Zeitschrift-Artikel: Erlesenes

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Titel: Erlesenes
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Titel

Erlesenes

Vortext

Eine Anekdote aus dem Leben von Rowland Hill (1744-1833)

Text

Man muß schon in alten Nachschlagewerken suchen, um etwas über diesen Londoner Prediger zu er­fahren. Die, heutigen Schreiber der Kirchengeschichte erwähnen nicht einmal seinen Namen, obwohl er als Freund George Whitefields oft in dessen "Tabernacle" gepredigt hat und im vorigen Jahrhun­dert verschiedene Biographien über diesen damals sehr populären Straßen- und Wanderprediger ge­schrieben worden sind.

Theodor Christlieb schrieb über diesen Mann: "Er war ein ungemein populärer, unerschöpflich witzi­ger und dabei sehr exzentrischer Prediger, aber immense Massen anziehend durch seine pointenreiche, geistvolle, ungemein praktisch und kühn anfassende, alle Sünde und Torheiten schonungslos bloßstel­lende Predigtweise."

Auch Spurgeon erwähnt Rowland Hill immer wieder in seinen Predigten und bezeichnet ihn als
einen Mann "in Tat und Wahrheit ein Kindesgemüt, ein Nathanael, in welchem kein Trug war, un­gekünstelt, natürlich, durchsichtig, ohne alles gemachte Wesen, aufrichtig. Von einem Mann, der das Evangelium wohl kannte, sich aber zu fürchten schien, es offen zu predigen, sagte er: 'Er predigt das Evangelium gerade so, wie ein Esel eine Distel frißt, - sehr vorsichtig.' Er selbst mochte es gerade umgekehrt!"

Spurgeon widmete Hilf in seinem leider längst vergriffenen Buch "Exzentrische Prediger" ein Kapitel, aus welchem wir folgende Anekdote wiedergeben:

Ein junger Mann stand im Begriff nach Indien zu gehen. Sein frommer Freund befürchtete sehr, er möchte die Heimat mit unbekehrtem Herzen verlassen. Darum überredete er ihn, noch acht Tage bei ihm in London zu bleiben, und führte ihn zuerst in die Predigt eines bekannten Geistlichen, ei­nes sehr tüchtigen Mannes von kerniger Redegabe und gediegenen Gedanken, in der Hoffnung, daß irgend eines seiner Worte zur Bekehrung seines Freundes dienen möchte.

Der junge Mann hörte die Predigt aufmerksam an, erklärte sie für eine ausgezeichnete Rede; doch das war alles. Der Freund nahm ihn nun mit zu einem anderen ernsten Geistlichen; aber auch diesmal ohne Erfolg.

Der letzte Abend rückte heran. Da, in einer Anwandlung von Verzweiflung, beschloß er, noch einen äußersten Versuch zu machen, und führte ihn mit Zittern und Zagen zum Pastor Rowland Hill nach Surrey-Chapel, indem er unterwegs inbrünstig betete, Hill möchte doch heute Abend keine Possen treiben, sondern eine recht ernste und erweckliche Predigt halten, und alles vermeiden, was zum Lachen reizen könnte.

Zu seinem Entsetzen war aber Hill heute aufgeräumter als je und brachte viel merkwürdige Dinge vor.

Unter anderem erzählte er, er habe auf der Straße eine Herde Schweine hinter einem Fleischer hertraben sehen. Das sei ihm auffallend vorgekommen, da diese Tiere doch sonst ihren Kopf für sich hätten und gegen die Wünsche der Treiber borstig zu sein pflegten. So habe er sich denn nach der Ursache dieser Willfährigkeit erkundigt und da erfahren, daß der Führer eine Tasche voll Eicheln hatte, wovon er von Zeit zu Zeit etliche auf die Erde fallen ließ; dadurch überwand er ihre wider­spenstigen Neigungen.

Gerade so, fuhr Hill fort, lockt der Teufel die gottlosen Menschen, welche er in das Schlachthaus der ewigen Verdammnis führen möchte, an sich, indem er ihnen die Freuden dieser Welt als Köder hinwirft.

Der gute Herr, welcher seinen jungen Freund in die Kapelle geführt hatte, war äußerst entrüstet über dieses Gleichnis, und dachte mit Kummer daran, wie spaßhaft derselbe diese abscheuliche Geschichte finden würde. Sie kamen an die Kirchentür, und wer beschreibt sein Erstaunen, als dieser sagte: "Diese Predigt werde ich nie vergessen; die Geschichte von den Schweinen hat tiefen Eindruck auf mich gemacht - ich fürchte, sie paßt auf mich." Es folgte eine glückliche Bekehrung, und der zornige Kritiker konnte nur schweigen und danken. - Wohlan denn, möge ein jeder in Gottes Namen so predigen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ein jeder steht und fällt seinem Herrn!

Wenn der Geist Gottes einem Rowland Hill eingibt, von Schweinen zu reden, so wird das jedenfalls heilbringender sein, als wenn er einen Sermon über murmelnde Bäche und blauäugige Seraphim ge­halten hätte. Möge der gute Geschmack darüber betreten sein; was heißt guter Geschmack, wo es gilt, unsterbliche Seelen aus dem geistlichen Todesschlaf zu erwecken! Wenn du ohne Christum in dieser Welt lebst, so ist dein Zustand und Leben viel anstößiger, als je irgend ein kräftiges Wort sein kann.

Nachtext

Quellenangaben