolle Erfahrung.
6. Um ehrlich zu sein sind wir auch ziemlich froh, nicht dort zu wohnen. Keine wöchentliche Jugendstunde, nicht ein kurzes Treffen nach der Gemeindestunde oder ähnliches, was für uns selbstverständlich ist. Um so mehr ist uns klar geworden, wie wichtig doch das Gebet für unsere Geschwister an solch einsamen Plätzen ist. Auch ein kurzer Besuch könnte sie ermutigen. Wir können mailen oder anrufen. Sie brauchen unsere Unterstützung vor dem Thron der Gnade.

Auch Paulus war nach einer langen Schiffsreise einsam und „fasste Mut, als er die Brüder sah“. In diesem Sinn, hoffen wir, hat sich die Reise gelohnt. Für uns auf jeden Fall! Durch ihr Ausharren trotz „Entmutigung“ sind wir sehr ermutigt worden. Wir bedürfen des Ausharrens!

Hättest du Interesse, an solchen kleinen Reisen teilzunehmen? In diesem Jahr wollen wir wenigstens zwei bis drei Einsätze in Deutschland starten zur Ermutigung derer, die an der Front stehen.

Dann melde dich unter: peter@dieluelings.de
oder william.kaal@gmx.de.

Nachtext

Quellenangaben